Pedro Markun fährt regelmäßig mit Kollegen des Kollektivs “Tranparencia Hacker” in einem umgebauten Omnibus aufs Land, um dort gemeinnützige IT-Projekte zu entwickeln. © Liascava / onibushacker.org

Brasiliens Banken haben momentan keine ruhige Minute. Seit Anfang Februar suchen Hacker aus der Anonymous-Bewegung die Finanzinstitute mit DDoS-Attacken heim, jeden Tag eine andere Bank. Sie protestierten gegen das rücksichtslose Durchgreifen bei der Räumung des Armenviertels Pinheirinho, einer Gemeinde aus Landbesetzern im Bundesstaat São Paulo. Der Eigentümer des Geländes ist ein Spekulant in der Finanzbranche, daher bekommen nun die Banken ihr Fett weg. Auch das Medienunternehmen Globo stand zuvor auf der Abschussliste der Hacker.

In Peru wurden am Dienstag – nicht zum ersten Mal – Regierungsseiten gehackt. Dabei wurden offenbar über 1.000 Dokumente mit Telefonnummern und Schriftverkehr von Abgeordneten durch Anonymous geleakt. Schon 2011 gab es zahlreiche solcher Angriffe.

Ein Indikator für das Erstarken der Netzaktivisten ist auch die Protestwelle, die sich in Lateinamerikas sozialen Netzwerken gegen die Gesetzentwürfe und Abkommen Sopa, Pipa und Acta entwickelt hat. Professor Magdalena Wojcieszak vom Institut für Politische Kommunikation an der IE University in Madrid erklärt: "Wir haben gesehen, dass sich viele Menschen in Lateinamerikas sozialen Medien um die Sopa-, Pipa- und Acta-Proteste gruppiert haben, da diese Themen 'sexy' sind. Ähnlich wie bei Barack Obamas Wahlkampagne 2008 gab es einen großen Konsens bei diesem Thema, das zum viralen Hit wurde." Die Einstimmigkeit in den Netzwerken gibt auch den Hackern Aufwind für ihre Aktionen.

Tatsache ist: Politisch motivierte Hacker-Attacken in Lateinamerika nehmen zu und sind nicht nur für die Regierungen ein ernstes Problem. In den Medien ist oft von Cyberwar die Rede, nicht zuletzt durch Anonymous’ starke Präsenz in vielen Ländern. Bruno Salgado, brasilianischer IT-Sicherheitsexperte und Autor des IT-Blogs seginfo.com.br, hält vor allem die Entwicklung der letzten zwei Jahre für gefährlich: "Seit zwei Jahren etwa machen die Black-Hat-Attacken den Systemen zu schaffen. Seit etwa April 2011 gibt es etwas, was es zuvor nicht gab: DDoS-Attacken. Das ist ein großer Faktor."


Bei ihren Angriffen nutzen die Hacker nicht nur die Schwächen der IT-Infrastrukturen, sondern auch die der Gesetzgebung aus. Denn bislang sind nur Internetseiten von öffentlichem Interesse, beispielsweise der Regierung, vor Manipulationen und Datendiebstahl rechtlich geschützt. Für private Websites gibt es kein gültiges internetspezifisches Recht, Geschädigte können sich nur auf Gesetze aus der "Offline"-Welt berufen, etwa wenn sie finanzielle Verluste durch Datenklau geltend machen wollen.

Der passende Gesetzesentwurf "Marco Civil", der erstmals einen rechtlichen Rahmen für alle Internetnutzer in Brasilien schaffen könnte, steckt laut Salgado bereits seit über zwei Jahren in politischen Verhandlungen fest. Der Entwurf, der einerseits Netzneutralität garantieren und Nutzer vor zügelloser Datenherausgabe an Behörden schützen soll, sieht andererseits auch die Speicherung von Verbindungsdaten vor, was bei Verbraucherschützern heftig umstritten ist. Weitere Entwürfe wie der für das Gesetz "Lei Azeredo", das kriminelle Handlungen im Netz auf Basis von Präzedenzfällen definieren will, scheiterten ebenfalls.