Zensur-DebatteTwitter filtert Inhalte nicht systematisch

Der Nachrichtendienst kann Inhalte zwar blockieren, wird dies nach eigenen Angaben aber nur in Einzelfällen tun. Einige sehen in der Entwicklung sogar etwas Positives. von 

Als der Kurznachrichtendienst Twitter am Donnerstag in einem Blogeintrag bekannt gab , künftig rechtswidrige Inhalte in einzelnen Ländern zu blockieren , folgten die Reaktionen prompt und heftig. Viele Nutzer sprachen von Zensur, einige vom "sozialen Selbstmord", andere sahen die "Twitter-Revolution" der arabischen Welt bereits am Ende.

Einige Stunden später ist die Diskussion zwischen den Nutzern des Nachrichtendienstes zwar noch im Gange, doch neue Entwicklungen lassen die Sache weniger dramatisch erscheinen. Wie das Unternehmen inzwischen auf Nachfragen bestätigte, werde es entgegen erster Vermutungen Inhalte nicht automatisch und systematisch filtern. Stattdessen werde man ausschließlich "reaktiv" tätig werden. "Wir werden nur antworten, wenn ein gültiges juristisches Ersuchen vorliegt", sagte ein Twitter-Sprecher dem Blog Techradar . Auch dem Nachrichtensender CNN gegenüber bestätigte Twitter dieses Verfahren .

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Damit ändert sich zunächst wenig an Twitters jetziger Vorgehensweise. Schon länger zensiert der Nachrichtendienst Inhalte, die beispielsweise Urheberrechte verletzen oder als Kinderpornografie erkannt werden. Der einzige Unterschied besteht darin, dass dieses Verfahren künftig speziell für einzelne Länder eingesetzt werden kann. Das ermöglicht Twitter, auf länderspezifische Rechtslagen einzugehen, ohne die Inhalte komplett löschen zu müssen – ein Schritt, den Google bereits hinter sich hat und der aus Sicht des Unternehmens kaum umgänglich ist: "Es handelt sich zwar um Zensur, aber Twitter steht nicht über dem Gesetz", sagte Jillian C. York von der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) in ihrem Blog.

Nutzer in Ländern mit eingeschränkter Meinungsfreiheit können angesichts der Aussagen Twitters wohl vorerst beruhigt sein: Zwar ermöglicht der Dienst die Zensur von Inhalten, doch wenn tatsächlich für jeden einzelnen Tweet eine juristische Anfrage vorliegen muss, wäre eine flächendeckende Kontrolle durch autokratische Regime allein angesichts der Masse der Tweets kaum möglich. Dazu kommen die Retweets: Zensierte Nachrichten können durch Retweets von Nutzern aus anderen Ländern weiterhin einer Vielzahl an Menschen sichtbar gemacht werden. Wahrscheinlicher ist es daher, dass diese Länder den Zugriff auf Twitter komplett sperren oder weiterhin gesperrt lassen.

Vor diesem Hintergrund bleibt auch der schon länger vermutete Eintritt Twitters in den chinesischen Markt unwahrscheinlich. Twitter ist in China gesperrt, weil es sich nicht den Zensurvorgaben der Regierung beugen möchte. Wie Twitter in seinem Blogeintrag schrieb, werde man seinen Dienst in einigen Ländern auch weiterhin nicht anbieten können – weil es sich nicht mit der Meinungsfreiheit vereinbaren lässt.

Macht die neue Methode die Zensur transparenter?

In Deutschland wird das Unternehmen damit keine Probleme haben. Vergangene Woche gab Gründer Jack Dorsey bekannt, künftig auch ein Büro in Deutschland eröffnen zu wollen, weitere Standorte sollen folgen. Da die ansässigen Mitarbeiter der jeweiligen Rechtsprechung unterliegen, muss Twitter sein Geschäftsmodell auch rechtlich absichern. Das hat der Dienst nun noch einmal nachhaltig getan.

Mike Masnick, Gründer des einflussreichen Blogs Techdirt und gemeinhin ein Gegner jeglicher Zensurbemühungen, sieht in der Entscheidung letztlich sogar noch etwas Positives : Dadurch, dass Twitter alle Vorgänge öffentlich dokumentieren möchte, würde man schließlich künftig besser verfolgen können, welche Inhalte tatsächlich zensiert werden. Das sei weitaus eleganter als kommentarloses Löschen. Mehr noch: Es mache das Zensurbestreben einzelner Länder, Unternehmen und Rechteinhaber deutlich.

Letztlich dürfte das neue Verfahren weniger die weltweite Meinungsfreiheit gefährden als vielmehr Twitters Kommunikationsstrategie. Eine ausführlichere Erklärung mit besser gewählten Beispielen hätte viele Zweifel schon im Voraus beseitigt.

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Leserkommentare
    • Nero11
    • 27. Januar 2012 20:16 Uhr

    Warum ist es eigentlich so offensichtlich, dass jeder Staat ins Internet eingreifen kann, wie es ihm gefällt? Das Netz ist vor allem eine Vernetzung der Menschen. Wie können sie da überhaupt Regeln setzen und Zensur betreiben. Vielleicht kann die Menschheit erst dann richtig frei sein, wenn das Internet komplett frei ist.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "......"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CNN | Google | Blog | Kinderpornografie | Rechtslage | Twitter
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