Das Phänomen der Filter-Bubble, auch Hallraum genannt, gibt es nicht, behauptet das Facebook-Data-Team um den Wissenschaftler Eytan Bakshy. Mit einer groß angelegten Studie wollten die Wissenschaftler belegen, dass Informationen, die Facebook-Mitglieder untereinander teilen, vielfältiger sind als bislang angenommen.

Bakshy und seine Kollegen wollten zeigen, dass Algorithmen, die unsere Informationen vorfiltern, keinen so großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben. Die sogenannte Filter-Bubble, von der etwa Eli Pariser spricht , existiert ihrer Auffassung nach nicht. Und die derzeit populäre Annahme, dass Algorithmen basierend auf unseren Vorlieben und Kontakten uns nur eine enge Bandbreite von Nachrichten servieren, unsere Meinungsbildung manipulieren und damit letztlich demokratische Gesellschaften gefährden, ist, wenn es nach ihnen geht, obsolet. So jedenfalls deutet Farhad Manjoo die Studie, die er im Online-Magazin Slate bespricht . Manjoo stellt fest: "Es hat sich herausgestellt, dass wir nicht dem Untergang geweiht sind."

Aber wer genauer hinsieht, erkennt die Fehler in dieser Interpretation. Rethinking Information Diversity in Network (Informationsbreite in Netzwerken neu denken) betitelt Eytan Bakshy zwar mutig die kurze Zusammenfassung seiner Studie, die von Facebooks PR-Leuten in Umlauf gebracht wurde. Der Titel der kompletten Studie , die noch in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen soll und in der Facebook-Mitteilung nur als Fußnote verlinkt ist, lautet dagegen schlicht "Rolle sozialer Netzwerke bei der Informationsdiffusion". Die Zahlen darin lassen keine Schlussfolgerungen über die Diversität von Kommunikation in sozialen Netzwerken zu. Sie sagen höchstens etwas aus über die Beziehung zwischen schwachen und starken Bindungen, also Facebook-Freunden, mit denen Nutzer kaum oder häufiger interagieren.

Normalerweise bestimmt Facebooks Algorithmus EdgeRank , welche der geteilten Links im Newsfeed angezeigt werden. Bakshy untersuchte sieben Wochen lang die Linkpraxis von 253 Millionen Facebook-Mitgliedern. Dabei konnte die eine Hälfte der Probanden in ihrem Newsfeed die geteilten Links ihrer Kontakte sehen. Für die andere Hälfte der Probanden wurden manche Links nach einem Zufallsprinzip ausgeblendet. Sie erhielten also weniger Links von ihren Kontakten. Registriert wurde, ob jemand die in seinem Newsfeed ausgeblendeten Informationen auch außerhalb des Netzwerks findet und dann von sich aus mit seinen Facebook-Kontakten teilt.

Auf diese Weise wollte Bakshys Forschungsgruppe erkennen, wie eine neue Information – also eine, die dem Mitglied innerhalb des Netzwerks noch nicht untergekommen war – sich durch das Netzwerk verbreitet. Auch wollten die Wissenschaftler feststellen, ob Informationen eher weitergegeben werden, wenn sie von engen Kontakten stammen. Drittens wollten sie prüfen, ob ein Algorithmus wie EdgeRank Facebook zum Hallraum (Echo Chamber) der eigenen Überzeugungen macht, oder ob er neue Informationen durch das Netz befördert.

Das Ergebnis der Analyse von rund 1,2 Milliarden Links: Facebook-Mitglieder teilen Links von den Kontakten, mit denen sie starke Bindungen unterhalten, öfter als die Links, die von Kontakten stammen, zu denen sie nur schwache Bindungen haben.

Gleichwohl seien die Links, die von schwachen Kontakten stammen, bedeutsamer, behauptet Bakshy. Er beruft sich auf Mark Granovetters Modell der schwachen Bindungen. Das besagt: Zwei Menschen, die nur losen Kontakt zueinander haben, pflegen ihrerseits Kontakte zu ganz verschiedenen anderen Menschen und haben damit auch ganz andere Einflüsse. Nach diesem Modell sind Links von schwachen Facebook-Kontakten wertvoller, weil es unwahrscheinlicher ist, dass man diese Links schon von den engen Kontakten bekommen hat. Bakshys Zahlen zeigen: Insgesamt liefern die schwachen Bindungen mehr Links, die ein Facebook-Mitglied dann mit anderen teilt.

Dieses Ergebnis ist jedoch eine Binsenweisheit, weil die Menge der schwachen Bindungen, aus der die Links stammen, in der Regel um ein Vielfaches größer ist als die der starken Bindungen.