Michael AntiKlarnamen sind ein Sicherheitsrisiko

Der chinesische Journalist Jing Zhao kämpft als Michael Anti für Meinungsfreiheit. Im Interview erklärt er, warum ein zensiertes Netz immer noch besser ist als gar keins. von 

Der chinesische Journalist Jing Zhao, besser bekannt als Michael Anti

Der chinesische Journalist Jing Zhao, besser bekannt als Michael Anti  |  © Kai Biermann/ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Herr Anti, haben Sie inzwischen ihren Facebook-Account zurückbekommen ?

Michael Anti: Nein.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Michael Anti

Der chinesische Journalist Jing Zhao nennt sich seit vielen Jahren Michael Anti. Unter diesem Pseudonym bloggt er und schreibt für Zeitungen. Unter anderem berichtete 2003 aus dem Irakkrieg und arbeitete im Pekinger Büro der New York Times. Er erhielt diverse ausländische Stipendien, beispielsweise von der Harvard-Universität. International bekannt wurde er 2005, als Microsoft auf Wunsch der chinesischen Regierung sein Blog löschte. Im Januar 2011 sperrte Facebook seinen Account, da er nicht seinen wahren Namen nutze. Anti kämpft für mehr Presse- und Meinungsfreiheit. Seinen neuen Nachnamen wählte er bewusst, er wollte mit ihm seine Kritik ausdrücken.

Anti: Weil sie eine sehr rigide Klarnamenpolitik haben. Sie sagen, Michael Anti ist nicht der Name, der in meinem Pass steht, und erlauben mir daher nicht, ein Profil unter diesem Namen zu führen. Dabei ist das der Name, unter dem ich seit mehr als zehn Jahren im englischsprachigen Raum bekannt bin, es ist mein Arbeitsname. Nicht einmal in China benutzt jemand den Namen, der in meinem Pass steht. Ich habe ihnen sogar mein Harvard-Zeugnis geschickt, das auf Michael Anti ausgestellt ist. Facebook aber sagt, das sei nicht genug, sie bräuchten einen Ausweis.

ZEIT ONLINE: Dank Facebook und inzwischen auch Google+ gibt es derzeit eine Debatte darüber , ob es im Netz Anonymität geben darf. Einige Politiker hierzulande sagen, Anonymität sei gefährlich ...

Anti: Wir sollten bei diesem Thema sehr vorsichtig sein mit unseren Positionen. Deutschland ist nicht das erste Land, in dem eine solche Klarnamenpolitik gefordert wird. Südkorea hat das eingeführt . Interessanterweise stieg die Zahl der Identitätsdiebstähle sprunghaft an, nachdem es Pflicht war, sich im Netz mit seinem Namen zu registrieren. Und das ist verständlich, ist es doch viel einfacher, an eine komplette Identität heran zu kommen, wenn jeder seine preisgeben muss. Für die Bürger ist das ein Sicherheitsrisiko.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit Überwachung? Sie leben in einem Land, in dem das Internet kontrolliert und zensiert wird. Funktioniert es, brauchen wir mehr Überwachung des Internets? Oder weniger?

Anti: Selbstverständlich brauchen wir keine Überwachung. Redefreiheit ist ein Grundrecht, sogar in der chinesischen Verfassung. Das ist kein Privileg. Über das Gewähren von Privilegien lässt sich verhandeln, über Grundrechte nicht. Es ist mein Recht, frei meine Meinung zu sagen. Wenn es Probleme und Konflikte gibt, dann werden sie vor Gerichten ausgetragen, dann werden sie durch die Gesetze des Rechtsstaates geklärt.

ZEIT ONLINE: Ein Argument lautet, wir brauchen mehr Kontrolle im Netz, um die Kriminalität dort zu bekämpfen. Stimmt das?

Anti: Was bedeutet Überwachung? Wenn sie meint, meine eigene Website vor Angriffen zu schützen, ist Kontrolle in Ordnung. Wenn sie dagegen bedeutet, ein Volk zu überwachen, wenn sie bedeutet, jeden unter Generalverdacht zu stellen, dann verstößt Überwachung gegen die Verfassung, gegen den Rechtsstaat und gegen die westlichen Freiheitswerte.

Leserkommentare
  1. Sollten sie jedenfalls.

    2 Leserempfehlungen
  2. Sie: "Dank dem Internet aber weiß ich, dass man alles kritisch analysieren sollte, dass man nicht so nationalistisch denken sollte. Ich habe im Netz gelernt, dass man immer zweimal nachdenken sollte, bevor man sich ein Urteil bildet." ... puhhhh

    Wenn das mal nicht plump PC- uniform ist. Lieber Jing, ich halte mehr von siebenmal nachdenken - und: "dafür sein ... gegen ..." ist besser als "anti" ;-)))

    PS. Lieber Kai Biermann, wo genau war die Erhellung im Interview Ihrer Meinung nach?

    Grüße
    Flo

    http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mal wieder jemand vorgeführt werden, der der chinesischen Führung kritisch bis anti gegenübersteht. Von diversen anderen, mit deren Stories wir in diesem Jahr bereits überhäuft wurden (und nicht nur in diesem Jahr), gibt es derzeit nichts neues zu vermelden.
    Die Abermillionen Meinungen und Stimmen derselben, die nicht in dieses Schema passen, von denen einige aber durchaus für den interessierten Leser wichtig sein könnten, kommen in den Medien der OECD-Presse nicht zum Zuge.

  3. mal wieder jemand vorgeführt werden, der der chinesischen Führung kritisch bis anti gegenübersteht. Von diversen anderen, mit deren Stories wir in diesem Jahr bereits überhäuft wurden (und nicht nur in diesem Jahr), gibt es derzeit nichts neues zu vermelden.
    Die Abermillionen Meinungen und Stimmen derselben, die nicht in dieses Schema passen, von denen einige aber durchaus für den interessierten Leser wichtig sein könnten, kommen in den Medien der OECD-Presse nicht zum Zuge.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Hallo, Jing Zhao, ..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Michael Anti | Google | China | Evgeny Morozov | Facebook | Grundrecht
Service