BreitbandversorgungSurfen wie in den neunziger Jahren

Vor drei Jahren versprach Kanzlerin Merkel, ganz Deutschland werde bis Ende 2010 ans Breitbandnetz angeschlossen. In Lunow-Stolzenhagen ist davon nichts zu sehen. von Philipp Wurm

Bernhard Stenzel ist Geschäftsmann, meist ruhig und besonnen. Bis er in sein Büro geht, um etwas zu tun, das surfen genannt wird, bei ihm aber nicht so geschmeidig abläuft, wie der Begriff verheißt. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis sich auf seinem Flachbildschirm eine Website aufbaut. Solange trommelt Stenzel nervös mit den Fingern auf dem Schreibtisch und schimpft über die Zweiklassengesellschaft in diesem Land. Er meint den digitalen Graben zwischen denen, die einen zeitgemäßen Internetanschluss besitzen, über DSL oder andere schnelle Systeme, und denen, die in der Frühzeit des Internets steckengeblieben sind.

Stenzel ist 32 Jahre alt und führt eine mittelständische Holzverarbeitungsfirma in Lunow-Stolzenhagen , einer 1.200 Einwohner kleinen Gemeinde im östlichen Brandenburg , nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Lunow-Stolzenhagen gehört zu den wenigen Kommunen in Deutschland, die nicht ans Breitbandnetz angeschlossen sind. Hier wählen sich die meisten Menschen noch über ISDN ins Internet ein, einer Technik, die Mitte der neunziger Jahre auf der Höhe der Zeit war.

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Stenzels Firma stellt alles mögliche aus Holz her, von der Containerkiste bis zum Fertighaus. Wenn er online im Schneckentempo unterwegs ist, macht er das nicht zum Vergnügen, sondern um Kontakte mit Kunden anzubahnen, Zubehör zu kaufen oder sein Firmenkonto zu verwalten. In einer Geschäftswelt, die längst mit rasanten Übertragungsraten jenseits von 25 Megabit pro Sekunde pro Sekunde operiert, fühlt sich Stenzel wie ein Sonderling aus einer untergegangenen Zeit.

Wenn er eine Mail verschicken wollte, die Bilder seiner Holzbauteile enthält, wäre er Stunden beschäftigt – ein Zeitaufwand, den er sich nicht leisten kann. Also muss er Geschäftspartnern wie etwa einem Architekturbüro erklären, er könne ein Portfolio seiner Produkte nur auf einer gebrannten CD per Post versenden. "Die halten mich sofort für einen unfähigen Hinterwäldler", sagt Stenzel. Oft hört er nie wieder etwas von diesen Kunden.

520.000 Haushalte nicht am Breitbandnetz

Im März 2009 hatte Angela Merkel auf der Cebit in Hannover versprochen , bis Ende 2010 alle deutschen Haushalte mit DSL-Anschlüssen auszustatten. Daraus ist bis heute nichts geworden: Anfang 2012 ist es für 520.000 Haushalte immer noch nicht möglich, ihre Rechner an eine schnelle Internetleitung anzudocken. Am ärgsten betroffen sind dünn besiedelte, strukturschwache Regionen. Dort sind den großen Telekommunikationskonzernen wie Telekom oder Vodafone die Breitbandnetze nicht rentabel genug. Zu teuer das Verlegen der Leitungen, zu gering die Aussicht auf eine ökonomisch vertretbare Anzahl von Kundenverträgen. Manche Gemeinden helfen sich selbst , weil es sonst niemand tut.

Die meisten unterversorgten Gemeinden finden sich in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern , im Landkreis Prignitz etwa oder im Landkreis Vorpommern-Greifswald – Gegenden, in denen zudem die Jugend abwandert und die Arbeitslosenzahl überdurchschnittlich hoch ist. In Lunow-Stolzenhagen, Landkreis Barnim, herrscht ein ähnliches trübes Bild: Die Einwohner sind im Schnitt 47,5 Jahre alt; die einzige Schule, die es im Ort gab, wurde 2003 geschlossen, weil die Schüler ausblieben. Von den erwerbsfähigen Personen sind 77 arbeitslos gemeldet.

Was es aber in Lunow-Stolzenhagen durchaus gibt, ist eine vitale Unternehmerschicht. Bürgermeisterin Andrea von Cysewski sitzt im Sitzungssaal der Gemeindevertretung und zeigt einen Stapel aus 26 Briefen. Sie stammen von Gewerbetreibenden, adressiert sind sie an das Ministerium für ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz in Potsdam . Darin erzählen die Unternehmer von ihrem Ärger mit schwerfälligen ISDN-Leitungen. Ihre Hoffnung: die Aufnahme in ein Förderprogramm, aufgelegt vom Land Brandenburg, um weiße Flecken auf der Karte der Breitbandversorgung zu tilgen. 21,5 Millionen Euro haben Land, Bund und EU bereitgestellt, um den Bau von Breitbandnetzen zu bezuschussen. Es soll ein Anreiz sein für die Kommunikationskonzerne, ihre passive Haltung aufzugeben.

Leserkommentare
    • Felefon
    • 27. Februar 2012 18:36 Uhr

    liegt Lunow-Stolzenhagen gerade einmal 7 km von Oderberg entfernt. Dort ist DSL verfügbar ( Kann man bei der Telekom abfragen ).
    7 km sind mit handelsüblicher WLAN-Technik ( 54 MBit) und ein paar Richtantennen problemlos überbrückbar.
    Kosten ca 200 EUR.

    Ich habe das jedenfalls in meinem Dörfchen hier so gemacht.
    20 Haushalte teilen sich mehrere DSL-Anschlüsse auf einem Dachboden im Nachbardorf per WLAN-Anbindung.
    Das ist die "kleine Lösung", aber meine Nachbarn scheinen recht zufrieden.

    Also nicht rumjammern und auf den warmen Regen warten sondern selbst aktiv werden.

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    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:35 Uhr

    aber haben Sie Sichtkontakt zum Nachbardorf? So wie sich mir das aus dem Artikel erschließt, liegt der Ort in einer waldreichen Gegend und da könnte es Problem mit Richtantennen geben.
    Ich kenne mich aber damit nicht gut aus, vllt kann man diese Probleme ja auch umgehen.

    Hier ist ein guter Artikel aus der C'T zu dem Thema:

    http://www.lancom-systems...

    Und hier die Seite einer Ortsgruppe, die ihre DSL-Verbindung ebenfalls mittels Richtantennen selbst eingerichtet haben:

    http://www.wlan-skynet.de/

    Wenn Sie Ahnung haben und meinen, daß Sie das dort bewerkstelligen könnten, dann wäre da doch sicherlich ein lukrativer Nebenverdienst möglich und den Dorfbewohnern wäre auch geholfen :)

    Sind auch Sie verzweifelt auf der Suche nach Breitbandzugang zum Internet?

    Ich war es leid, mir die tollen Landkarten mit der Verfügbarkeit von breitbandigem Internet anzusehen (Telekom & Co.), nur um dann festzustellen, dass ich einfach Pech habe und immer noch mitten in einem der "Weißen Flecke" lebe.

    "Nicht genügend Nachfrage, tut uns leid, das lohnt sich für uns nicht" - eines der Todschlagargumente seitens der Anbieter, wenn man nachfragt, wann es denn endlich auch mal bei mir vor Ort soweit ist...

    Web 2.0 - warum das nicht mal für was Praktisches nutzen - Ich glaube daran, dass genügend Nachfrage auch vernünftige Angebote erzeugt. Nutzen wir doch die Möglichkeiten der vernetzten Welt, um uns und unseren Bedarf sichtbar zu machen:

    www.Breitbandatlas-Deutsc...

    Registrieren Sie hier einfach Ihren Wunsch nach Breitbandzugang. Welche Bandbreite brauchen Sie, wie dringend ist es, wieviel würden Sie bereit sein, zu bezahlen und wo soll der Anschluss lokalisiert sein.

    Atlas ansehen - http://www.breitbandatlas...

    Noch Fragen? - http://www.breitbandatlas...

    Mitmachen! - http://www.breitbandatlas...

    Ich kann Ihnen mit unserer Initiative nicht versprechen, morgen endlich versorgt zu werden.

    ABER:

    Für einen einzigen potentiellen Breitbandkunden interessieren sich die wenigsten, für hunderte oder Tausende alle!

    Garantiert NICHT zwischen lunow und stolzenhagen (nächste dorf ca .3km) ist ein berg/hügel (Vorort der LPG, Lunow-Steinberg) und zwischen oderberg und lunow ist dichter wald, also in richtung deutschland unmöglich, einige bewohner haben sich nun internet aus polen geholt das BEI UNS so schnell wie in z.b. Angermünde ist

    ja ich wohne in lunow falls jemand fragt

  1. Da zeigt die Presse mal wieder das sie keine Ahnung hat.

    Mitten in Deutschland in Nordhessen.

    Niedenstein/ Hessen
    Selbst Kernbereiche der Heimatstadt B. Braun aus dem der Hess. WiMin Posch kommt ist ohne - und wenn LTE dann teuer und im download begrenzt.

    Nichts von folgendem ist realisiert:

    http://www.hessen.de/irj/...

    http://www.breitband-in-h...

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    • W4YN3
    • 28. Februar 2012 8:29 Uhr

    Im Artikel steht, 850.000 Haushalte sind ohne Breitband, daraus lässt sich ableiten, dass es sich nicht bloß um ein Kuhkaff handelt.

    • bkkopp
    • 27. Februar 2012 18:53 Uhr

    Bei aller Sympathie für die, die irgendwo im 'toten Winkel' wohnen, aber die Proportionen scheinen nicht wirklich so schlecht zu sein.

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    Die Zahl erscheint mir ein wenig realitätsfremd zu sein,ich bin durch meinen Beruf bundesweit unterwegs und muß mit den Internetanschlüssen in den einzelnen Gemeinden vorlieb nehmen, die dort zur Verfügung stehen.Wenn ich mich nicht in der direkten Nähe von größeren Städten befinde, so habe ich in den allermeisten Fällen nur ISDN zur Verfügung.UMTS wird zwar auch immer vollmundig angeboten,aber 7Mbps habe ich noch nirgendwo wirklich zur Verfügung gehabt.Ich wohne in Nordfriesland, auf dem Lande,nätürlich gibt es bei mir nur ISDN.UMTS erreicht mich auch nicht. Wir haben bei uns nun eine Breitbandnetz Gesellschaft gegründet und schließen jeden Haushalt an das Glasfasernetz an.
    Soviel zu den Versprechen der Frau Merkel.

  2. Es kommt nicht so sehr auf die Geschwindigkeit an, sondern was wir Deutsche mit dem Internet anstellen? Und das ist mehr als dürftig. Derzeit geistert die „MyTaxi“ App durch die Medien. Ein deutsches Produkt, welches im Grunde nichts mit dem Internet zu tun hat, sondern sich nur des Datenweges dieses bedient. Das einzig Innovative, was aus deutschen Landen in Bezug auf neue Medien und Internet in den letzten Jahren entstanden ist. Hier sei noch das MP3-Format des Frauenhofers Institut erwähnt. Was machen eigentlich unsere ausbildeten und fachlich qualifizierten Informatiker eigentlich? Sind die alle im Ausland tätig? Arbeiten die für Google und Apple? Es ist schon traurig, was wir mit dem Internet fertig bringen. Unsere Spitzenleistung haben wir mit dem Cybermobbing erreicht.

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    Nichts gegen ein buntes Handy und Google ist wahrlich toll, aber so ganz sollte man den deutschen Anteil doch nicht unter den Tisch kehren.

    Da gibt's schon mehr als nur Tom's Diner.

    Oder um aktueller zu werden, wer war noch mal zusammen mit Israel erstaunlich gut aufgestellt in einem IT-Feld über welches man besser schweigen sollte?

    Es kommt leider nichts eigenständiges aus deutschen Landen, was die tägliche Nutzung des Computers und des Internets anbelangt. Warum gibt es kein sinnvolles, deutsches Betriebssystem? Warum kann man in Deutschland keine guten Tablett-PC bauen? Der Markt jenseits der 500.- Euro Grenze ist doch offen wie ein Scheunentor. Das zeigt uns doch Apple. Wir müssen nicht mit Billigproduzenten konkurrieren. Wir haben, was den IT-Bereich anbelangt aufgehört mit Qualität zu konkurrieren.

    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:35 Uhr

    aber haben Sie Sichtkontakt zum Nachbardorf? So wie sich mir das aus dem Artikel erschließt, liegt der Ort in einer waldreichen Gegend und da könnte es Problem mit Richtantennen geben.
    Ich kenne mich aber damit nicht gut aus, vllt kann man diese Probleme ja auch umgehen.

    Hier ist ein guter Artikel aus der C'T zu dem Thema:

    http://www.lancom-systems...

    Und hier die Seite einer Ortsgruppe, die ihre DSL-Verbindung ebenfalls mittels Richtantennen selbst eingerichtet haben:

    http://www.wlan-skynet.de/

    Wenn Sie Ahnung haben und meinen, daß Sie das dort bewerkstelligen könnten, dann wäre da doch sicherlich ein lukrativer Nebenverdienst möglich und den Dorfbewohnern wäre auch geholfen :)

    Antwort auf "Soweit ich das sehe"
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    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:53 Uhr

    Hier noch ein weniger technischer, dafür aber aktuellerer Artikel zum gleichen Thema:

    http://www.heise.de/ct/ar...

    Vllt ist es ja möglich diese an die betroffenen Lunow-Stolzenhagener weiterzuleiten. Wäre doch nett, wenn sie am Ende so preiswert ans Internet kommen.

    • Felefon
    • 27. Februar 2012 21:55 Uhr

    >haben Sie Sichtkontakt zum Nachbardorf?

    Ja - eine direkte Sichtverbindung ist notwendig.
    Notfalls muß man halt einen Antennenmast aufstellen.
    So von Google Earth aus gesehen müßte zw. Oderberg und Lunow auf der Anhöhe nördlich Oderberg ein Mast aufgestellt, oder die dort vorhandenen Strommasten gekapert werden.
    Mit einem Solarpanel und einer Batterie bestückt sollten die erforderlichen 30 Watt Dauerleistung damit bereitstellbar sein.
    Das wäre zudem sinnvoll da die Teilstrecken dann nur je 3 bzw 4 km lang wären auf denen die 2.4 GHz-Technik ausreicht.

    Mit 5 GHz Anlagen habe ich keine Erfahrung ich verwende handelsübliche 2.4GHz Consumer-APs für rund 30 - 80 EUR/Stk.

    Das Wlan hier ist im Lauf der Zeit auf 2 RF-Strecken ( geht noch weiter ins nächste Dorf ) und eine Relaisstation ( ein Client-AP und ein AP gekoppelt ) ausgewachsen.

    Drei Nachteile bei den Consumer-Geräten :
    - Ab und an fallen die Dinger aus und müssen neu gestartet werden. Jemand muß sich also kümmern.
    - Am DSL-Standort kommen immer mehr Wlans in die Haushalte und das 2.4GHz-Band hat nur 13 Kanäle.
    - Mikrowellenherde und Babyphones sind die natürlichen Feinde von Wlans in freier Wildbahn

    Der Vorteil sind die geringen Kosten.

    Ein Nebengeschäft mache ich daraus nicht. Das Dorf-Wlan fördert die Nachbarschaft und das ist ein weitaus wertvolleres Gut als Geld.

    Man ( die Lunower z.B. ) kann mich ja hier über mein Profil per mail erreichen und ich stehe gerne und kostenlos mit Rat zur Verfügung.

    • Nest
    • 27. Februar 2012 19:38 Uhr

    ..."privat vor Staat"
    hätte man das schon immer so gehandhabt, gäb's in der Eifel weder Post noch Telefon.

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    wenn die Telekom Siedlungspolitik in Deutschland macht?

    • Bastie
    • 27. Februar 2012 19:53 Uhr

    Hier noch ein weniger technischer, dafür aber aktuellerer Artikel zum gleichen Thema:

    http://www.heise.de/ct/ar...

    Vllt ist es ja möglich diese an die betroffenen Lunow-Stolzenhagener weiterzuleiten. Wäre doch nett, wenn sie am Ende so preiswert ans Internet kommen.

    Antwort auf "Interessante Idee,"
  3. wenn die Telekom Siedlungspolitik in Deutschland macht?

    Antwort auf "das kommt vom..."

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