Douglas Coupland ist nicht bei Facebook, weil es ihn süchtig machen würde. © Andrew H. Walker/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Coupland, Sie prophezeien in einem Artikel, dass die Mittelschicht dem Untergang geweiht ist. Sind Sie wirklich ein solcher Pessimist?

Douglas Coupland: Das war eher eine Rolle, die ich testweise eingenommen habe. Ich wollte herausfinden, wo es hinführt, wenn man alles so pessimistisch wie möglich einschätzt. In den USA und Kanada gibt es die unausgesprochene Verpflichtung, alles positiv zu sehen. So wirklich scheint uns das aber nicht weiterzubringen. Deshalb wollte ich einmal eine andere Taktik ausprobieren. Eine gute Übung, ich kam dabei auf viele gute Ideen. Man darf nur nicht den Fehler machen und alles wörtlich nehmen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen auch voraus: "Alles zu wissen, wird langweilig werden." Wie ist das gemeint?

Coupland: Ich habe mir die Quizshow der Zukunft vorgestellt, in der ein Musikstück angespielt wird und jeder Kandidat plötzlich sein iPhone herausholt, eine Musikerkennungs-App wie "Shazam" startet und sofort sagen kann, dass das Edvard Grieg ist, gespielt vom Symphonieorchester Cincinnati. Dann stellt die Moderatorin plötzlich Fragen auf ungarisch, aber natürlich haben alle ein Instant-Übersetzungsprogramm in ihren Smartphones. Am Ende gewinnt der, der den schnellsten Prozessor hat und sein Telefon am besten bedienen kann.

ZEIT ONLINE: Wäre es besser, wenn der gewinnt, der am meisten Fakten auswendig gelernt hat?

Coupland: Sie haben recht, in gewisser Weise macht das Smartphone alle Menschen gleich. Deutschland hat die höchste iPhone-Dichte auf der Welt. Jeder kann also alles wissen. Aber Allwissenheit ist eben gar nicht so interessant, wie man denkt: Man sitzt zusammen und stellt sich eine interessante Frage, und statt gemeinsam zu überlegen, holt inzwischen fast immer jemand sein Telefon raus und googelt schnell die Antwort.

ZEIT ONLINE: Trotz ihrer iPhones gelten die Deutschen eher als skeptisch, was neue Technologien betrifft. Sie sind bei Baden-Baden geboren – haben Sie eine Erklärung, woher diese deutsche Skepsis kommt?

Coupland: Ich habe das auch schon bemerkt. Die Deutschen waren zum Beispiel die einzigen, die sich darüber aufregten , als Autos durch die Straßen fuhren und für Google Streetview Fotos von den Häuserfassaden machten. Ob das einen kulturellen Hintergrund hat? Keine Ahnung. Vielleicht sind viele Deutsche einfach deprimiert? Nein, das glaube ich nicht, im Vergleich zu den Dänen seid Ihr geradezu euphorisch. Andererseits muss man auch erkennen, dass Ihr Deutschen immer alles zuerst habt. Ihr lebt in einer Kultur, die von Forschung und Technik angetrieben wird – es ist also ein bisschen so, als wäre Deutschland eine Art Testlabor.

ZEIT ONLINE: Ein Labor für die Vernetzung und die Allgegenwart des Smartphones?

Coupland: Ja, so wie die Teenager, die von Computerspielfirmen drei Dollar pro Stunde bekommen, damit sie deren neue Produkte auf Fehler testen. Die Deutschen sind also so etwas wie die Probespieler für den Rest der Welt. Und bei jeder neuen technischen Entwicklung gibt es zuerst eine Achterbahnfahrt von übertriebener Glorifizierung und ebenso übertriebener Verurteilung. Nach einer Weile haben sich dann alle daran gewöhnt und keiner kann sich mehr daran erinnern, wie das Leben vorher war. Das war beim Buchdruck so, beim Fernsehen und beim Internet – und es wird bei allen weiteren Entwicklungen auch so sein.

ZEIT ONLINE: Ein deutscher Datenschützer wollte Facebook das Einsammeln von Nutzerdaten auf Internetseiten verbieten .

Coupland: Solche kurzfristigen Debatten sind in ihrer Irrelevanz geradezu lustig. In ein paar Jahren wird es ein Speichermedium geben, auf dem die Vorlieben jedes Menschen gespeichert sind. Es wird in die Hosentasche passen und in jedem Supermarkt für 79 Cent zu kaufen sein. Das wird so oder so passieren, das ist technologischer Determinismus. Es hat einen gewissen Charme zu glauben, dass man solche Dinge regulieren kann. Es ist so, als hätte man sich in den fünfziger Jahren Gedanken darüber gemacht, wie groß eine Fernsehantenne auf dem Dach sein kann. Das sind Fragen, die sich ganz von selbst erledigen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen das relativ emotionslos.

Coupland: In den letzten zehn Jahren hat sich so viel verändert – und das meine ich gar nicht in Bezug auf den 11. September 2001. Es wurden einfach so viele bahnbrechende Entwicklungen auf uns losgelassen, dass wir geistig immer noch nicht aufgeholt haben. Das Internet verändert die Politik, das Smartphone verändert unser Zusammenleben. Es wäre interessant, wenn unsere Gesellschaft sich eine einjährige Pause von allen neuen Erfindungen verordnen könnte, damit man erst mal Zeit hat, gesellschaftliche Konventionen für die Entwicklungen der letzten zehn Jahre zu finden. Doch diese Pause kann es natürlich nicht geben.

ZEIT ONLINE: Wie können wir stattdessen mit diesem Tempo und all den neuen Anforderungen fertigwerden?

Coupland: Ich habe gerade eine Biografie des kanadischen Kommunikationstheoretikers Marshall McLuhan geschrieben. Ich kannte vorher nur seine beiden Slogans "The medium is the message" und sein Bild vom "globalen Dorf". Dann habe ich gemerkt, wie präzise er schon vor 50 Jahren unsere heutige Welt vorhergesehen hat, inklusive Sachen wie eBay, Paypal, Twitter und so weiter. Er sagt, das beste, um mit den Veränderungen durch eine neue Technik klarzukommen, ist wiederkehrende Muster zu erkennen. Als Beispiel verwendet er die Geschichte "Sturz in den Mahlstrom" von Edgar Allan Poe. Darin überlebt ein Seemann einen gewaltigen Strudel nur, weil er beobachtet, welchem Muster der Strudel folgt. Mein Trick, um heutzutage nicht verrückt zu werden, ist also, nach wiederkehrenden Mustern zu suchen – wie zum Beispiel der Achterbahnfahrt aus Glorifizierung und übertriebener Vorsicht.