ZEIT ONLINE:  Die Wikimedia Foundation sammelt gerade wie jedes Jahr wieder Geld – wie viel soll es dieses Mal werden und wofür wollen Sie es ausgeben?

Sue Gardner:  Unser Ziel ist so hoch wie nie: Die Wikimedia Foundation will in diesem Jahr 30 Millionen Dollar an Spenden einnehmen. Und ich denke, wir werden das schaffen. Wir verwenden etwa die Hälfte unserer Einnahmen für Personal, die andere für Technik. Wir betreiben furchtbar viele Server und wir haben gerade ein neues Rechenzentrum in Virginia eröffnet. Außerdem stellen wir gerade viele Software-Entwickler ein und geben viel Geld für eine Weiterentwicklung der Benutzeroberfläche aus. Dazu brauchen wir Designer und Experten für Nutzerfreundlichkeit. Das alles gehört zu unserer Strategie, um den Autorenschwund zu bekämpfen.

ZEIT ONLINE: Einer der Gründe für diesen Rückgang ist die veraltete und komplexe Benutzeroberfläche. Wird die modifiziert – oder in absehbarer Zeit sogar komplett ersetzt?

Gardner:  Sie haben ja Recht. Als die Wikipedia vor zehn Jahren an den Start ging, war es normal, dass ein solches System schwierig zu bedienen ist. Aber Nutzerfreundlichkeit, Interaktion und Design haben sich seitdem weiterentwickelt. Heute ist es sehr viel einfacher, etwas auf Facebook oder Twitter zu veröffentlichen, als es bei Wikipedia zu tun. Wir wissen nun, dass wir einen WYSIWYG-Editor brauchen – What you see is what you get . Etwas, das so einfach zu bedienen ist wie Google Docs es sind. Aber das ist kein simples technisches Problem. Denn wir erlauben es unseren Nutzern nicht, jede Art von Website zu bauen, in der Farbe und mit jeder Schriftart. Das ist nicht der Zweck. Das ist keine Plattform, um sich selbst auszudrücken.

Also brauchen wir spezielle Funktionen. Es muss einfach sein, Bilder hochzuladen, Informationen über Urheberrechte und Lizenzen anzuhängen und so weiter. Es muss einfach sein, Quellen einzubinden. Wir brauchen Werkzeuge wie New pages patrol , um neue Seiten von neuen Autoren auf Vandalismus und Spam zu überprüfen. Deshalb muss unser System komplexe Dinge beherrschen und gleichzeitig so einfach zu bedienen sein, dass jeder mal schnell einen Rechtschreibfehler in einem Wikipedia-Artikel korrigieren kann.

ZEIT ONLINE: Der Visual Editor soll das Bearbeiten von Wikipedia-Einträgen künftig erleichtern und die bisherige, komplizierte Nutzeroberfläche ersetzen. Wann ist es soweit?

Gardner: Unser Plan ist, noch im Dezember einen funktionsfähigen Prototypen des Visual Editors zu testen. Das Ziel wird nicht sein, ihn allen Nutzern zur Verfügung zu stellen, so weit sind wir noch nicht. Aber einige erfahrene Freiwillige sollen die neue Oberfläche testen und Fehler finden. Wenn wir die beseitigt haben, machen wir den Visual Editor allen zugänglich. Das wird vieles verändern. Wir wissen, dass eine der ersten Hürden für neue Freiwillige die Wiki-Syntax ist, die Formatierung von Texten. Wenn diese Hürde aus dem Weg geräumt ist, wird immer noch nicht jeder Mensch auf der Welt einen Wikipedia-Artikel editieren können, aber es ist ein großer Schritt dahin.

ZEIT ONLINE: Wann soll der Visual Editor allgemein nutzbar sein? Im kommenden Jahr oder doch erst 2013?

Gardner: Ich bin nicht sicher, wie lange es dauern wird. Wir sind auf die Hilfe der Community angewiesen, um die Fehler zu finden und zu beseitigen. Ich hoffe, dass wir es noch 2012 schaffen, aber es gibt keine Vorgabe.

ZEIT ONLINE: Ein anderer Grund für die Probleme, neue Autoren zu finden, ist die oft feindselige Atmosphäre in der Community , die Neulingen sofort entgegenschlägt. Wie wollen Sie daran etwas ändern?

Gardner: Ich habe zwar in der Hinsicht keine Erfahrung mit der deutschen Community , weil ich kein Deutsch spreche. Aber ich weiß, dass es diese Kritik gibt. Neue Freiwillige sagen uns, dass sie sich nicht willkommen fühlen. Ich glaube nicht, dass unsere Community grundsätzlich dazu neigt, sich zu bekämpfen. Aber unsere Nutzer sind in der Regel sehr, sehr schlaue Menschen, die Debatten als eine Art intellektuelles Spiel sehen. Sie verletzen vielleicht die Gefühle anderer, aber nicht absichtlich. Wir in der Wikimedia Foundation versuchen, etwas dagegen zu tun. Zum Beispiel haben wir ein kleines Werkzeug namens WikiLove ...

ZEIT ONLINE: ... die Erweiterung, mit der Nutzer anderen Freiwilligen virtuelle Herzchen schenken können?

Gardner: Ja, sie soll es Leuten leicht machen, Dank und Anerkennung auszudrücken. Man muss Menschen zeigen, welches Verhalten erwünscht ist und unterstützt wird. Wenn es so etwas wie WikiLove nicht gäbe, würde ein Freiwilliger zweimal nachdenken, bevor er jemanden lobt oder ihm dankt – weil unser System ihm nicht sagt, dass das ein normales Verhalten ist. Wir glauben, wenn die Leute diese Zeichen für Lob und Anerkennung auf den Seiten der Mitglieder sehen, dann wird Lob normal.

Aber es gibt noch andere Dinge, die wir tun können. Andere Dienste im Internet wie Twitter oder Facebook schicken ihren Nutzern viele E-Mails und schreiben: Klick hier, der will dein Freund sein, antworte dem, der auf deine Pinnwand geschrieben hat... Wikipedia dagegen wollte seine Nutzer nie mit Spam belästigen. Wir machen es ihnen sogar ziemlich schwer, sich für E-Mail-Listen anzumelden. Diese stille Zurückhaltung von Wikipedia war vielleicht im Jahr 2001 angemessen, heute aber wirkt sie so, als ob der Wikipedia die Nutzer egal wären.