In Berlin ergeht es einem dieser Tage wie dem Hasen: Egal wo man hinkommt, der Igel namens Google ist immer schon da. Eine Tagung der Deutschen Kinemathek ist von Google mitfinanziert, die Speaker‘s Corner-Aktion am Brandenburger Tor wurde ermöglicht durch Google, den Verein Liquid Democracy unterstützt Google mit einer Spende . Dann präsentierte letzte Woche auch noch der Think Tank "Co:llaboratory" seinen aktuellen Bericht, Geldgeber war wie immer Google, Thema diesmal Privatsphäre und Öffentlichkeit. Und zwei Tage später fand der erste deutsche "DatenDialog" statt: In der Kalkscheune trafen Netz-Prominente auf Datenschützer und Mitarbeiter von Ministerien auf IT-Entwickler und Berater.

Knapp zwei Jahre ist die aufgeregte Streetview-Debatte mittlerweile her. Es war der erste Imageeinbruch für Google in Deutschland. Der Konzern hat daraus seine Schlüsse gezogen und befindet sich seitdem öffentlich auf Schmusekurs: 2010 gab es sentimentale Kinospots ("Das Leben ist eine Suche"), 2011 folgte die Kampagne "Das Web ist, was du daraus machst", für die Raul Krauthausen , der Gründer von wheelmap.org , sich als Google-Testimonial anwerben ließ.

Seit einigen Wochen tastet sich das Unternehmen jetzt an das Thema Datenschutz heran. In Kooperation mit dem Verein "Deutschland sicher im Netz" (DsiN) schaltet Google Anzeigen, die unter anderem über Passwörter und Cookies informieren. "Wir begrüßen natürlich, dass Firmen über Sicherheit im Netz aufklären", sagt Cornelia Tausch vom Verbraucherzentrale Bundesverband zu der Kampagne. Eine Kooperation zwischen der Verbraucherzentrale und dem DsiN gibt es trotzdem nicht. "Wir stellen eigene Informationen bereit, auch zu Google-Produkten", kommentiert Tausch diplomatisch.

Es ist eine der wenigen institutionellen Abgrenzungslinien, die man überhaupt noch findet. Ansonsten scheint Google in Deutschland mittlerweile mit zahlreichen Netzakteuren einträchtig zusammenzuarbeiten. Die Schnittstelle dafür ist vor allem das 2010 initiierte Co:llabotory. Über hundert Wissenschaftler, Juristen, Politologen, Aktivisten und Blogger haben sich hier in den letzten zwanzig Monaten die Klinke in die Hand gegeben. Nicht nur Wikimedia, der Förderverein der Wikipedia, ist regelmäßig mit dabei. Auch die Wissenschaftler Thomas Schildhauer und Jeanette Hofmann , die mittlerweile zwei der vier Direktorenposten an dem von Google finanzierten Institut für Internet und Gesellschaft inne haben, waren unter den Mitwirkenden; genauso wie die Mitarbeiter des Urheberrechts-Portals iRights.info oder der Non-Profit-Organisation Creative Commons .

Dreiklang aus Kennen, Mögen, Duzen

Man muss hinter dem Co:llaboratory, dessen Ergebnisse hauptsächlich in Broschüren, Tagungen und Pressekonferenzen münden, trotzdem keine große Verschwörung vermuten. Die Mitarbeit ist ehrenamtlich, inhaltliche Vorgaben von Google gibt es keine. Nicht mal das Catering bei den langen Sitzungen sei besonders aufregend, berichten die Beteiligten übereinstimmend. "Gepampert wird man nicht", sagt Jan Engelmann von Wikimedia. "Trotzdem ist das natürlich eine sehr smarte Form der Einbindung zivilgesellschaftlicher Gruppen, das ist uns absolut bewusst." Felix Kamella von LobbyControl wird deutlicher: "Solche strategischen Vernetzungsbemühungen fallen eindeutig unter Lobbyismus."

Google erfindet, das muss man fairerweise hinzufügen, das sanfte Anschmiegen an die engagierte Fachöffentlichkeit nicht neu. Mit ähnlichen Praktiken arbeiten andere Branchen schon seit Jahrzehnten. Nur macht es der Suchmaschinen-Riese besonders geschickt: Im Co:llaboratory bekommt niemand einen Maulkorb verpasst, im Gegenteil. Die Arbeitsgruppen diskutieren kontroverse Themen der digitalen Gesellschaft – das Urheberrecht, die Privatsphäre, die Digitalisierung von Kulturgütern – und finden dabei oft keinen Konsens. Aber darum geht es auch gar nicht. Wichtiger ist die soziale Nähe, die halbvertrauliche Atmosphäre, in der Google-Mitarbeiter Max Senges den Post-Privacy-Blogger Michael Seemann dann auch mal "Michi" nennen darf.

Der harmonische Dreiklang aus Kennen, Mögen, Duzen verhindert den Beißreflex der Google-Kritiker vielleicht nicht, mindert ihn aber möglicherweise. Zumal Google dafür auch Geld in die Hand nimmt: Über 60.000 Euro konnte das Co:llaboratory 2010 verfügen, 2011 waren es schon 200.000 Euro. Einerseits sind das natürlich Peanuts für einen Konzern, der im dritten Quartal 2011 weltweit 9,7 Milliarden Dollar umgesetzt hat. Andererseits kann zu viel Großzügigkeit schnell kontraproduktiv wirken. Interessengeleitete Spenden bergen ein immenses Image-Risiko.