Der chinesische Journalist Jing Zhao, besser bekannt als Michael Anti © Kai Biermann/ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Herr Anti, haben Sie inzwischen ihren Facebook-Account zurückbekommen ?

Michael Anti: Nein.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Anti: Weil sie eine sehr rigide Klarnamenpolitik haben. Sie sagen, Michael Anti ist nicht der Name, der in meinem Pass steht, und erlauben mir daher nicht, ein Profil unter diesem Namen zu führen. Dabei ist das der Name, unter dem ich seit mehr als zehn Jahren im englischsprachigen Raum bekannt bin, es ist mein Arbeitsname. Nicht einmal in China benutzt jemand den Namen, der in meinem Pass steht. Ich habe ihnen sogar mein Harvard-Zeugnis geschickt, das auf Michael Anti ausgestellt ist. Facebook aber sagt, das sei nicht genug, sie bräuchten einen Ausweis.

ZEIT ONLINE: Dank Facebook und inzwischen auch Google+ gibt es derzeit eine Debatte darüber , ob es im Netz Anonymität geben darf. Einige Politiker hierzulande sagen, Anonymität sei gefährlich ...

Anti: Wir sollten bei diesem Thema sehr vorsichtig sein mit unseren Positionen. Deutschland ist nicht das erste Land, in dem eine solche Klarnamenpolitik gefordert wird. Südkorea hat das eingeführt . Interessanterweise stieg die Zahl der Identitätsdiebstähle sprunghaft an, nachdem es Pflicht war, sich im Netz mit seinem Namen zu registrieren. Und das ist verständlich, ist es doch viel einfacher, an eine komplette Identität heran zu kommen, wenn jeder seine preisgeben muss. Für die Bürger ist das ein Sicherheitsrisiko.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit Überwachung? Sie leben in einem Land, in dem das Internet kontrolliert und zensiert wird. Funktioniert es, brauchen wir mehr Überwachung des Internets? Oder weniger?

Anti: Selbstverständlich brauchen wir keine Überwachung. Redefreiheit ist ein Grundrecht, sogar in der chinesischen Verfassung. Das ist kein Privileg. Über das Gewähren von Privilegien lässt sich verhandeln, über Grundrechte nicht. Es ist mein Recht, frei meine Meinung zu sagen. Wenn es Probleme und Konflikte gibt, dann werden sie vor Gerichten ausgetragen, dann werden sie durch die Gesetze des Rechtsstaates geklärt.

ZEIT ONLINE: Ein Argument lautet, wir brauchen mehr Kontrolle im Netz, um die Kriminalität dort zu bekämpfen. Stimmt das?

Anti: Was bedeutet Überwachung? Wenn sie meint, meine eigene Website vor Angriffen zu schützen, ist Kontrolle in Ordnung. Wenn sie dagegen bedeutet, ein Volk zu überwachen, wenn sie bedeutet, jeden unter Generalverdacht zu stellen, dann verstößt Überwachung gegen die Verfassung, gegen den Rechtsstaat und gegen die westlichen Freiheitswerte.

Kompromisse sind der falsche Weg

ZEIT ONLINE: Wenn Sie lesen, dass die Technik, mit der in China das Internet überwacht und zensiert wird, von westlichen Unternehmen wie Cisco stammt , was denken sie dann?

Anti: Ich denke, westliche Firmen – ausgenommen Google – suchen einen Kompromiss zwischen ihren westlichen Werten und der Chance, Marktanteile in China zu bekommen . Aber ich glaube nicht, dass das noch lange funktionieren wird. Denn einerseits mag die chinesische Regierung im Grunde keine ausländischen Unternehmen.

Andererseits sind Chinesen sehr pragmatische Menschen. Wir respektieren starke Haltungen. Wir respektieren, wenn jemand seine Werte verteidigt. Wir wissen, es ist sein Stil, sein Lebensweg und achten das. Aber wenn derjenige dabei einen Kompromiss schließt, verstehen wir das nicht. Denn wo soll das Ende sein? Wenn sich jemand auf einen Kompromiss einlässt, wissen wir, dass er es immer wieder tun wird – je mehr Druck auf ihn ausgeübt wird, desto stärker wird er zurückweichen. Das Ergebnis wird sein, dass derjenige aus dem chinesischen Markt gedrängt wird.

ZEIT ONLINE: Der weißrussische Autor und Wissenschaftler Evgeny Morozov schrieb kürzlich , Technik zur Überwachung des Internets sollte den gleichen Exportkontrollen unterliegen wie Waffen, ja es solle ein internationales Verbot solcher Programme und Hardware geben. Braucht es solche Kontrollen?

Anti: Streng genommen bin ich für freie Märkte. Ich kritisiere selbstverständlich all jene Firmen, die mit der chinesischen Regierung Kompromisse schließen und die ihre Freiheitswerte verraten, um Geld zu verdienen. Aber ich bin gegen eine staatliche Regulierung der Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Sie haben einst gesagt, das größte Problem für Menschen in autoritären Regimen sei die Schere im Kopf, die Selbstzensur. Kann das Internet helfen, eine solche Selbstzensur zu überwinden?

Anti: Wenn das Internet in diesem Land zensiert wird, kann es natürlich nicht direkt helfen, dieses Problem zu beseitigen. Aber obwohl die Server für viele Dienste in China selbst stehen, obwohl das Netz in China kontrolliert wird, werden die Freiräume für die Nutzer dort größer und größer. Trotz allem lernen die Menschen mehr und mehr, Meinungsfreiheit als Grundrecht zu begreifen. Daher unterstütze ich beispielsweise soziale Netzwerke, selbst wenn es zensierte soziale Netzwerke sind.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Ihnen, wären Sie auch ohne das Internet zu Michael Anti geworden?

Anti: Ich war ein junger, wütender Mann. Anti drückt aus, was letztlich jeder junge, wütende Mensch denkt. Das Internet aber half mir dabei, eine Richtung für meine Wut zu finden, es zeigte mir das richtige Ziel. Die meisten Chinesen richten ihren Ärger gegen Japan. Wir haben eine lange Geschichte antijapanischer Ressentiments. Ich wurde in Nanjing geboren, einer Stadt, in der japanische Truppen ein Massaker verübt hatten . Früher richtete sich meine Wut ganz selbstverständlich gegen die Japaner. Dank dem Internet aber weiß ich, dass man alles kritisch analysieren sollte, dass man nicht so nationalistisch denken sollte. Ich habe im Netz gelernt, dass man immer zweimal nachdenken sollte, bevor man sich ein Urteil bildet.