BildungAlle Schüler sollten Programmieren lernen

BBC-Kolumnist Bill Thompson findet: Nur wer Hardware und Software versteht, ist ein mündiger Bürger. Auch iPhones entsperren zu können, sei wichtig – wegen Apples Zensur. von Verena Dauerer

Am Montag tauchte bei iTunes eine neue App namens iTether auf. Mit ihr ist es möglich, das iPhone als Modem für einen PC oder Mac zu benutzen und dabei dessen Datenflatrate zu verwenden. Tethering heißt das. Am Dienstag hat Apple die Software wieder aus iTunes entfernt. Zur Begründung hieß es , die App verursache zu viel Datenverkehr und belaste damit die Netze der Mobilfunkbetreiber. Übersetzt: Sie schmälert die Umsätze dieser Firmen. Es war nicht das erste Mal , dass Apple so mit einer Tethering-App verfahren ist. 

Auch bei Scherzen, die auf seine Kosten gehen, versteht Apple keinen Spaß. Im September war ein ungewöhnliches Spiel in den App Store gelangt: Phone Story spielte zynisch die Herstellung eines Smartphones durch, von den Koltan-Minen im Kongo, über ausgebeutete Arbeiter in China, bis zum Konsumfetischismus in der westlichen Welt. Nach nur wenigen Stunden wurde es aus dem App Store verbannt. Seitdem ist es als Spiel für Android Smartphones erhältlich.

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"Kein Wunder", kommentiert Bill Thompson , Technik-Kolumnist beim britischen Sender BBC: "Das iPad, das iPhone und der App Store sind geschlossene Systeme, in denen jedes Programm, das der User laden will, von Apple bewilligt werden muss." Eine App, ein Game und jede andere Anwendung muss den internen Richtlinien von Apple entsprechen und kann vom Konzern sofort abgelehnt oder nachträglich wieder aus dem Angebot entfernt oder mit einem Update des Betriebssystems funktionsuntüchtig gemacht werden.

Bill Thompson
Bill Thompson

Der Autor Bill Thompson, 51, schreibt eine wöchentliche Technik-Kolumne bei der BBC Online und ist regelmäßig im Radioprogramm des BBC World Service zu hören. Er gehörte zu denen, die im Jahr 1994, die Online-Präsenz der britischen Zeitung einrichteten. Seit vielen Jahren setzt er sich für Offene Standards und Digitale Bildung ein.

Diese Zensur, so Thompson, nimmt dem User die Freiheit, selbst über die Software auf seinem iPhone zu entscheiden. Denn wer andere, nicht von Apple erlaubte Programme laden will, muss technisch versiert sein und das Gerät mit einem sogenannten Jailbreak entsperren , um dadurch die vom Hersteller auferlegten Nutzungseinschränkungen zu umgehen. Wie genau das funktioniert, weiß die Mehrheit der Apple-Nutzer wohl nicht. "Das ist nur Teil eines größeren Problems", findet Thompson. Seit Jahren tritt der Radiomoderator und Online-Kolumnist dafür ein, dass sich jeder Nutzer eines Computers oder Smartphones viel mehr mit seinen Geräten auseinandersetzt und ihre Technologie versteht. Der 51-Jährige fordert "digitale Bildung" für jeden.

Das fordern andere auch. Der Netzkritiker Howard Rheingold etwa, Gastdozent in Berkeley und Stanford, plädiert dafür, den kritischen Umgang mit der eigenen Privatsphäre in sozialen Netzwerken wie Facebook in die Stundenpläne an Schulen aufzunehmen. Aber auch der Gebrauch von Blogs, Wikis und Suchmaschinen sowie das anschließende Verifizieren von Suchergebnissen gehören für ihn zur Allgemeinbildung , die auch bei den sogenannten Digital Natives erstaunlich schwach ausgeprägt sei. Thompson aber verlangt sogar, dass ein Nutzer auch selbst programmieren kann.

"Es ist entscheidend, dass ich die Möglichkeit habe, eine Software meiner Wahl herunterzuladen und auf meinem Computer zu installieren," erklärt er. Wer sich jedoch die Wahlfreiheit über seinen Rechner von einem Store abnehmen lasse, solle sich fragen, über welche Bereiche seines Lebens er generell die Kontrolle behalten sollte. "Unsere Gesellschaft wird immer mehr von den Möglichkeiten der digitalen Technologien bestimmt. Diese nicht zu verstehen bedeutet, die Macht über sein eigenes Leben aufzugeben."

Thompson fordert deshalb eine Bildungspolitik, bei der bereits Schulkinder das Programmieren lernen. Der Zugang sollte spielerisch sein: Über das Experimentieren zum Beispiel mit einem Arduino Board soll Jugendlichen die Angst und die Ehrfurcht vor Technologien genommen werden. Arduino Boards werden oft in der Do-it-yourself-Szene der Hobbybastler genutzt, weil sich damit interaktive elektronische Objekte ohne größere Vorkenntnisse zusammenlöten lassen. Und wer gern an Platinen schraubt, lernt Hardware besser kennen und kontrollieren. Er verliert nach und nach die Hemmschwelle, sich auch an Software, an Codes und Programmiersprachen zu wagen, so die These Thompsons.

Mit diesem Wissen, hofft Thompson, geht auch ein Demokratisierungseffekt einher: Die Menschen können dann mitreden, wenn es etwa um neue Gesetze geht, die den Gebrauch von Computern und Internet betreffen: "Wer es nicht besser weiß, wird schlechte Entscheidungen treffen oder zulassen, dass unwissende Politiker oder Konzerne falsch für ihn entscheiden."

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Leserkommentare
    • kerle51
    • 30. November 2011 14:52 Uhr

    Das wird insofern nicht funktionieren, als es viele Menschen gibt, die noch nicht einmal mit gewöhnlichen Bedienfunktionen von Computern etwas anfangen können oder sich sehr schwer tun. Wir haben oft mit solchen Menschen zu tun, als Kunden.
    Man muß die Menschen dort abholen, wo sie stehen. D.h., daß die Technik einfacher zu bedienen sein müßte. Die Bedienbarkeit leidet sehr darunter, daß Technik-Freaks, die diese Sachen entwickeln, sich nicht in die Situation unbedarfter Usern hinein versetzen können (sowie auch Mr.Thompson hier, gutes Beispiel).
    Natürlich ist es wichtig, schon in der Schule Medienkompetenz zu vermitteln, aber nicht mit der Brechstange wie es bisher bei Mathematik üblich ist. Das funktioniert einfach nicht. Es gibt immer Menschen, die nicht offen dafür sind. Soll man denen deshalb die Hochschulereife absprechen? Die haben dafür andere Qualitäten, oftmals seltene Fähigkeiten, die woanders dringend benötigt werden. Man sollte besser differenzieren. Nicht alle können alles lernen.

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    "Nicht alle können alles lernen." ... ist in diesem Zusammenhang übertrieben. Wenn man Schülern Geometrie und Chemie beibringen kann, dann selbstverständlich auch das Programmieren.

    Natürlich spielt die genetische Veranlagung eine Rolle und wenn man in die Schule kommt, ist man durch viele Umweltreize auch schon vorgeprägt, aber das heißt doch nicht, dass man deshalb etwas, dass nun einmal kompliziert sein kann, überhaupt nicht unterrichten kann. Mit der selben Begründung könnte man den Kunst- und Musikunterricht abschaffen, denn die Schüler, die in diesen Fächern eben nicht sooooo gut sind haben dann eben "andere Qualitäten, oftmals seltene Fähigkeiten, die woanders dringend benötigt werden." Zum Beispiel logisches Denkvermögen. Das war jetzt etwas schwarz-weiß, verdeutlich aber hoffentlich Ihren Denkfehler.
    Sie haben ja beruflich anscheinend mit Computern bzw. mit Menschen, die von diesen rein gar keine Ahnung haben, zu tun. Natürlich muss die Bedienbarkeit verbessert werden, aber wieso sollte man denn nicht schon in der Schule etwas an diese komplizierte Technik herangeführt werden? In der Schule wird man, wie sie schon gesagt haben, ja auch an die noch viel komplizierte Mathematik herangeführt. Das mag didaktisch nicht immer optimal verlaufen, aber das muss sich eben bessern und kann kein Grund sein, es gleich ganz bleiben zu lassen. Verstehen Sie mich nicht falsch - ich weiß meine Mitmenschen mit musischer, künstlerischer oder sprachlicher Begabung sehr zu schätzen, aber eben auch jene mit hoher räumlicher, logischer, mathematischer etc. Intelligenz. Gerade weil das Thema Computer immer wichtiger wird, ist eine entsprechende Bildung unabdingbar.

  1. "Nicht alle können alles lernen." ... ist in diesem Zusammenhang übertrieben. Wenn man Schülern Geometrie und Chemie beibringen kann, dann selbstverständlich auch das Programmieren.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Computer-Ängstliche"
  2. Systematischer Unterrricht in Informatik ist sicherlich sinnvoll. Und das schlisst sowohl die Basiskenntnisse der über die gängigen Betribssysteme und Officepackete als auch das grosse Theama Internet mit all seinen Vorteilen und Tücken...

    Programmirung und Electronik ist ebenfalls nicht verkehrt, würde den Rahmen eines Schullprogramms warschenlich sprengen. vielleicht fakultativ...

    sicher, vieles davon lernen die Kidies von selbst, aber nicht alles, vor allem fehlt die Systematik.

    3 Leserempfehlungen
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    Aber wieviel nützlicher in der heutigen Zeit sind denn 9 Jahre lang Chemieunterricht als es Informationstechnik wäre?

    Ich hab nichts gegen Chemie, nur der Nutzen hält sich meines Erachtens im Vergleich doch arg in Grenzen.

    Bill Thompson hat ja zweifelsohne einen guten Punkt, ohne informationstechnisches Wissen ist der Bürger heute unmündig, wie ein Kind, denn er weiß ja nichtmals.

    @ gelegentlicher_leser

    Ob die Kiddies so vieles von selbst lernen, das wage ich stark zu bezweifeln.
    In meinem Studium war das in Bezug auf Benutzeroberflächen ein nicht zu unterschätzender Punkt, dass man davon ausgeht die Benutzer werden - je digital nativer sie sind - blöder im Umgang mit der Technik, denn es macht einen sehr großen Unterschied, ob ich an die Technik mit einem C64 herangehe oder mit einem Gameboy.
    Und letzteres ist heute der Fall.

    Die Benutzung des Internets, von Computern und Officepaketen hat nichts mit Informatik zu tun, das ist reine Computerbedienung. So etwas unter dem Namen "Informatik" zu lehren ist Betrug am Schüler und ein Problem für Studenten, die mit komplett falschen Vorstellungen ein Informatik-Studium beginnen. Leider gibt es einige Studiengänge (eine ganz bestimmte Bindestrichinformatik fällt mir da ein) an einigen Hochschulorten, an denen man mit sowas auch durchkommt. (Und jedes Jahr aufs neue wird den Akkreditierungsgremien versprochen, dass ab nächstem Semester aber wirklich nach den Richtlinien gelehrt wird.) Das ist dann auch ein Problem für die Arbeitgeber, die dann mit solchen Mogelpackungen umgehen können müssen.

    Kritische Quellenanalyse ist eine Fähigkeit, die unabhängig vom Medium gelehrt werden sollte, wiewohl die Nutzung des Internets sie eigentlich leichter gemacht hat.

    Ob jeder "Programmieren" können muss? Naja. Muss jeder ein Auto reparieren können? Die Wasserqualität messen können? Die Statik einer Brücke überprüfen können?

  3. wie er sein sollte.
    Dieser Microsoft-Kurs, den viele Schulen als "Informatik" anbieten kann man ja in der Pfeife rauchen. Viele Gymnasien bieten noch nicht einmal Computerunterricht an, erwarten aber Arbeiten, die als Powerpoint oder Word-Datei abgegeben werden sollen. Eine Perversion, da wieder nur nichtstandardisierte Monoplstrukturen daran verdienen.

    Währenddessen lernen Schüler an Waldorfschulen bereits das Programmieren.
    Was geht da schief?

    9 Leserempfehlungen
  4. ... dass so gut wie jeder sein iPhone mit Jailbreak betreibt? Das geht mittlerweile so einfach, dass es jeder Idiot kann

  5. Aber wieviel nützlicher in der heutigen Zeit sind denn 9 Jahre lang Chemieunterricht als es Informationstechnik wäre?

    Ich hab nichts gegen Chemie, nur der Nutzen hält sich meines Erachtens im Vergleich doch arg in Grenzen.

    Bill Thompson hat ja zweifelsohne einen guten Punkt, ohne informationstechnisches Wissen ist der Bürger heute unmündig, wie ein Kind, denn er weiß ja nichtmals.

    @ gelegentlicher_leser

    Ob die Kiddies so vieles von selbst lernen, das wage ich stark zu bezweifeln.
    In meinem Studium war das in Bezug auf Benutzeroberflächen ein nicht zu unterschätzender Punkt, dass man davon ausgeht die Benutzer werden - je digital nativer sie sind - blöder im Umgang mit der Technik, denn es macht einen sehr großen Unterschied, ob ich an die Technik mit einem C64 herangehe oder mit einem Gameboy.
    Und letzteres ist heute der Fall.

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    Antwort auf "informatik"
  6. Natürlich spielt die genetische Veranlagung eine Rolle und wenn man in die Schule kommt, ist man durch viele Umweltreize auch schon vorgeprägt, aber das heißt doch nicht, dass man deshalb etwas, dass nun einmal kompliziert sein kann, überhaupt nicht unterrichten kann. Mit der selben Begründung könnte man den Kunst- und Musikunterricht abschaffen, denn die Schüler, die in diesen Fächern eben nicht sooooo gut sind haben dann eben "andere Qualitäten, oftmals seltene Fähigkeiten, die woanders dringend benötigt werden." Zum Beispiel logisches Denkvermögen. Das war jetzt etwas schwarz-weiß, verdeutlich aber hoffentlich Ihren Denkfehler.
    Sie haben ja beruflich anscheinend mit Computern bzw. mit Menschen, die von diesen rein gar keine Ahnung haben, zu tun. Natürlich muss die Bedienbarkeit verbessert werden, aber wieso sollte man denn nicht schon in der Schule etwas an diese komplizierte Technik herangeführt werden? In der Schule wird man, wie sie schon gesagt haben, ja auch an die noch viel komplizierte Mathematik herangeführt. Das mag didaktisch nicht immer optimal verlaufen, aber das muss sich eben bessern und kann kein Grund sein, es gleich ganz bleiben zu lassen. Verstehen Sie mich nicht falsch - ich weiß meine Mitmenschen mit musischer, künstlerischer oder sprachlicher Begabung sehr zu schätzen, aber eben auch jene mit hoher räumlicher, logischer, mathematischer etc. Intelligenz. Gerade weil das Thema Computer immer wichtiger wird, ist eine entsprechende Bildung unabdingbar.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Computer-Ängstliche"
  7. Im Mittelalter sagte man sich, dass die Intelligenz von Frauen nicht ausreichend ist um lesen zu können.
    Ich denke, man kann alles lernen.
    So gewaltig unterscheiden sich die Menschen auch nicht.
    Das gehört eben zur Aufklärung.

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