BreitbandversorgungSurfen wie in den neunziger Jahren
Seite 2/2:

LTE würde Funkfrequenzen in Polen stören

In den Petitionen schreibt ein Versicherungsmakler von Fachsoftware, die er nicht updaten könne. Die Leiterin des Edeka-Markts klagt, sie könne in ihrem Laden nicht, wie in anderen Filialen, Chipkarten für Rabattpunkte einführen. Die Landärztin befürchtet einen Zusammenbruch ihrer Rechner, wenn die elektronische Gesundheitskarte kommt und Patientendaten von auswärtigen Servern heruntergeladen werden müssen.

Das Landesministerium hat den Antrag der Gemeinde trotzdem abgelehnt. Nähere Gründe wurden nicht genannt. "Wir haben unser Problem nicht lösen können", sagt die Bürgermeisterin resigniert. Auch Alternativen zum DSL-Anschluss sind kaum praktikabel. So kommt die Mobilfunktechnik LTE  ( Long Term Evolution ) , von der Bundesnetzagentur als Lückenbüßer in unterversorgten Regionen angepriesen, ebenfalls nicht in Frage. Lunow-Stolzenhagen liegt zu nahe an der Grenze. Ein Mast würde bilaterale Verträge verletzen – weil Funkfrequenzen in Polen gestört würden. Internet über Kabel ist genauso wenig eine Option: Es gibt keine tragfähigen Leitungen.

Die Metzgerei, die im Umland mehrere Filialen betreibt, geht mittlerweile über einen Satellitenanschluss ins Netz. Damit kann der Metzgermeister immerhin schneller als über ISDN die Steuererklärung ans Finanzamt schicken, die Verbindung ist aber störanfällig. Für sein Provisorium zahlt Künkel monatlich 40 Euro – etwa doppelt so viel wie Großstädter für eine DSL-Flatrate.

Die wenigen jungen Menschen in Lunow-Stolzenhagen reagieren eher gleichgültig auf die Misere. Vielen ist das wichtigste Verständigungsmittel der Welt fremd. Eine 22-jährige Verkäuferin ohne Netzanschluss erzählt fröhlich, sie habe noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse und überhaupt würde sie das Internet nur davon abhalten, sich um ihr Pferd zu kümmern. Da ist ein anderer 22-Jähriger, der sich vor Jahren einmal einen Mail-Account eingerichtet hat, die Adresse aber längst nicht mehr kennt und anfügt, all der Internetkram lohne sich sowieso nicht.

Letzte Hoffnung: die Funktechnik Canopy

Der Rentner Dietmar Herbrich dagegen findet, dass alle gleichermaßen am Netz teilhaben sollten. "Internet gehört zur Grundversorgung wie Wasser und Strom", sagt er. Zu DDR-Zeiten hat Herbrich als Informatiker gearbeitet, nach der Wende war er Geschäftsführer einer Bildungseinrichtung. Dass so jemand nicht vom Internet ausgeschlossen sein will, liegt auf der Hand. Also hat ihm sein jüngster Sohn ein Geschenk gemacht: Er installierte eine UMTS-Antenne auf seinem Dach. Die Verbindung ist im Vergleich zu einer DSL-Leitung immer noch langsam. Sie reicht aber, um Urlaubsfotos zu verschicken oder Reisen zu buchen.

Für Bernhard Stenzel, den Holzfabrikanten, wäre ein solcher Anschluss eine spürbare Beschleunigung. Aber seine Firma liegt verloren am Ortsrand, umringt von dichtem Forst. In dieser Abgeschiedenheit können Antennen keine UMTS-Wellen mehr empfangen. Warum er nicht wenigstens eine Satellitenschüssel aufstellt, um kein Hinterwäldler mehr zu sein? "Keine echte Lösung" sei das. "Es geht ums Prinzip." Wenn überall sonst in die Internetnutzer ans Breitbandnetz angeschlossen sind, wollen auch die Einwohner von Lunow-Stolzenhagen einen solchen Zugang.

Ihre letzte Hoffnung: die Funktechnik Canopy der Firma Motorola . Bei diesem System könnte ein in der Region aufgebauter Mast Funksignale ausstreuen, mit denen sich DSL-ähnliche Übertragungsraten erreichen ließen. Der Kommunikationsdienstleister Complus hat Lunow-Stolzenhagen und zwei Nachbargemeinden ein Angebot gemacht: Für etwa 150.000 Euro könne Complus einen solchen Mast errichten, der dann alle Gemeinden versorgen würde. Eine Summe, die nur mit Fördergeld aus Landestöpfen zu stemmen wäre. Die Einwohner von Lunow-Stolzenhagen zweifeln daran, dass sich das Land Brandenburg derart spendabel zeigt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Felefon
    • 27. Februar 2012 18:36 Uhr

    liegt Lunow-Stolzenhagen gerade einmal 7 km von Oderberg entfernt. Dort ist DSL verfügbar ( Kann man bei der Telekom abfragen ).
    7 km sind mit handelsüblicher WLAN-Technik ( 54 MBit) und ein paar Richtantennen problemlos überbrückbar.
    Kosten ca 200 EUR.

    Ich habe das jedenfalls in meinem Dörfchen hier so gemacht.
    20 Haushalte teilen sich mehrere DSL-Anschlüsse auf einem Dachboden im Nachbardorf per WLAN-Anbindung.
    Das ist die "kleine Lösung", aber meine Nachbarn scheinen recht zufrieden.

    Also nicht rumjammern und auf den warmen Regen warten sondern selbst aktiv werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:35 Uhr

    aber haben Sie Sichtkontakt zum Nachbardorf? So wie sich mir das aus dem Artikel erschließt, liegt der Ort in einer waldreichen Gegend und da könnte es Problem mit Richtantennen geben.
    Ich kenne mich aber damit nicht gut aus, vllt kann man diese Probleme ja auch umgehen.

    Hier ist ein guter Artikel aus der C'T zu dem Thema:

    http://www.lancom-systems...

    Und hier die Seite einer Ortsgruppe, die ihre DSL-Verbindung ebenfalls mittels Richtantennen selbst eingerichtet haben:

    http://www.wlan-skynet.de/

    Wenn Sie Ahnung haben und meinen, daß Sie das dort bewerkstelligen könnten, dann wäre da doch sicherlich ein lukrativer Nebenverdienst möglich und den Dorfbewohnern wäre auch geholfen :)

    Sind auch Sie verzweifelt auf der Suche nach Breitbandzugang zum Internet?

    Ich war es leid, mir die tollen Landkarten mit der Verfügbarkeit von breitbandigem Internet anzusehen (Telekom & Co.), nur um dann festzustellen, dass ich einfach Pech habe und immer noch mitten in einem der "Weißen Flecke" lebe.

    "Nicht genügend Nachfrage, tut uns leid, das lohnt sich für uns nicht" - eines der Todschlagargumente seitens der Anbieter, wenn man nachfragt, wann es denn endlich auch mal bei mir vor Ort soweit ist...

    Web 2.0 - warum das nicht mal für was Praktisches nutzen - Ich glaube daran, dass genügend Nachfrage auch vernünftige Angebote erzeugt. Nutzen wir doch die Möglichkeiten der vernetzten Welt, um uns und unseren Bedarf sichtbar zu machen:

    www.Breitbandatlas-Deutsc...

    Registrieren Sie hier einfach Ihren Wunsch nach Breitbandzugang. Welche Bandbreite brauchen Sie, wie dringend ist es, wieviel würden Sie bereit sein, zu bezahlen und wo soll der Anschluss lokalisiert sein.

    Atlas ansehen - http://www.breitbandatlas...

    Noch Fragen? - http://www.breitbandatlas...

    Mitmachen! - http://www.breitbandatlas...

    Ich kann Ihnen mit unserer Initiative nicht versprechen, morgen endlich versorgt zu werden.

    ABER:

    Für einen einzigen potentiellen Breitbandkunden interessieren sich die wenigsten, für hunderte oder Tausende alle!

    Garantiert NICHT zwischen lunow und stolzenhagen (nächste dorf ca .3km) ist ein berg/hügel (Vorort der LPG, Lunow-Steinberg) und zwischen oderberg und lunow ist dichter wald, also in richtung deutschland unmöglich, einige bewohner haben sich nun internet aus polen geholt das BEI UNS so schnell wie in z.b. Angermünde ist

    ja ich wohne in lunow falls jemand fragt

  1. Da zeigt die Presse mal wieder das sie keine Ahnung hat.

    Mitten in Deutschland in Nordhessen.

    Niedenstein/ Hessen
    Selbst Kernbereiche der Heimatstadt B. Braun aus dem der Hess. WiMin Posch kommt ist ohne - und wenn LTE dann teuer und im download begrenzt.

    Nichts von folgendem ist realisiert:

    http://www.hessen.de/irj/...

    http://www.breitband-in-h...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • W4YN3
    • 28. Februar 2012 8:29 Uhr

    Im Artikel steht, 850.000 Haushalte sind ohne Breitband, daraus lässt sich ableiten, dass es sich nicht bloß um ein Kuhkaff handelt.

    • bkkopp
    • 27. Februar 2012 18:53 Uhr

    Bei aller Sympathie für die, die irgendwo im 'toten Winkel' wohnen, aber die Proportionen scheinen nicht wirklich so schlecht zu sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Zahl erscheint mir ein wenig realitätsfremd zu sein,ich bin durch meinen Beruf bundesweit unterwegs und muß mit den Internetanschlüssen in den einzelnen Gemeinden vorlieb nehmen, die dort zur Verfügung stehen.Wenn ich mich nicht in der direkten Nähe von größeren Städten befinde, so habe ich in den allermeisten Fällen nur ISDN zur Verfügung.UMTS wird zwar auch immer vollmundig angeboten,aber 7Mbps habe ich noch nirgendwo wirklich zur Verfügung gehabt.Ich wohne in Nordfriesland, auf dem Lande,nätürlich gibt es bei mir nur ISDN.UMTS erreicht mich auch nicht. Wir haben bei uns nun eine Breitbandnetz Gesellschaft gegründet und schließen jeden Haushalt an das Glasfasernetz an.
    Soviel zu den Versprechen der Frau Merkel.

  2. Es kommt nicht so sehr auf die Geschwindigkeit an, sondern was wir Deutsche mit dem Internet anstellen? Und das ist mehr als dürftig. Derzeit geistert die „MyTaxi“ App durch die Medien. Ein deutsches Produkt, welches im Grunde nichts mit dem Internet zu tun hat, sondern sich nur des Datenweges dieses bedient. Das einzig Innovative, was aus deutschen Landen in Bezug auf neue Medien und Internet in den letzten Jahren entstanden ist. Hier sei noch das MP3-Format des Frauenhofers Institut erwähnt. Was machen eigentlich unsere ausbildeten und fachlich qualifizierten Informatiker eigentlich? Sind die alle im Ausland tätig? Arbeiten die für Google und Apple? Es ist schon traurig, was wir mit dem Internet fertig bringen. Unsere Spitzenleistung haben wir mit dem Cybermobbing erreicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nichts gegen ein buntes Handy und Google ist wahrlich toll, aber so ganz sollte man den deutschen Anteil doch nicht unter den Tisch kehren.

    Da gibt's schon mehr als nur Tom's Diner.

    Oder um aktueller zu werden, wer war noch mal zusammen mit Israel erstaunlich gut aufgestellt in einem IT-Feld über welches man besser schweigen sollte?

    Es kommt leider nichts eigenständiges aus deutschen Landen, was die tägliche Nutzung des Computers und des Internets anbelangt. Warum gibt es kein sinnvolles, deutsches Betriebssystem? Warum kann man in Deutschland keine guten Tablett-PC bauen? Der Markt jenseits der 500.- Euro Grenze ist doch offen wie ein Scheunentor. Das zeigt uns doch Apple. Wir müssen nicht mit Billigproduzenten konkurrieren. Wir haben, was den IT-Bereich anbelangt aufgehört mit Qualität zu konkurrieren.

    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:35 Uhr

    aber haben Sie Sichtkontakt zum Nachbardorf? So wie sich mir das aus dem Artikel erschließt, liegt der Ort in einer waldreichen Gegend und da könnte es Problem mit Richtantennen geben.
    Ich kenne mich aber damit nicht gut aus, vllt kann man diese Probleme ja auch umgehen.

    Hier ist ein guter Artikel aus der C'T zu dem Thema:

    http://www.lancom-systems...

    Und hier die Seite einer Ortsgruppe, die ihre DSL-Verbindung ebenfalls mittels Richtantennen selbst eingerichtet haben:

    http://www.wlan-skynet.de/

    Wenn Sie Ahnung haben und meinen, daß Sie das dort bewerkstelligen könnten, dann wäre da doch sicherlich ein lukrativer Nebenverdienst möglich und den Dorfbewohnern wäre auch geholfen :)

    Antwort auf "Soweit ich das sehe"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:53 Uhr

    Hier noch ein weniger technischer, dafür aber aktuellerer Artikel zum gleichen Thema:

    http://www.heise.de/ct/ar...

    Vllt ist es ja möglich diese an die betroffenen Lunow-Stolzenhagener weiterzuleiten. Wäre doch nett, wenn sie am Ende so preiswert ans Internet kommen.

    • Felefon
    • 27. Februar 2012 21:55 Uhr

    >haben Sie Sichtkontakt zum Nachbardorf?

    Ja - eine direkte Sichtverbindung ist notwendig.
    Notfalls muß man halt einen Antennenmast aufstellen.
    So von Google Earth aus gesehen müßte zw. Oderberg und Lunow auf der Anhöhe nördlich Oderberg ein Mast aufgestellt, oder die dort vorhandenen Strommasten gekapert werden.
    Mit einem Solarpanel und einer Batterie bestückt sollten die erforderlichen 30 Watt Dauerleistung damit bereitstellbar sein.
    Das wäre zudem sinnvoll da die Teilstrecken dann nur je 3 bzw 4 km lang wären auf denen die 2.4 GHz-Technik ausreicht.

    Mit 5 GHz Anlagen habe ich keine Erfahrung ich verwende handelsübliche 2.4GHz Consumer-APs für rund 30 - 80 EUR/Stk.

    Das Wlan hier ist im Lauf der Zeit auf 2 RF-Strecken ( geht noch weiter ins nächste Dorf ) und eine Relaisstation ( ein Client-AP und ein AP gekoppelt ) ausgewachsen.

    Drei Nachteile bei den Consumer-Geräten :
    - Ab und an fallen die Dinger aus und müssen neu gestartet werden. Jemand muß sich also kümmern.
    - Am DSL-Standort kommen immer mehr Wlans in die Haushalte und das 2.4GHz-Band hat nur 13 Kanäle.
    - Mikrowellenherde und Babyphones sind die natürlichen Feinde von Wlans in freier Wildbahn

    Der Vorteil sind die geringen Kosten.

    Ein Nebengeschäft mache ich daraus nicht. Das Dorf-Wlan fördert die Nachbarschaft und das ist ein weitaus wertvolleres Gut als Geld.

    Man ( die Lunower z.B. ) kann mich ja hier über mein Profil per mail erreichen und ich stehe gerne und kostenlos mit Rat zur Verfügung.

    • Nest
    • 27. Februar 2012 19:38 Uhr

    ..."privat vor Staat"
    hätte man das schon immer so gehandhabt, gäb's in der Eifel weder Post noch Telefon.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn die Telekom Siedlungspolitik in Deutschland macht?

    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:53 Uhr

    Hier noch ein weniger technischer, dafür aber aktuellerer Artikel zum gleichen Thema:

    http://www.heise.de/ct/ar...

    Vllt ist es ja möglich diese an die betroffenen Lunow-Stolzenhagener weiterzuleiten. Wäre doch nett, wenn sie am Ende so preiswert ans Internet kommen.

    Antwort auf "Interessante Idee,"
  3. wenn die Telekom Siedlungspolitik in Deutschland macht?

    Antwort auf "das kommt vom..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service