AbkommenReddit-Nutzer schreiben ein eigenes Internetgesetz

Um Acta, Sopa und ähnlichen Plänen etwas Konstruktives entgegenzusetzen, entwerfen Internetnutzer nun selbst ein globales Abkommen, das ein freies Netz garantieren soll. von 

Mit diesem Reddit-Beitrag rief ein Nutzer das Community-Experiment "Free Internet Act" ins Leben.

Mit diesem Reddit-Beitrag rief ein Nutzer das Community-Experiment "Free Internet Act" ins Leben.  |  Screenshot ZEIT ONLINE

Die Social-News-Plattform Reddit war ein Sammelpunkt für die Gegner der US-Gesetzentwürfe Sopa und Pipa . Nun wollen Reddit-Nutzer zeigen, dass sie es besser können als jene Politiker, die das Internet mit immer neuen Gesetzen strenger regulieren wollen. Gemeinsam entwerfen sie ein eigenes Internetgesetz – demokratischer, umfassender und vor allem nutzerorientierter als die Sopas und Actas dieser Welt.

Reddit ist ein Social-News-Aggregator. Das bedeutet: Nutzer stellen ein Thema auf die Seite, einen Link oder etwas Selbstgeschriebenes, andere Nutzer kommentieren oder bewerten diesen Inhalt dann mit einem Klick auf einen Aufwärts- oder einen Abwärtspfeil. Unterteilt ist alles in allgemeine oder individuell angelegte Kategorien. Inhalte, die besonders viele Aufwärtspfeile erhalten, erscheinen auf der Startseite weit oben.

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Unter dem Arbeitstitel Free Internet Act ( FIA ) entsteht auf Reddit nun in Gemeinschaftsarbeit ein Dokument, das alle Gesetze zum Thema Internet überflüssig machen soll. Im Begleittext heißt es, FIA solle "Wohlstand, Kreativität, Unternehmertum und Innovation fördern, indem es die Einschränkung von Freiheit sowie Zensur verhindert." Internetnutzer hätten das Recht auf freie Rede und freies Wissen. Urheberrechtlich geschütztes Material müsse aber geschützt bleiben können. Der Schlüsselsatz lautet: "Wir regieren die Inhalte des Internets, Regierungen tun das nicht." FIA soll ein globales Abkommen werden.

Initiator ist der Reddit-Nutzer "RoyalWithCheese22". Nach eigenen Angaben ist er Österreicher, 39 Jahre alt und zurzeit nicht berufstätig. Er möchte anonym bleiben. In einer E-Mail an ZEIT ONLINE schreibt er: "Der Auslöser für meinen Reddit-Post war die Beobachtung, dass Regierungen weltweit anscheinend einen richtigen Angriff auf das Internet durchführen. Egal, welche Ausrede vorgeschoben wird, Raubkopien, Kinderpornografie oder Cyber-Security, es läuft immer auf dasselbe hinaus: Zensur und Überwachung. Wäre das Internet nur ein reines Unterhaltungsmedium,  würde mich das nicht weiter beunruhigen. Wie viele Ereignisse der letzten Zeit jedoch gezeigt haben, ist das Internet weit mehr als nur Entertainment. Der Arabische Frühling, die Occupy-Bewegung oder gerade jetzt die Anti-Acta-Bewegung sind hochgradig politisch und währen ohne ein freies Internet unmöglich"

Das Hauptziel soll Demokratie sein

Dem Blog mashable.com sagte er, er verstehe sich als Moderator. Über die Inhalte des FIA sollen aber allein die Reddit-Nutzer entscheiden, die beim Entwerfen des Textes mitmachen.

In der E-Mail an ZEIT ONLINE schrieb er, was sein eigentliches Anliegen ist: "Ich denke zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist direkte Demokratie möglich. Die Idee zählt, nicht der politische Status oder wie viel Geld jemand hat."

In seiner derzeitigen Fassung (Stand: Dienstagvormittag, 21. Februar) enthält der Entwurf der Reddit-Nutzer fünf kurze Artikel. Artikel I besagt, dass kein Staat ein Gesetz zur Zensur des Internets verabschieden darf. Zensiert werden dürfe nur, was menschenrechtswidrig sei.

Artikel II kann als Antithese zu Acta verstanden werden: Die Reddit-Nutzer fordern, dass weder Provider noch Nutzer, die etwas herunterladen, für illegal angebotene Inhalte haftbar gemacht werden können. Verantwortlich sei in so einem Fall einzig derjenige, der das Material hochgeladen hat.

In Artikel III heißt es: "Gesetze von Ländern, die dieses Abkommen unterzeichnet haben, dürfen nicht für das Internet gelten... Kein Land darf das Internet beherrschen." Gesetze zur Regulierung des Internets müssten von allen teilnehmenden Ländern gemeinsam beschlossen werden – und stets unter Einbeziehung der Bevölkerung.

Artikel IV verbietet es Behörden oder Providern, Inhalte von einer Website oder aus einer Cloud zu löschen, ohne den Nutzer zuvor zu informieren.

Laut Artikel V dürfen Nutzer für ein Vergehen im Internet nur noch in dem Land vor Gericht gestellt werden, in dem sie ihren Wohnsitz haben. IP-Adressen dürfen dabei nicht benutzt werden, um einen Menschen zu identifizieren. Hintergrund dieser Passage dürfte unter anderem sein, dass es mit Anonymisierungsdiensten wie Tor relativ einfach ist, seine IP-Adresse beim Aufruf einer Website zu verschleiern.

"Die Filmindustrie kennt das Spiel"

Das mag vermessen und unrealistisch klingen, doch genau das ist beabsichtigt. Im ursprünglichen Reddit-Beitrag hatte "RoyalWithCheese22" geschrieben, die Filmindustrie wisse sehr genau, wie das Spiel mit der Gesetzgebung läuft: "Setze dir lächerlich hohe Ziele – und wenn es Widerspruch gibt, verhandle und opfere einige deiner übertriebenen Forderungen. Zwinge deine Gegner, ebenfalls einige Forderungen aufzugeben. Am Ende bekommst du nicht exakt das, was du wolltest, aber die Richtung stimmt. Also lasst uns hoch pokern."

Bis der Entwurf fertig ist, gebe es auch noch einige Fragen zu klären: "Was ist die beste Methode, um ein Dokument weltweit im Kollektiv zu bearbeiten? Wie stimmen wir dann darüber ab?"

"Ob der Free Internet Act jemals Realität wird, hängt ganz und gar von der Mitarbeit und Unterstützung der Öffentlichkeit ab", schreibt der Initiator auf die Frage, wie und wo der fertige Entwurf in den Politbetrieb eingespeist werden soll.  "Wenn es gelingt, genug Aufmerksamkeit und Begeisterung dafür zu mobilisieren, werden Politiker folgen, die dafür eintreten. Geplant ist derzeit noch kein konkretes Vorgehen. Das alles ist auch für mich absolutes Neuland."

(Update: Die Aussagen des Initiators aus der E-Mail an ZEIT ONLINE waren in der ersten Fassung dieses Artikels noch nicht enthalten.)

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Leserkommentare
    • bugme
    • 21. Februar 2012 17:05 Uhr

    ... Joachim Gaucks Meinung dazu.

    10 Leserempfehlungen
    • Ranjit
    • 21. Februar 2012 17:15 Uhr

    "Das mag vermessen und unrealistisch klingen..."

    Vermessen wohl kaum. Es scheint mir eher gesunder Menschenverstand. Das erklärt dann auch, warum der zweite Punkt zutrifft: gesunder Menschenverstand ist meist politisch nicht durchsetzbar.

    Wer sich der Urheberrechtsdebatte konstruktiv und vielschichtig nähern möchte, dem sein "Everything is a remix" ans Herz gelegt (in Englisch).
    http://www.everythingisar...

    Schöner Post dazu auch beim Netzfilmblog:
    http://blog.zeit.de/netzf...

    6 Leserempfehlungen
  1. Als langjähriger Reddit-Nutzer (mit einem ordentlichen Karma) und Leser der ZEIT und ZEIT-Online möchte ich die Redaktion bitten, diese beiden bis dato sehr getrennten Lebensbereiche, auch in Zukunft getrennt zu lassen.

    Bekanntermaßen ist Reddit nichts menschliches fremd und so findet sich für alles ein /r/, aber dies soll bitte nicht für die ZEIT gelten. Auch befürchte ich, wenn dieses Modell Schule macht, in Zukunft 4Chan Geschichten hier wiederzufinden.

    Meine wohlfeil sortierte Welt geriete aus den Fugen.

    • Hamit
    • 21. Februar 2012 18:35 Uhr
    4. Reddit

    Reddit ist für mich einer der besten News Kanäle und heute wird mir wieder klar warum. Schön, dass die Zeit den Gedanken des Herrn RoyalWithCheese22 Beachtung schenkt.

    Eine Leserempfehlung
  2. ist daran gewöhnt, alles haben zu wollen, ohne dafür zu bezahlen. Das irgendwer dafür arbeiten musste, um die Inhalte herzustellen, interessierrt sie nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gerry10
    • 21. Februar 2012 19:35 Uhr

    ...die Jugend von heute ist nicht besser oder schlechter als sie es zu meiner Zeit war.
    Wir haben gegen Waffen, Atombomben/kraft und für die Umwelt gekämpft, heute ist es halt das Internet und das Urheberrecht.
    Hier gehts um viel mehr als ein paar pupertierende Jungs die sich ein paar Leider runterladen.
    Vor allem das Urheberrecht in der derzeitigen Form ist geradezu Menschenfeindlich, ich sag nur Patente auf Gene...

    Zum einen gibt es "Die Jugend" überhaupt nicht. Alle über einen Kamm scheren zu wollen ist schlicht unrealistisch. Des weiteren ist ihre Aussage schlicht nicht wahr.
    Ich als Vertreter eines typischen Jugendlichen bin durchaus bereit, für qualitative Inhalte einen angemessenen Betrag zu entrichten. Wichtig ist dafür, dass ich mir vorher ein Bild von der Ware machen kann und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Bei Musik funktioniert das bereits sehr gut: ich kann Alben oder einzelne Songs kaufen, online bezahlen und downloaden, ich kann probehören und zahle Beträge, die in angemessenen Bereichen liegen.

    Bei Computerspielen ist das relativ. Es gibt viele Spiele zu akzeptablen Preise on- wie offline zu kaufen, aber bei einigen Publishern ist das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr unangemessen (AC Revelations z.B.: 70 € für knapp 9 h Spielzeit ist ein wenig happig). Auch trifft es bei mir auf Unverständnis, wenn die Retail-Version den gleichen Preis aufweist wie der Download.

    Was aber absolut inakzeptabel ist, dass ist das Verhalten der Film- und Fernsehindustrie. Warum, frage ich sie, ist diese als einziger Teil der Entertainmentindustrie nicht in der Lage, ein weites Angebot von Stream gegen bezahlbare Preise anzubieten? Wieso bin ich für einen Großteil der Film nach wie vor gezwungen, DVD's oder BD's zu kaufen, wenn es legal sein soll? Und wieso gibt es Serien fast nur im Fernsehen? Wie sagte Jimmi Wales doch so schön: "Lasst mich doch einfach nur kaufen, was ich will"

    • Gerry10
    • 21. Februar 2012 19:35 Uhr

    ...die Jugend von heute ist nicht besser oder schlechter als sie es zu meiner Zeit war.
    Wir haben gegen Waffen, Atombomben/kraft und für die Umwelt gekämpft, heute ist es halt das Internet und das Urheberrecht.
    Hier gehts um viel mehr als ein paar pupertierende Jungs die sich ein paar Leider runterladen.
    Vor allem das Urheberrecht in der derzeitigen Form ist geradezu Menschenfeindlich, ich sag nur Patente auf Gene...

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Jugend von heute"
  3. Zum einen gibt es "Die Jugend" überhaupt nicht. Alle über einen Kamm scheren zu wollen ist schlicht unrealistisch. Des weiteren ist ihre Aussage schlicht nicht wahr.
    Ich als Vertreter eines typischen Jugendlichen bin durchaus bereit, für qualitative Inhalte einen angemessenen Betrag zu entrichten. Wichtig ist dafür, dass ich mir vorher ein Bild von der Ware machen kann und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Bei Musik funktioniert das bereits sehr gut: ich kann Alben oder einzelne Songs kaufen, online bezahlen und downloaden, ich kann probehören und zahle Beträge, die in angemessenen Bereichen liegen.

    Bei Computerspielen ist das relativ. Es gibt viele Spiele zu akzeptablen Preise on- wie offline zu kaufen, aber bei einigen Publishern ist das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr unangemessen (AC Revelations z.B.: 70 € für knapp 9 h Spielzeit ist ein wenig happig). Auch trifft es bei mir auf Unverständnis, wenn die Retail-Version den gleichen Preis aufweist wie der Download.

    Was aber absolut inakzeptabel ist, dass ist das Verhalten der Film- und Fernsehindustrie. Warum, frage ich sie, ist diese als einziger Teil der Entertainmentindustrie nicht in der Lage, ein weites Angebot von Stream gegen bezahlbare Preise anzubieten? Wieso bin ich für einen Großteil der Film nach wie vor gezwungen, DVD's oder BD's zu kaufen, wenn es legal sein soll? Und wieso gibt es Serien fast nur im Fernsehen? Wie sagte Jimmi Wales doch so schön: "Lasst mich doch einfach nur kaufen, was ich will"

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Jugend von heute"
  4. 8. [...]

    [...]

    Und Reddit... ohne die Beschreibung hätte ich nicht gewusst was das sein soll... ein paar Leute die sich Ihre Träume "erschreiben", aha. Also wie so ziemlich jeder Blog, jede Webseite, jedes Forum etc. nur gebündelt... - wie viele andere Menschen wohl ähnliches an den unterschiedlichsten Stellen geschrieben haben...

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Spekulationen. Danke. Die Redaktion/vn

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    Dass sich Nachrichtenorganisationen selbst zensieren soll eine unsachliche Spekulation sein?

    Warum lese ich dann auf allen möglichen Seiten die gleichen gleich-geschalteten "Nachrichten"...
    Kritische Stimmen gibt es nur in den Kommentaren.

    Und der Georgienkrieg 2008 war in dieser Hinsicht auch sehr interessant, eine Woche lang war Georgien der Aggressor, dann schrieben plötzliche alle das Russland der Aggressor war. Kam da eine Weisung aus Washington oder was?

    Ich gehe einmal davon aus dass der Staat nicht zensiert - dann müssen sich die Medien selbst zensieren.

    • xtraa
    • 27. Februar 2012 1:56 Uhr

    "Und Reddit... ohne die Beschreibung hätte ich nicht gewusst was das sein soll... "

    [x]Welcome n00b, to teh almighty internets!
    [ ]Ich habe inhaltlich verstanden

    Ich werfe ja niemandem seine Inkompetenz vor, im Sinne von "ich war zuerst da". Aber bei Ihrer Arroganz und so viel fail an Argumentation erscheint es mir angebracht, Sie an die hinteren Plätze der Netzwelt zu erinnern.

    Sicher ist reddit nach all den Jahren nicht jedem bekannt. oder digg. Aber muss man es dann auch noch kritisieren?

    Gruß
    Andi Arbeit

    Webnutzer seit 1994

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