Internetsucht"Die Erfolgsquote ist eher ernüchternd"

Klaus Wölfling leitet die Ambulanz für Spielsucht in Mainz. Im Interview erklärt er, wie ähnlich Online- und Drogensucht sind und wo die Therapie ihre Grenzen erreicht. von 

ZEIT ONLINE: Herr Wölfling, laut der Pinta-Studie sind 560.000 Menschen in Deutschland internetabhängig . Was ist der Unterschied zwischen stoffgebundenen Süchten, also etwa einer Alkoholsucht, und nicht stoffgebundenen Süchten wie der Internetsucht?

Klaus Wölfling: Die Unterschiede sind nicht so groß. Experten gehen davon aus, dass es einen gemeinsamen neurophysiologischen Hintergrund gibt. Eine ganze Reihe neuer Ergebnisse aus der Hirnforschung zeigen, dass sich diese Süchte stark im Störungsbild ähneln.

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ZEIT ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit Patienten gemacht?

Wölfling:  Ich habe mehrere Studien durchgeführt, die zeigen, dass Computerspiel- und etwa Cannabissucht sehr ähnliche Muster zugrunde liegen. Patienten zeigen ganz ähnliche Symptome. Sie sprechen häufig von Verlangen und haben diesen unwiderstehlichen Drang, Substanzen zu konsumieren oder eben im Internet zu sein oder Glücksspiele zu spielen – obwohl sie wissen, dass sie sich damit schaden.

Auf der physiologischen und der sozialen Ebene gibt es weitere Ähnlichkeiten, die uns von Sucht sprechen lassen. Milde Entzugserscheinungen bei Internetsucht sind vergleichbar mit einem Nikotinentzug. Das reicht von niedergeschlagener Stimmung und Gereiztheit über Schlafstörungen und zitternde Hände bis zu innerer Unruhe. Und natürlich die Isolation, das Sich-Zurückziehen und das durch die Sucht bedingte Lügen. Die Patienten berichten ihren Partnern, Eltern oder Kindern nicht mehr wahrheitsgetreu.

ZEIT ONLINE: Können Sie bei jedem Patienten sagen, ob er internetsüchtig oder einfach süchtig nach bestimmten Inhalten wie Onlinespielen ist? Onlinesein an sich ist ja noch keine Sucht.

Klaus Wölfling
Klaus Wölfling

Diplom-Psychologe Klaus Wölfling ist Psychologischer Leiter der Ambulanz für Spielsucht, die zur Uniklinik Mainz gehört.

Wölfling: Es gibt ein Problem mit den Begrifflichkeiten. Aktuell werden unter Internetsucht noch verschiedene Tätigkeiten subsummiert, beispielsweise Kaufsucht im Internet, Onlineglücksspiel, Onlinegaming und sogar Informationssuche sowie die Sucht, zehn bis zwölf Stunden täglich privat in sozialen Foren oder Netzwerken aktiv zu sein.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich das auf die Therapie aus? Müssen Sie jede dieser Störungen anders behandeln?

Wölfling: Da sind ganz ähnliche Module anwendbar. Die Gedanken der Patienten auf einer tieferen Ebene, wo es nicht mehr konkret um das Verhalten geht, sondern um das Ausüben oder Verhindern eines Verhaltens, sind sich extrem ähnlich. Es gibt starke Parallelen zwischen dem Verlangen, von dem ein Spielsüchtiger berichtet und dem Verlangen, von dem jemand spricht, der exzessiv in sozialen Netzwerken unterwegs ist. Das können wir in einer Gruppentherapie sehr gut nutzen. Wenn man Glücksspielsüchtige mit drogenabhängigen Patienten zusammenbringt, fällt auf, dass sich Glücksspielsüchtige im Vergleich häufig für die "besseren" Abhängigen halten, weil sie nicht von einem Stoff abhängig sind. Das ist natürlich ein Irrglaube. Im Laufe der Therapie stellt sich heraus, dass sich das Suchtverhalten eigentlich sehr wenig unterscheidet. Zumal die psychologische Sucht stärker ist als die physische.

ZEIT ONLINE: Wie sehen typische Ansätze einer Therapie aus?

Wölfling: Wir arbeiten mit der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Grundannahme dabei ist: Alles, was ich lerne, kann ich auch wieder verlernen. Man weiß aus Tier- und Humanexperimenten, dass Verlernen zum Beispiel über die sogenannte Extinktion funktioniert. Wir konfrontieren unsere Patienten zu einem gewissen Zeitpunkt mit einem Schlüsselreiz. Das kann ihr Avatar sein, die Log-In-Daten für ein Netzwerk oder einfach nur ein Foto von ihrem Desktop oder ihrem Arbeitsplatz. Wir versuchen einen Zustand zu provozieren, von dem wir wissen, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zum Suchtverhalten führt und bringen den Patienten dann bei, dieses Verlangen auszuhalten, bis es wieder abflaut. Ohne, dass sie das Verhalten ausgeübt haben müssen. Für viele ist das eine absolut neue Erfahrung.

Ähnlich wie bei substanzbezogenen Süchten versuchen wir auch immer, ein Störungsmodell zu erstellen. Dabei steht die Frage im Vordergrund: Warum bin denn gerade ich süchtig geworden? Welche Prädisposition, welche Merkmale bringe ich mit? Je besser ein Patient sich kennt und versteht, desto leichter ist es für ihn, abstinent zu bleiben.

Leserkommentare
  1. einem Günstling der Internet-Paranoia das Wort zu geben. Wie viel verdient man am Internetabhängigen? Ist das die Ersatztherapie für ausbleibende Klimadeprimierte oder anderen eingeredeten Unfug?

    Was wären wir, wenn wir nicht therapieren könnten.

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    • redralf
    • 28. September 2011 18:21 Uhr

    Und bitte nicht den Hinweis auf dsm5.org vergessen. Wer noch keine psychische Störung hat, dort wird sie entwickelt! Da findet jeder was. Ich glaube spätestens bei DSM7 wird es kein menschliches Verhalten geben, dass nicht irgendwie als Krankheit oder Störung diagnostiziert werden könnte.

    Dieses großartige Projekt ist dann auch Grundlage für die Pharmaindustrie um für jede aufgeführte Diagnose auch ein passendes Medikament parat zu haben. Ja, und da lohnt es sich vielleicht dann doch über Sucht, beziehungsweise Abhängigkeit nachzudenken.

    Abhängigkeit, ohne das jemand daran verdient gibt es nicht. Natürlich gibt es Spielsucht, Sexsucht und gerade stoffliche Süchte, und ich denke die am weitesten um sich greifende Sucht wird in Zukunft wohl die Medikamentensucht sein. Wahrscheinlich ist sie es ja schon. DSM sei dank!

    Ein Nobelpreisträger für Chemie (2009) dessen Forschungen zu neuen Medikamenten führen könnten, sagte letztens angesichts der geringen Unterstützung durch die Pharmaindustrie sinngemäß: Die Pharmaindustrie ist an heilenden Medikamenten nicht interessiert, die setzt der Patient zu schnell ab.

    Warum sollte das bei Psychotheraphien anders sein?

    • Timo K
    • 28. September 2011 15:19 Uhr

    Verglichen mit dem TV Konsum scheint es mir doch recht harmlos zu sein.

    Möchte mal wissen, welche Entzugserscheinungen Ottonormalbürger durchstehen muss, wenn um 20:00 Tagesschau und Musikantenstadl ausfallen.

    210 Minuten tägliche blödsinnige Berieselung im Durchschnitt.
    Dann doch lieber ziellos im Internet.

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    Ich kenne persönlich einge Beispiele für Onlinegame-Sucht und ich finde es keineswegs vergleichbar mit einer Stunde Fernsehkonsum pro Tag. Ich möchte auf keinen Fall die Onlinegames verteufeln, ich spiele selbst gerne gelegentlich Computer und könnte nicht sagen, dass irgendetwas daran mich gefährdet hat, aber ich halte eine ausgeprägte Internetsucht, im Sinne von Onlinegames für sehr gefährlich und durchaus Therapierungswürdig ich würde sie auch mit Alcoholsucht gleichsetzen.

    • Falcom
    • 28. September 2011 15:54 Uhr

    ziellos umhersurfende Gesellen.

    So leicht wie apollo23, der in Onlinesucht eine Verschwörung von Therapeuten zu erkennen glaubt, kann man das Thema meiner Meinung nach nicht vom Tisch wischen.

    Warum meinen sie denn, suchen Menschen die Hilfe von solchen Einrichtungen? Genau! Weil sie unter ihrer momentanen Situation leiden, etwas daran ändern wollen, aber dazu alleine nicht in der Lage sind.
    Dieses Recht kann keinem Menschen abgeschlagen werden und scheinbar werden derer in den letzten Jahren immer mehr.

    Ich finde es jedenfalls gut, dass zu diesem Thema auch ein Mann vom Fach zu Wort kommt, "Experten" für alles gibt es im Internet nämlich schon genug ;-)

    Eine Leserempfehlung
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    Verschwörung? Muss eigentlich jede Kritik immer gleich eine Verschwörung sein?

    Mal ernsthaft ... Klappern gehört zum Handwerk, Versicherungen gern über jenes mit den Sargdeckel, die Sozialtherapeutische gern mit dem Erhöhen von gesellschaftlichen Verwerfungen und wenn es ganz schlimm kommt mit deren Untergängen. Das hier ein ernst zunehmender Handlungsbedarf zu erkennen ist bezweifle ich ernsthaft, demnach müssten ja alle Pendler autosüchtig sein. Nein das ist ausgemachter Quark, und lediglich der Versuch über Bande am Trog öffentlicher Gelder zu laben.

  2. Verschwörung? Muss eigentlich jede Kritik immer gleich eine Verschwörung sein?

    Mal ernsthaft ... Klappern gehört zum Handwerk, Versicherungen gern über jenes mit den Sargdeckel, die Sozialtherapeutische gern mit dem Erhöhen von gesellschaftlichen Verwerfungen und wenn es ganz schlimm kommt mit deren Untergängen. Das hier ein ernst zunehmender Handlungsbedarf zu erkennen ist bezweifle ich ernsthaft, demnach müssten ja alle Pendler autosüchtig sein. Nein das ist ausgemachter Quark, und lediglich der Versuch über Bande am Trog öffentlicher Gelder zu laben.

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    Lieber apollo23,

    ich muss mich doch stark über ihre überzogene Reaktion auf diesen Artikel wundern. Haben Sie vielleicht selbst einmal schlechte Erfahrungen mit therapeutischen Maßnahmen gemacht oder sehen Sie sich vielleicht sogar unterbewusst als jemanden, auf den im Artikel beschriebene Symptome zutreffen?

    Als was möchten Sie denn Menschen deklarieren, die zwanghaftes und abhängiges Verhalten im Bezug auf das Internet an den Tag legen - wenn nicht als Süchtige?

    Und dass es nach im Internet bereitgestelten Inhalten SÜCHTIGE Menschen ist jedem klar, der in seinem Bekanntenkreis mit ansehen musste, wie sich Menschen durch exzessives Onlineverhalten, beispielsweise in der Welt von World of Warcraft, ihr echtes Leben kaputt gespielt haben.

    • Falcom
    • 28. September 2011 16:24 Uhr

    "Ist das die Ersatztherapie für ausbleibende Klimadeprimierte oder anderen eingeredeten Unfug?"

    Sie unterstellten (wem auch immer) von "eingeredetem Unfug" zu profitieren, also dass Onlinesucht/Spielesucht eine ABM für und von Therapeuten sei.
    Für mich klingt dass nach unbeweisbarer und aus der Luft gegriffener Kritik.

    Klappern gehört zum Handwerk durchaus, da stimme ich ihnen zu.
    Die Tatsache, dass Menschen allerdings Hilfe suchen mit ihren Problemen lässt sich nicht von der Hand weisen.

    Sucht ist in der Tat nicht einfach zu definieren. (Sind wir alle Sauerstoffsüchtig? Liebessüchtig etc.?)
    Eine brauchbare Richtschnur zur Bewertung liefert jedenfalls der Umfang des Leids dass eine Person empfindet. Leidet jemand, möchte etwas ändern und kann es nicht ohne Hilfe -> Therapie
    Es gibt natürlich auch viel dazwischen, vielen Schwerstabhängige fehlt die Einsicht in ihre Situtaion, ("Ich könnte jederzeit aufhören wenn ich wollte." "Mir geht es gut dabei.")obwohl dem persönlichen Umfeld längst klar ist dass keineswegs alles in Ordnung ist.

  3. Das Thema NICHT auf die leichte Schulter nehmen.
    Internetsucht ist sehr wohl ein reales wie auch stark zunehmendes Problem. Reflexartige Reaktionen vom Schlage "Macht uns unser Internet nicht kaputt" sind hier fehl am Platz. Wie auch bei Fernsehen oder Alkohol gilt: in Maßen halten :)
    ich war im Juni als Hilfskraft bei einer Tagung und habe einen Vortrag von Manfred Beutel (ebenfalls aus Mainz) erlebt, die berichteten sind keinesfalls Hirngespinste oder Einzelfälle. Also bitte etwas informieren bevor man mal wieder über die "Quacksalber" herzieht, danke.

    Eine Leserempfehlung
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    stellt sich die vor ein paar Tagen unsere Bundesbeauftragte hin und erklärt öffentlich die halbe Republik wäre dem Internet verfallen und nahezu unrettbar süchtig. Von mittelschweren bis bösartigsten Auswüchsen, von freiwillig Windeln tragenden Jungendlichen wurde berichtet.

    Seien Sie mir nicht böse aber hier entsteht der Eindruck, der stark an die Gefahren der pösen Mobilfunkstrahlen und Geschichten krebskranker Kindern in der Nähe von nicht einmal angeschlossenen Telefonmasten erinnert. Sorry, aber hier bestimmt die Suggestion die Wahrnehmung und wechselt mit der Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Themen.

  4. Lieber apollo23,

    ich muss mich doch stark über ihre überzogene Reaktion auf diesen Artikel wundern. Haben Sie vielleicht selbst einmal schlechte Erfahrungen mit therapeutischen Maßnahmen gemacht oder sehen Sie sich vielleicht sogar unterbewusst als jemanden, auf den im Artikel beschriebene Symptome zutreffen?

    Als was möchten Sie denn Menschen deklarieren, die zwanghaftes und abhängiges Verhalten im Bezug auf das Internet an den Tag legen - wenn nicht als Süchtige?

    Und dass es nach im Internet bereitgestelten Inhalten SÜCHTIGE Menschen ist jedem klar, der in seinem Bekanntenkreis mit ansehen musste, wie sich Menschen durch exzessives Onlineverhalten, beispielsweise in der Welt von World of Warcraft, ihr echtes Leben kaputt gespielt haben.

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    Antwort auf "Mal ernsthaft"
    • Falcom
    • 28. September 2011 16:24 Uhr

    "Ist das die Ersatztherapie für ausbleibende Klimadeprimierte oder anderen eingeredeten Unfug?"

    Sie unterstellten (wem auch immer) von "eingeredetem Unfug" zu profitieren, also dass Onlinesucht/Spielesucht eine ABM für und von Therapeuten sei.
    Für mich klingt dass nach unbeweisbarer und aus der Luft gegriffener Kritik.

    Klappern gehört zum Handwerk durchaus, da stimme ich ihnen zu.
    Die Tatsache, dass Menschen allerdings Hilfe suchen mit ihren Problemen lässt sich nicht von der Hand weisen.

    Sucht ist in der Tat nicht einfach zu definieren. (Sind wir alle Sauerstoffsüchtig? Liebessüchtig etc.?)
    Eine brauchbare Richtschnur zur Bewertung liefert jedenfalls der Umfang des Leids dass eine Person empfindet. Leidet jemand, möchte etwas ändern und kann es nicht ohne Hilfe -> Therapie
    Es gibt natürlich auch viel dazwischen, vielen Schwerstabhängige fehlt die Einsicht in ihre Situtaion, ("Ich könnte jederzeit aufhören wenn ich wollte." "Mir geht es gut dabei.")obwohl dem persönlichen Umfeld längst klar ist dass keineswegs alles in Ordnung ist.

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  5. stellt sich die vor ein paar Tagen unsere Bundesbeauftragte hin und erklärt öffentlich die halbe Republik wäre dem Internet verfallen und nahezu unrettbar süchtig. Von mittelschweren bis bösartigsten Auswüchsen, von freiwillig Windeln tragenden Jungendlichen wurde berichtet.

    Seien Sie mir nicht böse aber hier entsteht der Eindruck, der stark an die Gefahren der pösen Mobilfunkstrahlen und Geschichten krebskranker Kindern in der Nähe von nicht einmal angeschlossenen Telefonmasten erinnert. Sorry, aber hier bestimmt die Suggestion die Wahrnehmung und wechselt mit der Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Themen.

    Antwort auf "Bitte bitte bitte"

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  • Schlagworte Bundesregierung | Avatar | Hirnforschung | Internet | Internetsucht | Spielsucht
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