Wir zwitschern unsere Geheimnisse in die Welt hinaus - Twitter-Logo am Firmeneingang in San Francisco. © Kimihiro Hoshino/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Petermann, Ihr Beruf ist es, zu beobachten, was Menschen anhand ihrer Taten über sich verraten. Was ist der Eindruck, den Sie von unserer Gesellschaft bekommen, wenn Sie das Internet und soziale Netzwerke betrachten?

Axel Petermann: Mir fällt auf, dass inzwischen jeder so ein Gerät in der Hand hat, und ich frage mich, mit wem sprechen die Menschen die ganze Zeit? Ist ihnen eigentlich bewusst, dass jedes Einloggen Spuren hinterlässt? Dass es ihre Interessen widerspiegelt?

Ich finde es gefährlich, wenn diese ganzen Informationen gesammelt und zusammengeführt werden und fürchte, dass ich gläsern werde, dass ich meine Vorlieben preisgebe. Einerseits sind wir sehr darauf aus, dass unsere Freiheitsrechte nicht beschnitten werden. Andererseits aber sind wir bereit, ganz viel von uns zu erzählen. Ist das nicht in gewisser Weise irrwitzig, dass wir das tun? Bei meinen Ermittlungen muss ich jedem Beschuldigten sagen, was ihm konkret vorgeworfen wird, dass er die Aussage verweigern und auch jederzeit einen Anwalt konsultieren darf. Natürlich verhalte ich mich genau wie viele andere User, wenn ich Bücher bei Amazon bestelle. Aber es macht mir Sorgen.

ZEIT ONLINE: Leben wir nicht in einer Gesellschaft, die es längst akzeptiert hat, so viel von sich preiszugeben, weil wir auch etwas davon haben?

Petermann: Das mag sein, aber ich bin der Meinung, dass es nicht so sein sollte. Ich finde es bedrohlich, dass wir klar erkennbar werden und dass jemand, der es darauf anlegt, ganz viel über uns erfahren und unsere Persönlichkeit genau bestimmen kann.

ZEIT ONLINE: Für Sie als operativer Fallanalytiker muss das Internet doch eine wahre Fundgrube sein, oder?

Petermann: Ist es auch. Wenn meine Kollegen und ich beispielsweise Gefährdungsanalysen durchführen – bei Stalking oder bei häuslicher Gewalt – und prüfen sollen, inwieweit jemand eine Bedrohung darstellt, lesen wir den Rechner aus und schauen uns an, was denjenigen im Netz interessiert, was er sucht. Hat er beispielsweise eine Affinität zu Waffen, oder interessiert er sich für Attentate? So versuchen wir uns an die Frage heranzutasten, was seine Bedürfnisse sind, was für ihn wichtig ist. Natürlich können wir auf dieser Grundlage nicht sagen, ob er ein solches Verhalten auch tatsächlich in Zukunft zeigen wird. Aber es bringt uns doch Hinweise, worauf jemand aus ist.

ZEIT ONLINE: Zu lügen ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Und so stellen wir uns beispielsweise in unseren Netzprofilen gern besser dar, als wir sind, wir lügen, beschönigen und täuschen. Wenn Sie das berücksichtigen, inwieweit taugen aus dem Netz gewonnene Informationen dann zur Verhaltensanalyse?

Petermann: Ich übertrage das mal auf einen Tatort: Dort ist ein Täter sehr real, seine Empfindungen, sein Handeln sind echt. Trotzdem muss jede Information daraufhin geprüft werden, ob sie seine Bedürfnisse und Taten widerspiegelt, oder ob sie vom Täter maskiert, verfälscht wurde. Im Internet ist das sicher nicht anders. Am Tatort jedoch lässt sich an objektiven Spuren erkennen, ob etwas inszeniert wurde. Es lässt sich erkennen, wenn ein Täter eine Tat darstellt, wenn er in Szene setzt, was er sich in seiner Vorstellung erdacht, selbst aber noch nie erlebt hat.

Im Internet ist das wahrscheinlich schwieriger zu erkennen. Wenn bei einer Tat nur die Aussagen vorhanden sind, muss jede daraufhin geprüft werden, wie glaubwürdig sie ist. Spuren jedoch sind objektiv, sie sind einfach da, und wenn sie nicht zum Bild passen, stimmt das Bild nicht. Im Internet jedoch gibt es meistens keine Spuren, es gibt nur die Aussagen, das macht es schwieriger. Lügen erkennen wir eben nicht, indem uns eine Pinocchio-Nase wächst.

Immer mehr Daten werden miteinander vernetzt

ZEIT ONLINE: Der Ursprung der Fallanalyse sind Gefängnisinterviews mit Tätern in den USA. Wenn Sie soziale Netzwerke als Verhaltensdatensammlung betrachten, könnten diese Dienste und Daten dann nicht Basis einer noch viel genaueren Verhaltensanalyse sein?

Petermann: Mir ist nicht ganz klar, wie das gehen sollte, wie ich also Verhaltensgruppen bilden sollte anhand dieser Informationen.

ZEIT ONLINE: Es geschieht ja bereits. Verhaltensanalyse ist das Geschäftsmodell von Firmen wie Google oder Facebook. Die wollen wissen, welches Verhalten ich zeige, um zu erahnen, welche Werbung sie mir anbieten können. Warum können Sie das nicht nutzen?

Petermann: Weil wir es nicht dürfen.

ZEIT ONLINE: Facebook beispielsweise stellt Forschern seine Daten zur Verfügung, damit sie sie analysieren können. Amerikanische Sicherheitsbehörden rufen die Daten zur Strafermittlung standardmäßig ab. Ist eine Gesellschaft, in der die Polizei diese Daten in vollem Umfang nutzen kann, eine, vor der ich mich fürchten sollte?

Petermann: Ich denke ja. Ich zumindest möchte eigentlich nicht in einer solchen Gesellschaft leben.

ZEIT ONLINE: In den USA gibt es unter dem Stichwort predictive policing bereits Projekte , die Tatorte und Taten vorausahnen und Polizisten vorher dorthin schicken. Wäre so etwas anhand von Daten aus sozialen Netzwerken und Suchanfragen möglich? Immerhin könnte beispielsweise Google sagen, ein Mensch mit einem bestimmten Suchmuster wird mit der und der Wahrscheinlichkeit demnächst seine Frau umbringen, da andere mit diesem Suchmuster es auch getan haben...

Petermann: Das könnte schon sein. Aber das ist kein Beweis, dass er es auch tatsächlich tun wird. Es gibt viele Menschen, die bizarre Phantasien haben. Aber die leben sie vielleicht mit Gleichgesinnten aus und werden nie kriminell. Andere tun es hingegen. Die Suchanfragen dieser beiden Gruppen werden sich nicht unterscheiden, denn ihre Bedürfnisse, Wünsche und Praktiken sind ähnlich.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sind wir Menschen nun einmal so strukturiert, dass wir tun, was möglich ist. Was bedeutet, dass solche Datenanalysen und Vorhersagen in Zukunft doch sicher gemacht werden, oder?

Petermann: Das glaube ich auch. Zumindest beobachte ich bei meiner Arbeit, dass inzwischen sehr viel mehr Daten vernetzt sind als früher. Wenn man heute bei Ermittlungen eine Anfrage stellt, bekommt man Antworten aus Dutzenden Datenbanken. Aber ich mag es trotzdem nicht. Ich finde es wirklich beängstigend. Für unsere Bequemlichkeit und unser Informationsbedürfnis haben wir Freiheiten aufgegeben. Freiheiten, die aus gutem Grund elementarer Bestandteil unserer Menschenrechte sind.