Nahe des Kairoer Tahrir-Platzes hat jemand das Wort Twitter an ein Geschäft gesprüht. (Archivbild vom Februar 2011) © Peter Macdiarmid/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Vowe, Sie haben sieben Jahre lang die politischen Kommunikationsvorlieben der Deutschen untersucht: Wie sie sich informieren, wo sie partizipieren und welchen Stellenwert das Internet dabei einnimmt. Was hat sich in den letzten Jahren verändert: fast alles – oder fast nichts?

Gerhard Vowe: Für viele hat sich wenig verändert – sie bleiben bei ihren Gewohnheiten, auch in ihrer politischen Kommunikation. Aber die, die mit dem Internet groß werden, die entwickeln erst ihre Gewohnheiten. Auch darin, wie sie sich politisch informieren und wie sie politisch teilhaben. Und sie werden dabei vor allem vom Internet geprägt.

ZEIT ONLINE: Es ist die erste und längste repräsentative Stichprobe für Deutschland zu diesem Thema, auch international gibt es nichts Vergleichbares. Wie war die Studie genau angelegt?

Vowe: Wir haben von 2002 bis 2009 jedes Jahr 1.400 Bürger telefonisch nach ihrer politischen Kommunikation befragt. Angefangen vom Lesen des Politikteils der Tageszeitung bis zur Teilnahme an Demonstrationen und dem Unterschreiben einer Online-Petition. Da wir immer die gleichen Leute befragt haben, konnten wir gut erkennen, ob sich deren Gewohnheiten durch die zunehmende Internetnutzung veränderten. Und damals strömten nicht mehr nur junge, technikaffine Menschen ins Netz, sondern auch die "Normalbürger". Somit konnte man sehen, ob sie sich anders informieren oder anders partizipieren als vorher.

ZEIT ONLINE: Und konnten Sie feststellen, zwischen welcher Altersstufe der digitale Graben nun genau verläuft?

Vowe: Wir sind zunächst auf einen ganz anderen Graben gestoßen: dass sich nämlich 50 Prozent der Bevölkerung überhaupt nicht an politischer Kommunikation beteiligen. Auch die Mediennutzung dieser Bevölkerungsgruppe ist weitgehend unpolitisch. Sie schauen vielleicht mal die Fernsehnachrichten oder lesen eine Tageszeitung, aber der politische Teil der Berichterstattung interessiert sie relativ wenig.

Daran hat auch das Internet nichts geändert. Die "Passiven Mainstreamer", wie wir sie genannt haben, nehmen allenfalls an Wahlen teil, ansonsten nutzen sie keine Möglichkeiten der Partizipation – weder online noch offline.

ZEIT ONLINE: Bleibt die andere Hälfte der Bevölkerung, die politisch stärker Interessierten. Welchen Stellenwert nimmt das Internet in dieser Gruppe ein?

Vier Gruppen von Netz-Nutzern

Vowe: Wir konnten bei unserer Untersuchung vier weitere Gruppen identifizieren. Und hier zeigt sich dann tatsächlich das, was Sie den digitalen Graben nennen. Da haben wir zum einen "Eigennützige Interessenvertreter". Das sind Menschen, die Mitglied in Gewerkschaften und Verbänden sind und sich auch politisch engagieren, allerdings sehr gezielt im Rahmen ihrer spezifischen Interessen. Diese Gruppe macht rund 20 Prozent der Bevölkerung aus, in der Regel sind es Ältere; das Internet nutzen sie nur peripher und nebenbei.

Dann gibt es die "Traditionell Engagierten", die sich vor allem über die klassischen Massenmedien informieren und überdurchschnittlich oft in Bürgerinitiativen oder Umweltschutzorganisationen aktiv sind.

Dann haben wir eine weitere Gruppe, die "Organisierten Extrovertierten", darunter ebenfalls viele Ältere, die extrem kommunikationsfreudig sind und eigentlich alle Kanäle zur politischen Auseinandersetzung nutzen.

ZEIT ONLINE: Und wo bleiben die Nerds, die Netzcommunity, die Piratenwähler?

Vowe: Das ist die vierte Gruppe, nach unserer Untersuchung rund 16 Prozent der Bevölkerung. Wir haben sie die "Bequemen Modernen" genannt. Sie weisen die höchste Internetaffinität auf und unterhalten sich auch mehr als andere über politische Themen. Diese Gruppe partizipiert politisch fast ausschließlich über das Internet; Fernsehen und Tageszeitung spielen kaum noch eine Rolle. Das sind in erster Linie junge Menschen, 16- bis 29-Jährige.

Der digitale Graben ist eine Bildungskluft

ZEIT ONLINE: Zusammengefasst: Die Jungen engagieren sich online, die Älteren offline?

Vowe: Halt, nicht so flott! Es gibt auch etliche Ältere, die das Netz für ihre politischen Zwecke nutzen, beispielsweise um mit Politikern direkt in Kontakt zu treten. Und man darf nicht vergessen, dass der Großteil der 16- bis 29-Jährigen zu den "Passiven Mainstreamern" gehört.

Aber tatsächlich konnten wir feststellen, dass der andere Teil der Jüngeren in den letzten Jahren völlig neue Muster in der politischen Kommunikation ausgebildet hat.

Niemand "erreicht" Menschen, sie nutzen einfach die Möglichkeiten

ZEIT ONLINE: Aber können nicht auch die anderen, die Passiven, über das Netz leichter politisch mobilisiert werden?

Vowe: Die Bildungskluft spiegelt sich auch hier wider. Vor allem höher Gebildete nutzen das Netz für ihre politischen Interessen. Die bildungsfernen Schichten können Sie mit politischen Botschaften über das Internet nicht erreichen.

Abgesehen davon würde ich ohnehin nicht davon sprechen, dass Menschen durch das Netz "mobilisiert" oder "erreicht" werden. Es ist umgekehrt: Die politisch interessierten Gruppen bemächtigen sich der Möglichkeiten, die das Internet bietet.

ZEIT ONLINE: Trotzdem versuchen viele Politiker, online breite Wählerschichten anzusprechen, sie twittern, bloggen, präsentieren sich auf Facebook. Ist das ein Schritt in Richtung eines offeneren Dialogs?

Vowe: Wenn ein Politiker eine Homepage, ein Facebook-Profil oder einen Twitter-Account hat, dann ist das zunächst nur ein symbolischer Akt. Der soll zeigen: Schaut mal, wie modern ich bin. Trotzdem erzeugen solche interaktiven Formate Erwartungen, sowohl bei den potenziellen Nutzern als auch bei den anderen Anbietern als auch bei Beobachtern der Szene, also zum Beispiel bei Journalisten.

ZEIT ONLINE: Im Sinne von: Wer postet, der muss auch auf Kommentare reagieren?

Vowe: Es ist verständlich, dass viele Politiker versuchen, am Flaschenhals der Massenmedien vorbeizukommen. Aber mit diesen Onlineangeboten gehen sie auch bestimmte Verpflichtungen ein: Dass man sich den Maßstäben des Netzes unterwirft, dass man die Multimedialität nutzt, dass man aktuell ist, dass man interaktive Angebote macht. Man muss sich auf diese ganz spezielle Kommunikationsstruktur einlassen. Oder zumindest einen Mitarbeiter abstellen, der das macht und zum Beispiel die Flut der Anfragen bearbeitet. Man kann nicht mit einem Bein in das Boot einsteigen.