Zensur : Twitter musste seine Nutzer desillusionieren

Twitter will Gewinn machen, nicht Politik. Das müssen auch die Idealisten einsehen, die sich über die geplante länderspezifische Zensurfunktion empören, meint P. Beuth.

Twitter ist kein politisches Instrument, auch wenn viele den Kurznachrichtendienst dafür halten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen tut das, WikiLeaks- und Anonymous-Sympathisanten, Blogger aus der arabischen Welt sowie einige, die gegen die US-Gesetzentwürfe Sopa und Pipa protestiert haben. Das zeigt dieser Tage die Aufregung über Twitters Ankündigung, eine länderspezifische Zensurfunktion einzuführen. Die Empörung offenbart ein Wunschdenken vieler Nutzer, das Twitter früher oder später enttäuschen musste. Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen.

Tim Wu, Professor an der Columbia Law School und Erfinder des Begriffs Netzneutralität, sagte der New York Times : "Twitter muss vorsichtig sein, nicht in eine Position zu geraten, in der es in einer Rebellion gegen unterdrückerische Regime nicht mehr hilfreich ist."

Muss Twitter das? Nein. Der Dienst war einst gestartet, um Mitgliedern eine Plattform für kurze Blogeinträge zu geben. "Was tust du?", war die Frage, die Twitter seinen Nutzern anfangs stellte. Heute steht auf der Startseite: "Finde heraus, was es bei den Leuten und Organisationen, die Dich interessieren, Neues gibt." Es waren aber die Nutzer, die Twitter zu einem Nachrichtenticker umfunktioniert haben. Twitter hat nur günstige Rahmenbedingungen geschaffen, um den Dienst für politische Zwecke zu nutzen.

Wer ein politisches Werkzeug will, muss es anders organisieren und Kompromisse eingehen. Die freie Software StatusNet ist so ein Ansatz, der bekannteste mit ihr umgesetzte Dienst ist identi.ca . Er bietet ähnliche Funktionen wie Twitter und erlaubt eine dezentrale Organisation. Jedes Mitglied kann die Software auf einem eigenen Server verwenden und behält damit die Kontrolle über die eigenen Daten. Doch letztlich ist das Angebot wohl zu kompliziert, um 100 Millionen Twitternutzer oder mehr zu einem Umzug zu bewegen.

Seine Größe und seine niedrige technische Einstiegshürde machen Twitter so attraktiv. Daran ändern auch die Entwicklungen der vergangenen Tage nichts. Twitter war immer ein Unternehmen und bleibt das auch. Der Zensurmechanismus soll die Expansion in andere Länder vereinfachen. Neue Twitterprofile für Marken sind geplant, sie sollen Spiele und Shopping-Möglichkeiten beinhalten.

Die von Aktivisten mehrfach geäußerte Forderung an Twitter , die USA mitsamt ihren Servern zu verlassen, um künftig aus einem Land zu operieren, das staatliche Zugriffe auf Nutzerdaten und Blockadeversuche stärker beschränkt, lehnt Mitbegründer Jack Dorsey rundweg ab. Twitter hat zuletzt einfach verdeutlicht, dass es Gewinn machen will, nicht Politik. Das war nicht gut für seinen Ruf als Revolutionsmedium, aber es war unvermeidlich.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Demokratie ad acta legen

Schade, aber nicht verwunderlich, Twitter. Die Rechnung ist immer gleich, tausche ein bisschen 'westliche Zivilisationserrungenschaften' (Ironie) reumütig wieder ein gegen mehr wirtschaftliches Wachstum. Aber Demokratie ist nunmal nützlicher als Exportgut als zuviel davon zuhause. (Plus, Verknappung fördert bekanntlich die Nachfrage ;))...

Zu Acta, da läuft (u.a.) noch eine Petition bei Avaaz:
http://www.avaaz.org/de/e...

Wer noch nichts davon gehört hat und jetzt mehr wissen will, freut sich vielleicht über diesen, zumindest der geringen Zahl der Kommentare nach zu schätzen, Geisterartikel hier auf Zeit Online:
http://www.zeit.de/digita...

Und dann gibt's ja vorläufig noch das Netz.

Es gibt gute Alternativen zu twitter und google. Nur haben sie evtl. noch nicht alle eine iPhone-App.

Es ist wichtiger Konzepte zu verstehen als Markennamen.

Man such einen microblogging Dienst oder eine Suchmaschine. Diese gibt es. Twitter beginnt zu nerven, ebenso wie google.

Dies sind die Schattenseiten des Erfolges oder die Vorwehen von Börsengängen oder Auszahlungen ...

Dankeschön, dass Sie hier schonmal...

...den Link abgelegt haben. Den dort stehenden Artikel sollte der Autor dieses hier mal durchlesen und sich dann nochmal überlegen, ob er mit auf der uninformierten Welle reiten will. Twitter wird sogar deutlich (!) zensurunfreundlicher, hat sich aber unglücklich ausgedrückt. Schrecklich, dass das so lange dauert, bis sich das überall rumgesprochen hat.

Was mich viel mehr...

... nervt sind die Alternativen. Ich muss nicht unbedingt bei Twitter "bloggen" und auch Facebook nervt mit der Zeit.

Aber was sind die Alternativen?
Zu Facebook ist mir nur eine wirkliche Alternative bekannt: Diaspora. Zwar gibt es noch Google+ , LinkedIn und Xing, wobei G+ kaum besser ist als FB und die letzten beiden eher an Jobbörsen erinnern. Nun ist aber Diaspora innerhalb eines guten Jahres nicht über den Alphastatus hinweggekommen, und den merkt man ihm an: Zum Beispiel kann ich mich nicht mehr registrieren, da ich mein PW vergessen habe und ich das PW nicht ändern kann aufgrund irgendwelcher Fehler. Zu dem ist es zwar ein netter Gedanke, sich eigene Knotenpunkte zu erstellen, aber wo finde ich diese und wie soll ich bitte ohne Programmierkenntnisse einen Apache-Server mit Diaspora aufsetzen? Das ist vollkommen realitätsfern.
Alternativen zu Twitter: identi.ca hat mich zwar schon mit Captchas während der Anmeldung fast verjagt, aber dann anschließend mit verschiedenen Fehlermeldungen und falschen Darstellungen endgültig verloren. In Status.net komme ich nicht einmal rein. Davon abgesehen sind alle drei openSource Netzwerke grausam gestaltet. Man kann sich richtig vorstellen, dass dort Informatiker am Werk waren (studiere selbst in die Richtung). Die Technik kann stimmen, aber das Interface ist Mist. So kann man nur mittelmäßig begeistern.

Wie so ziemlich jede Open Source Lösung mögen auch diese von der Idee her gut sein, aber in der Umsetzung maximal mittelmäßig.