Soziale Netzwerke"Es ist irrwitzig, wie viel wir von uns erzählen"

Dem Fallanalytiker Axel Petermann ist kein Verhalten fremd. Wer im Netz zu viel preisgibt, warnt der Profiler im Interview, legt seine gesamte Persönlichkeit offen. von 

Wir zwitschern unsere Geheimnisse in die Welt hinaus - Twitter-Logo am Firmeneingang in San Francisco.

Wir zwitschern unsere Geheimnisse in die Welt hinaus - Twitter-Logo am Firmeneingang in San Francisco.  |  © Kimihiro Hoshino/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Petermann, Ihr Beruf ist es, zu beobachten, was Menschen anhand ihrer Taten über sich verraten. Was ist der Eindruck, den Sie von unserer Gesellschaft bekommen, wenn Sie das Internet und soziale Netzwerke betrachten?

Axel Petermann: Mir fällt auf, dass inzwischen jeder so ein Gerät in der Hand hat, und ich frage mich, mit wem sprechen die Menschen die ganze Zeit? Ist ihnen eigentlich bewusst, dass jedes Einloggen Spuren hinterlässt? Dass es ihre Interessen widerspiegelt?

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Axel Petermann
Axel Petermann

Der Tatortanalytiker Axel Petermann ist seit 1975 bei der Bremer Kriminalpolizei, davon viele Jahre bei der Mordkommission. 2004 begann er damit, die Abteilung Operative Fallanalyse beim Landeskriminalamt Bremen aufzubauen, die er bis heute leitet. Er lehrt als Dozent für Kriminalistik an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung, ist Mitbegründer des iFF, des Interdisziplinären Forums Forensik und berät die Redaktion des "Tatort" des Hessischen Rundfunks. 2010 veröffentlichte er ein Buch über seine Arbeit, „Auf der Spur des Bösen“. Gerade erschien sein zweites Buch: "Im Angesicht des Bösen".

Ich finde es gefährlich, wenn diese ganzen Informationen gesammelt und zusammengeführt werden und fürchte, dass ich gläsern werde, dass ich meine Vorlieben preisgebe. Einerseits sind wir sehr darauf aus, dass unsere Freiheitsrechte nicht beschnitten werden. Andererseits aber sind wir bereit, ganz viel von uns zu erzählen. Ist das nicht in gewisser Weise irrwitzig, dass wir das tun? Bei meinen Ermittlungen muss ich jedem Beschuldigten sagen, was ihm konkret vorgeworfen wird, dass er die Aussage verweigern und auch jederzeit einen Anwalt konsultieren darf. Natürlich verhalte ich mich genau wie viele andere User, wenn ich Bücher bei Amazon bestelle. Aber es macht mir Sorgen.

ZEIT ONLINE: Leben wir nicht in einer Gesellschaft, die es längst akzeptiert hat, so viel von sich preiszugeben, weil wir auch etwas davon haben?

Petermann: Das mag sein, aber ich bin der Meinung, dass es nicht so sein sollte. Ich finde es bedrohlich, dass wir klar erkennbar werden und dass jemand, der es darauf anlegt, ganz viel über uns erfahren und unsere Persönlichkeit genau bestimmen kann.

ZEIT ONLINE: Für Sie als operativer Fallanalytiker muss das Internet doch eine wahre Fundgrube sein, oder?

Petermann: Ist es auch. Wenn meine Kollegen und ich beispielsweise Gefährdungsanalysen durchführen – bei Stalking oder bei häuslicher Gewalt – und prüfen sollen, inwieweit jemand eine Bedrohung darstellt, lesen wir den Rechner aus und schauen uns an, was denjenigen im Netz interessiert, was er sucht. Hat er beispielsweise eine Affinität zu Waffen, oder interessiert er sich für Attentate? So versuchen wir uns an die Frage heranzutasten, was seine Bedürfnisse sind, was für ihn wichtig ist. Natürlich können wir auf dieser Grundlage nicht sagen, ob er ein solches Verhalten auch tatsächlich in Zukunft zeigen wird. Aber es bringt uns doch Hinweise, worauf jemand aus ist.

ZEIT ONLINE: Zu lügen ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Und so stellen wir uns beispielsweise in unseren Netzprofilen gern besser dar, als wir sind, wir lügen, beschönigen und täuschen. Wenn Sie das berücksichtigen, inwieweit taugen aus dem Netz gewonnene Informationen dann zur Verhaltensanalyse?

Petermann: Ich übertrage das mal auf einen Tatort: Dort ist ein Täter sehr real, seine Empfindungen, sein Handeln sind echt. Trotzdem muss jede Information daraufhin geprüft werden, ob sie seine Bedürfnisse und Taten widerspiegelt, oder ob sie vom Täter maskiert, verfälscht wurde. Im Internet ist das sicher nicht anders. Am Tatort jedoch lässt sich an objektiven Spuren erkennen, ob etwas inszeniert wurde. Es lässt sich erkennen, wenn ein Täter eine Tat darstellt, wenn er in Szene setzt, was er sich in seiner Vorstellung erdacht, selbst aber noch nie erlebt hat.

Im Internet ist das wahrscheinlich schwieriger zu erkennen. Wenn bei einer Tat nur die Aussagen vorhanden sind, muss jede daraufhin geprüft werden, wie glaubwürdig sie ist. Spuren jedoch sind objektiv, sie sind einfach da, und wenn sie nicht zum Bild passen, stimmt das Bild nicht. Im Internet jedoch gibt es meistens keine Spuren, es gibt nur die Aussagen, das macht es schwieriger. Lügen erkennen wir eben nicht, indem uns eine Pinocchio-Nase wächst.

ZEIT ONLINE: Der Ursprung der Fallanalyse sind Gefängnisinterviews mit Tätern in den USA. Wenn Sie soziale Netzwerke als Verhaltensdatensammlung betrachten, könnten diese Dienste und Daten dann nicht Basis einer noch viel genaueren Verhaltensanalyse sein?

Petermann: Mir ist nicht ganz klar, wie das gehen sollte, wie ich also Verhaltensgruppen bilden sollte anhand dieser Informationen.

ZEIT ONLINE: Es geschieht ja bereits. Verhaltensanalyse ist das Geschäftsmodell von Firmen wie Google oder Facebook. Die wollen wissen, welches Verhalten ich zeige, um zu erahnen, welche Werbung sie mir anbieten können. Warum können Sie das nicht nutzen?

Petermann: Weil wir es nicht dürfen.

ZEIT ONLINE: Facebook beispielsweise stellt Forschern seine Daten zur Verfügung, damit sie sie analysieren können. Amerikanische Sicherheitsbehörden rufen die Daten zur Strafermittlung standardmäßig ab. Ist eine Gesellschaft, in der die Polizei diese Daten in vollem Umfang nutzen kann, eine, vor der ich mich fürchten sollte?

Petermann: Ich denke ja. Ich zumindest möchte eigentlich nicht in einer solchen Gesellschaft leben.

ZEIT ONLINE: In den USA gibt es unter dem Stichwort predictive policing bereits Projekte , die Tatorte und Taten vorausahnen und Polizisten vorher dorthin schicken. Wäre so etwas anhand von Daten aus sozialen Netzwerken und Suchanfragen möglich? Immerhin könnte beispielsweise Google sagen, ein Mensch mit einem bestimmten Suchmuster wird mit der und der Wahrscheinlichkeit demnächst seine Frau umbringen, da andere mit diesem Suchmuster es auch getan haben...

Petermann: Das könnte schon sein. Aber das ist kein Beweis, dass er es auch tatsächlich tun wird. Es gibt viele Menschen, die bizarre Phantasien haben. Aber die leben sie vielleicht mit Gleichgesinnten aus und werden nie kriminell. Andere tun es hingegen. Die Suchanfragen dieser beiden Gruppen werden sich nicht unterscheiden, denn ihre Bedürfnisse, Wünsche und Praktiken sind ähnlich.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sind wir Menschen nun einmal so strukturiert, dass wir tun, was möglich ist. Was bedeutet, dass solche Datenanalysen und Vorhersagen in Zukunft doch sicher gemacht werden, oder?

Petermann: Das glaube ich auch. Zumindest beobachte ich bei meiner Arbeit, dass inzwischen sehr viel mehr Daten vernetzt sind als früher. Wenn man heute bei Ermittlungen eine Anfrage stellt, bekommt man Antworten aus Dutzenden Datenbanken. Aber ich mag es trotzdem nicht. Ich finde es wirklich beängstigend. Für unsere Bequemlichkeit und unser Informationsbedürfnis haben wir Freiheiten aufgegeben. Freiheiten, die aus gutem Grund elementarer Bestandteil unserer Menschenrechte sind.

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Leserkommentare
  1. Ich glaube es ist schon riskant, wenn man Kommentare im Blätterwald abgibt. Trau schau wem?

  2. Ein Glück würde es so ein Artikel nicht in die Printausgabe der ZEIT schaffen - oder doch? Ich hoffe unter dem Deckmantel von Satire, falls doch.
    Ich dachte, die ZEIT sei mittlerweile weiter in ihrer Entwicklung, als zu verkennen, dass die Nutzung von Social Networks auch ein Effizienzgewinn *gegen* die Informationsflut der modernen Gesellschaft bedeutet.
    Hoffentlich hat die ZEIT Petermeier ein kleines Honorar für das Interview gezahlt, welches er in die Absolvierung eines Internetführerscheins investieren kann.

    • reineke
    • 23. November 2011 12:21 Uhr

    wir leben inzwischen nun mal in einer Laber Welt ,anzunehmen das pro Tag 90% davon Blech sind
    Otto Normaluser weiß ja meist Nachmittags schon nicht mehr worüber er morgens gelesen/gesprochen/geschrieben hat
    er vergisst es ,das Netz nicht
    und für behördliche Datensammler besteht sowieso ein Generalverdacht gegen Alle und Jeden
    die Freiheit der Industriesklaven

    • lerry
    • 23. November 2011 12:21 Uhr

    Mir sind die Aussagen und die Richtung, in welche der "Fragensteller" bei dem Interview unterwegs war, ein wenig zu platt.
    Hätte bei dem Thema etwas mehr erwartet!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Sehr geehrter lerry,

    welche Fragen hätten Sie interessiert, beziehungsweise, welche hätten Sie gestellt?

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    • cardiac
    • 23. November 2011 12:24 Uhr

    Wenn ich beschließe jetzt nackt durch die Fußgängerzone zu laufen, bin ich dafür selbst verantwortlich. Und wenn ich irgendeinem Freund etwas privates erzähle, auch. Und wenn ich etwas auf Facebook poste, auch. Es hat sich nichts geändert. Ich kann dieses Geweine des internetphoben Teils der Gesellschaft nicht mehr hören. Wenn ihr etwas nicht wollt, dann machts doch nicht. Fertig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    klar wenns sienackt rumlaufen ist das ihre sache. aber die anzahl derer die sie sehen wird endenwollend sein. deren erinnerung auch. die wahrscheinlichkeit dass sie jahre später bei einer jobbewerbung oder einer polzeilichen einvernahme mit dieser tat konfrontiert werden wird auch gering sein.

    natürlich haben sie recht, dass jeder selbst verantwortlich ist, aber was red ich da stimmt jan icht. wenn bilder von mir auf der facebookseite anderer auftauchen liegt das nicht mehr in meinem einflussbereich. na jedenfalls find ich derartige artikel wichtig um die menschen eben daran zu erinnern, das das netz ein gutes gedächtnis hat. und sich der kreis derer die an ihrer tat oder ihrer meldung teilhaben mit der zeit wächst, anstatt, wie bei bei menschen und deren gedächtnis zurückgeht.

    • Yakusha
    • 24. November 2011 2:29 Uhr

    Wenn ich etwas auf Facebook poste, dann bin ich für die Privatsphären-Einstellungen meines Facebook-Accounts zuständig. Entweder, ich weiß, was ich mache oder auch nicht. Leider, so habe ich gehört, ändert Facebook ab und zu mal einfach so irgendwelche Standard-Einstellungen, welche dann für mein Konto wirksam werden. So denke ich, dass ich mich alle paar Monate über die relevanten Einstellungen informieren muss. Das wird mir bald zu viel, weswegen ich Content und Kommunikation von mir 'gelöscht' habe. Allerdings finde ich den Content nachher noch bei Google-Suche.

    Das Beste wäre allerdings, man schreibt gleich eine Massen-Email an die betreffenden Empfänger.

  3. soll das ein interview sein oder ein gspräch zwischen gleichbrechtigten? teilweise werden keine fragen gestellt, sondern schlüsse durch die zeitonline gestellt, und nach deren bestätigung gefragt. geht schon in richtung suggestivfrage. teilweise sind die sog. fragen länger als die kommentare herrn petermanns. ich finde diese art des "uínterviews" problematisch. lassen sie doch den mann reden und saagenwas er will, ohne diesen derart zu lenken, ODER (um zeit online im letzten wort zu zitieren)

  4. klar wenns sienackt rumlaufen ist das ihre sache. aber die anzahl derer die sie sehen wird endenwollend sein. deren erinnerung auch. die wahrscheinlichkeit dass sie jahre später bei einer jobbewerbung oder einer polzeilichen einvernahme mit dieser tat konfrontiert werden wird auch gering sein.

    natürlich haben sie recht, dass jeder selbst verantwortlich ist, aber was red ich da stimmt jan icht. wenn bilder von mir auf der facebookseite anderer auftauchen liegt das nicht mehr in meinem einflussbereich. na jedenfalls find ich derartige artikel wichtig um die menschen eben daran zu erinnern, das das netz ein gutes gedächtnis hat. und sich der kreis derer die an ihrer tat oder ihrer meldung teilhaben mit der zeit wächst, anstatt, wie bei bei menschen und deren gedächtnis zurückgeht.

    Antwort auf "Meine Güte..."
  5. wissen. Unsere Sicherheitsbehörden, Polizei, Zoll, Verfassungsschutz etc. sind doch prinzipell vertrauenswürdug und zuverlässig.
    Die machen keine Fehler
    wie z.B. Fehlinterpretationen von Daten und Beschuldigen von Unschuldigen. Nein, nicht in Deutschland!
    Wer von den Sicherheitsbehörden verfolgt wird, wird schon etwas ausgefressen haben.
    ...oder liege ich etwa falsch mit meiner Einschätzung?

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