Bernhard Stenzel ist Geschäftsmann, meist ruhig und besonnen. Bis er in sein Büro geht, um etwas zu tun, das surfen genannt wird, bei ihm aber nicht so geschmeidig abläuft, wie der Begriff verheißt. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis sich auf seinem Flachbildschirm eine Website aufbaut. Solange trommelt Stenzel nervös mit den Fingern auf dem Schreibtisch und schimpft über die Zweiklassengesellschaft in diesem Land. Er meint den digitalen Graben zwischen denen, die einen zeitgemäßen Internetanschluss besitzen, über DSL oder andere schnelle Systeme, und denen, die in der Frühzeit des Internets steckengeblieben sind.

Stenzel ist 32 Jahre alt und führt eine mittelständische Holzverarbeitungsfirma in Lunow-Stolzenhagen , einer 1.200 Einwohner kleinen Gemeinde im östlichen Brandenburg , nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Lunow-Stolzenhagen gehört zu den wenigen Kommunen in Deutschland, die nicht ans Breitbandnetz angeschlossen sind. Hier wählen sich die meisten Menschen noch über ISDN ins Internet ein, einer Technik, die Mitte der neunziger Jahre auf der Höhe der Zeit war.

Stenzels Firma stellt alles mögliche aus Holz her, von der Containerkiste bis zum Fertighaus. Wenn er online im Schneckentempo unterwegs ist, macht er das nicht zum Vergnügen, sondern um Kontakte mit Kunden anzubahnen, Zubehör zu kaufen oder sein Firmenkonto zu verwalten. In einer Geschäftswelt, die längst mit rasanten Übertragungsraten jenseits von 25 Megabit pro Sekunde pro Sekunde operiert, fühlt sich Stenzel wie ein Sonderling aus einer untergegangenen Zeit.

Wenn er eine Mail verschicken wollte, die Bilder seiner Holzbauteile enthält, wäre er Stunden beschäftigt – ein Zeitaufwand, den er sich nicht leisten kann. Also muss er Geschäftspartnern wie etwa einem Architekturbüro erklären, er könne ein Portfolio seiner Produkte nur auf einer gebrannten CD per Post versenden. "Die halten mich sofort für einen unfähigen Hinterwäldler", sagt Stenzel. Oft hört er nie wieder etwas von diesen Kunden.

520.000 Haushalte nicht am Breitbandnetz

Im März 2009 hatte Angela Merkel auf der Cebit in Hannover versprochen , bis Ende 2010 alle deutschen Haushalte mit DSL-Anschlüssen auszustatten. Daraus ist bis heute nichts geworden: Anfang 2012 ist es für 520.000 Haushalte immer noch nicht möglich, ihre Rechner an eine schnelle Internetleitung anzudocken. Am ärgsten betroffen sind dünn besiedelte, strukturschwache Regionen. Dort sind den großen Telekommunikationskonzernen wie Telekom oder Vodafone die Breitbandnetze nicht rentabel genug. Zu teuer das Verlegen der Leitungen, zu gering die Aussicht auf eine ökonomisch vertretbare Anzahl von Kundenverträgen. Manche Gemeinden helfen sich selbst , weil es sonst niemand tut.

Die meisten unterversorgten Gemeinden finden sich in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern , im Landkreis Prignitz etwa oder im Landkreis Vorpommern-Greifswald – Gegenden, in denen zudem die Jugend abwandert und die Arbeitslosenzahl überdurchschnittlich hoch ist. In Lunow-Stolzenhagen, Landkreis Barnim, herrscht ein ähnliches trübes Bild: Die Einwohner sind im Schnitt 47,5 Jahre alt; die einzige Schule, die es im Ort gab, wurde 2003 geschlossen, weil die Schüler ausblieben. Von den erwerbsfähigen Personen sind 77 arbeitslos gemeldet.

Was es aber in Lunow-Stolzenhagen durchaus gibt, ist eine vitale Unternehmerschicht. Bürgermeisterin Andrea von Cysewski sitzt im Sitzungssaal der Gemeindevertretung und zeigt einen Stapel aus 26 Briefen. Sie stammen von Gewerbetreibenden, adressiert sind sie an das Ministerium für ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz in Potsdam . Darin erzählen die Unternehmer von ihrem Ärger mit schwerfälligen ISDN-Leitungen. Ihre Hoffnung: die Aufnahme in ein Förderprogramm, aufgelegt vom Land Brandenburg, um weiße Flecken auf der Karte der Breitbandversorgung zu tilgen. 21,5 Millionen Euro haben Land, Bund und EU bereitgestellt, um den Bau von Breitbandnetzen zu bezuschussen. Es soll ein Anreiz sein für die Kommunikationskonzerne, ihre passive Haltung aufzugeben.

LTE würde Funkfrequenzen in Polen stören

In den Petitionen schreibt ein Versicherungsmakler von Fachsoftware, die er nicht updaten könne. Die Leiterin des Edeka-Markts klagt, sie könne in ihrem Laden nicht, wie in anderen Filialen, Chipkarten für Rabattpunkte einführen. Die Landärztin befürchtet einen Zusammenbruch ihrer Rechner, wenn die elektronische Gesundheitskarte kommt und Patientendaten von auswärtigen Servern heruntergeladen werden müssen.

Das Landesministerium hat den Antrag der Gemeinde trotzdem abgelehnt. Nähere Gründe wurden nicht genannt. "Wir haben unser Problem nicht lösen können", sagt die Bürgermeisterin resigniert. Auch Alternativen zum DSL-Anschluss sind kaum praktikabel. So kommt die Mobilfunktechnik LTE  ( Long Term Evolution ) , von der Bundesnetzagentur als Lückenbüßer in unterversorgten Regionen angepriesen, ebenfalls nicht in Frage. Lunow-Stolzenhagen liegt zu nahe an der Grenze. Ein Mast würde bilaterale Verträge verletzen – weil Funkfrequenzen in Polen gestört würden. Internet über Kabel ist genauso wenig eine Option: Es gibt keine tragfähigen Leitungen.

Die Metzgerei, die im Umland mehrere Filialen betreibt, geht mittlerweile über einen Satellitenanschluss ins Netz. Damit kann der Metzgermeister immerhin schneller als über ISDN die Steuererklärung ans Finanzamt schicken, die Verbindung ist aber störanfällig. Für sein Provisorium zahlt Künkel monatlich 40 Euro – etwa doppelt so viel wie Großstädter für eine DSL-Flatrate.

Die wenigen jungen Menschen in Lunow-Stolzenhagen reagieren eher gleichgültig auf die Misere. Vielen ist das wichtigste Verständigungsmittel der Welt fremd. Eine 22-jährige Verkäuferin ohne Netzanschluss erzählt fröhlich, sie habe noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse und überhaupt würde sie das Internet nur davon abhalten, sich um ihr Pferd zu kümmern. Da ist ein anderer 22-Jähriger, der sich vor Jahren einmal einen Mail-Account eingerichtet hat, die Adresse aber längst nicht mehr kennt und anfügt, all der Internetkram lohne sich sowieso nicht.

Letzte Hoffnung: die Funktechnik Canopy

Der Rentner Dietmar Herbrich dagegen findet, dass alle gleichermaßen am Netz teilhaben sollten. "Internet gehört zur Grundversorgung wie Wasser und Strom", sagt er. Zu DDR-Zeiten hat Herbrich als Informatiker gearbeitet, nach der Wende war er Geschäftsführer einer Bildungseinrichtung. Dass so jemand nicht vom Internet ausgeschlossen sein will, liegt auf der Hand. Also hat ihm sein jüngster Sohn ein Geschenk gemacht: Er installierte eine UMTS-Antenne auf seinem Dach. Die Verbindung ist im Vergleich zu einer DSL-Leitung immer noch langsam. Sie reicht aber, um Urlaubsfotos zu verschicken oder Reisen zu buchen.

Für Bernhard Stenzel, den Holzfabrikanten, wäre ein solcher Anschluss eine spürbare Beschleunigung. Aber seine Firma liegt verloren am Ortsrand, umringt von dichtem Forst. In dieser Abgeschiedenheit können Antennen keine UMTS-Wellen mehr empfangen. Warum er nicht wenigstens eine Satellitenschüssel aufstellt, um kein Hinterwäldler mehr zu sein? "Keine echte Lösung" sei das. "Es geht ums Prinzip." Wenn überall sonst in die Internetnutzer ans Breitbandnetz angeschlossen sind, wollen auch die Einwohner von Lunow-Stolzenhagen einen solchen Zugang.

Ihre letzte Hoffnung: die Funktechnik Canopy der Firma Motorola . Bei diesem System könnte ein in der Region aufgebauter Mast Funksignale ausstreuen, mit denen sich DSL-ähnliche Übertragungsraten erreichen ließen. Der Kommunikationsdienstleister Complus hat Lunow-Stolzenhagen und zwei Nachbargemeinden ein Angebot gemacht: Für etwa 150.000 Euro könne Complus einen solchen Mast errichten, der dann alle Gemeinden versorgen würde. Eine Summe, die nur mit Fördergeld aus Landestöpfen zu stemmen wäre. Die Einwohner von Lunow-Stolzenhagen zweifeln daran, dass sich das Land Brandenburg derart spendabel zeigt.