SozialforschungTwitter als globales Stimmungsbarometer

Wissenschaftler haben Millionen von Twitter-Nachrichten aus aller Welt analysiert, um herauszufinden, wie viel Macht Schlaf und Biorhythmus auf die Psyche haben. von Hartmut Wewetzer

Positiv formulierte Tweets werden vor allem morgens und am späten Abend veröffentlicht.

Positiv formulierte Tweets werden vor allem morgens und am späten Abend veröffentlicht.  |  © Getty Images

Mehr als 100 Millionen Menschen weltweit "twittern" – sie stellen kurze Meldungen von höchstens 140 Zeichen ins Internet. Jeden Tag wird etwa 230 Millionen Mal "getwittert" , und zunehmend werden Sozialwissenschaftler auf diese frei zugängliche Informationsquelle über globale Befindlichkeiten aufmerksam. Jüngstes Beispiel ist eine im Fachblatt Science veröffentlichte Studie von Soziologen der New Yorker Cornell-Universität.

Sie untersuchten die Stimmungsschwankungen bei 2,4 Millionen englischsprachigen Personen, die zwischen Februar 2008 und Januar 2010 mehr als eine halbe Milliarde Mal twitterten. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbarometer, das weltweit weitgehend übereinstimmende Phasen von Hochs und Tiefs umfasst.

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Danach geht es den Menschen in den frühen Morgen- und den späten Abendstunden am besten, wobei sich das Morgenhoch am Wochenende zwei Stunden später ereignet – nämlich dann, wenn man ausgeschlafen hat. An Werktagen ist die Stimmung während der Arbeitszeit eher mittelmäßig, umso positiver wird am Wochenende getwittert.

Vernetztes Geschnatter

Twitter bietet nicht viel Platz, 140 Zeichen lang sind die Nachrichten dort nur und bis zu dem gleich folgenden Punkt sind es schon 136. Trotzdem ist Twitter sehr viel mehr als nur eine Plattform zum Versenden von kurzen Informationen. Das Geheimnis ist die Vernetzung.

Wer sich nicht mit den "Feeds" von Freunden, Kollegen, Bekannten, Stars, Nachrichtenportalen, Firmen verbindet, ihnen folgt, für den ist der Dienst lediglich ein endloser Strom wirren Geschnatters. Schwer zu durchschauen, praktisch nicht zu gebrauchen. Doch wer sich vernetzt, für den bekommt Twitter Bedeutung: für den einen wird es damit Marketinginstrument, für den zweiten der Ort, an dem er erfahren kann, was seine Freunde bewegt, für den dritten Recherchewerkzeug, für den vierten Zeitung.

Suchwerkzeuge

Um den Dienst zu nutzen, braucht es nicht zwingend einen Account, man kann bei Twitter auch nur lauschen, lesen, zuhören. Die Suche ist dabei das wichtigste Instrument. Im Gegensatz zu Google werden neue Ergebnisse zu Ihrem Stichwort in Echtzeit hinzugefügt, sodass sich ein Strom von Neuigkeiten zu Ihrem Thema ergibt.

Und es gibt Werkzeuge, dank derer sich noch viel mehr erfahren lässt. Beispielsweise What the Trend. Die Seite zeigt, was gerade am häufigsten via Twitter diskutiert wird – und erklärt dabei auch gleich die dazugehörenden kryptischen Begriffe. Denn die sogenannten Hashtags, symbolisiert mit dem Rautezeichen #, sind so etwas wie die Verschlagwortung des Twitteruniversums und oft nicht leicht zu verstehen. Unter #cebit, um ein sich selbst erklärendes Beispiel zu nehmen, finden sich tausende Tweets zu der Computermesse. Fügen Sie in der Suche weitere Hashtags hinzu, lässt sich dieser Strom beliebig verfeinern.

Auch die Jahreszeiten wirken sich auf die Laune aus. Positive Emotionen nahmen von Ende Dezember bis Ende Juni zu. Entscheidend war also nicht die absolute Länge der Tage, sondern die Tatsache, dass sie länger wurden.

Die Soziologen Scott Golder und Michael Macy nutzten ein Textanalyse-Programm, dass die Millionen von Kurzbotschaften auf positive (etwa "fantastisch", "super") und negative ("Angst haben", "Panik") Wendungen durchforstete. Ihre Ergebnisse werten sie als Indiz dafür, welche Macht Schlaf und Biorhythmus über die menschliche Psyche haben.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Forschergruppe um Peter Dodds von der Universität von Vermont in Burlington. Sie wertete fast fünf Milliarden Twitter-Meldungen über drei Jahre aus . Es gab einen morgendlichen Glücksgipfel, ein Nachmittagstief und fröhliche Laune am Wochenende. Feiertage stachen positiv hervor, negative Ereignisse wie der Tsunami in Japan dämpften die Stimmung.

Bedenklich war noch etwas. Die guten Gefühle sind seit April 2009 weltweit auf dem Rückzug. Zumindest in der ersten Jahreshälfte 2011 war noch keine Trendumkehr festzustellen.

Erschienen im Tagesspiegel

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