US-WahlkampfObamas App liest Facebook-Daten von Unterstützern aus

Wohnort, Alter, sexuelle Orientierung: Mit einer Facebook-App sammeln die Statistiker von Barack Obama zahlreiche Informationen, um den Wahlkampf genau steuern zu können. von Andreas Kraft

Eines der wichtigsten Mittel im US-Wahlkampf ist die Statistik. Wer gewinnen will, muss seine Wähler in jedem Bundesstaat genau kennen. Ohne gute Statistiken wird niemand Präsident. Amtsinhaber Barack Obama, der die Wahl 2012 schon jetzt zu einem der knappsten Rennen der US-Geschichte erklärt hat, sammelt seit Monaten via Facebook Informationen über die eigenen Anhänger – mit dem Ziel, neue zu werben.

Im Hauptquartier der Wahlkampagne versammelt Obamas Wahlkampfmanager David Axelrod daher Daten-Spezialisten um sich: Mathematiker, Statistiker, Programmierer. Den Stellenanzeigen lässt sich entnehmen, dass die Spezialisten nicht nur, wie seit Jahrzehnten üblich, statistische Daten auswerten sollen. Sie sollen auch neue Quellen erschließen. Facebook ist für sie eine wahre Fundgrube.

Anzeige

Um die Daten dort abzugreifen, hat das Team eine eigene Facebook-App entwickelt. Das kleine Programm funktioniert nach außen denkbar simpel: ein Klick, eine kurze Bestätigung reicht. Auf der eigenen Pinnwand erscheint dann ein Logo der Obama-Kampagne, daneben steht "XY is in!". Zudem können Nutzer mit der App die eigenen Facebook-Freunde dazu auffordern, sich ebenfalls zu Obama zu bekennen. Viel ist das nicht. Im Offline-Leben kleben sich die Anhänger einen Aufkleber aufs Auto und verteilen
die gleichen in der Nachbarschaft.

Interessanter ist, welche Daten die App ausliest. Nachzulesen ist das unter den Privatsphäre-Einstellungen. Je nachdem, wie ausführlich der Nutzer sein Profil ausgefüllt hat, erfährt Obamas Team, welche Filme, Musiker oder Fernsehserien die eigenen Anhänger mögen. Wo sie zuletzt gearbeitet haben. Wie alt sie sind. Welche Hautfarbe oder Religion sie haben. Ob sie heterosexuell oder homosexuell sind. Und wo sie wohnen.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Über Facebook schafft sich Obamas Team so eine außergewöhnlich große Fokusgruppe. Normale Umfragen gelten ab etwa 1.000 Befragten als repräsentativ. Die Wahlkampf-Statistiker im Team des US-Präsidenten können derzeit jeden Monat auf die Datensätze von rund 60.000 Menschen zugreifen. Während Telefon-Umfragen aufwendig und teuer sind, kommen die Daten über Facebook quasi gratis ins Haus. Lediglich für die Auswertung braucht Obama Spezialisten. Die ziehen derzeit angeblich scharenweise aus dem Silicon Valley nach Chicago, in die Wahlkampfzentrale.

Was genau sie dort mit den Daten machen, ist in etwa so geheim wie das iranische Atomprogramm. "Wir können gerne darüber sprechen, was wir machen, wenn wir es gemacht haben", sagte Obamas Kampagnen-Chef David Axelrod kürzlich der Nachrichtenagentur Bloomberg. Aber auch wenn das Big-Data-Center der Kampagne eine Art Black Box ist, lässt sich aus dem, was reinkommt schließen, was drinnen passiert.

So lässt sich aus den Facebook-Daten etwa ablesen, in welchen Staaten die Zahl der Unterstützer schon relativ groß ist und in welchen Staaten noch mehr getan werden muss. Im US-Wahlsystem wird bei der Präsidentschaftswahl in jedem Bundesstaat eine bestimmte Anzahl an Wahlmännern gewählt. Entscheidend ist, in einer gewissen Anzahl an Staaten eine Mehrheit zu bekommen. Daher kann es eminent wichtig sein, Ressourcen im Wahlkampf in genau dem richtigen Bundesstaat einzusetzen.

Leserkommentare
    • WiKa
    • 26. Dezember 2011 16:20 Uhr

    … insbesondere wenn man jetzt so einen Artikel liest, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es rein nur noch um Macht geht. Wie bei der Produktvermarkung, reden wir nur noch über Marktanteile und wie man die Konkurrenz putzt. Obamas Handlungen, respektive Unterlassungen, sprechen da eine deutliche Sprache für sich. Auch wenn man sich die ganzen neuerlichen Gesetzgebungen in den USA ansieht, die eher in Richtung Diktatur führen, dann wird mir persönlich einfach nur übel.

    Da kommt mir dann manchmal ein Bild in den Sinn, welches zwar aus dem Satire-Kanal kommt: „Obama verlängert seien Amtszeit“ … Link, der mehr nach so einer Art „Machtergreifung“ riecht. Wo um Himmels Willen sind in den letzten Jahren die amerikanischen Menschen in dieser Politik geblieben. Nahezu alles was den Menschen hätte dienen können ist den Schochereien und dem Gezänk der beiden großen Blöcke zum Opfer gefallen.

    Ein Drittel der Amerikaner an der Armutsgrenze und bereits ein Sechstel aller Amerikaner (gut 50 Mio.) die von Foodstamps leben. Ist das das Amerika welches wir noch in unserm Kopf haben? Ich denke es ist nur noch ein Abziehbild und Obama hat nicht unwesentlich dazu beigetragen. Da kommt dann eine solche Daten-Missbrauchs-Arie mit Sicherheit nicht besonders gut an.

    2 Leserempfehlungen
  1. Die Berichterstattung wird langsam wirklich lächerlich! Es wird dargestellt (vor allem die Überschrift) als würden irgendwelche Daten geklaut werden. Jede noch so dumme App die bei facebook veröffentlicht wird fragt den Nutzer nach seiner Einwilligung und informiert gleichzeitig darüber welche Daten benutzt werden. Und dann kann man immer noch nein sagen!

    Es ist eine Standardprozedur bei allen facebook Apps. Davon mal abgesehen, warum sollte Obama und jeder andere nicht die Möglichkeiten nutzen, die die Informationswelt bietet nutzen und so besser auf Stimmungen reagieren zu können?!

    Das Problem sind doch nicht die Apps, das Problem sind wir wenn wir wie die Schafe hinter dem Schäfer hinterher laufen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ich sehe das jedoch anders. Große Datenbanken haben in Parteien nichts verloren. Die Wahl ist eben aus gutem Grund anonym, damit man als Klein-Partei-Wähler eben nicht von Obama-Fanatiker stigmatisiert wird.

    Wie grotesk das ist, zeigt doch der Fall Manning:

    Wird ein Video veröffentlich, bei dem die Armee auf Zivilisten schiesst, kommt der Aufklärer ins Gefängis.

    >>Jede noch so dumme App die bei facebook veröffentlicht wird fragt den Nutzer nach seiner Einwilligung und informiert gleichzeitig darüber welche Daten benutzt werden.<<
    ====================================================
    Und das Christkind kommt am 24.12.

  2. ...ich sehe das jedoch anders. Große Datenbanken haben in Parteien nichts verloren. Die Wahl ist eben aus gutem Grund anonym, damit man als Klein-Partei-Wähler eben nicht von Obama-Fanatiker stigmatisiert wird.

    Wie grotesk das ist, zeigt doch der Fall Manning:

    Wird ein Video veröffentlich, bei dem die Armee auf Zivilisten schiesst, kommt der Aufklärer ins Gefängis.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Lächerlich!"
  3. dass sie ein weiteres mal für die Mächtigen dieser Welt ausgenutzt werden. Es gibt eben immer zwei Seiten: Die einen, die ausnutzen und die anderen die sich ausnutzen lassen. Hatte ich schon erwähnt, dass ich keinen Facebook-account besitze?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Riktam
    • 27. Dezember 2011 8:36 Uhr

    … haben die dritte Seite vergessen. Die Klugscheisser.

  4. >>Jede noch so dumme App die bei facebook veröffentlicht wird fragt den Nutzer nach seiner Einwilligung und informiert gleichzeitig darüber welche Daten benutzt werden.<<
    ====================================================
    Und das Christkind kommt am 24.12.

    Antwort auf "Lächerlich!"
    • Riktam
    • 27. Dezember 2011 8:36 Uhr

    … haben die dritte Seite vergessen. Die Klugscheisser.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber als "Schuldige" würde ich sie nicht pauschal ausmachen wollen.

  5. aber als "Schuldige" würde ich sie nicht pauschal ausmachen wollen.

    Antwort auf "Sie …"
    • strlcp
    • 27. Dezember 2011 12:08 Uhr

    hat er auch gleich nen fetten Partner zur Datenauswertung.

    http://www.brighttag.com/

    Die Gewinner werden wohl nur die sein, welche Ihre Datenbestände füttern können...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | David Axelrod | App | Atomprogramm | Bloomberg | Fernsehserie
Service