Eines der wichtigsten Mittel im US-Wahlkampf ist die Statistik. Wer gewinnen will, muss seine Wähler in jedem Bundesstaat genau kennen. Ohne gute Statistiken wird niemand Präsident. Amtsinhaber Barack Obama, der die Wahl 2012 schon jetzt zu einem der knappsten Rennen der US-Geschichte erklärt hat, sammelt seit Monaten via Facebook Informationen über die eigenen Anhänger – mit dem Ziel, neue zu werben.

Im Hauptquartier der Wahlkampagne versammelt Obamas Wahlkampfmanager David Axelrod daher Daten-Spezialisten um sich: Mathematiker, Statistiker, Programmierer. Den Stellenanzeigen lässt sich entnehmen, dass die Spezialisten nicht nur, wie seit Jahrzehnten üblich, statistische Daten auswerten sollen. Sie sollen auch neue Quellen erschließen. Facebook ist für sie eine wahre Fundgrube.

Um die Daten dort abzugreifen, hat das Team eine eigene Facebook-App entwickelt. Das kleine Programm funktioniert nach außen denkbar simpel: ein Klick, eine kurze Bestätigung reicht. Auf der eigenen Pinnwand erscheint dann ein Logo der Obama-Kampagne, daneben steht "XY is in!". Zudem können Nutzer mit der App die eigenen Facebook-Freunde dazu auffordern, sich ebenfalls zu Obama zu bekennen. Viel ist das nicht. Im Offline-Leben kleben sich die Anhänger einen Aufkleber aufs Auto und verteilen
die gleichen in der Nachbarschaft.

Interessanter ist, welche Daten die App ausliest. Nachzulesen ist das unter den Privatsphäre-Einstellungen. Je nachdem, wie ausführlich der Nutzer sein Profil ausgefüllt hat, erfährt Obamas Team, welche Filme, Musiker oder Fernsehserien die eigenen Anhänger mögen. Wo sie zuletzt gearbeitet haben. Wie alt sie sind. Welche Hautfarbe oder Religion sie haben. Ob sie heterosexuell oder homosexuell sind. Und wo sie wohnen.

Über Facebook schafft sich Obamas Team so eine außergewöhnlich große Fokusgruppe. Normale Umfragen gelten ab etwa 1.000 Befragten als repräsentativ. Die Wahlkampf-Statistiker im Team des US-Präsidenten können derzeit jeden Monat auf die Datensätze von rund 60.000 Menschen zugreifen. Während Telefon-Umfragen aufwendig und teuer sind, kommen die Daten über Facebook quasi gratis ins Haus. Lediglich für die Auswertung braucht Obama Spezialisten. Die ziehen derzeit angeblich scharenweise aus dem Silicon Valley nach Chicago, in die Wahlkampfzentrale.

Was genau sie dort mit den Daten machen, ist in etwa so geheim wie das iranische Atomprogramm. "Wir können gerne darüber sprechen, was wir machen, wenn wir es gemacht haben", sagte Obamas Kampagnen-Chef David Axelrod kürzlich der Nachrichtenagentur Bloomberg. Aber auch wenn das Big-Data-Center der Kampagne eine Art Black Box ist, lässt sich aus dem, was reinkommt schließen, was drinnen passiert.

So lässt sich aus den Facebook-Daten etwa ablesen, in welchen Staaten die Zahl der Unterstützer schon relativ groß ist und in welchen Staaten noch mehr getan werden muss. Im US-Wahlsystem wird bei der Präsidentschaftswahl in jedem Bundesstaat eine bestimmte Anzahl an Wahlmännern gewählt. Entscheidend ist, in einer gewissen Anzahl an Staaten eine Mehrheit zu bekommen. Daher kann es eminent wichtig sein, Ressourcen im Wahlkampf in genau dem richtigen Bundesstaat einzusetzen.

Obama bekommt ein eigenes soziales Netzwerk

Doch die Facebook-Daten helfen nicht nur bei der geographischen Ausrichtung, sondern auch bei der inhaltlichen. Kurz vor Weihnachten etwa gab es Anzeichen dafür, dass Obama darüber nachdenkt, die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu einem Wahlkampfthema zu machen. Auf der einen Seite könnte ihm das dabei helfen, einen Kernbereich seiner liberalen Anhängerschaft zu mobilisieren, auf der anderen Seite könnte es unentschlossene Wähler dazu bringen, den republikanischen Kandidaten zu wählen.

Die Datenanalyse verspricht Antworten auf die Frage, ob es mehr bringt, die liberale Kernklientel in Florida zu mobilisieren oder die Unentschlossenen in Colorado und Iowa nicht zu verschrecken. Anhand der Facebook-Informationen ließe sich nämlich ablesen, ob sich in Florida eher wenige oder eher viele homosexuelle Obama-Anhänger bereits zum Präsidenten bekannt haben: Sofern die Nutzer die entsprechenden Felder in ihrem Facebook-Profil ausgefüllt haben, lässt sich die sexuelle Orientierung aus den Feldern "Geschlecht" und "Interessiert an Frauen / Männern" ableiten. Je nach Ergebnis kann sich das Team dann entscheiden, entweder Florida oder den Mittleren Westen verloren zu geben.

Demnächst wird sogar Obamas eigenes soziales Netzwerk an den Start gehen. Es soll seine Anhänger über das Internet miteinander bekannt machen, damit sie dann gemeinsam wahlkämpfend von Haus zu Haus ziehen. 2008 hatte das wesentlich zu Obamas Sieg beigetragen.

Seinen Töchtern hat Obama übrigens verboten, sich bei Facebook anzumelden. Er wolle nicht, dass Details aus seiner Familie mit aller Welt geteilt würden.