Seit einigen Wochen arbeitet Falko Kraft im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes in einem Jugendzentrum in der türkischen Stadt Gaziantep – weit entfernt von seiner Heimatstadt Potsdam. Dass sich der 20-Jährige mit der Diaspora auskennt, hat allerdings eine ganz und gar ungeografische Bedeutung. Wenn Kraft von Diaspora spricht, meint er das neue soziale Netzwerk , das als Anti-Facebook noch im November den internen Testbetrieb beendet und dann allen Interessierten offenstehen soll.

Das Diaspora-Projekt war vor gut anderthalb Jahren von vier Informatikstudenten der New Yorker Universität ins Leben gerufen worden, vor allem als Reaktion auf die zunehmende Kritik an der Datenschutzpolitik von Facebook. Kurz vor dem Start der offenen Betaphase müssen die Gründer derzeit einen schweren Rückschlag verkraften:  Wie das US-Blog Techcrunch berichtet , ist einer der vier am Wochenende gestorben. Ilya Zhitomirskiy wurde nur 22 Jahre alt.

Es ist nicht die erste schlimme Nachricht, die die Macher ereilte. Im Oktober weigerte sich Paypal , der Plattform Spendengelder auszuzahlen und weitere Spenden für sie anzunehmen. Dabei ist das Projekt massiv auf diese angewiesen. Der Hype um den vermeintlichen Facebook-Killer spülte über 200.000 Dollar in die Kassen des Projekts, die in dessen Entwicklung investiert wurden. Auch eine zweite Spendenrunde war äußerst erfolgreich. Erst nach Protesten vieler Nutzer und Sympathisanten gab Paypal das Geld wieder frei. Zhitomirskiy selbst twitterte Mitte Oktober noch , dass Paypal eingelenkt habe.

Wie jedes soziale Netzwerk ist der Austausch unter den Mitgliedern das Hauptanliegen von Diaspora – allerdings mit einigen entscheidenden Unterschieden zu Facebook oder Google+ . "Hinter Diaspora steht die Idee eines privatsphärefreundlichen, quelloffenen sozialen Netzwerks", begeistert sich Kraft. "Diaspora ist eine Non-Profit-Organisation, die sich allein über Spenden finanziert." Der gewerbliche Verkauf oder die Weitergabe von Nutzerdaten an Werbeindustrie und Regierungen widersprechen fundamental der Philosophie von Diaspora. "Jeder soll seine persönlichen Daten selber besitzen und verwalten können und ganz genau bestimmen, welche Inhalte er wem zugänglich macht."

Das geht so weit, dass jeder, der dies möchte, seinen eigenen Server aufbauen kann, der dann ins Diaspora-Netzwerk aufgenommen wird .

Nach einigen technischen Rückschlägen steht Diaspora nun kurz vor der öffentlichen Betaphase. Von Ende November soll das Netzwerk dann jedermann auch ohne Einladung von Freunden offen stehen. "Wer will, kann sich auch jetzt schon auf den zahlreichen offenen Servern wie dem größten deutschen Pod Geraspora.de anmelden und Diaspora in der Alphaphase benutzen." Nach Amerika steht Deutschland bei den Nutzerzahlen an zweiter Stelle. Zur Zeit dominieren die technisch interessierten Mitglieder das Netz, es gibt aber auch viele Kreative. Zudem soll sich das Netzwerk bei den Anhängern der Occupy-Bewegung und des Piratenumfelds großer Sympathie erfreuen.

Falko Kraft ist bei Diaspora in erster Linie aktives Communitymitglied. Er nimmt an Diskussionen zu Verbesserungen der Software teil und berichtet über Fehler und Verbesserungswünsche. Dabei wurde der Diaspora-Pressesprecher Yosem Companys auf ihn aufmerksam und ermunterte ihn, sich um die Anfragen der deutschen Medien zu kümmern.