WhistleblowerWikileaks ist erledigt, Transparenz nicht

Julian Assange hat unfreiwillig bewiesen, dass es keine Sicherheit gibt. Leider brachte er damit Menschen in Gefahr. Der Idee einer transparenteren Welt schadet es nicht. von 

Wikileaks, das ist inzwischen offensichtlich, war eine Schimäre: Es war die Hoffnung auf absolute Sicherheit bei der Übertragung von Informationen, auf unknackbare Systeme und auf Transparenz ohne Reue.

Absolute Sicherheit ist ein unerfüllbares Versprechen. Trotzdem sind wir immer wieder gern bereit, demjenigen zu glauben, der uns dieses Versprechen macht. Es wäre doch so schön. Viele haben Wikileaks geglaubt. Nur um nun festzustellen, was sie ebenfalls längst wussten: Das schwächste System auf unserer Welt ist immer noch die Kohlenstoffeinheit vor dem Computer, der Mensch.

Anzeige
Was ist WikiLeaks?

"We open governments", ist das Motto von WikiLeaks: "Wir machen Regierungen transparent". Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. WikiLeaks verspricht ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht WikiLeaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Derzeit sind allerdings keine neuen Eingaben möglich.

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Cablegate

Eine besonders spektakuläre Veröffentlichung auf WikiLeaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat WikiLeaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen.

Neben Depeschen, die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen dabei auch weitere Informationen zu den von Amerika geführten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, den Staaten Südamerikas und dem iranischen Atomprogramm

Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt, dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es handele sich nur um einen Vorwand, um WikiLeaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.

Die Debatte um WikiLeaks

Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange dafür einzusperren. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion über den Nutzen von WikiLeaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen, wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?

Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, WikiLeaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe.

Wobei WikiLeaks selbst immer wieder betont hatte, dass genau das nicht geschieht und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeichnet sich deshalb inzwischen auch als Chefredakteur, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede Information auch zu veröffentlichen. Mit der nun erfolgten Veröffentlichung aller unbearbeiteten US-Botschaftsdepeschen ist WikiLeaks aber zum ersten Mal von den eigenen Grundsätzen abgewichen.

Frühere Leaks

Gegründet wurde die Plattform von Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo Bay die Insassen behandelt und gefoltert wurden.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg (die Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).

Berichte über WikiLeaks und die Debatte um die Veröffentlichungen haben wir nach Themen sortiert auf einer Übersichtsseite für unser Projekt ZEIT für die Schule zusammengestellt. Die gesamten veröffentlichten Artikel zu WikiLeaks finden Sie auch auf der Schlagwortseite.

Es ist letztlich egal, wer nun wem und warum ein Passwort verraten hat und warum es anschließend in einem Buch veröffentlicht wurde. Es ist egal, warum die unredigierten Depeschen der amerikanischen Botschaften überhaupt im Netz gespeichert wurden. Denn, wie Linus Neumann im Blog Netzpolitik so treffend schreibt: "Passworte zu verraten ist nie eine gute Idee."

Was also bleibt?

Hacker seien eine "kreative Quelle" für die Gesellschaft , fand der Informatiker und kritische Beobachter der Technikentwicklung, Joseph Weizenbaum. Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg haben das bewiesen.

Sie haben es gewagt, sich mit der mächtigsten politischen und militärischen Macht der Erde anzulegen. Die beiden jungen Informatiker haben die USA gehackt und bloßgestellt und damit eine weltweite Debatte um den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Geheimnissen ausgelöst.

Wer so etwas wagt, wer eine so verrückte Idee in die Tat umsetzt, kann grandios scheitern. Assange und Domscheit-Berg sind daran gescheitert. Das ist tragisch, weil es nun viele Menschen in Gefahr bringt. All jene, die mit amerikanischen Diplomaten zusammenarbeiteten, vielleicht in dem Glauben, damit etwas gegen autoritäre Regime zu tun, müssen nun fürchten, von eben jenen Regimen verfolgt zu werden.

Der Idee einer transparenteren und damit demokratischeren Welt aber hat es nicht geschadet, sie bleibt. Wikileaks und OpenLeaks mögen sich im Kampf gegenseitiger Beschuldigungen zerlegt haben und weiter zerlegen. Die Überzeugung, dass Transparenz wichtig ist – und dass das Internet das mächtigste Instrument ist, um mehr Transparenz zu schaffen –, diese Idee geht nicht mehr weg.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Kantate
    • 02. September 2011 15:14 Uhr

    Der Blender Assange tritt ab.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mach du das mal nach.

    ... vor allem die ersten beiden haben ja nie wirklich was erreicht. Gates war maßgeblich an irgendeinem Programm für den Computer beteiligt, dass sowieso viel zu oft abstürzt und instabil ist. Und Jobs hat sich anfangs mit halblegalen und fragwürdigen Methoden über Wasser gehalten und schließlich - natürlich nur durch Glück und durch die Blendung aller - ein Wirtschaftsimperium in die Hände fallen bekommen.

    Natürlich alles nur Blenderei - und natürlich hat das nichts mit Genie, Tüftigkeit, Fleiß und Handelsgeschick zu tun. Alles nur Blenderei.

    haben was geleistet. Assange ist ein Egomane. Warb auf seiner Seite mit einem Riesenportrait von sich unter dem Deckmantel des Weltverbesserers. Ekelhaft

    • shalako
    • 02. September 2011 15:15 Uhr

    Trägt der Autor Steffen Kraft, der mit einem Artikel in >der Freitag< den Stein überhaupt erst in`s Rollen brachte, ein erhabliches Maß an Mitschuld?

    >>... "Sie haben verschiedenen Journalisten, die namhaft gemacht werden können, operationale Details zur Verbindung verschlüsselt veröffentlichter Daten und der Passphrase, die deren Öffnung ermöglicht, mitgeteilt. Bislang konnte diese Verbindung noch nicht gezogen werden. Mit Ihrem Tun gefährden Sie möglicherweise das Leben und die rechtlichen Interessen Dritter." ...

    ... "Ihr Verhalten ist in hohem Maße geeignet, die von Ihnen angeblich befürchteten Gefährdungen überhaupt erst herbeizuführen." ...

    Quelle:
    docs.dpaq.de/49-eisenberg_ddb.pdf

    "Gegen David Leigh und eine nicht genannte deutsche Person (zur Auswahl stehen Jakob Augstein, Steffen Kraft und Daniel Domscheit-Berg) wurden rechtliche Schritte angekündigt – wir werden sehen, wie weit man damit kommt. Eine gerichtliche Auseinandersetzung mit vermeintlichen Verrätern möchte man als Institution, die um uneingeschränktes Vertrauen wirbt, eigentlich nicht haben."

    Quelle:
    netzpolitik.org/2011/flucht-nach-vorn-wikileaks-veroffentlicht-alle-cables/

    "Was war geschehen? Domscheit-Berg hatte Ende letzter Woche dem “Der Freitag“-Reporter Steffen Kraft offenbart, dass es bei Wikileaks ein Leck gegeben habe. "

    Quelle:
    blog.zdf.de/hyperland/2011/08/domscheit-berg-ein-klassisches-ablenkungsmanoever/<<

    Quelle:
    http://www.freitag.de/politik/1135-was-misstrauen-schafft?loggedin=1

  1. wären nur halb so nötig, wenn die Medien insgesamt besser ihren Job tun würden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... wären nicht derartig in Verruf geraten, wenn nicht durch das Internet eine respektlose Generation "Ich weiß aber alles besser" geboren worden wäre, die jeden Journalisten für korrupt, dumm oder unfähig hält, nur weil er nicht jeden im Netz kursierenden Unsinn für eine relevante Information hält. Zudem bin ich durchaus der Meinung, dass es Vorgänge gibt, die zurecht geheim sind und auch geheim bleiben sollten. Diplomatie ist nun einmal kein öffentliches Geschäft; das versteht sich doch von selbst. Warum eine aufgebrachte Internet-Gemeinde glaubt, das Recht zu haben, immer alles zu wissen, ist mir schleierhaft; entspricht aber der Hybris, die auch in vielen Beiträgen hier zum Ausdruck kommt.

    • Fifty4
    • 05. September 2011 21:38 Uhr

    [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen, die sich mit dem konkreten Artikelinhalt auseinandersetzen. Die Redaktion/er

    • shalako
    • 02. September 2011 15:20 Uhr
    Antwort auf "Steffen Kraft"
  2. Wer zweifelt an deren Hintermännern ?

  3. ......zur Transparenz und Aufdeckung von Missstaenden als erhofft beigetragen. Sie hat Manchen dazu bewegt, aus niederen Motiven wie ungebremste Geldliebe Informationen die fuer die Allgemeinheit unnoetige ja gar schaedliche sind an Dritte zu verkaufen.

  4. Dass ausgerechnet die Zeit nun erneut einen Abgesang auf wikileaks bringt nachdem sie sich zu Anfang der Depeschen-Veröffentlichungen als beleidigte Leberwurst besonders hervorgetan hat, hinterlässt auch einen bitteren Beigeschamck.

    Die ZEIT ist wohl auch nur eine Chimäre: die Hoffnung auf Recherche und Hintergrundinformationen. Viele waren und sind bereit, das nur allzu naiv zu glauben.

    Doch ZEIT.online ist daran gescheitert und wohl auch nichts mehr als eine online-Werbeplattform mit ein paar Artikeln, um Leser darauf zu locken. Die wachsende Zahl der Boulevard-artigen Artikel ist auffällig.

  5. Beispiele:
    * "Die beiden jungen Informatiker haben die USA gehackt"

    Echt? Wann? Kann man einen Staat hacken? Haben Assange und Domscheit-Berg (oder auch nur einer von beiden) tatsächlich irgendjemand (in diesem Zusammenhang) gehackt? Hat nicht Assange lediglich Material entgegengenommen?

    * "Passworte zu verraten ist nie eine gute Idee."

    Sie meinen, wenn ich einem Journalisten, der vertraglich und ethisch verplichtet ist die Passwörter für sich zu behalten und unter allen Umständen Quellen schützen müsste, Zugang auf Quellenmaterial verschaffen will, darf ich ihm trotzdem nicht das Passwort zu dem Material verschaffen?
    Wie soll das dann funktionieren??? Wie soll der Journalist die Sachen lesen und verwenden können?

    * "Wikileaks ist erledigt"

    Und niemand hat vor eine Mauer zu bauen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Julian Assange | Blog | Botschaft | Computer | Debatte | Diplomat
Service