Enzyklopädie : "Wikipedia wäre besser, wenn mehr Frauen dabei wären"

Mitmachen bei der Wikipedia muss einfacher werden, sagt Sue Gardner von der Wikimedia Foundation. Im Interview verspricht sie einen neuen Editor. Vielleicht schon 2012.

ZEIT ONLINE:  Die Wikimedia Foundation sammelt gerade wie jedes Jahr wieder Geld – wie viel soll es dieses Mal werden und wofür wollen Sie es ausgeben?

Sue Gardner:  Unser Ziel ist so hoch wie nie: Die Wikimedia Foundation will in diesem Jahr 30 Millionen Dollar an Spenden einnehmen. Und ich denke, wir werden das schaffen. Wir verwenden etwa die Hälfte unserer Einnahmen für Personal, die andere für Technik. Wir betreiben furchtbar viele Server und wir haben gerade ein neues Rechenzentrum in Virginia eröffnet. Außerdem stellen wir gerade viele Software-Entwickler ein und geben viel Geld für eine Weiterentwicklung der Benutzeroberfläche aus. Dazu brauchen wir Designer und Experten für Nutzerfreundlichkeit. Das alles gehört zu unserer Strategie, um den Autorenschwund zu bekämpfen.

ZEIT ONLINE: Einer der Gründe für diesen Rückgang ist die veraltete und komplexe Benutzeroberfläche. Wird die modifiziert – oder in absehbarer Zeit sogar komplett ersetzt?

Sue Gardner

Die Kanadierin Sue Gardner (geboren 1967) ist seit Dezember 2007 die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation. Sie bekam im Geschäftsjahr 2009 / 2010 für ihre Arbeit 240.159 US-Dollar.

Die ehemalige Journalistin arbeitete zuvor bei der Canadian Broadcasting Corporation (CBC).

Gardner:  Sie haben ja Recht. Als die Wikipedia vor zehn Jahren an den Start ging, war es normal, dass ein solches System schwierig zu bedienen ist. Aber Nutzerfreundlichkeit, Interaktion und Design haben sich seitdem weiterentwickelt. Heute ist es sehr viel einfacher, etwas auf Facebook oder Twitter zu veröffentlichen, als es bei Wikipedia zu tun. Wir wissen nun, dass wir einen WYSIWYG-Editor brauchen – What you see is what you get . Etwas, das so einfach zu bedienen ist wie Google Docs es sind. Aber das ist kein simples technisches Problem. Denn wir erlauben es unseren Nutzern nicht, jede Art von Website zu bauen, in der Farbe und mit jeder Schriftart. Das ist nicht der Zweck. Das ist keine Plattform, um sich selbst auszudrücken.

Also brauchen wir spezielle Funktionen. Es muss einfach sein, Bilder hochzuladen, Informationen über Urheberrechte und Lizenzen anzuhängen und so weiter. Es muss einfach sein, Quellen einzubinden. Wir brauchen Werkzeuge wie New pages patrol , um neue Seiten von neuen Autoren auf Vandalismus und Spam zu überprüfen. Deshalb muss unser System komplexe Dinge beherrschen und gleichzeitig so einfach zu bedienen sein, dass jeder mal schnell einen Rechtschreibfehler in einem Wikipedia-Artikel korrigieren kann.

ZEIT ONLINE: Der Visual Editor soll das Bearbeiten von Wikipedia-Einträgen künftig erleichtern und die bisherige, komplizierte Nutzeroberfläche ersetzen. Wann ist es soweit?

Gardner: Unser Plan ist, noch im Dezember einen funktionsfähigen Prototypen des Visual Editors zu testen. Das Ziel wird nicht sein, ihn allen Nutzern zur Verfügung zu stellen, so weit sind wir noch nicht. Aber einige erfahrene Freiwillige sollen die neue Oberfläche testen und Fehler finden. Wenn wir die beseitigt haben, machen wir den Visual Editor allen zugänglich. Das wird vieles verändern. Wir wissen, dass eine der ersten Hürden für neue Freiwillige die Wiki-Syntax ist, die Formatierung von Texten. Wenn diese Hürde aus dem Weg geräumt ist, wird immer noch nicht jeder Mensch auf der Welt einen Wikipedia-Artikel editieren können, aber es ist ein großer Schritt dahin.

ZEIT ONLINE: Wann soll der Visual Editor allgemein nutzbar sein? Im kommenden Jahr oder doch erst 2013?

Gardner: Ich bin nicht sicher, wie lange es dauern wird. Wir sind auf die Hilfe der Community angewiesen, um die Fehler zu finden und zu beseitigen. Ich hoffe, dass wir es noch 2012 schaffen, aber es gibt keine Vorgabe.

ZEIT ONLINE: Ein anderer Grund für die Probleme, neue Autoren zu finden, ist die oft feindselige Atmosphäre in der Community , die Neulingen sofort entgegenschlägt. Wie wollen Sie daran etwas ändern?

Gardner: Ich habe zwar in der Hinsicht keine Erfahrung mit der deutschen Community , weil ich kein Deutsch spreche. Aber ich weiß, dass es diese Kritik gibt. Neue Freiwillige sagen uns, dass sie sich nicht willkommen fühlen. Ich glaube nicht, dass unsere Community grundsätzlich dazu neigt, sich zu bekämpfen. Aber unsere Nutzer sind in der Regel sehr, sehr schlaue Menschen, die Debatten als eine Art intellektuelles Spiel sehen. Sie verletzen vielleicht die Gefühle anderer, aber nicht absichtlich. Wir in der Wikimedia Foundation versuchen, etwas dagegen zu tun. Zum Beispiel haben wir ein kleines Werkzeug namens WikiLove ...

ZEIT ONLINE: ... die Erweiterung, mit der Nutzer anderen Freiwilligen virtuelle Herzchen schenken können?

Gardner: Ja, sie soll es Leuten leicht machen, Dank und Anerkennung auszudrücken. Man muss Menschen zeigen, welches Verhalten erwünscht ist und unterstützt wird. Wenn es so etwas wie WikiLove nicht gäbe, würde ein Freiwilliger zweimal nachdenken, bevor er jemanden lobt oder ihm dankt – weil unser System ihm nicht sagt, dass das ein normales Verhalten ist. Wir glauben, wenn die Leute diese Zeichen für Lob und Anerkennung auf den Seiten der Mitglieder sehen, dann wird Lob normal.

Aber es gibt noch andere Dinge, die wir tun können. Andere Dienste im Internet wie Twitter oder Facebook schicken ihren Nutzern viele E-Mails und schreiben: Klick hier, der will dein Freund sein, antworte dem, der auf deine Pinnwand geschrieben hat... Wikipedia dagegen wollte seine Nutzer nie mit Spam belästigen. Wir machen es ihnen sogar ziemlich schwer, sich für E-Mail-Listen anzumelden. Diese stille Zurückhaltung von Wikipedia war vielleicht im Jahr 2001 angemessen, heute aber wirkt sie so, als ob der Wikipedia die Nutzer egal wären.

"Studenten waren immer der Motor der Wikipedia"

ZEIT ONLINE: Das soll reichen, um Altmitglieder davon zu überzeugen, weniger harsch mit Anfängern umzugehen?

Gardner: Nun ja, die Freiwilligen kümmern sich um die Artikel der Wikipedia. Es ist nicht ihr Job, den Blick für das große Ganze zu bewahren, das ist die Aufgabe der Wikimedia Foundation. Also führen wir viele Studien durch: Wir fragen, warum jemand nicht mehr mitmachen will, und wir fragen Anfänger, wie es ihnen ergeht. Wir erzählen die Geschichten der Freiwilligen. Und wir glauben, dass das mit der Zeit einen positiven Effekt haben wird. Was ich an den Wikipedianern immer am meisten geschätzt habe, ist, dass sie rationale Menschen sind. Sie sind offen für neue Informationen und sie ziehen kluge Schlüsse daraus.

Ich weiß nicht, wie es in der deutschen Community zugeht, aber ich kann Daten liefern. Die Mitglieder der Community werden dann auf dieser Basis entscheiden, was für sie am besten ist.

ZEIT ONLINE: Der Frauenanteil unter Wikipedia-Autoren soll von derzeit höchstens 13 auf 25 Prozent steigen. Wie wollen Sie das schaffen – und warum?

Gardner: Ich lege großen Wert darauf, weil mir die Qualität der Enzyklopädie wichtig ist. Wir wollen das gesamte Wissen der Menschheit verbreiten. Das schaffen wir nicht, wenn nur jeder zehnte Autor eine Frau ist. Da fehlt uns so viel Wissen, so viel Erfahrung, so viel Hintergrund. Ich will nicht in Stereotypen denken, aber ich bin sicher, dass manche Themen in der Wikipedia qualitativ hochwertiger wären, wenn Frauen oder ältere Menschen oder Menschen von der Südhalbkugel etwas beisteuern würden.

ZEIT ONLINE: An was für Inhalte denken Sie? Es macht ja keinen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau die Hauptstadt irgendeines Staates einträgt.

Gardner: Ich will da nicht spekulieren. Aber ich selbst zum Beispiel interessiere mich sehr für britische Romanautorinnen, und ich finde, in der englischen Wikipedia sind wir damit ein bisschen schwach aufgestellt. Ich bin eine Managerin und interessiere mich für Organisations-Verhalten und Organisations-Psychologie. Da sind wir auch ziemlich schwach. Der akademische Teil ist gut, aber wenn es um die praktische Umsetzung von Management-Theorien geht, ist die Wikipedia schwächer.

ZEIT ONLINE: Sie wollen vor allem in Indien, Afrika und Süd-Amerika wachsen. Wie wollen Sie dort Freiwillige finden? Zumal es in diesen Ländern eine Internetverbindung fast nur auf mobilen Geräten gibt?

Gardner: Wir wollen in diesen Ländern vor allem mehr Autoren gewinnen. Immer mehr Menschen dort können ins Internet, und wir wollen, dass sie die Wikipedia mitschreiben. Die Hindi-Wikipedia zum Beispiel ist sehr klein. Wir hätten gerne viel mehr Freiwillige. Natürlich gibt es technische Herausforderungen: fehlende Breitband-Verbindungen, fehlende Endgeräte, fehlendes Geld für Laptops und so weiter. Um trotzdem mehr Freiwillige zu gewinnen, gehen wir an Universitäten und Schulen.

Denn Studenten waren immer schon der Motor der Wikipedia. Sie sind belesen, sie sind es gewohnt, zu forschen und Fragen zu stellen, sie haben oft eigene Computer – sie sind also die richtige Zielgruppe. Also versuchen wir die Dozenten zu überreden, das Schreiben von Wikipedia-Artikeln zu Seminaraufgaben zu machen. Schüler und Studenten mögen das, weil sie ein großes Publikum haben, und der Dozent mag es, weil sie sich mehr anstrengen, wenn sie für ein großes Publikum schreiben. Wir wissen nicht, ob sie später dabei bleiben, aber selbst wenn nicht, haben wir davon profitiert.

"Ich muss mit dem Bildfilter die Quadratur des Kreises schaffen"

ZEIT ONLINE: Ein Thema, das insbesondere die deutsche Community auf die Palme bringt, ist der geplante Bildfilter, mit dem Wikipedia-Nutzer bestimmte Inhalte der Wikimedia Commons ausblenden können. Sie waren am Sonntag bei der Mitgliederversammlung in Hannover. Zum Thema Bildfilter sagten Sie dort sinngemäß "Ich bin doch hier und höre euch zu – das ist ja wohl Grund genug für euch, euren Tonfall zu mäßigen". Ist das alles, was Sie zu dem Thema derzeit anzubieten haben?

Gardner: Der Stiftungsrat hat mich beauftragt, den Bildfilter zu installieren. Daraufhin habe ich unter den Wikipedia-Gemeinschaften ein Referendum organisiert, das in der Mehrheit eine vorsichtige Zustimmung zeigte, bei vielen aber auch sehr eindeutige Ablehnung. Danach gab es in der deutschen Community eine eigene Abstimmung mit vielen Teilnehmern, die klar gezeigt hat, dass die Deutschen den Filter ablehnen. Also habe ich noch mal mit dem Stiftungsrat geredet. Wir haben beschlossen, dass es erstens keinen Filter geben wird, für den alle Bilder in Kategorien eingeordnet werden müssen. Zweitens werde ich keinen Filter gegen den erklärten Willen der deutschen Community installieren. Das wäre einfach respektlos.

Bei der Mitgliederversammlung am Sonntag in Hannover hat die deutsche Community beschlossen, den Stiftungsrat aufzufordern, noch einmal über den Filter nachzudenken. Aber bis der seine Anweisungen an mich ändert, bin ich dafür verantwortlich, einen Bildfilter entwickeln zu lassen. Ich muss also die Quadratur des Kreises schaffen: einen Filter entwickeln, den die deutsche Community akzeptiert und der den Anforderungen des Stiftungsrats entspricht. Das wird nicht einfach, aber das ist nun mal meine Aufgabe. Was ich bei der Mitgliederversammlung in Hannover aber sagen wollte, war: So soll es laufen – auch wenn es niemandem Spaß macht, auch wenn es Menschen verärgert. Wir wollen uns gegenseitig zuhören und unsere Positionen so lange justieren, bis wir uns einigen.

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Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

In diesem Falle trifft das zu...

...aus dem einfachen Grund, weil Frauen eben nicht so technikaffin sind und verständlicherweise keinen Bock haben, sich mit uralter Frickel-Software auseinanderzusetzen. Als ich mal kurz bei Wiki geschrieben habe (vor 2-3 Jahren), hat mich das auch abgeschreckt. Diskussionen die mehr oder weniger über Textfiles geführt werden, komische Formatierung, händisches Nachsignieren... unglaublich mit welch primitiven Werkzeugen da noch gearbeitet wurde und wie unglaublich viel Zeit damit nach wie vor verschwendet wird.

Naja aber so ist das halt.

Die Welt wird einem halt leider nicht immer hinterhergetragen. Als ich mal einen Artikel für Wikipedia geschrieben habe fand ich die Benutzerumgebung auch recht umständlich und es war nicht gleich alles einfach.
Ich habe mich dann natürlich nicht davon abschrecken lassen, denn wer immer erst wartet, bis alles ganz einfach ist, der wird nie etwas großes leisten.

Daher hätte ich dann doch mal eine Frage an die User, wenn ich den Unterton hier richtig interpretiere: Seht ihr es so, dass Frauen sich von Widrigkeiten und Problemen schneller abschrecken lassen als Männer?

Abschrecken ist falsch.

"Seht ihr es so, dass Frauen sich von Widrigkeiten und Problemen schneller abschrecken lassen als Männer?"

Ich glaube bei der (deutschen) Wikipedia wirken im wesentlichen Leute mit, die stolz darauf sind, ein komplexes Userinterface und die ebenso komplexen Prozesse gemeistert zu haben. Die Mitarbeit bei der Wikipedia scheint auch so eine Art Lebensaufgabe sein zu müssen, man muss eben großes leisten wollen um da wirklich mitzumachen.

Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass viele Menschen – und noch weniger Frauen – bereit sind ein derart großes Commitment zeigen zu wollen, wie es die derzeitige Wikipedia erfordert. Man könnte auch anders sagen: Der Wikipedia fehlt die Möglichkeit eines "Casual"-Editors, also Leute die vielleicht mal was korrigieren wollen oder einen kleinen Abschnitt irgendwie hinzufügen möchten und dann wieder was anderes machen.

Ich persönlich denke das Verhalten, dass die Wikipedia momentan fördert eher männlich ist und Frauen mehr zu den Casual-Editoren gehören. Und so wie die Technik momentan gestaltet ist, bedarf es eben einer hohen "Anfangsinvestition" bis man schreiben kann und ich bin mir nicht sicher ob der "Reward" (lange unübersichtliche Diskussionen) für diesen Aufwand erstrebenswert für viele ist

Nein...

so wäre es auch nicht besser. Sexistisch deshalb, weil unterstellt wird, dass bei einer Wissensdatenbank die Qualität abhängig vom Geschlecht der Mitarbeiter gesteigert werden würde. Das ist Unsinn! Diskriminierend deshalb, weil mit einer solchen Steigerung suggeriert wird, dass der momentane Männerüberschuss zu schlechteren Ergebnissen führt. Das ist ebenfalls Unsinn!

Danke.

"Denn ein Wikipedia mit größerer Autorenvielfalt - und ich bin mir sicher Frau Gardner meint genau das! - wäre wirklich eine Bereicherung."

Das bedurfte noch einmal anderer Worte.

"Mehr Vielfalt.

Das ist die eigentliche Idee dahinter, Wikipedia einfacher bedienbar zu machen. Dadurch entsteht eine größere Themenvielfalt, ein größerer Schatz an Wissen, besseres Review. Mehr Frauen -> Mehr Vielfalt. So einfach ist das."

Kann man/ frau ja gar nicht oft genug wiederholen, wirklich!

Na ja...

"Wikipedia wäre besser, wenn weniger Frauen dabei wären oder der Frauenanteil von 13% auf Dauer konstant bliebe"

So besser?

Geht so. Wie wär's damit:

"Die Schwächen von Wikipedia würden sich nicht so leicht tatsächlich oder vermeintlich männlichen Eigenschaften zuschreiben lassen, wenn der Anteil weiblicher Mitarbeiter möglichst bei jedem einzelnen Artikel exakt dem Anteil von Frauen an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde".

Wäre aber vielleicht etwas zu lang.