Leserartikel

Facebook Die Flucht aus dem sozialen Netzwerk

Sich selbst informieren, statt informiert zu werden: Leser Aiko Kempen hat sich bei Facebook abgemeldet. Ein beruhigendes Gefühl, schreibt er.

Eine kurze Notiz und dann war ich weg. Die Basis meiner digitalen Identität war gelöscht. Selbstmord 2.0.

Facebook erhebt einen Exklusivitätsanspruch als Kommunikationsplattform. Wer heutzutage nicht bei Facebook registriert ist, der ist raus. Es ist der coolste Club der Stadt und man steht vor der Tür. Von den hereinströmenden Gästen wird man misstrauisch beäugt und verspottet. Wer nicht drin ist, bekommt auch keine Einladungen für andere Veranstaltungen. Man nimmt nicht Teil am gesellschaftlichen Diskurs der Massen. Man existiert quasi nicht.

Anzeige

Und doch befand ich mich an dem Punkt, an dem ich mir sagte: "Ich mache nicht mehr mit." Mir ging es nicht um den Schutz meiner Daten oder um deren kommerzielle Verwertung. Es ging mir auch nicht um Kritik an dem Unternehmen Facebook oder um den inflationär gebrauchten Freundesbegriff. Mir ging es allein um die Frage, wie wir mit all diesen Daten umgehen, die wir auf Facebook rezipieren und reproduzieren. 

Der Schriftsteller David Foster Wallace sagte einmal: "Heute habe ich mehr als 500.000 Informationen erhalten, von denen aber nur 25 relevant sind. Mein Job ist es, daraus schlau zu werden." Mittlerweile verstorben muss er sich mit den Datenmengen des Internets nicht mehr herumschlagen.

Leserartikel auf ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Auch bei Leserartikeln, die unter Pseudonym veröffentlicht wurden, kennt die Redaktion Namen und Anschrift des Autors. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Leserartikel schreiben

Welches Thema brennt Ihnen schon seit Längerem auf der Seele? Was freut, ärgert oder verwundert Sie? Welches Buch, welche Musik oder welchen Film würden Sie gerne einmal auf ZEIT ONLINE rezensieren? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihren Leserartikel. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie alle wichtigen Hinweise, wie Sie beim Verfassen Ihres eigenen Artikels für ZEIT ONLINE vorgehen sollten.

Zur Artikeleingabe

Der ZEIT-ONLINE-Wald

Als symbolisches Dankeschön pflanzen wir für jeden Leserartikel, den wir veröffentlichen, einen Baum. Dabei arbeiten wir mit iplantatree.org zusammen. Zum Start des neuen Leserartikel-Projekts haben wir schon 1000 Bäume in Berlin Friedrichshagen gepflanzt und hoffen, dass daraus im Lauf der Jahre ein ganzer ZEIT-ONLINE-Wald wird. Mehr Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

Wir schon. Facebook kommt uns zwar entgegen. Die Algorithmen des Netzwerks kennen mich und versuchen, die Informationen so zu filtern, dass nur das bei mir ankommt, was für mich relevant ist. Aber dass die Informationen überhaupt vorsortiert werden müssen, deutet auf das eigentliche Problem hin: Auf Facebook begegnen wir einer Flut an irrelevanten, vollkommen absurden Fakten und Äußerungen. Die Inhaltsleere dieser Äußerungen würde bei einem Gespräch nicht einmal ein Kopfschütteln oder Schulterzucken auslösen.

In dem Maß, in dem Facebook zum Leitmedium der Kommunikation wird, sinkt das Niveau von Konversationen im Allgemeinen. Der in der Achtzigern verstorbene französische Philosoph Michel Foucault würde heutzutage wohl verzweifeln, würde er gemäß seines Vorsatzes handeln, alles zu lesen, um alles zu wissen.

Die entscheidende Frage ist: Wo stehe ich innerhalb der gelenkten Vorsortierung und informellen Reizüberflutung? Ich will selbst entscheiden, was für mich interessant ist. Ich will in einer Art und Weise kommunizieren, die der Beziehung gerecht wird. Ich will die Flucht ins Aktive. Ich will auf Facebook verzichten.

Ich gehe zu Verabredungen anstelle von Veranstaltungen. Ich informiere mich aktiv und warte nicht mehr auf Event-Vorschläge. Die ständige Angst, etwas zu verpassen, die einen dazu anhält, im Minutentakt Facebook aufzurufen, ist nach kurzer Zeit verschwunden. Was dann bleibt, ist das beruhigende Gefühl, sich am Abend mit Freunden über den Tag unterhalten zu können, ohne nur den digitalen Rapport zu wiederholen.

 
Leser-Kommentare
    • 15thMD
    • 07.11.2011 um 14:32 Uhr

    Ich bin der Meinung, man kann sich nicht von Facebook abmelden. Auf jeden Fall war das vor einem Jahr noch der Fall. Man kann den Account nur deaktivieren. Damit will Facebook erreichen, dass man, anstatt sich später bei Facebook wieder neu anzumelden und eine neue Facebookidentität zu gründen, mit dem alten Account wieder startet. Somit kann Facebook alte Informationen dem Menschen leichter zuordnen. Heißt: Mehr Werbeeinnahmen und eine transparentere Identität.
    Wenn das nicht mehr der Fall ist, klärt mich bitte auf...

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • elcolo
    • 07.11.2011 um 14:46 Uhr

    Es ist schon immer möglich, man muss nur etwas mehr aufwand betreiben. Um seinen Account und alle Daten von Facebook zu löschen muss man eine E-Mail an den Facebook Support schreiben in der man Facebook dazu auffordert alle Daten zu löschen. Manchmal kommt es vor, dass Facebook schreibt dies wäre nicht möglich, dann schreibt man einfach eine "entschlossenere" E-Mail mit dem selben Inhalt und in den meisten Fällen kommt dann die Bestätigungsmail. Es kann gut sein, dass diese Methode inzwischen durch eine einfachere ersetzt wurde, aber da ich schon länger nicht mehr in Facebook bin ist das mein Stand der Dinge.

    hast Du auch die Möglichkeit den account vollständig zu löschen. Erst ist der account für die ersten zwei Wochen deaktiviert, wenn Du Dich innerhalb dieser Zwei Wochen nicht noch einmal einloggst, dann erst wird der account vollständig gelöscht. Loggst Du Dich aber mit Deinen Zugangsdaten wieder ein innerhalb dieser zwei Wochen, dann ist Dein account wieder aktiv.

    Stimmt schon was Sie sagen. Was die Informationskrake Facebook einmal in ihren Tentakeln hat lässt sie nicht mehr los. Der Account bleibt hinter den Kulissen bestehen. Und dank Facebook Cookie und den auf schon fast jeder Seite vorzufindenden Like-buttons ist Facebook auch weiterhin bestens informiert über Ihre Aktivitäten. Also nicht wundern, wenn Sie nach dem deaktivieren des Accounts im Internet ab jetzt ständig auf Werbung über die neuen Facebook Features stoßen.

    • elcolo
    • 07.11.2011 um 14:46 Uhr

    Es ist schon immer möglich, man muss nur etwas mehr aufwand betreiben. Um seinen Account und alle Daten von Facebook zu löschen muss man eine E-Mail an den Facebook Support schreiben in der man Facebook dazu auffordert alle Daten zu löschen. Manchmal kommt es vor, dass Facebook schreibt dies wäre nicht möglich, dann schreibt man einfach eine "entschlossenere" E-Mail mit dem selben Inhalt und in den meisten Fällen kommt dann die Bestätigungsmail. Es kann gut sein, dass diese Methode inzwischen durch eine einfachere ersetzt wurde, aber da ich schon länger nicht mehr in Facebook bin ist das mein Stand der Dinge.

    hast Du auch die Möglichkeit den account vollständig zu löschen. Erst ist der account für die ersten zwei Wochen deaktiviert, wenn Du Dich innerhalb dieser Zwei Wochen nicht noch einmal einloggst, dann erst wird der account vollständig gelöscht. Loggst Du Dich aber mit Deinen Zugangsdaten wieder ein innerhalb dieser zwei Wochen, dann ist Dein account wieder aktiv.

    Stimmt schon was Sie sagen. Was die Informationskrake Facebook einmal in ihren Tentakeln hat lässt sie nicht mehr los. Der Account bleibt hinter den Kulissen bestehen. Und dank Facebook Cookie und den auf schon fast jeder Seite vorzufindenden Like-buttons ist Facebook auch weiterhin bestens informiert über Ihre Aktivitäten. Also nicht wundern, wenn Sie nach dem deaktivieren des Accounts im Internet ab jetzt ständig auf Werbung über die neuen Facebook Features stoßen.

  1. Ja, es ist eine Frage der Würde und der Selbstachtung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    FB war mal eine coole Idee.

    Heute haben FB-Accounts:
    - plappernde, simsende Kiddies
    - intellektlimitierte Uschis
    - möchtegern-coole Politiker/innen
    - jung gebliebene Eltern. Und Opa.
    - Selbstvermarkter/innen
    - "junge, coole" Firmen
    - Aldi, Lidl und ähnliches Gesocks
    - wenige andere, die nicht oben reinpassen

    Ein FB-Account ist peinlich.

    FB war mal eine coole Idee.

    Heute haben FB-Accounts:
    - plappernde, simsende Kiddies
    - intellektlimitierte Uschis
    - möchtegern-coole Politiker/innen
    - jung gebliebene Eltern. Und Opa.
    - Selbstvermarkter/innen
    - "junge, coole" Firmen
    - Aldi, Lidl und ähnliches Gesocks
    - wenige andere, die nicht oben reinpassen

    Ein FB-Account ist peinlich.

    • elcolo
    • 07.11.2011 um 14:46 Uhr

    Es ist schon immer möglich, man muss nur etwas mehr aufwand betreiben. Um seinen Account und alle Daten von Facebook zu löschen muss man eine E-Mail an den Facebook Support schreiben in der man Facebook dazu auffordert alle Daten zu löschen. Manchmal kommt es vor, dass Facebook schreibt dies wäre nicht möglich, dann schreibt man einfach eine "entschlossenere" E-Mail mit dem selben Inhalt und in den meisten Fällen kommt dann die Bestätigungsmail. Es kann gut sein, dass diese Methode inzwischen durch eine einfachere ersetzt wurde, aber da ich schon länger nicht mehr in Facebook bin ist das mein Stand der Dinge.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Abmelden"
  2. hast Du auch die Möglichkeit den account vollständig zu löschen. Erst ist der account für die ersten zwei Wochen deaktiviert, wenn Du Dich innerhalb dieser Zwei Wochen nicht noch einmal einloggst, dann erst wird der account vollständig gelöscht. Loggst Du Dich aber mit Deinen Zugangsdaten wieder ein innerhalb dieser zwei Wochen, dann ist Dein account wieder aktiv.

    Antwort auf "Abmelden"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sind die Daten wirklich weg...??

    Sonst aber vollkommen korrekt - ich habe den "Lösch-Button" gedrückt da ich wirklich null Nutzen für Facebook hatte (und diese "Scheinfreunde" mir auch nichts bringen). Na ja, das einzige leider ist, dass ich den Account gelöscht habe bevor sich Facebook bezüglich einer Anfrage nach meinen Daten gemeldet hat... da war der Account schon weg.

    Vermutlich hält Facebook die wenigen Informationen über mich weiterhin in seiner Datenbank - aber ändern kann ich das leider nicht...

    (Anmerkung: Die echten Freunde erreichen mich per E-Mail - oder auch Telefon und "vice versa")

    Sind die Daten wirklich weg...??

    Sonst aber vollkommen korrekt - ich habe den "Lösch-Button" gedrückt da ich wirklich null Nutzen für Facebook hatte (und diese "Scheinfreunde" mir auch nichts bringen). Na ja, das einzige leider ist, dass ich den Account gelöscht habe bevor sich Facebook bezüglich einer Anfrage nach meinen Daten gemeldet hat... da war der Account schon weg.

    Vermutlich hält Facebook die wenigen Informationen über mich weiterhin in seiner Datenbank - aber ändern kann ich das leider nicht...

    (Anmerkung: Die echten Freunde erreichen mich per E-Mail - oder auch Telefon und "vice versa")

  3. Stimmt schon was Sie sagen. Was die Informationskrake Facebook einmal in ihren Tentakeln hat lässt sie nicht mehr los. Der Account bleibt hinter den Kulissen bestehen. Und dank Facebook Cookie und den auf schon fast jeder Seite vorzufindenden Like-buttons ist Facebook auch weiterhin bestens informiert über Ihre Aktivitäten. Also nicht wundern, wenn Sie nach dem deaktivieren des Accounts im Internet ab jetzt ständig auf Werbung über die neuen Facebook Features stoßen.

    Antwort auf "Abmelden"
  4. Und der Grund ist ganz einfach: zu viel Information ist gleichbedeutend mit keiner Information, weil es keine Möglichkeit gibt, selbst bei der Fülle und Geschwindigkeit selbst zu sichten, zu sortieren und zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service