In Mexiko droht ein neuer Krieg. Dieses Mal zwischen den Aktivisten von Anonymous und einem Los Zetas genannten Drogenkartell . Die Auseinandersetzung elektrisiert Foren und Medien in dem von Drogenbaronen heimgesuchten Land. Denn sie verändert die Spielregeln.

Bislang standen sich Staat und Mafia gegenüber. Beide bis an die Zähne bewaffnet. Die organisierte Kriminalität war angesichts ihrer Milliardengewinne aber stets besser ausgestattet. Drogenbosse kaufen Waffen, aber auch Politiker, Polizeibeamte und die Justiz. Nicht nur in Mexiko und ganz Lateinamerika, auch in den USA stehen vermeintlich gutbürgerliche Mitmenschen auf der Lohnliste dieses immer größer werdenden Monsters.

Doch Anonymous ist ein Gegner, der keine Adresse, kein Gesicht und keine Familie hat, die die Mafia einschüchtern und ermorden kann. Er passt bislang nicht in das Beuteschema des Kartells.

Anonymous hat nur eine Waffe, Informationen. Die wollen die Aktivisten nutzen, um einen der ihren freizubekommen. Denn mit der Entführung eines vermeintlichen Mitglieds von Anonymous ist ein Mitwisser in die Fänge der Mafia geraten. Am 6. Oktober kündigten sie daher in einem Video an, sie würden den Kampf gegen Los Zetas aufnehmen.

Bis zum 5. November soll die Geisel freigelassen werden, fordern die Aktivisten. Sonst würden Namen, Adressen und Funktion möglicher Kartell-Mitglieder aus Politik, Justiz und Polizei veröffentlicht.

Die Zetas kaufen ihre Opfer, foltern sie oder bringen sie um. In jedem Falle ist das Umfeld des entführten Anonymous-Mitglieds in Gefahr.

Erste Stimmen aus den Reihen von Anonymous forderten daher, die "#Op Cartel" genannte Jagd auf die Mafia von Veracruz abzublasen. Zu groß ist die Furcht, in einen tödlichen Krieg verwickelt zu werden. Journalisten, aber auch Blogger, sind in jüngster Vergangenheit bereits Opfer der Zetas geworden . Ende Oktober hieß es daher, die Aktion sei beendet.

Inzwischen aber scheint sich bei Anonymous der Konsens durchzusetzen , dass gekämpft werden soll. In neuen Videos und Blogposts heißt es: "Beendet Euer Terrorregime. Wir wissen, dass wir unser Leben aufs Spiel setzen, aber wir ziehen es vor, aufrecht zu sterben, als in die Knie zu gehen und so weiterzuleben. Wir wissen nicht, wer oder was in Wahrheit hinter Euch steht. Aber glaubt uns: Wir werden es herausfinden. Wir irren uns fast nie."

Auch in Medellin kämpfte einst eine anonyme Gruppe

Eine erste Warnung an die Zetas ist Anonymous bereits gelungen. Jüngst hackten sie die Webseite von Gustavo Rosario Torres: "Gustavo Rosario ist ein Zeta", stand da zu lesen. Die Enthüllung, die allerdings ohne die Veröffentlichung von Beweisen erfolgte, ist brisant. Rosario ist als ehemaliger Oberster Staatsanwalt des mexikanischen Bundesstaates Tabasco ein ranghoher Vertreter eben der Justiz, die eigentlich die Zetas bekämpfen soll.

Doch ob solche Aktionen genügen, um mit Milliarden ausgestattete Mörder einzuschüchtern? Der mexikanische Blogger Wikichava stellte die entscheidende Frage vom Kampf der Kulturen : "Was wissen die Zetas vom Hacken einer Website? Und was wissen die Anonymous-Leute von Waffen und den Millionen von Dollar, die da im Spiel sind? Wissen Sie, was sie tun?"

Noch dazu, da es Hinweise gibt, dass die Kartelle beginnen, Hacker zu kaufen. Das amerikanische Unternehmen Stratfor , das weltweite Sicherheitsanalysen erstellt und verkauft, berichtet, mexikanische Kartelle würden Hacker engagieren, um Anonymous zu jagen.

In der Geschichte der Drogenkartelle gab es schon einmal ein ähnliches Phänomen. Zu Hochzeiten des kolumbianischen Medellin-Kartells, in den achtziger und neunziger Jahren, bildete sich eine anonyme Gruppe mit dem Namen "Los Pepes". Frustrierte Polizeibeamte und Politiker, konkurrierende Banden, Geheimdienst sowie zu allem bereite Opfer des ebenso legendären wie brutalen Kartellchefs Pablo Escobar bekämpften ihn gemeinsam. Finanziert wurde die Gruppe unter anderem von der Mafia-Konkurrenz des Cali-Kartells.

Nichts fürchtete Escobar so sehr wie diese namen- und gesichtslose Gruppierung, die die blutige Variante des Widerstandes wählte. Mutmaßliche Kartellmitglieder wurden von ihr hingerichtet, der Rechtsstaat außer Kraft gesetzt. Der wütende Escobar konnte nicht reagieren, weil er seine Gegner nicht kannte.

Escobar starb letztlich durch Kugeln der Polizei. Und Beobachter sagen heute, dass diese Selbstjustiz einer der Hauptgründe für die Gewalt in Kolumbien ist. Linke Rebellen und rechte Paramilitärs morden, wenn es ihren Zwecken dient und rechtfertigen ihre Taten mit politischer Ideologie.

Die "Mata Zetas" üben in Mexiko Selbstjustiz und töten Menschen, die sie für Mitglieder des Drogenkartells "Los Zetas" halten. © AFP/Getty Images

Auch in Mexiko gibt es inzwischen eine paramilitärische Gruppe, die sich Los Mata Zetas (Zeta-Killer) nennt. Sie hat angekündigt, das Kartell "auszulöschen" und wahrscheinlich kürzlich 35 Menschen ermordet und deren Leichen auf einer vielbefahrenen Straße abgeladen. Diese und die "Los Pepes" von Medellin sind mit den Anonymus-Aktivisten nicht zu vergleichen. Anonymus tötet nicht. Wenngleich ihre angekündigten Veröffentlichungen zu Tod, Folter und Mord führen könnten. Immerhin ist ein enttarntes Zetas-Mitglied mit all seinem Wissen eine Gefahr für das Kartell.

Gleichzeitig spüren die Aktivisten Unterstützung durch die Bevölkerung, die von Politik, Justiz und Polizei bitter enttäuscht ist. Anonymous ist für die eingeschüchterte Gesellschaft ein Hoffnungsträger. Und möglicherweise bekommt der weltweit vernetzte Drogenhandel zum ersten Mal einen Gegner, der ebenfalls weltweit vernetzt ist und an jedem Ort der Welt zuschlagen kann.

Anonymous drückt es so aus: "Das ist jetzt global. Ihr könnt versuchen, die Anonymen in Mexiko, Mittelamerika und vielleicht auch in den USA aufzuhalten. Aber Ihr könnt Anonymous nicht als eine Weltidee stoppen, Ihr könnt nicht auf den globalen Geist schießen und ihn nicht in Säure auflösen."