ZEIT ONLINE: Wenn Sie lesen, dass die Technik, mit der in China das Internet überwacht und zensiert wird, von westlichen Unternehmen wie Cisco stammt , was denken sie dann?

Anti: Ich denke, westliche Firmen – ausgenommen Google – suchen einen Kompromiss zwischen ihren westlichen Werten und der Chance, Marktanteile in China zu bekommen . Aber ich glaube nicht, dass das noch lange funktionieren wird. Denn einerseits mag die chinesische Regierung im Grunde keine ausländischen Unternehmen.

Andererseits sind Chinesen sehr pragmatische Menschen. Wir respektieren starke Haltungen. Wir respektieren, wenn jemand seine Werte verteidigt. Wir wissen, es ist sein Stil, sein Lebensweg und achten das. Aber wenn derjenige dabei einen Kompromiss schließt, verstehen wir das nicht. Denn wo soll das Ende sein? Wenn sich jemand auf einen Kompromiss einlässt, wissen wir, dass er es immer wieder tun wird – je mehr Druck auf ihn ausgeübt wird, desto stärker wird er zurückweichen. Das Ergebnis wird sein, dass derjenige aus dem chinesischen Markt gedrängt wird.

ZEIT ONLINE: Der weißrussische Autor und Wissenschaftler Evgeny Morozov schrieb kürzlich , Technik zur Überwachung des Internets sollte den gleichen Exportkontrollen unterliegen wie Waffen, ja es solle ein internationales Verbot solcher Programme und Hardware geben. Braucht es solche Kontrollen?

Anti: Streng genommen bin ich für freie Märkte. Ich kritisiere selbstverständlich all jene Firmen, die mit der chinesischen Regierung Kompromisse schließen und die ihre Freiheitswerte verraten, um Geld zu verdienen. Aber ich bin gegen eine staatliche Regulierung der Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Sie haben einst gesagt, das größte Problem für Menschen in autoritären Regimen sei die Schere im Kopf, die Selbstzensur. Kann das Internet helfen, eine solche Selbstzensur zu überwinden?

Anti: Wenn das Internet in diesem Land zensiert wird, kann es natürlich nicht direkt helfen, dieses Problem zu beseitigen. Aber obwohl die Server für viele Dienste in China selbst stehen, obwohl das Netz in China kontrolliert wird, werden die Freiräume für die Nutzer dort größer und größer. Trotz allem lernen die Menschen mehr und mehr, Meinungsfreiheit als Grundrecht zu begreifen. Daher unterstütze ich beispielsweise soziale Netzwerke, selbst wenn es zensierte soziale Netzwerke sind.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Ihnen, wären Sie auch ohne das Internet zu Michael Anti geworden?

Anti: Ich war ein junger, wütender Mann. Anti drückt aus, was letztlich jeder junge, wütende Mensch denkt. Das Internet aber half mir dabei, eine Richtung für meine Wut zu finden, es zeigte mir das richtige Ziel. Die meisten Chinesen richten ihren Ärger gegen Japan. Wir haben eine lange Geschichte antijapanischer Ressentiments. Ich wurde in Nanjing geboren, einer Stadt, in der japanische Truppen ein Massaker verübt hatten . Früher richtete sich meine Wut ganz selbstverständlich gegen die Japaner. Dank dem Internet aber weiß ich, dass man alles kritisch analysieren sollte, dass man nicht so nationalistisch denken sollte. Ich habe im Netz gelernt, dass man immer zweimal nachdenken sollte, bevor man sich ein Urteil bildet.