Facebook-StudieWie sich Informationen in sozialen Netzwerken ausbreiten

Führt die Kommunikation mit überwiegend Gleichgesinnten in sozialen Netzwerken zu einer verengten Weltsicht? Facebook-Forscher schaffen es nicht, das zu widerlegen. von Christiane Schulzki-Haddouti

Das Phänomen der Filter-Bubble, auch Hallraum genannt, gibt es nicht, behauptet das Facebook-Data-Team um den Wissenschaftler Eytan Bakshy. Mit einer groß angelegten Studie wollten die Wissenschaftler belegen, dass Informationen, die Facebook-Mitglieder untereinander teilen, vielfältiger sind als bislang angenommen.

Bakshy und seine Kollegen wollten zeigen, dass Algorithmen, die unsere Informationen vorfiltern, keinen so großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben. Die sogenannte Filter-Bubble, von der etwa Eli Pariser spricht , existiert ihrer Auffassung nach nicht. Und die derzeit populäre Annahme, dass Algorithmen basierend auf unseren Vorlieben und Kontakten uns nur eine enge Bandbreite von Nachrichten servieren, unsere Meinungsbildung manipulieren und damit letztlich demokratische Gesellschaften gefährden, ist, wenn es nach ihnen geht, obsolet. So jedenfalls deutet Farhad Manjoo die Studie, die er im Online-Magazin Slate bespricht . Manjoo stellt fest: "Es hat sich herausgestellt, dass wir nicht dem Untergang geweiht sind."

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Aber wer genauer hinsieht, erkennt die Fehler in dieser Interpretation. Rethinking Information Diversity in Network (Informationsbreite in Netzwerken neu denken) betitelt Eytan Bakshy zwar mutig die kurze Zusammenfassung seiner Studie, die von Facebooks PR-Leuten in Umlauf gebracht wurde. Der Titel der kompletten Studie , die noch in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen soll und in der Facebook-Mitteilung nur als Fußnote verlinkt ist, lautet dagegen schlicht "Rolle sozialer Netzwerke bei der Informationsdiffusion". Die Zahlen darin lassen keine Schlussfolgerungen über die Diversität von Kommunikation in sozialen Netzwerken zu. Sie sagen höchstens etwas aus über die Beziehung zwischen schwachen und starken Bindungen, also Facebook-Freunden, mit denen Nutzer kaum oder häufiger interagieren.

Normalerweise bestimmt Facebooks Algorithmus EdgeRank , welche der geteilten Links im Newsfeed angezeigt werden. Bakshy untersuchte sieben Wochen lang die Linkpraxis von 253 Millionen Facebook-Mitgliedern. Dabei konnte die eine Hälfte der Probanden in ihrem Newsfeed die geteilten Links ihrer Kontakte sehen. Für die andere Hälfte der Probanden wurden manche Links nach einem Zufallsprinzip ausgeblendet. Sie erhielten also weniger Links von ihren Kontakten. Registriert wurde, ob jemand die in seinem Newsfeed ausgeblendeten Informationen auch außerhalb des Netzwerks findet und dann von sich aus mit seinen Facebook-Kontakten teilt.

Auf diese Weise wollte Bakshys Forschungsgruppe erkennen, wie eine neue Information – also eine, die dem Mitglied innerhalb des Netzwerks noch nicht untergekommen war – sich durch das Netzwerk verbreitet. Auch wollten die Wissenschaftler feststellen, ob Informationen eher weitergegeben werden, wenn sie von engen Kontakten stammen. Drittens wollten sie prüfen, ob ein Algorithmus wie EdgeRank Facebook zum Hallraum (Echo Chamber) der eigenen Überzeugungen macht, oder ob er neue Informationen durch das Netz befördert.

Das Ergebnis der Analyse von rund 1,2 Milliarden Links: Facebook-Mitglieder teilen Links von den Kontakten, mit denen sie starke Bindungen unterhalten, öfter als die Links, die von Kontakten stammen, zu denen sie nur schwache Bindungen haben.

Gleichwohl seien die Links, die von schwachen Kontakten stammen, bedeutsamer, behauptet Bakshy. Er beruft sich auf Mark Granovetters Modell der schwachen Bindungen. Das besagt: Zwei Menschen, die nur losen Kontakt zueinander haben, pflegen ihrerseits Kontakte zu ganz verschiedenen anderen Menschen und haben damit auch ganz andere Einflüsse. Nach diesem Modell sind Links von schwachen Facebook-Kontakten wertvoller, weil es unwahrscheinlicher ist, dass man diese Links schon von den engen Kontakten bekommen hat. Bakshys Zahlen zeigen: Insgesamt liefern die schwachen Bindungen mehr Links, die ein Facebook-Mitglied dann mit anderen teilt.

Dieses Ergebnis ist jedoch eine Binsenweisheit, weil die Menge der schwachen Bindungen, aus der die Links stammen, in der Regel um ein Vielfaches größer ist als die der starken Bindungen.

Im Schnitt soll ein Facebook-Mitglied heute etwa rund 190 Kontakte pflegen. Darunter befindet sich aber nur eine Handvoll Kontakte, zu dem das Mitglied auch eine starke Bindung pflegt. Eine starke Bindung zeigt sich etwa dadurch, dass man gemeinsam auf Fotos auftaucht, dass man sich gegenseitig private Nachrichten schickt oder auf der Wall des jeweils anderen kommentiert. Die höhere Wahrscheinlichkeit, Links weiter zu verteilen, die von starken Bindungen kommt, wird also wettgemacht von der schieren Anzahl der schwachen Bindungen. Auch wenn es weniger wahrscheinlich ist, dass man deren Link weiter verteilt, bleiben es in der Summe mehr Links.

Die Annahme eines Hallraums Facebook widerlegt die Studie deshalb keineswegs, befindet der Hamburger Sozialwissenschaftler Nils Zurawski, der für das sozialwissenschaftliche Journal kommunikation@gesellschaft zusammen mit zwei Kollegen kürzlich eine Sonderausgabe zum Phänomen Facebook zusammengestellt hat: "Ob viele neue Links wirklich für eine größere Diversität an Information stehen, wurde nicht untersucht." Auch blende die Studie Verbindungen aus, die Facebook-Mitglieder außerhalb des Netzwerks unterhalten.

Für den Hallraum wiederum sprechen die Untersuchungsergebnisse von Lotte Nordhus . Sie nahm die Facebook-Diskussionen im Rahmen der Schweizer Minarett-Initiative unter die Lupe. Dabei stellte sie fest, dass "durch die Diskussionen in den Gruppen auf Facebook zwar ein Austausch zwischen Gegnern und Befürwortern der Minarett-Initiative stattfindet, dieser jedoch nicht zu einer Annäherung, sondern zu einer Verhärtung der Fronten führt."

Weitere Studien sollen folgen

In der analogen Wirklichkeit hingegen zeige der Meinungsaustausch andere Folgen: So wurde an Orten, wo bereits Minarette stehen und viele Muslime leben, mehrheitlich gegen das Verbot zum Bau neuer Minarette gestimmt. "Diese Tatsache legt nahe, dass bei einer besseren Kenntnis des Fremden die damit verbundenen Ängste und Bedrohungsgefühle zurückgehen", sagt Nordhus. Die Online-Diskussionen hingegen hatten vornehmlich der Bildung von Vorurteilen gedient.

Zurawski sagt: "Der Fall des Minarett-Streits zeigt, dass sich bei Facebook Gleichgesinnte treffen, die über ein Thema diskutieren wollen und die sich wieder mit Gleichen mobilisieren."

Tatsächlich behalten es sich die Facebook-Forscher um Eytan Bakshy für künftige Studien vor, auch die Inhalte der geteilten Informationen zu berücksichtigen. So können die untersuchten Links nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ausgewertet werden, da sie bestimmten Themenkomplexen zugeordnet werden können. Bakshy arbeitet an einer weiteren Studie, in der es um politische Inhalte gehen soll. Erst dann lässt sich mehr darüber sagen, wie groß die Meinungsvielfalt im eigenen Bekanntenkreis tatsächlich ist, besonders innerhalb der schwachen Kontakte.

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Leserkommentare
    • Mejan
    • 24. Januar 2012 16:41 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte tragen Sie sachlich zum Inhalt des Artikel bei. Die Redaktion/mak

    • Fabiana
    • 24. Januar 2012 17:36 Uhr

    Normalerweise nehmen Probanden von wissenschaftlichen Studien an diesen freiwillig teil und wissen, dass ihr Körper oder ihr Verhalten untersucht werden. Bei Facebook scheint eine solche Vereinbarung stillschweigend vorausgesetzt zu werden. Nun ja, umsonst ist eben nichts. Meine Daten sind jedenfalls kein Allgemeingut.

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    • bugme
    • 24. Januar 2012 19:21 Uhr

    ...es ist auch gute Wissenschaft, wenn Sie eine Literaturrecherche machen oder eben auch existierende Daten in einem neuen Kontext auswerten.

    Aber eigentlich ist es ja auch logisch, dass sich die Weitsicht verengt, wenn man sich immer nur mit den selben Leuten (mit einer ähnlichen Meinung) über ein Thema unterhält.

    • bugme
    • 24. Januar 2012 19:21 Uhr

    ...es ist auch gute Wissenschaft, wenn Sie eine Literaturrecherche machen oder eben auch existierende Daten in einem neuen Kontext auswerten.

    Aber eigentlich ist es ja auch logisch, dass sich die Weitsicht verengt, wenn man sich immer nur mit den selben Leuten (mit einer ähnlichen Meinung) über ein Thema unterhält.

  1. Edge Rank ist einer der Gründe, weshalb ich facebook verlassen habe. Meinen Stream lasse ich mir nicht von einem Algorythmus vorschreiben.
    Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass man mit seinen Informationen kaum aus seinem eigenen Kreis heraus kommt. Das ist bei Google+ komplett anders.

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  • Schlagworte Facebook | Minarett | Studie
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