Michael AntiKlarnamen sind ein Sicherheitsrisiko
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Kompromisse sind der falsche Weg

ZEIT ONLINE: Wenn Sie lesen, dass die Technik, mit der in China das Internet überwacht und zensiert wird, von westlichen Unternehmen wie Cisco stammt , was denken sie dann?

Anti: Ich denke, westliche Firmen – ausgenommen Google – suchen einen Kompromiss zwischen ihren westlichen Werten und der Chance, Marktanteile in China zu bekommen . Aber ich glaube nicht, dass das noch lange funktionieren wird. Denn einerseits mag die chinesische Regierung im Grunde keine ausländischen Unternehmen.

Andererseits sind Chinesen sehr pragmatische Menschen. Wir respektieren starke Haltungen. Wir respektieren, wenn jemand seine Werte verteidigt. Wir wissen, es ist sein Stil, sein Lebensweg und achten das. Aber wenn derjenige dabei einen Kompromiss schließt, verstehen wir das nicht. Denn wo soll das Ende sein? Wenn sich jemand auf einen Kompromiss einlässt, wissen wir, dass er es immer wieder tun wird – je mehr Druck auf ihn ausgeübt wird, desto stärker wird er zurückweichen. Das Ergebnis wird sein, dass derjenige aus dem chinesischen Markt gedrängt wird.

ZEIT ONLINE: Der weißrussische Autor und Wissenschaftler Evgeny Morozov schrieb kürzlich , Technik zur Überwachung des Internets sollte den gleichen Exportkontrollen unterliegen wie Waffen, ja es solle ein internationales Verbot solcher Programme und Hardware geben. Braucht es solche Kontrollen?

Anti: Streng genommen bin ich für freie Märkte. Ich kritisiere selbstverständlich all jene Firmen, die mit der chinesischen Regierung Kompromisse schließen und die ihre Freiheitswerte verraten, um Geld zu verdienen. Aber ich bin gegen eine staatliche Regulierung der Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Sie haben einst gesagt, das größte Problem für Menschen in autoritären Regimen sei die Schere im Kopf, die Selbstzensur. Kann das Internet helfen, eine solche Selbstzensur zu überwinden?

Anti: Wenn das Internet in diesem Land zensiert wird, kann es natürlich nicht direkt helfen, dieses Problem zu beseitigen. Aber obwohl die Server für viele Dienste in China selbst stehen, obwohl das Netz in China kontrolliert wird, werden die Freiräume für die Nutzer dort größer und größer. Trotz allem lernen die Menschen mehr und mehr, Meinungsfreiheit als Grundrecht zu begreifen. Daher unterstütze ich beispielsweise soziale Netzwerke, selbst wenn es zensierte soziale Netzwerke sind.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Ihnen, wären Sie auch ohne das Internet zu Michael Anti geworden?

Anti: Ich war ein junger, wütender Mann. Anti drückt aus, was letztlich jeder junge, wütende Mensch denkt. Das Internet aber half mir dabei, eine Richtung für meine Wut zu finden, es zeigte mir das richtige Ziel. Die meisten Chinesen richten ihren Ärger gegen Japan. Wir haben eine lange Geschichte antijapanischer Ressentiments. Ich wurde in Nanjing geboren, einer Stadt, in der japanische Truppen ein Massaker verübt hatten . Früher richtete sich meine Wut ganz selbstverständlich gegen die Japaner. Dank dem Internet aber weiß ich, dass man alles kritisch analysieren sollte, dass man nicht so nationalistisch denken sollte. Ich habe im Netz gelernt, dass man immer zweimal nachdenken sollte, bevor man sich ein Urteil bildet.

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Leserkommentare
  1. Sollten sie jedenfalls.

  2. darf und ist kein Allheilmittel für alle Zwecke sein - aber mancher Zweck hat sich schon durch die Mittel selbst zensiert...

    So lange ein Land wie China die Menschenrechte beschneidet - betreibt es Zensur am Individuum!

    Und da fragt man sich doch wer hier bei wem die Schere im Kopf ansetzt...

    Gleichzeitig wird hier auch der Eindruck erweckt, dass Kompromisse verurteilt werden (damit wird Kompromisslosigkeit zur Maxime erhoben, die hier "Standpunkt vertreten" genannt wird) - aber all die Orte, die Kriegsschauplätze sind geben ein mehr als abschreckendes Beispiel dafür, wennn keine Kompromisse mehr gelten...

    Im Übrigen: Haben soziale Netzwerke nicht oftmals einen besseren Ruf als sie ihn verdienen...

    Zitat Konfuzius: "Wo alle verurteilen,muss man prüfen
    und wo alle loben, auch" Zitat Ende

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    Ja man sollte nur Kompromisse eingehen, die sinnvoll sind und keinen großen Schaden verursachen. Überwachung und Zensur einzuführen, verursacht aber definitiv viel Schaden, wenn man gesehen hat, was im dritten Reich passiert ist. Wie Herr Anti schon gesagt hat, knickt man ein und wenn der Damm erstmal gebrochen ist, dann kriegt man ihn nicht mehr so schnell wieder gestopft.

    Hätten wie beispielsweise eine Vorratsdatenspeicherung (also die pauschale Speicherung der gesamten Kommunikation aller Personen), welche angeblich nur gegen Terrorismus genutzt werden soll, wird diese mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann andersweitig genutzt. Das Gleiche ist bei den Websperren in Australien passiert. Diese war angeblich nur gegen KiPo und jetzt wird sie z.B. auch gegen Wikileaks genutzt.

  3. ... auch wenn das eigentlich nicht sehr viel mit dem Thema zu tun hat, aber... ich hatte insgesamt 3 Facebook-Accounts, von denen keiner auf meinen wirklichen Namen lautete. Einen davon habe ich selbst gelöscht, die anderen beiden liegen brach, da ich mich für diese Spiele nicht mehr interessiere (Facebook fleht mich aber regelmäßig an, die doch mal wieder zu benutzen). Offensichtlich mußte ich keinen Ausweis vorlegen, um diese Accounts zu bekommen.
    Gut, kann sein, daß das in China anders ist.

  4. 4. Als..

    .. Chinese weiß er, wovon er redet.

    • marv_k
    • 19. September 2011 17:59 Uhr

    Interessant finde ich, dass er die Freiheitswerte als westlich bezeichnet. Das impliziert meines Erachtens, dass diese in anderen Teilen der Welt nicht gelten bzw. dort eigene Vorstellungen von Freiheit existieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    den westlichen Journalisten nur nach dem Munde. Das finde ich als solches keine chinesische Eigenschaft - nur um Mißverständnissen vorzubeugen. Aber als Journalist stellt man sich offensichtlich auch gerne auf sein Gegenüber ein, es hat aber auch etwas mit dem Drang zu tun gehört zu werden. Die vielen, vielen abermillionen Chinesen und Chinesinnen, die durchaus eine eigene Meinung vertreten, werden in den OECD-Ländern nicht wahr genommen oder bestenfalls als von Staatsmedien Indoktrinierte. Das entspricht aber seit längerem nicht mehr der chinesischen Realität, wenn es sie in der Form jemals gegeben hat.
    Ein Beispiel? Die Taz bringt heute einen Artikel über einen erfolgreichen Umweltprotest chinesischer Bürger in ihrem Städtchen:

    http://taz.de/Nach-Umweltprotest-in-China/!78374/

    Es wird wie selbstverständlich berichtet, kein Wegsperren kritischer Bürger, keine Prügelszenen oder was immer dem chinesischen Staat als Normalvollzug unterstellt wird. Auffällig auch, daß es in keinem Medium sonst einen Bericht zu einer solchen Erfolgsstory gibt. Passt halt nicht ins Bild des ach so undemokratischen China. Stattdessen die Meinung des Herrn Anti, die mich, ehrlich gesagt, gar nicht so sehr interessiert hier.
    Meine Forderung an die OECD-Journallie: Gebt endlich dem chinesischen Normalbürger ein Forum, und nicht nur den Antis, Antikünstlern, Antikommunisten, Antialles - das wäre mehr demokratische Unterstützung als alles andere.

  5. Redaktion

    Jillian C. York, Direktorin der Electronic Frontier Foundation, hat in diesem Jahr auf der republica einen interessanten Vortrag zu genau diesem Thema gehalten: http://www.youtube.com/watch?v=X4jWLNamIjQ

    Grüße!
    Sebastian Horn

  6. den westlichen Journalisten nur nach dem Munde. Das finde ich als solches keine chinesische Eigenschaft - nur um Mißverständnissen vorzubeugen. Aber als Journalist stellt man sich offensichtlich auch gerne auf sein Gegenüber ein, es hat aber auch etwas mit dem Drang zu tun gehört zu werden. Die vielen, vielen abermillionen Chinesen und Chinesinnen, die durchaus eine eigene Meinung vertreten, werden in den OECD-Ländern nicht wahr genommen oder bestenfalls als von Staatsmedien Indoktrinierte. Das entspricht aber seit längerem nicht mehr der chinesischen Realität, wenn es sie in der Form jemals gegeben hat.
    Ein Beispiel? Die Taz bringt heute einen Artikel über einen erfolgreichen Umweltprotest chinesischer Bürger in ihrem Städtchen:

    http://taz.de/Nach-Umweltprotest-in-China/!78374/

    Es wird wie selbstverständlich berichtet, kein Wegsperren kritischer Bürger, keine Prügelszenen oder was immer dem chinesischen Staat als Normalvollzug unterstellt wird. Auffällig auch, daß es in keinem Medium sonst einen Bericht zu einer solchen Erfolgsstory gibt. Passt halt nicht ins Bild des ach so undemokratischen China. Stattdessen die Meinung des Herrn Anti, die mich, ehrlich gesagt, gar nicht so sehr interessiert hier.
    Meine Forderung an die OECD-Journallie: Gebt endlich dem chinesischen Normalbürger ein Forum, und nicht nur den Antis, Antikünstlern, Antikommunisten, Antialles - das wäre mehr demokratische Unterstützung als alles andere.

    Antwort auf "Freiheitswerte"
    • pytisma
    • 19. September 2011 19:01 Uhr

    "Andererseits sind Chinesen sehr pragmatische Menschen. Wir respektieren starke Haltungen. Wir respektieren, wenn jemand seine Werte verteidigt. Wir wissen, es ist sein Stil, sein Lebensweg und achten das. Aber wenn derjenige dabei einen Kompromiss schließt, verstehen wir das nicht. Denn wo soll das Ende sein? Wenn sich jemand auf einen Kompromiss einlässt, wissen wir, dass er es immer wieder tun wird."

    Was der gute Mann sagt hat im grossen und ganzen ja Hand und Fuss. Auch dass Chinesen sehr pragmatisch sind, kann ich nur unterschreiben. Aber daraus leitet sich fuer mich nun gerade nicht ab, dass sie einen Kompromiss als Schwaeche verstehen. Vielmehr ist es meine Erfahrung nach so, dass Chinesen vielfach wahre Meister der Kompromisse sind. Die Kunst dabei liegt nur darin, beide Seiten ihr Gesicht wahren zu lassen. In China finden sich gerade keine klaren Linien mehr und das ist oft auch gerade der Vorteil, der das oft beschriebene "China model" ausmacht. Die "harte Linie" kann ich darin nur sehr selten erkennen. Es gibt gewisse unverrueckbare Grundsaetze. Das ist klar. Aber auf Basis dieser sind die Kompromisse ein fester Teil der chinesischen Kultur geworden. Man denke nur an den Kommunismus chinesischer Praegung mit einer (fast) Marktwirtschaft. Da sehe ich die Selbstwahrnehmung von Herrn Anti ein wenig gestoert. Mit den dickkoepfigen Deutschen sind da Kompromisse oft wesentlich schwieriger auszuarbeiten.

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