Das russische Polit-Internet ist in zwei Lager aufgeteilt. Auf der einen Seite stehen Regierungskritiker wie der Blogger Alexej Nawalny. Auf der anderen Seite stehen die sogenannten "Putinisten", wie etwa die Schriftstellerin Marina Judenich. Im Informationskrieg zwischen diesen beiden Seiten gibt es keine Regeln und natürlich – wie es sich für einen Krieg gehört – keinen Anspruch auf die Wahrheit. Gekämpft wird mit allen Mitteln.

Verleumdung ist eines davon. Blogger A behauptet zum Beispiel, dass Blogger B, anders als er behauptet, nie an einer Elite-Universität studiert hat. Um Blogger A zu diskreditieren, schreibt der Blogger B daraufhin, dass A seine Kinder missbraucht. A veröffentlicht wiederum einige E-Mails, die beweisen sollen, dass B eine Affäre hat. Sobald jemand bei dieser politischen Schlammschlacht mitmacht, ist seine Privatsphäre einfach dahin. Die Plattform dazu heißt Kompromat.ru. Zu Sowjetzeiten bezeichnete Kompromat – eine Zusammenstellung der Wörter "kompromittierend" und "Material" – alle Informationen über das Privatleben eines Bürgers, die ihm Schwierigkeiten mit der Justiz hätten bereiten können.

Kompromat.ru ist eine beliebte Anlaufstelle im russischen Netz, um kompromittierende Informationen über Privatpersonen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein anderes beliebtes Mittel der Kontrahenten: Passwort- und Datendiebstahl. Das hat auch der Schriftsteller Boris Akunin zu spüren bekommen. Kurz nachdem er sich aktiv an den Anti-Putin-Protesten in Moskau beteiligt hatte, brach ein Hacker sowohl in seinen Blog-Account als auch in seinen E-Mail-Account ein. Alle Einträge des Blogs wurden gelöscht. Stattdessen stand dort nur noch ein einziger Satz: "Schreib jetzt mal was!"

Vor ungefähr einem Jahr wurde auch Alexej Nawalnys Mailbox gehackt. Seine private Korrespondenz ist jetzt auf einer öffentlichen Website zu lesen. Hinter beiden Anschlägen steckt angeblich dieselbe Person: Ein Hacker der sich "Hell" nennt.

"Hat Hell noch nicht deine Mailbox gehackt? Keine Sorge. Er wird das tun und zwar bald", schrieb schon 2007 der Schriftsteller Eduard Bagirov. Hell ist inzwischen in der russischen Blogosphäre zur Legende geworden. "Eine Abstraktion", sagt Bagirov: Hell sei eine Art Dämon, der aus der Streitlust der Blogger entstanden ist.

Nur ein Hobby

Um diesen Dämon anzurufen braucht es keine komplexe Zeremonie. Eine Nachricht an seinen Twitter-Account mit einer eigens eingerichteten E-Mail-Adresse als Kontaktmöglichkeit reicht aus. Wenige Sekunden später liegt eine Antwort im Postfach – im privaten, nicht dem angegebenen: "Hast du mich gesucht?"

Seit zwanzig Jahren, erzählt Hell, lebt er in Deutschland. Er ist deutscher Staatsbürger, hört gerne Punk und Metal und spielte früher als Torwart in einer Eishockey-Mannschaft.

In den letzten 16 Jahren ist er in über einhundert Blogs und Mail-Accounts eingebrochen. Das Wort "Hacker" gefällt ihm allerdings nicht. Für ihn ist das, was er tut, ein "Hobby". Über seinen eigentlichen Beruf will er keine Angaben machen.

Über Nawalny und Akunin hinaus stehen Dutzende Politiker und Journalisten auf der Liste seiner bisherigen Opfer. Und alle sind Mitglieder der politischen Opposition. Ob hinter seinen Taten eine politische Motivation steckt? "Nein. Ich habe keine politische Motivation. Für mich gibt es nur gute Menschen und schlechte Menschen”, antwortet er. Er greife nur diejenigen an, die in ihren Kommentaren andere Blogger "wie Dreck behandeln". "Ich kann nichts dafür, dass meine Ziele in den allermeisten Fällen zum Lager der Regierungskritiker gehören. Das bedeutet nur, dass die Opposition in Russland nicht so viele gute Personen in ihren Reihen hat."