Wikileaks Assange weist jede Schuld von sich

Wikileaks-Gründer Assange sieht sich nicht verantwortlich für die Veröffentlichung aller Botschaftsdepeschen. Schuld seien allein der "Guardian" und "eine Person in Berlin".

Julian Assange wurde in einer Videoübertragung von Melinda Crane befragt.

Julian Assange wurde in einer Videoübertragung von Melinda Crane befragt.

Eifersucht ist schmerzhaft, sagt Wikileaks-Gründer Julian Assange und meint damit alle Journalisten, die seine Whistleblower-Plattform angreifen. Jede Organisation könne kritisiert werden, aber nicht basierend auf Falschinformationen. Wer Wikileaks kritisieren wolle, solle vorher gefälligst die Fakten checken.

Angriffslustig wie eh und je präsentierte sich Assange bei der Medienwoche im Rahmen der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Per Videoübertragung war er aus dem Landsitz im Osten Englands zugeschaltet, wo er seit nunmehr 272 Tagen unter Hausarrest steht. Etwa 300 Journalisten saßen in Saal drei des Kongresszentrums ICC, als der Australier seine Keynote vortrug. Titel: Die Zukunft der digitalen Öffentlichkeit – Über Transparenz und was diese für die Welt bedeutet

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Spannender als die Rede war aber der zweite Teil der Veranstaltung: Die Moderatorin Melinda Crane durfte Assange als Einzige Fragen stellen – und kam schnell auf die Veröffentlichung der unredigierten US-Botschaftsdepeschen durch Wikileaks zu sprechen. Was folgte, war ein typischer Assange-Auftritt nach dem Muster: Angriff ist die beste Verteidigung.

Was ist Wikileaks?

"We open governments", ist das Motto von Wikileaks: "Wir machen Regierungen transparent". Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. Wikileaks verspricht ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht Wikileaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Derzeit sind allerdings keine neuen Eingaben möglich.

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Cablegate

Eine besonders spektakuläre Veröffentlichung auf Wikileaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat Wikileaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen.

Neben Depeschen, die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen dabei auch weitere Informationen zu den von Amerika geführten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, den Staaten Südamerikas und dem iranischen Atomprogramm

Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt, dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es handele sich nur um einen Vorwand, um Wikileaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.

Die Debatte um Wikileaks

Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange dafür einzusperren. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion über den Nutzen von Wikileaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen, wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?

Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, Wikileaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe.

Wobei Wikileaks selbst immer wieder betont hatte, dass genau das nicht geschieht und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeichnet sich deshalb inzwischen auch als Chefredakteur, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede Information auch zu veröffentlichen. Mit der nun erfolgten Veröffentlichung aller unbearbeiteten US-Botschaftsdepeschen ist Wikileaks aber zum ersten Mal von den eigenen Grundsätzen abgewichen.

Frühere Leaks

Gegründet wurde die Plattform von Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo Bay die Insassen behandelt und gefoltert wurden.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg (die Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).

Berichte über Wikileaks und die Debatte um die Veröffentlichungen haben wir nach Themen sortiert auf einer Übersichtsseite für unser Projekt ZEIT für die Schule zusammengestellt. Die gesamten veröffentlichten Artikel zu Wikileaks finden Sie auch auf der Schlagwortseite.

Wikileaks treffe keinerlei Schuld an der Veröffentlichung des kompletten, unredigierten Datensatzes, sagte er. Dies sei einzig und allein der Fehler von David Leigh, dem Journalisten der britischen Zeitung Guardian, der den Zugang zu den Daten sowie ein Passwort für die verschlüsselte Datei bekommen und dieses in seinem Buch veröffentlicht habe. "Wir haben uns allenfalls schuldig gemacht, weil wir mit dem Guardian zusammen gearbeitet haben", sagte Assange. "Die Entscheidung, alles zu veröffentlichen, war einzig die Entscheidung des Guardian. Man drückt aber keinen Knopf, ohne vorher zu fragen, was dann passiert."

Apropos Fakten checken: Der Guardian behauptet, "die Entscheidung von Julian Assange, alles zu veröffentlichen, war seine, und nur seine." David Leigh beteuert, Assange habe ihm versichert, dass das Passwort nur temporär gültig sei und nach kurzer Zeit verfalle.

Wikileaks, da ist sich Assange sicher, "hätte nichts anders machen können". Die Informationen aus den 251.287 Dokumenten wären sonst möglicherweise überhaupt nicht veröffentlicht worden, sagte Assange. Schließlich habe die US-Regierung im Jahr 2010 eine 120 Mann starke Task Force gebildet, die jede Veröffentlichung der Depeschen verhindern sollte. Und er selbst sei "ins Gefängnis gesteckt" worden.

Die Veröffentlichung der Depeschen durch Wikileaks begann Ende November 2010. Am 7. Dezember dann wurde Assange verhaftet, weil ein Haftbefehl aus Schweden gegen ihn vorlag.

Für Assange gibt es noch einen Mitschuldigen: "Eine Person aus Berlin." Die habe die Information, dass im Internet die Datei mit den Depeschen verfügbar sei, an ausgewählte Medien verbreitet, um daraus einen persönlichen Vorteil zu ziehen. Auch wenn Assange den Namen nicht nannte, war klar, dass er den ehemaligen Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg meinte.

Dessen Projekt OpenLeaks sei ein "sehr dunkles Geschäft", sagte Assange. "Die deutsche Presse war da anfangs nicht kritisch genug. Man sollte vorsichtig sein mit Leuten, die nur deshalb berühmt sind, weil sie uns attackiert haben."

Zwar hatte ein Text in der Wochenzeitung Freitag dazu geführt, dass die Öffentlichkeit erst auf die kursierende Depeschen-Datei aufmerksam wurde. Entschlüsselt ins Netz gestellt aber war sie von Wikileaks worden. Nach mehreren Berichten in Medien über die Daten hatte Wikileaks via Twitter eine Umfrage gestartet, wie mit den Imformationen nun umzugehen sei. Kurz darauf hatte die Plattform die entschlüsselte und unredigierte Version ins Netz gestellt und zur Verbreitung aufgerufen. Kooperationspartner von Wikileaks wie das Magazin Der Spiegel hatten darüber ihr Unverständnis geäußert.

Nun sind in den unredigierten Dokumenten die Namen von Zuträgern der US-Botschaften in aller Welt offen einsehbar. Doch auch das wollte Assange nicht als Scheitern von Wikileaks bezeichnet sehen. Er glaube nicht, dass die Veröffentlichung noch "große Schäden anrichten" werde. "Aber ein paar kleinere Schäden? Ja, das halte ich für möglich." Das US-Außenministerium habe aber fast ein Jahr lang Zeit gehabt, die betreffenden Personen zu informieren und habe sich ihm gegenüber deshalb nicht sonderlich besorgt gezeigt.

Das Vertraulichkeits-Versprechen der Plattform Wikileaks sah er dadurch auch nicht gefährdet. Nicht die Informanten von Wikileaks seien enttarnt worden und in Gefahr geraten, sagte Assange, sondern die Informanten der US-Botschaften. Warum das weniger schlimm sein soll, sagte er nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. Das braucht er auch nicht. Die Zusammenarbeit mit Geheimdiensten birgt in sich prinzipiell die Gefahr, entdeckt zu werden. Geheimdienste sind doch keine Knabenchöre, vielmehr dienen sie den Interessen der auftraggebenden Mächte zwar fast immer so, dass sie in den betroffenen Staaten Gesetze brechen.

    Im Gegensatz dazu ermöglicht die Zusammenarbeit mit Institutionen der vierten Gewalt - wie eben auch Wikileaks - erst die Kontrolle der Staatsmacht im Sinne der Gewaltenteilung und steht deshalb zurecht in vielen Staaten unter Schutz.

    Wer Quellenschutz im Journalismus mit Quellenschutz in Geheimdiensten gleichsetzt gehört wahrscheinlich auch zu den unbescholtenen Bürgern, die mit Schäuble ohnehin nichts zu befürchten haben und sich davon noch geschmeichelt fühlen.

    12 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im Text steht das kleine Wörtchen "Botschaft". Warum Sie daraus "Geheimdienst" machen, ist mir schleierhaft. Darüber hinaus sind Informanten keine 007-Agenten, sondern außerhalb dieser Organisationen stehende Personen.

    Darüber hinaus bleibt aber immer noch die Frage, mit welchem Recht hier über das Leben anderer Menschen entschieden wird. Oder sind wir wieder in der Vergangenheit, in der bestimmte Menschen keine Menschen waren?!

    Im Text steht das kleine Wörtchen "Botschaft". Warum Sie daraus "Geheimdienst" machen, ist mir schleierhaft. Darüber hinaus sind Informanten keine 007-Agenten, sondern außerhalb dieser Organisationen stehende Personen.

    Darüber hinaus bleibt aber immer noch die Frage, mit welchem Recht hier über das Leben anderer Menschen entschieden wird. Oder sind wir wieder in der Vergangenheit, in der bestimmte Menschen keine Menschen waren?!

    • FahadA
    • 06.09.2011 um 18:40 Uhr

    "Nicht die Informanten von Wikileaks seien enttarnt worden und in Gefahr geraten, [...] sondern die Informanten der US-Botschaften. Warum das weniger schlimm sein soll, sagte er nicht."

    Viel weniger schlimm. Kleine unbedeutende Machtspielchen des Herrn Domscheit-Berg. Das Projekt Wikileaks ist viel groesser, als diese selbsternannte ehemalige Nummer zwei.

    Schwierig ist allerdings das Studium dieser Cables. Ich habe schon fast aufgegeben. Wikileaks sollte schnell Boolsche Verknuepfungen moeglich machen (oder habe ich was uebersehen?). Niemand klickt sich gerne durch 90 Seiten eines vollen Monats von Depeschen.

  2. und das einer von denen in berlin sitzt war mir schon lange klar.

    • Moin.
    • 06.09.2011 um 23:49 Uhr

    einen IT-Mann der ersten Stunde? :-)

  3. "Nicht die Informanten von Wikileaks seien enttarnt worden und in Gefahr geraten, sagte Assange, sondern die Informanten der US-Botschaften. Warum das weniger schlimm sein soll, sagte er nicht."

    Es handelt sich hierbei nicht um Geheimdienste, sondern US Botschaftsangehoerige, und keineswegs nur militaerische Geheimnisse, sondern auch diplomatische Gespraeche. Dass diese, und ihre Gespraechspartner, vertraulich bleiben sollten, wenn Verhandlungen dieses erfordern, ist sonnenklar.

    Oder soll es das Briefgeheimniss, vertrauliche Gespraeche usw ab sofort nicht mehr geben? ..Vielleicht machen wir bei den Wikileaks-Juengern einmal weiter, und stellen ihre Daten ins Netz. Das waere dann ja auch nicht schlimm.

    Oder gelten solche Aussagen nur fuer alle anderen, nur nicht fuer einen selbst? Dass Assange und Wikileaks sich ueber den Gesetzen stehend glauben, ist ja bereits hinlaenglich bekannt.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  5. Daß sich bei großherzigen, mutigen und sensiblen Unternehmungen leicht kleingeisige Abstauber einfinden, die nur ihren persönlichen Vorteil dabei suchen, ist immer die große Gefahr. Wenn Assange einen Fehler gemacht hat, dann jenen, sich jemanden vor der Mitarbeit nicht genau genug angeschaut zu haben. Aber was einem selbst wesensfremd ist, erkennt man in der Regel erst immer hinterher nach schmerzlicher Erfahrung. Ich wünsche Assange weiterhin alles Gute!

  6. Im Text steht das kleine Wörtchen "Botschaft". Warum Sie daraus "Geheimdienst" machen, ist mir schleierhaft. Darüber hinaus sind Informanten keine 007-Agenten, sondern außerhalb dieser Organisationen stehende Personen.

    Darüber hinaus bleibt aber immer noch die Frage, mit welchem Recht hier über das Leben anderer Menschen entschieden wird. Oder sind wir wieder in der Vergangenheit, in der bestimmte Menschen keine Menschen waren?!

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