Soziale Netzwerke Der Mythos vom Scheidungsgrund Facebook

Laut einem britischen Scheidungsportal befeuert Facebook den Rosenkrieg zwischen zerstrittenen Ehepartnern. Deutsche Anwälte nehmen solche Studien aber nicht ernst.

Was Menschen bei Facebook und in anderen sozialen Netzwerken tun, kann ihre Ehe gefährden. Das jedenfalls sagen die Anwälte des britischen Scheidungsportals Divorce Online. Bereits zum zweiten Mal haben sie eine Stichprobe von 5.000 Scheidungsfällen aus ihrer Datenbank analysiert, in denen unangemessenes Verhalten des Ex-Partners als Scheidungsgrund angegeben wurde. Das Ergebnis: in 33 Prozent dieser Akten tauchte das Wort "Facebook" auf. In einer ersten Studie im Dezember 2009 waren es erst 20 Prozent gewesen. Von einem "alarmierenden Anstieg Facebook-bezogener Scheidungen" spricht Divorce Onlinedeshalb in einem Blog-Eintrag.

"Menschen posten heute Dinge auf Facebook, die sie ihrem Partner in der Kneipe nie ins Gesicht sagen würden", sagt Divorce-Online-Sprecher Mark Keenan. So würden etwa unangemessene Nachrichten mit Geliebten über das Netzwerk ausgetauscht, getrennte Partner lieferten sich einen Rosenkrieg mittels öffentlich einsehbarer Pinnwand-Einträge oder bekämen von Facebook-Freunden pikante Details über den Partner zu hören.

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Anwälte könnten deshalb zunehmend auf Beweismittel aus Sozialen Netzwerken zurückgreifen, so Keenan. "Wir hatten einen Fall, in dem der Mann behauptete, keinen Unterhalt fürs Kind zahlen zu können, auf Facebook aber mit Urlaubsfotos prahlte."

Ähnliches belegt eine Befragung von US-Anwälten aus dem Jahr 2010. Laut der American Academy of Matrimonial Lawyers (AAML), einem Zusammenschluss von rund 1600 Scheidungsanwälten, gaben 81 Prozent der befragten Rechtsbeistände an, dass die Verwendung von Beweismitteln aus sozialen Netzwerken in den vergangen fünf Jahren zugenommen habe. Facebook nahm dabei mit 66 Prozent der Nennungen eine Spitzenposition ein, vor MySpace (15 Prozent), Twitter (fünf Prozent) und weiteren Netzwerken (14 Prozent).

Facebook als Beziehungskiller?

Untersuchungen wie diese werden oft stark verkürzt wiedergegeben. Flugs ist von Facebook als Beziehungskiller die Rede, der ein Drittel aller Scheidungen zu verantworten habe. "Facebook trägt Mitschuld bei vielen Trennungen" heißt es dann in Überschriften. Dabei treffen sowohl AAML als auch Divorce Online letztlich nur Aussagen über die verwendeten Beweismittel in den von ihnen betreuten Scheidungsfällen. Als größtes Online-Scheidungsportal Großbritanniens sei Divorce Online damit aber repräsentativ für das Königreich, behauptet Mark Keenan.

Die Berliner Familienrechtsanwältin Eva Becker findet: "Diese Studien sind schwer ernst zu nehmen." Dass Aktivitäten in sozialen Netzwerken zum Trennungsgrund werden, sei nach ihrer Beobachtung äußerst selten.

Sie hält die Diskussion um die zerrüttende Wirkung von Facebook für überzogen, letztlich habe sich nur der Kommunikationskanal geändert, über den Streitigkeiten ausgetragen oder Eifersucht geschürt würden. "Ob die boshafte Freundin Fotos von der neuen Liebe übers Internet weiterreicht oder aufs Faxgerät legt, ist doch egal." Von einer "Mitschuld" von Facebook kann also kaum die Rede sein.

In Deutschland spielen virtuelle Beweismittel bislang auch nur eine geringe Rolle, wenn es etwa um Sorgerechts- und Unterhaltsstreitigkeiten gehe, sagt Eva Becker. "Bösartigkeiten über den anderen Elternteil zu verbreiten, ist dem familiären Frieden nicht gerade zuträglich und kann im Sorgerechtsstreit durchaus Relevanz bezüglich der Qualität der Elternschaft erhalten."

Becker weiß zudem von einem Fall zu berichten, in dem der via Google Maps entdeckte Swimmingpool eines zahlungsunwilligen Vaters diesem vor Gericht zum Verhängnis wurde. Dass eine Frau auf Facebook bekannt gab, frisch verliebt zu sein, reichte in einem anderen Prozess hingegen nicht aus, um ihre Unterhaltsansprüche wegen neuer Lebenspartnerschaft zu verlieren, wie es sich ihr klagender Ex-Mann erhofft hatte.

Ähnliche Fälle kennt auch Richterin Isabell Götz vom Deutschen Familiengerichtstag. Insgesamt sei die Problematik in Deutschland aber "erst im Entstehen begriffen".

 
Leser-Kommentare
  1. ...um an der/am Ex Rache zu nehmen.
    Ich bin mir sicher, daß wir eines Tages Höhlenzeichnungen finden werden in denen jemand seiner/seinem Ex das schlimmste wünscht :-)
    Das einzige Problem ist das die Audienz wesentlich größer als früher ist.
    Aber die wirklich klugen Aussenseiter halten sich aus einem Rosenkrieg sowieso raus.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Ich kann aus dem Artikel nicht herauslesen, dass Facebook ein expliziter Scheidungsgrund ist. Es sieht wohl eher so aus, dass diese Ehen wohl von vorne rein auf mangelnde Offenheit, Misskommunikation und Missvertrauen basieren - nur dass Facebook sich leichter mitverfolgen lässt, als das Gespräch mit dem besten Freund in der Kneipe, oder der besten Freundin im Friseursalon (ich weiss, Klischees), in dem man sich Luft macht.

    Aber vielleicht bietet Facebook auf diese Art und Weise eine Chance und ermöglicht, was anscheinend lange schon überfällig war: die Trennung (die vlt mindestens einer der Partner insgeheim eh schon wünschte).

  3. Aber trotz dieser Binsenweisheit möchte ich einen Blick auf die Seite facebookfail vorschlagen, wo auch schon mehrere Male gescheiterte Beziehungen dokumentiert wurden, weil die Netzkompetenz der Verpartnerten nicht ganz so ausgeprägt war, wie es vielleicht angebracht gewesen wäre.

  4. Zu behaupten, dass soziale Netzwerke wie Facebook Beziehungen gefährden und sogar zerstören können, mag in Einzelfällen zu treffen, ist allerdings nicht die Regel. Wir dürfen nicht vergessen, dass Netzwerke wie Facebook genauso Paare zusammenbringen können. Wer in aller Öffentlichkeit seine neue Geliebte präsentieren muss, riskiert letztlich selbst seine Beziehung. Die Schuld bei einem sozialen Netzwerk zu suchen, ist meiner Ansicht nach jedoch zu kurzsichtig. Am Ende muss jeder selbst an seiner Beziehung arbeiten...

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