Chaos Computer ClubDas neue Selbstbewusstsein der Hackerszene

Ihnen ist die Welt Algorithmus. Auf dem Chaos-Communication-Congress trifft sich die Avantgarde der Computerszene: die Hacker. Sie sind wichtig für unsere Gesellschaft. von 

"Does Hacktivism Matter?", fragte einer der Referenten beim 28. Chaos-Communication-Congress (28C3) in Berlin, also verändern Hacker die Welt? Vor einigen Jahren hätten diese Frage sicher noch viele Menschen verneint. Inzwischen jedoch lautet die Antwort darauf eindeutig ja.

"Es gibt keine Flugzeuge, nur Computer, die fliegen. Es gibt keine Autos, es gibt nur rollende Computer. Es gibt keine Hörgeräte, keine Radios, keine Telefone mehr", sagt der kanadische Autor Cory Doctorow. Das bedeutet, wir leben in einer Welt in der fast alles von Computern und ihren Algorithmen definiert und gesteuert wird.

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Lange wurde dieser Gedanke von vielen Menschen entweder ignoriert oder machte ihnen vor allem Angst. Die Angst gibt es garantiert noch immer. Gleichzeitig setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass jene, die Computer verstehen und bedienen können, für die Welt immer wichtiger werden. Es gibt eine neue Leitkultur. Es ist die Kultur der Nerds und Geeks. Ahnung von Technik zu haben, gilt endlich nicht mehr als obskur oder als gefährlich, es gilt als unverzichtbar.

Ein Ort, an dem sich diese Entwicklung live beobachten lässt, ist eben jener Chaos-Communication-Congress. Jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr veranstaltet der Chaos Computer Club sein Treffen. Jedes Jahr interessieren sich mehr Menschen für die Vorträge und Workshops, die sich alle mit einem Thema befassen: Hacken.

Alles kann Ziel eines Hacks sein

Und gehackt wird so ziemlich alles. In diesem Jahr sind Stellwerke der Bahn genauso Ziel wie Drucker, Menschen im Allgemeinen und Politiker im Besonderen, Chipkarten, Internetprotokolle, Satellitentelefone oder der Internettelefoniedienst Skype. Um nur einige Themen zu nennen, die in den 100 Vorträgen behandelt werden.

Wer dabei nun an finstere Typen denkt, die aus Frust oder aus Spaß an der Zerstörung Dinge kaputt machen, der hat zwar wahrscheinlich viele Filme gesehen, aber nicht verstanden, worum es geht. Selbstverständlich gibt es Kriminalität, gibt es Hacker, die aus Profitgier einbrechen. Die aber sind eher selten Mitglied im Chaos Computer Club.

Der CCC und seine Anhänger verstehen sich als Menschen, die Technik verstehen wollen. Verstehen aber kann sie nur, wer sie auseinander nimmt. In anderen Bereichen unserer Gesellschaft wird diese Neugier Forscherdrang und Wissenschaft genannt. Doch jene, die sich vor allem mit dem Thema Sicherheit befassen, müssen noch immer mit ihrem traditionell schlechten Image kämpfen.

Aber das ändert sich eben. Das zeigt sich unter anderem am Selbstverständnis der Hacker. Vor drei Jahren lautete das Motto des Kongresses beispielsweise " Here be dragons ". Die Warnung vor Drachen war eine Reminiszenz an mittelalterliche Seekarten, auf denen mit diesen Worten gerne weiße Flecken bezeichnet wurden. Der CCC wollte damit auf das unerforschte Land IT hinweisen und auf dessen von den Unwissenden vermuteten Gefahren.

Leserkommentare
  1. Sehr schön, den Begriff "Hacker" mal in seiner eigentlichen Bedeutung zu lesen.

    Ich bin ich dem CCC für sein Engagement (man erinnere sich an die Schäublone, Berater-Tätigkeit beim BVerfG, Positionen zur informationellen Selbstbestimung, Privatsphäre, etc. pp.) sehr, sehr dankbar. Und mit Unmut erfüllt es mich dann immer wieder, wenn in den seichteren Massenmedien allgemein von "Hackern" gesprochen wird, die kriminelle Handlungen oder anerkenenswerte "Hacks" machen. Wer da die Guten und wer die Bösen sind, kehrt sich dabei schnell um, ohne dass die Medien das klar stellen.

    Im Artikel ist dies aber außerordentlich gut gelungen und dafür vielen Dank!

    13 Leserempfehlungen
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    Ich kann mich dem nur anschließen.

    Allein die Deutung der Aussage Cory Doctorows ("Es gibt keine Flugzeuge, nur Computer, die fliegen. Es gibt keine Autos, es gibt nur rollende Computer."), ist etwas zu kurz gesprungen, wählte er den Satzbau doch analog zu dem des Jedi-Kodex. Unterschwellig bedeutet das, dass das angeeignete Wissen nur für friedliche Zwecke eingesetzt wird. Es untermauert den Ehrenkodex der Hackerszene, welche sich damit nicht selbst beweihräuchert.

  2. Ich kann mich dem nur anschließen.

    Allein die Deutung der Aussage Cory Doctorows ("Es gibt keine Flugzeuge, nur Computer, die fliegen. Es gibt keine Autos, es gibt nur rollende Computer."), ist etwas zu kurz gesprungen, wählte er den Satzbau doch analog zu dem des Jedi-Kodex. Unterschwellig bedeutet das, dass das angeeignete Wissen nur für friedliche Zwecke eingesetzt wird. Es untermauert den Ehrenkodex der Hackerszene, welche sich damit nicht selbst beweihräuchert.

    2 Leserempfehlungen
  3. @ Jörg_aus_slovensko: Niemand hat Züge gehackt – die Wortwahl im Artikel ist in diesem Punkt missverständlich. Es ging in dem Vortrag um verschiedene Sicherheitslücken bei der Bahn, und nicht ums Kaputtmachen. Zudem kann ich dich beruhigen: Niemand wird remote deinen nächsten ICE entgleisen lassen, denn ein Fazit des Vortragenden war, dass physische Angriffe nach wie vor erheblich einfacher sind.
    Unter seinem Titel "Can trains be hacked" ist der Vortrag übrigens bereits auf Youtube zu finden, hör ruhig mal rein.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kein Dank von mir!"
  4. aus den informationen des gegenständlichen artikels geht weder hervor wer besagtes stellwerk gehckt hat, noch, dass es durch den hack an sich zu beeinträchtigungen für fahrgäste kam.

    mir persönlich ist es lieben der cc und ähnliche vereinigungen nehmen - um bei dem beispiel zu bleiben - die stellwerke der bahn auseinander, und zeigen auf, wie einfach es möglich ist derartige systeme zu übernehmen oder zu stören, als irgendjemand mit krimiller oder terroristischer energie. es ist doch nicht die schuld des hackers, dass die software anfällig für angriffe ist. es ist schuld der progrmaierer und der firmen die diese software einsetzen.

    es ist ein irrglaube meit technik- und wissenschaftsferner schichten zu glauben, man müsse sowas geheim halten anstatt es zu reparieren. es gibt aber verbrecher die genau so wissen, wie man in ein coputersystem eindringt, wie es andere gibt, die mit haushaltschemikalien eine bombe bauen können. wissen ist heute in einem maß öffentlich wie nie zuvor. man muss es nur in anspruch nehmen.

    von da her: weiter so jungs und mädels.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kein Dank von mir!"
  5. "Ahnung von Technik zu haben, gilt endlich nicht mehr als obskur oder als gefährlich, es gilt als unverzichtbar."

    Im Kontext versteht man sofort was gemeint ist. Aber zuerst war ich etwas irritiert, wegen der Merhdeutigkeit.

    Am sonsten kann ich dem ersten Kommentar nur zustimmen. Ich bin Informatik-Student und freue mich über diesen Artikel. Besten Dank.

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  6. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Die Redaktion/sc

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  7. Der CCC ist beliebt und es ist gut das es ihn in gibt, hoffentlich wird er nicht durch die mediale Aufmerksamkeit und gut gemeinte Marketing-Kooperationen innerlich zerrieben.

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    • Mailer
    • 29. Dezember 2011 0:59 Uhr

    "Man kann aber auch dankbar dafür sein, da solche Hacks letztlich dazu führen, dass Dinge besser und sicherer werden."

    Jein. Viele CCCler können Technik. Gesellschaft, Recht, Sozialität können sie nicht. Deshalb sind sie nur im Verbund mit externen Juristen, Ethnologen, etc. hilfreich. Wenn sie das endlich selber anerkennen, sind sie bereit für eine echte Weltverbesserung. Dafür müssen sie aber zuerst all die spinnerten Verschwörungstheoretiker aussortieren und denselben Maßstab, den sie an Technikanalyse anlegen, auch an die Sozialkompetenz anlegen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Chaos Computer Club | Cyberwar | Hacker | Skype | Technik | Alexanderplatz
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