Noch vor ein paar Jahren waren die Branchenverbände der IT-Industrie, eco und Bitkom, und der Interessenverband der Hacker, Chaos Computer Club, so gut wie allein im Interneterklärgeschäft. Inzwischen gibt es Dutzende solcher Organisationen. Die Piratenpartei und der Verein Digitale Gesellschaft waren die bislang letzten Neugründungen dieser Art. Nun gibt es noch eine neuere. "D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt", nennt sich die gerade ins Leben gerufene Initiative , die den gleichen Anspruch hat wie die übrigen Internetlobbyvereine. "Wir wollen die Öffentlichkeit für digitale Themen interessieren und dabei weniger elitär sein als beispielsweise die Piraten", sagt der D64-Mitgründer Stephan Noller.

Noller verdient sein Geld mit Tracking, mit der Auswertung von Nutzerverhalten im Netz , um der Werbeindustrie Daten zu liefern, und er steht der SPD nah. Damit ist er durchaus repräsentativ für den neuen Verein. Auf der Liste der Gründungsmitglieder stehen beispielsweise der Videoblogger und "Elektrische Reporter" Mario Sixtus, die De:Bug -Mitgründerin Mercedes Bunz, der bis eben noch bei der Werbeagentur Scholz & Friends angestellte Social-Media-Berater Nico Lumma und der bis vor kurzem für den Burda-Verlag und nun für den Spiegel tätige Netzstrategieentwickler Heiko Hebig.

Fehlt eigentlich nur noch der Blogger Sascha Lobo. Der ist erstaunlicherweise nicht dabei. Bislang zumindest. Sonst aber fast jeder, der im und durch das Netz sein Geld verdient und irgendetwas mit den Sozialdemokraten zu tun hat. Auch einige Mitgleider der Partei gehören dazu. Björn Böhning und der Abgeordnete Lars Klingbeil beispielsweise. Beide verstehen sich als Netzpolitiker. Stellvertretende Vorsitzende von D64 ist Valentina Kerst, Mitglied im Internet-Gesprächskreis des SPD-Parteivorstandes.

D64 soll vor allem ein sozialdemokratischer Netzkreis sein. Davon hat die Partei schon einen, eben jenen sogenannten Gesprächskreis Netzpolitik und Digitale Gesellschaft. Doch die Partei von innen verändern zu wollen, funktioniere nicht, sagt Mathias Richel, der Vorsitzende von D64. Man müsse von außen auf sie einwirken, wenn etwas erreicht werden solle.

Richel ist seit vielen Jahren Mitglied der SPD und auch Mitglied in eben jenem Gesprächskreis der Partei, der ursprünglich mal Onlinebeirat hieß. Dieser Beirat war 2009 stinksauer auf die Partei , die ihn berufen hatte, weil die SPD damals mehrheitlich für die umstrittenen und inzwischen eingestampften Netzsperren stimmte. Nun wollen die Netzlobbyisten es offensichtlich auf einem anderen Weg versuchen. Man wolle dafür sorgen, sagt Richel, "dass solche Fehler der Realpolitik nicht mehr gemacht werden".

D64 sei ein Think-Tank, sagt Richel. Vorbild sind die gleichnamigen Konstrukte in den USA. Die verstehen sich als Vordenker, die Konzepte, Strategien und Lösungen entwickeln, noch bevor ein Problem von der Politik überhaupt diskutiert wird. Das will auch D64 tun. "Wir wollen beispielsweise Modelle zur Arbeitswelt oder zur Bildung in der Zukunft entwickeln", sagt Richel.