Geboren 2012 : "Das Recht auf freie Meinungsäußerung war in Gefahr"

Der Science-Fiction-Schriftsteller Daniel Suarez schreibt einen Brief an den Netzbürger Alexander im Jahr 2037 – und hofft auf ein demokratisches Internet.
Protest gegen das Acta-Abkommen in Sofia im Jahr 2012: "Wir rebellierten dagegen" © Nikolay Doychinov/AFP/Getty Images

Lieber Alexander,

Wenn Du diese Zeilen im Jahr 2037 liest, dann sind die Netze, die wir einst gebaut haben, offenbar noch in Betrieb. Was für eine gute Nachricht! Es würde bedeuten, dass das große Projekt erfolgreich war, das wir crowd-sourcing nannten und das wir erfanden, um die Demokratie zu schützen.

Im Jahr 2012, als Du geboren wurdest, war das keinesfalls sicher. Es gab einen harten Kampf um die Kontrolle über das, was Dir als Internet noch ein Begriff sein dürfte. Erinnere Dich: Dieses gewaltige Netzwerk, über das Datenpakete getauscht werden, verbreitete sich seit den neunziger Jahren binnen weniger Jahrzehnte rund um die Erde. Es verbindet zur Stunde Milliarden von Menschen in einer Art und Weise, von der wir vor Jahren kaum zu träumen gewagt hätten. Es waren Regierungen und Universitäten, die das Internet erfanden, niemand hatte es unter Kontrolle.

Das änderte sich, als das Netz größer wurde. Privatleute gründeten wertvolle Firmen, die das Netz für ihre Zwecke nutzten. Schnell kamen diese Unternehmen auf die Idee, dass es nützlich wäre, das Netz zu kontrollieren, um ihre Investitionen zu schützen. Als Ausrede diente ihnen das Argument, im Internet würde das Urheberrecht verletzt. Ihr Treiben versetzte andere in die Lage, Stimmen verstummen zu lassen, die andere Meinungen vertraten als sie selbst.

Schließlich wurde die Angst der Menschen vor Terrorismus und Kriminalität genutzt, um die Kommunikation zu überwachen. Plötzlich wurde es möglich, politische Gegner ausfindig zu machen, um sie danach zu neutralisieren und die öffentliche Debatte und Meinungsäußerung zu ersticken. Um es deutlicher zu sagen: Damals war das hart erkämpfte Recht auf Meinungsäußerung in großer Gefahr. Die Menschheit war auf dem Weg zu einer Netzwerk-basierten Gesellschaft, maßgeblich dominiert von Datenwolken, die in privater Hand lagen.

Wir wollten nicht, dass das Deine Zukunft wird.

Daniel Suarez

Daniel Suarez, Jahrgang 1964, arbeitete zunächst als Softwareentwickler und Systemberater. 2006 erschien sein Science-Fiction-Thriller Daemon. Darin entwirft er das Bild einer Gesellschaft, die zunehmend von Computern entmündigt wird. Im vergangenen Jahr erschien die Fortsetzung Darknet  im Rowohlt Verlag – und im April 2013 erschien Kill Decision, ein Thriller über autonome Drohnen und Cyberwar.

Eine Zeit lang stand alles auf Messers Schneiders. Die globale Wirtschaft und das Internet machten einzelne Nationen und Grenzen immer bedeutungsloser. Urheberrechts- und andere freie Handelsabkommen überrumpelten demokratische Institutionen. Lästige Einschränkungen der Meinungsfreiheit und tägliche Verletzungen der Privatsphäre wurden Alltag. Digitale Türsteher schossen aus dem Boden und boten Dienstleistungen und Unterhaltung an – im Austausch boten sie ein wenig Freiheit. Dieser Pakt mit dem Teufel war zuerst verlockend, aber die Netzbürger begriffen schnell, dass das Spiel nach den Regeln ablief, die Andrew Lewis so beschrieb: "Wenn du nicht bezahlst, bist du nicht Kunde – du bist das Produkt, das verkauft wird."

Wir rebellierten dagegen. Nicht, indem wir die Tore einrissen, die Unternehmen und Regierungen im öffentlichen Netz errichtet hatten, sondern indem wir ein neues Internet bauten. Ein engmaschiges Netz, das keine Engpässe und keine zentralen Knoten hat, die von unbekannten Technikern kontrolliert werden können. Nun, da jeder Haushalt seinen eigenen Netzwerkknoten hat, ist es unmöglich, öffentliche Meinungsäußerungen oder den demokratischen Austausch von Ideen auszumerzen. Das alte Netz wurde zunehmend zum Spielen und für die Werbung genutzt. Aus Deiner Sicht mag die Vorstellung verrückt sein, dass Demokratie in einem Netzwerk funktionieren könnte, das nicht demokratischen Strukturen folgt. Aber ein solches Netz gab es einmal.

Zum Schluss behalte immer im  Kopf: Demokratie gibt es nur dort, wo die freien Bürger die physische Kontrolle über die öffentlichen Güter haben. In einer von der Technik bestimmten Zivilisation aber ist das Netzwerk ein Gemeinschaftsgut. Sollte Dir also jemand anbieten, dich mit einem Netzwerk zu verbinden, über das dieser jemand die Kontrolle hat: Lehne die Einladung ab.

Aus dem Englischen übersetzt von Philip Faigle

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Form bad to better

werden die Artikel.

Ob das damit zu tun hat, dass zur Abwechslung mal keine Politologen, Soziologen oder "Journalisten" diesen Artikel geschrieben haben, sondern jemand vom Fach?

;-)

Herzlichst Crest

P.S.
Worauf ich noch warte?
Auf die Beschreibung simulierter Gesetzgebung unter Beteiligung der Netzgemeinde. Gesetze werden zwar noch in einem Parlament diskutiert und beschlossen, die "Expertenhearings" aber sind ersetzt durch Simulationsläufe unter Beteiligung aller ("Second life Ver.x.n.").

PPS.
Wie sieht es denn "im Orbit" aus in 25 Jahren? (reicht die Phantasie von Polke-Majewski soweit. :-))

Schöne Vision, aber das ist leider auch alles...

...das Internet wird Regeln bekommen wie der Straßenverkehr und die meisten Menschen, nicht alle aber die meisten, werden sich damit abfinden.
Demokratie ist auch vom Kapital abhängig und das wird man nur im "alten" Internet finden.
Und wir sehen heute schon, daß wenn die meisten Menschen (aber Gott/Allah/Buddah/Atheismo sei Dank nicht alle) sich fürs Geld entscheiden.
Unsere Spezies ist nicht so intelligent wie sie gerne glaubt.
Die Mehrheit der Internetsuser wird sich mit den Regeln arrangieren - eben genauso wie mit den Straßenverkehrsregeln.

Natürlich hoffe ich, dass ich mich da gewaltig irre und der Autor recht behält :-)

Das ist wohl eher eine Regulierungsfrage

Sie meinen "Und wir sehen heute schon, daß wenn die meisten Menschen (aber Gott/Allah/Buddah/Atheismo sei Dank nicht alle) sich fürs Geld entscheiden."

Da ist was dran. Allerdings geht es (wie in Kommentar Nr.4 von Markus4711 schon angedeutet) heutzutage nicht nur um Entscheidungen ums Geld, sondern auch um Rechtssicherheit.

Der Hauptgrund, sein WLAN nicht öffentlich zu machen ist nicht, dass man seine Bandbreite nicht teilen will (den meisten ist das egal), sondern dass mann sich keinem Haftungsrisiko wegen dessen aussetzen will, was andere über den eigenen Anschluss so tun könnten.

Der Hauptgrund, keinen Tor-Server laufen zu lassen (neben dem Grund, dass natürlich viele garnicht wissen, was das ist), ist auch nicht, die bezahlte Bandbreite sondern das Risiko, erstmal eine Wohnungsdurchsuchung am Hals zu haben und im besten Fall sein beschlagnahmtes Eigentum nach Monaten ohne Entschädigung zurückzubekommen.

Daher: Es reicht nicht, dass viele Menschen ein freies und anonymes Netz wollen. Es reicht nichtmal, wenn viele bereit sind, ihre eigenen Ressourcen mit allen anderen zu Teilen. Ein freies Netz, zu dem auch in der Praxis jeder Zugang hat, erfordert die Entscheidung von Staat und Gesellschaft, es auch zu dulden.