Protest Occupy lebt Basisdemokratie vor

Sprechchöre ersetzen Mikrofone, abgestimmt wird per Handzeichen. Die Occupy-Bewegung probt, wie sich alle in Entscheidungen einbinden lassen. Vorbild ist das Internet.

Abstimmung bei einer Occupy-Demonstration in Oakland

Abstimmung bei einer Occupy-Demonstration in Oakland

Levi Asher war überwältigt. Als der New Yorker Autor Ende September durch die Straßen seiner Heimatstadt lief, konnte er zunächst die angekündigte Generalversammlung von Occupy Wall Street nicht finden. Ein bisschen ratlos stand er herum. Plötzlich erklang neben ihm der Ruf "Mic Check!", Mikrofon-Check. Eine einzelne Stimme, der bald andere antworteten. "Mic Check! – Mic Check!" Innerhalb kürzester Zeit blieben Hunderte Menschen stehen, stimmten in den Chor ein. Die Versammlung konnte beginnen.

Flashmob könnte man eine solche spontane Gruppenbildung nennen. Und normalerweise wird das Phänomen mit Facebook oder Twitter assoziiert. In New York dagegen wurde das sogenannte Human Mic aus dem medialen Mangel geboren. Weil die Behörden den Demonstranten untersagt hatten, Megafone zu benutzen, funktionierten sich die Menschen kurzerhand selbst in Echoräume um. Die Sätze der Sprecher wurden erst von der unmittelbaren Umgebung wiederholt, dann repetierte die weiter entfernte Menge. Bei Zustimmung zum Gesagten erhoben sich außerdem die Hände, bei Ablehnung wurden die Armen zu einem X gekreuzt.

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Auf diese Weise gaben die Demonstranten nicht nur Informationen weiter, sondern stimmten ganze Programme ab: Forderung, Echo, Handzeichen, Moderation, modifizierte Forderung, wieder Echo, wieder Handzeichen. Eine "langsame, aber kraftvolle Methode" sei das, schreibt Asher auf seinem Blog Literary Kicks.

Das umständliche Procedere hat auch andere amerikanische Intellektuelle tief beeindruckt – "weil es so deutlich den Wunsch der Bewegung nach horizontaler Demokratie spiegelt", wie Nicholas Mirzoeff sagt. Der Professor für Medien und Kommunikation von der New York University war ebenfalls ein Augenzeuge. Den Abstimmungsmodus, bei dem jeder einzelne Teilnehmer ein Vetorecht hat, findet er geradezu revolutionär: "Im Gegensatz zu anderen politischen Versammlungen, bei dem die Reaktion der Zuhörenden auf Applaus begrenzt ist, können durch das 'menschliche Mikrofon' und die Handzeichen alle Anwesenden in den Prozess der Konsensbildung einbezogen werden."

Die amerikanische Occupy-Bewegung orientiert sich damit deutlich an der Vision einer hierarchiefreien Basisdemokratie, wie man sie in Deutschland zurzeit eher im Zusammenhang mit Software wie Liquid Feedback oder Adhocracy diskutiert: Wortführer sind unerwünscht, selbst Arbeitsgruppen stellen ihre Ergebnisse nur vor, um dann wieder in die zweite Reihe zurückzutreten. "Es gibt keine Delegationen, es gibt keine Repräsentanten", sagt der Medienwissenschaftler. Stattdessen herrsche eine Kultur des individuellen Vorstoßes – eben wie im Web 2.0. Dort seien die User längst gewohnt, selbstbestimmt Ideen, Bilder, Texte, Filme zu posten.

Insgesamt, sagt Mirzoeff, könne der Einfluss des Internets auf die Strukturen der amerikanischen Protestbewegung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Empörten bloggen auf tumblr, sie twittern, sie verabreden sich bei Facebook, sie bearbeiten gemeinsam Dokumente bei Google.

Für den Wissenschaftler ist das genau so wenig ein Zufall wie Besetzung des Zuccotti Parks nahe der Wall Street in New York. Denn der Platz wurde nur deshalb nicht von der Polizei geräumt, weil er zwar öffentlich zugänglich, aber in Privatbesitz ist. Ausgerechnet private Firmen, schlussfolgerte Mirzoeff kürzlich in einem Beitrag für das Blog des Kulturmagazins Critical Inquiry, stellten den Bürgern erst die Räume zur Verfügung, in denen politisches Engagement möglich ist.

Mit der Situation in Deutschland lässt sich das kaum vergleichen. Öffentliche Großdemonstrationen als Ausdruck politischer Unzufriedenheit sind seit Jahrzehnten gesellschaftlich fest verankert, genauso wie die dazugehörigen Organisationsstrukturen und -vorgänge. "Natürlich nutzen wir die sozialen Medien", sagt Max Bank, einer der Sprecher von Attac Deutschland, "vor allem im Vorfeld, bei der Mobilisierung." Trotzdem, so der 29-Jährige, "spielen direkte Kontakte immer noch die größte Rolle". Vor jeder Demonstration gibt es reale Vorbereitungstreffen, während der Aktion selbst wird dann hauptsächlich telefoniert. Attac erstellt dafür Telefonlisten, es gibt Ansprechpartner, Zuständigkeiten, man kennt sich.

Gerade in heiklen Situationen sei dieses persönliche Vertrauen enorm wichtig, sagt Bank. "Entsprechend kann ich dann nämlich auch mit Informationen verfahren, die ich über SMS oder Twitter oder sonst woher bekomme." Ein Hashtag allein mache noch keine glaubwürdige Quelle.

Während der ein oder andere Journalist schon die nächste iPhone App – ein twitterähnlicher Service namens Vibe – als neues Lieblingsvernetzungsinstrument der Demonstranten ausgemacht haben will, ruht die deutsche Protestkultur ganz offensichtlich auf anderen Säulen. Es sind: Telefonate, Mailinglisten, private Treffen.

"Von Vibe habe ich noch nie gehört, und Twitter halte ich übrigens auch für total überschätzt", sagt Michael Prütz, Sprecher des Bündnisses Wir zahlen nicht für eure Krise, über das rund 30 linke Gruppen vernetzt sind. Selbst via Facebook sind in Deutschland bei Weitem nicht alle politisch Interessierten zu erreichen. "Höchstens die Hälfte der Aktivisten, die ich kenne, ist bei Facebook." Das wiederum, betont der 58-Jährige, sei keineswegs eine Frage des Alters. Auch viele Jüngere machten einen Bogen um das soziale Netzwerk, durchaus aus politischen Gründen.

Beim Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung gab es beispielsweise eine längere interne Debatte, ob man Facebook als Plattform nutzen dürfe. Immerhin ist das Netzwerk eine der größten Datenkraken der Welt. Letztlich entschied sich die Gruppe fürs Bleiben, um andere besser informieren zu können.

Dass Smartphones, Facebook und Co. die Dynamik des Protestierens verändert haben, bestreitet niemand. "Wir sind in den letzten Jahren vielleicht nicht professioneller geworden", sagt Attac-Sprecher Bank. "Aber wir sind schneller geworden." Noch während einer Demonstration könnten jetzt über die diversen digitalen Kanäle weitere Unterstützer mobilisiert werden. Auch der Kontakt zur Presse sei einfacher, weil sich Bilder und Informationen in Echtzeit übermitteln ließen. "Und natürlich verfolgen wir auch permanent die aktuelle Berichterstattung", sagt Prütz. Schließlich geht es nicht nur um die Sichtbarkeit auf der Straße, es geht auch um die anschließende mediale Deutung.

Bei den Sprechchören von Occupy Wall Street ging es dagegen vor allem ums Gefühl. "Wie ein Gedicht", schwärmt Nicholas Mirzoeff, hätten die von der Menschenmenge langsam wiederholten Forderungen der berühmten Philosophin Judith Butler bei ihrem Auftritt in New York gewirkt. "Ein wunderschöner Effekt", fand auch Levi Asher, fast wie "ein Chor in einer griechischen Tragödie".

"Die Amerikaner waren da schon immer anders", kommentiert Prütz diese Ansicht lakonisch. "Die haben auch 1968 immerzu gesungen." In Deutschland mag man es offensichtlich lieber ein Spur nüchterner. "Wer will, kann natürlich Sprechchöre bilden", sagt Attac-Sprecher Bank, als Reminiszenz an die globale Bewegung sei das Ritual durchaus in Ordnung.

Ansonsten verlässt man sich hierzulande dann doch lieber auf bewährte Technik. Bei der für Samstag geplanten Umzingelung des Regierungsviertels in Berlin und des Bankenviertels in Frankfurt gibt es ganz offizielle Bühnen – und richtige Mikrofone.

 
Leser-Kommentare
  1. ... wie es gehen könnte, ist z.B. hier http://www.inclusivedemoc... nachzulesen. War für mich die interessanteste Lektüre seit langem. Gruß S_R

  2. Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Das kriegt man ja eventuell auf diese Weise kommuniziert.

    Aber wie sieht es mit der Transaktionssteuer aus?

    Wozu gibt es denn das Internet? Oder sind die Okkupanten des Lesens und Schreibens nicht mächtig?

    Das frag ich mich.

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    Wie der Bürgermeister von Wesel heisst, das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass Wesel ein Beispiel für eine im Flächenbombardement planierte Stadt ist.

    Es stimmt schon, komplizierte Sachverhalte lassen sich nicht abstimmen und erklären. Was dann rauskommt ist eine Art Bildzeitungsdemokratie bestenfalls oder etwas schlimmeres.

    Wie der Bürgermeister von Wesel heisst, das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass Wesel ein Beispiel für eine im Flächenbombardement planierte Stadt ist.

    Es stimmt schon, komplizierte Sachverhalte lassen sich nicht abstimmen und erklären. Was dann rauskommt ist eine Art Bildzeitungsdemokratie bestenfalls oder etwas schlimmeres.

    • wodenn
    • 11.11.2011 um 12:24 Uhr
    4. Berlin

    Schade, dass die Autorin nicht bei den Occupy Protesten in Berlin war, dort wurde die Kommunikation genauso gehandhabt und sie hätte die "Sprechchöre" live erlebt.

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    Redaktion

    Hallo,

    da Sie bei offenbar bei den Occupy-Protesten in Berlin dabei waren: Könnten Sie genauer beschreiben, wie die im Artikel beschriebenen Kommunikationstechniken dort eingesetzt wurden?

    Danke
    Sebastian Horn

    Redaktion

    Hallo,

    da Sie bei offenbar bei den Occupy-Protesten in Berlin dabei waren: Könnten Sie genauer beschreiben, wie die im Artikel beschriebenen Kommunikationstechniken dort eingesetzt wurden?

    Danke
    Sebastian Horn

  3. Oder was ist naiv? Ich finde es ist naiv zu glauben, dass man den "Teufel mit dem Beelzebub austreiben kann". Eine Strategie, an der mehr als eine "klassische" Revolution gescheitert ist. Natürlich muss sich das Bewusstsein, dass mit dieser Bewegung verbunden ist in viel größere Teile der Bevölkerung verbreiten. Und ich glaube, dass dies mit der zeit auch passiert. Ich finde es jedenfalls viel naiver, beruflich, gesellschaftlich und öffentlich einfach so weiter zu machen wie bisher. Und die Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder sozialer Gerechtigkeit auf Fahnen zu schreiben, von denen man schon jetzt weiß, dass sie nach denselben Mechanismen funktionieren die diese Misere überhaupt erst hervorgebracht haben. Oder das als rein private Sache zu behandeln, die sich als Utopie in der Realität sowieso niemals umsetzen lassen wird. Das ist der Mainstream, das gängige Muster auch in den aufgeklärtesten Kreisen. Angesichts dessen, was wir zur Zeit erleben an Dauerkrisen an zivilisatorischem Niedergang finde ich so eine Haltung allemal naiver. Vor allem wenn sie immer noch groß und breit mit einer Hoffnung auf Verbesserung der Zustände daherkommt.

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    den Begriff horinzontale Demokratie und Basisdemokratie in Form von mehr Plesbiziten.
    Keinesfalls finde ich die Suche nach neuen Formen der Kontrolle naiv, geschweige denn das Anprangern entarteter Machtprozesse.

    H.

    den Begriff horinzontale Demokratie und Basisdemokratie in Form von mehr Plesbiziten.
    Keinesfalls finde ich die Suche nach neuen Formen der Kontrolle naiv, geschweige denn das Anprangern entarteter Machtprozesse.

    H.

  4. Dass die Occupy-Bewegung genau von den Medien gefördert wird, die z.B. kein Problem mit einer undemokratischen EU haben, macht mich misstrauisch. Ich vermute eher, dass die Alt-68er eine neue, ihr sympathische Bewegung und gleichzeitig ein neues Feindbild aufzubauen wollen. Gilt es doch, die Schuldenkriese in ihrem Sinne zu interpretieren.

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  5. Dass die Occupy-Bewegung genau von den Medien gefördert wird, die z.B. kein Problem mit einer undemokratischen EU haben, macht mich misstrauisch. Ich vermute eher, dass die Alt-68er eine neue, ihr sympathische Bewegung und gleichzeitig ein neues Feindbild aufzubauen wollen. Gilt es doch, die Schuldenkriese in ihrem Sinne zu interpretieren.

  6. Neulich bei Occupy:

    "Selig sind die Siechen"
    "Hat er jetzt Siechen gesagt?"
    "Nein Griechen. Selig sind die Griechen."

    Das viel mir nur gerade ein. Entschuldigung. Bitte löschen Sie das. Aber ich fand das total passend, gerade.

    OK, das war etwas OT. Aber trotzdem schön.

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