Filesharing : Juraprofessor zerlegt Studie zu Warnmodellen

Wer Musik oder Filme mutmaßlich illegal tauscht, soll vom Provider verwarnt werden. So wollen es Rechte-Inhaber und Politik. Ein Gutachter aber hält das für rechtswidrig.

Ein Internetnutzer erhält von seinem Provider eine Nachricht. "Über die IP-Adresse, die Ihrem Anschluss zugeordnet wurde, ist mutmaßlich illegal kopiertes Material hoch- oder heruntergeladen worden", steht darin. Und weiter: "Das hat der Rechteinhaber dieses Materials festgestellt. Er hat uns beauftragt, Ihre Identität festzustellen und Sie zu verwarnen. Sollten wir Sie mehrmals verwarnen müssen, wird der Rechteinhaber vor Gericht Auskunft von uns über Sie, den Anschlussinhaber, verlangen und weitere Schritte einleiten."

So könnte ein Warnmodell zur Abschreckung von Filesharern aussehen. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) hat vor einigen Wochen eine Studie der Fachhochschule Köln vorgestellt, in der ein solches "vorgerichtliches Mitwirkungsmodell" für Deutschland vorgeschlagen wird. Doch ein Gegengutachten, in Auftrag gegeben vom Verband der deutschen Internetwirtschaft eco, kommt zu dem Schluss, solche Modelle seien in mehrerlei Hinsicht rechtswidrig.

Während der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Otto die BMWi-Studie noch ausdrücklich als "eine wertvolle Grundlage für die weitere Diskussion in puncto Bekämpfung der Internetpiraterie" bezeichnet hatte, wollen die Provider unter den eco-Mitgliedern die Einführung von Warnmodellen verhindern. Sie haben kein Interesse daran, die nötige Infrastruktur auf eigene Kosten aufzubauen und dafür auch noch den Ärger ihrer Kunden auf sich zu ziehen. Sie wollen neutrale Anbieter von Internetzugängen bleiben und keine Verantwortung für das übernehmen, was ihre Kunden mit diesen Zugängen anstellen.

Mitte März will Staatssekretär Otto darüber mit den betroffenen Unternehmen diskutieren und "noch im ersten Halbjahr 2012 zu einer Entscheidung kommen." Angesichts der Argumente aus dem 40-seitigen Gegengutachten von eco, das ZEIT ONLINE vorliegt, ist schwer vorstellbar, dass es soweit kommt.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Angefertigt hat es der Juraprofessor Thomas Hoeren von der Universität Münster . "Weisungsfrei und unabhängig", steht in der Einleitung.

Die Einschätzung der Fachhochschule Köln, die Warnhinweise könnten in Deutschland eingeführt werden, da dies aus datenschutzrechtlicher, europa- und verfassungsrechtlicher Sicht zulässig sei, teilt Hoeren nicht: "Gegen das vorgeschlagene Warnhinweismodell bestehen sowohl aus politischer, praktischer, technischer als auch aus rechtlicher Sicht erhebliche Bedenken", schreibt er.

Hoeren hat eine ganze Reihe von Kritikpunkten. Ein zentraler Einwand gegen Warnhinweise sei die "Privatisierung der Rechtsdurchsetzung". Das Modell führe "im Kern dazu, dass Private Befugnisse erhielten, die eigentlich (Strafverfolgungs-)Behörden oder den Gerichten vorbehalten sein sollten. Denn das Modell sieht vor, dass die Zugangsanbieter lediglich auf Hinweis der Rechteinhaber ihre Kunden verwarnen und in die Verstoßliste aufnehmen. Die rechtliche Einzelfallprüfung, ob tatsächlich ein Verstoß gegen geltendes Recht vorliegt, können die Zugangsanbieter schlechterdings nicht leisten."

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Kommentare

51 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Seit wann....

...hätte die Politik mal auf einen Experten gehört, der "Weisungsfrei und unabhängig" ist? Das klingt in deren Ohren nicht nach positiven Eigenschaften. Spätestens nach der nächsten Wahl, wenn Frau Leutheusser-Schnarrenberger nicht mehr Justizministerin ist, wird, vermutlich in trauter schwarz-roter Einheit einer großen Koalition alles durchgewinkt werden, was die Lobbyistenkaste sich so vorstellt.

Wenn sogar schon die öffentlich-rechtlichen Sender PRO-Acta sind, obwohl sie selbst davon eigentlich nur Nachteile haben, lässt das nichts Gutes in Sachen Berichterstattung erwarten. Und allein schon die Tatsache, wie geheimnistuerisch-hinterzimmerlich ACTA geplant wurde, müsste eigentlich JEDEN aufrechten und noch nicht korrumpierten Parlamentarier protestierend ein "Mit mir nicht, Freunde" äüßern lassen. Dass dem nicht so ist, offenbart ein erschreckendes Maß an Korruption, Ahnungslosigkeit oder Resignation (wahlweise alles gleichzeitig).

Fazit: Für den normalen "Netizen" sieht es reichlich finster aus.

"mutmaßlich"

Das macht doch das System schonmal nutzlos, überflüssig und widerstrebt meiner Auffassung vom deutschen Recht. Die Unschuldsvermutung darf auch dann nicht umgangen werden, wenn es sich um das "böse" Internet handelt.
Und außerdem,"Über die IP-Adresse, die Ihrem Anschluss zugeordnet wurde": Dann verwendet man eben eine, die nicht einem Anschluss zugeordnet wird.

Wehret den Anfängen

Also ich bin überzeugter Mac User, seit Jahren, was mir jedoch nicht gefällt, ist, dass mit jedem neuen Betriebssystem über Jahre Einschränkungen greifen, das heisst, dass Programme einfach blockiert werden.
Die in dem Artikel angesprochenen Themen werden durch Apple schon längst in die Praxis umgesetzt.
Das passt zu der Hybris der Amerikaner, die europäische Garantierichtlinien schlicht ignorieren, und das muss auch mal gesagt werden, unsere Soldaten über die Bündnisverpflichtung der Nato in Konflikte hineinziehen, die unsere Diplomatie eher besser im Griff hätte.
Wilhelm Busch pflegte zu sagen:
Gauner glauben leicht, dass andere es sind

Fraglich

Vorab: Erst einmal ist Apples Geschäftspolitik natürlich nicht Inhalt dieser Diskussion. Darüber bin ich mir im Klaren. Dennoch stockte ich beim Lesen dieses Kommentares. Eine nicht direkt themenbezogene Antwort sei bitte entschuldigt.

Auch ich nutze seit mehreren Jahren Macs. Wenngleich ich in einem Großteil der Geschäftspolitik nicht mit Apple übereinstimme, so stellt sich ebenfalls für mich die Frage, wo sich Apples Hochmut speziell äußert. Dass OS X mir etwas zu verbieten sucht, ist mir bisher nicht untergekommen. Für iOS mag Ihre Äußerung bedingt stimmen.

Erklärung bitte!

Sie haben immer noch nicht erklärt, wie Ihr Apple-Hinweis bzgl. angeblich blockierter Programme zu verstehen ist.

Ich räume ein, dass mir die Entwicklung von Apple überhaupt nicht gefällt, Tatsache ist aber, dass Mac OSX (und davon sprechen Sie ja wohl als "überzeugter Mac-User") weiterhin vollständig frei die Installation von Programmen aller Art aus allen Quellen erlaubt. Sie verwechseln iOS (zwar auf OSX-Basis) mit OSX, dem klassischen "Mac"!

Es fragt sich immer wieder...

... wie es sein kann, daß die Regierung Gesetze entwerfen oder gar verabschieden kann, die gegen das Recht oder gar das Grundgesetz verstoßen?

Das BVerfG kann solche Gesetze zwar im Nachgang einkassieren, aber im Grunde dürfte es bereits zu den Entwürfen gar nicht erst kommen - wenn es denn mit rechten Dingen im demokratischen Rechtsstaate zuginge...

Ich klaue (!)

mal eben aus einem anderen Artikel auf Zeit.de.

"Unter dem Dach der Deutschen Content Allianz stellen sich ARD, ZDF, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Gema, der Bundesverband Musikindustrie und andere gegen diejenigen, die vergangene Woche zu Zehntausenden gegen Acta auf die Straßen gegangen waren."

Da stecken viele viele Millionen einer nicht zu verachtenden Lobby hinter ein Paar fiesen Schreiberlingen, die dann eher subjektiv an die Paragraphen rangehen. Mir wird nur Bange, wenn ich überlege, wie wenig Potential die "Opposition" hat. Auf lange Sicht wird das nicht mehr in unser aller Interesse ausgehen, wenn sich nicht drastisch etwas in der Parteienlandschaft ändert.

Provokant, aber nicht zu verschweigen

Ich werde mir nun den Zorn der meisten schaffenden Künstler zuziehen, ganz gleich ob Musiker, Schriftsteller oder Filmemacher.

Das Argument "Wenn die Künstler nicht angemessen entlohnt werden, werden sie auch keine Werke mehr produzieren" zieht bei mir überhaupt nicht.
Der technische Fortschritt und die enormen Kosten, die je nach Werk heutzutage bei seiner Produktion entstehen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich der Definition immernoch um Kunst handelt. Nach der Industrie hat nie ein Rezepient/ Konsument gefragt.
Sollte diese nicht aus persönlicher Initiative erfolgen, aus einem inneren Bedürfnis heraus oder von mir aus auch aus einem Profilierungsbedürfnis?
Der Moment, an welchem die Kunst zur Industrie wurde, ist meines Erachtens der wahre Sündenfall. Ich kenne unzählige Künstler, die es LIEBEN Musik zu machen oder Filme oder die gute Geschichten schreiben, ohne auch nur an Geld zu denken.

Ich bin gerne bereit, auf alle kommerziellen Künster zu verzichten und mich fortan nur noch mit den Werken der passionierten Künster zu begnügen.
Warum hat sich keiner beschwert als ich in den 80ern Lieder im Radio auf Cassette mitgeschnitten habe? Warum hat sich niemand beschwert, als ich meiner ersten Freundin eine Mix-CD gebrannt habe?
Weil die Industrie fett, vermessen und eitel geworden ist und das Verhalten der Nutzer nicht die Freude am Gesetzesbruch ist, sondern die Überdrüssigkeit eines der Werke völlig unangemessenen Kommerziellen Apparates.

Mir stellt sich zunehmend die Frage...

... was "die Künstler" nun eigentlich von ihrem Publikum wollen. Vordergründig schmücken sie sich mit den Lorbeeren der Kultur, die sie dem Rezpienten nahebringen wollen, tatsächlich degradieren uns aber ihre "Interessensverbände" zu reinen Konsumenten - wahlweise einem Paar Ohren oder Augen mit angeschlossenem Portemonnaie aber tunlichst ohne Gehirn oder Hände dazwischen - denen mehr oder minder per "Urheber"recht die Rezeption des "Werkes"verwehrt wird.

Ich kann ein Lied unter der Dusche summen, aber ein Wohnzimmercover an meinem Klavier aufnehmen und auf youtube hochladen ist unerwünscht. Ja, der wirtschaftliche Schaden ist auch ganz besonders verheerend, wenn man liebhaberisch rumklimpert - oder Kindergärtnerinnen Liedheftchen für die Kleinen kopieren. Die Weltwirtschaft geht daran zugrunde!

Dann können sie ihre sog. "Kunst" auch behalten, ich will sie nicht.

Ich glaube es war Picasso, der einmal schmunzelnd meinte, daß er nichts gegen Kopien seiner Werke hat, wenn sie nur meisterhaft genug sind. Das war ein Künstler!

"Home Taping is Killing Music"

Naja, beschwert haben sich damals schon einige über das Aufnehmen auf Kassette:

http://de.wikipedia.org/w...

Nur, das Abendland ist trotzdem nicht untergegangen, und die Musik-Industrie lebt auch heute noch.

So weit ich weiß wurde das Problem damals angegangen, indem auf jeden bespielbaren Tonträger sowie Aufnahmegerät ein gewisser anteiliger Betrag erhoben wurde, der dann an die Musikindustrie ging, sodass deren Rechte im vorhinein bereits abgegolten wurden.
Warum man ähnliches nicht auch auf Internetanschlüsse (also einer Art Kulturpauschale oder Flatrate oder wie immer man es nennen will) anwenden kann, weiß ich nicht.
Kopiert und hoch- und runtergeladen wird so oder so. Das ließ sich auch in den 80ern nicht verhindern. Die Frage ist ob man sich und sein Geschäftsmodell an die gesellschaftlichen Realitäten oder ob man lieber umgekehrt die gesellschaftlichen Rahmenbedingenungen zwangsweise an das eigene Geschäftsmodell anpassen will. Im Moment versucht man lieber das Letztere...

Huu, scharfes Beispiel

Grade die Berliner Philharmoniker genießen Millionensubventionen aus dem Steuersäckel, also unserer aller Kohle. Vielleicht kein so gelungenes Beispiel.

Ich bin übrigens kein Freund der kostenlosen Verfügbarkeit. Ein Künstler soll selbstverständlich seinen Obolus erhalten. Nur: Das bisherige Modell funktioniert schlicht und einfach nicht mehr. Die Mittel, die die Contentindustrie einsetzt, sind die falschen. Ein dauerhaftes Kriminalisieren der User ist albern, zumal teilweise die eingenommenen Gelder durch Abmahnung die ursprünglichen Erträge weit übertreffen...und dies auch gerne von der Industrie so in Kauf genommen wird.

Die Musik- /Filmindustrie möchte maximalen Ertrag aus CD, DVD, Bluray-Verkäufen bzw. Downloads, maximalen Ertrag aus Konzertveranstaltungen, deren Preise in den letzten 15 Jahren explodiert sind, maximalen Ertrag aus Leermaterial (CDs, DVDs, Drucker, Festplatten; letzteres selbst von Leuten, die ggf. gar keine Filme/Musik darauf speichern) UND maximalen Ertrag aus Urheberrechtsverfahren. Es ist natürlich das gute Recht,ja, vielleicht sogar die Pflicht einer kapitalistischen Unternehmung maximale Erträge zu erwirtschaften. Nur muss sich das der "Normalbürger" nicht unbedingt bieten lassen. Besonders kann er erwarten, dass sich von ihm gewählten Politiker für SEINE Interessen einsetzen...und nicht für die Abgesandten (vulgo: Lobbyisten)der Medienindustrie.

Ach ja...

Sie haben es ja schon angekündigt: Als jemand, der sogar mal ein paar Semester Kunst studiert hat, schlauer wurde und mittlerweile als freier Urheber arbeitet, weiß ich eine Sache ziemlich sicher: Wenn in einer Diskussion einer den Begriff Kunst oder Künstler einbringt, ist die Diskussion meistens gelaufen und man wird zu keiner vernünftigen Einigung kommen - die Ideale, Vorurteile und Klischees, die jeder hat, sind zu weit auseinander, um mit diesen Begriffen konstruktiv diskutieren zu können - vor allem, wenn es ums liebe Geld geht.

Aber zu ihrem Argument: Fordern Sie dieses Ideal eigentlich auch von ihrem Arzt - er soll kostenlos für sie arbeiten, denn nur der ist ein echter Arzt, der einem Kranken auch hilft, wenn der nichts zahlen kann (oder will...)? Oder soll die Gesellschaft von Lehrern fordern, daß Ihr Lohn die glücklichen und klüger gewordenen Gesichter ihrer Schüler sein sollen? Jeder, der Geld dafür verlangt, ist also ein Heuchler und kein echter Lehrer, sondern nur auf Profit?

Oder Politiker: Das sind doch sowieso alles Typen voller Ideale, die gerne reden und über andere bestimmen - streichen wir also alle Diäten, damit auf keinen Fall einer auf die Idee kommen könnte, mit dem Job des Politikers Geld verdienen zu dürfen. Man könnte das System ja problemlos auf ein Hobbyparlament umstellen, evtl. unterstützt durch freiwillige Spenden großzügiger Gönner.

Nebenbei bemerkt: Ich finde das Urteil des Professors richtig und das Warnmodell falsch.

Kausal nicht zu Ende gedacht...

Grundsätzlich kann ich nachvollziehen, warum sie die Analogie zum Arzt oder zum Lehrer suchen.

Nur sind ALLLE bereit, Ärzte und Lehrer zu bezahlen. Glauben Sie wirklich, dass das daran liegt, dass es keine Hobby-Ärzte gibt die es auch für weniger tun würden? Nein, es liegt daran, dass wir es den "echten" Ärzten eher zutrauen und in ihrer Arbeit einen geltwerten Gegenwert anerkennen. Das Stichwort heißt Vertrauen.

Wenn es ein signifikanter Teil der Gesellschaft da bei künstlerischen Erzeugnissen anderer Meinung ist, dann wohl kaum aus Selbstbedienungsmentalität sondern vielmehr aus Mangel an Empfinden dieses geldwerten Vorteils. Dann heißt die Antwort idealerweise nicht Massenkriminalisierung, sondern Anerkennung des Sonderstatus künstlerisches Urheberrecht. Denn für Vieles, was gegen enorm viel Geld angeboten wird, gibt es nunmal keinen Markt nach Angebot und Nachfrage mehr, und daran stören sich doch die großen Interessenverbände, dass ihr großes Markt-Kartenhaus aufgrund von verschobenen (und deshalb noch lange nicht falschen, sondern wohl eher wahren) Wahrnehmungen des "Wertes" der Kunst zusammenbricht.

Und Sie möchten Künstler zu Ihren Sklaven degradieren,

die umsonst schaffen, damit der Herr oder die Dame etwas zu rezipieren hat. Auch wenn Sie es nicht glauben, es handelt sich um Arbeit und warum sollte die nicht entlohnt werden? Wenn Sie einen Handwerker rufen, bezahlen Sie den doch auch für seine Arbeitszeit. Zudem trägt Ihr Picasso-Beispiel nicht. Von einem Bild gibt es ein unverwechselbares Original und an solchen hat Picasso weiß Gott genung verdient. Bei Musikstücken und Filmen gibt es solche nicht. Im Übrigen gibt es von eine Menge zweifellos ernsthafte Künstler, die am Geld verdienen duraus interessiert waren. Heinrich Heine etwa. Das ist kein Kriterium. Reich-Ranicki schrieb einmal gar, ein Schriftsteller der kein Geld verdienen wolle sei verrückt.

Sie irren gewaltig

Jeder Musiker wird Ihnen sagen, daß die Interpretation eines Musikstückes ebenso einzigartig ist, wie die Interpretation eines Motivs durch einen Maler.

Drücken Sie 3 Klavierspielern die Partitur von Beethovens Mondscheinsonate in die Hand, ein jeder wird es auf seine persönliche Weise interpretieren. Ebenso interpretiert jeder Orgelspieler Bachs Toccata & Fugue BWV565 auf seine Weise - alle grundlegend verschieden von der Version, die Leopold Stokowski für Fantasia schuf - und Stokowski dirigierte für das Philadelphia Orchestra auf eine ganz andere Weise, als er für das Londoner Symphony Orchestra.

Ein Musikstück ist ebenso unverwechselbar, wie ein Gemälde - wenn man denn Ohren hat zum hören!

BTW - das erinnert mich an meine Großmutter. Zu Stummfilmzeiten begleitete sie die Filmhandlung im Kinosaal auf dem Klavier. Zusammen mit ihrem Klavier erbte ich nach ihrem Tod schätzungsweise eine Tonne an Partituren und Büchern. In den 40ern, 50ern, 60ern hat sich niemand im heutigen Ausmaße um Urheberrechte gesorgt. Es war eine Selbstverständlichkeit nach jedem größeren Film Partituren der Filmmusik zu verkaufen, ebenso war es eine Selbstverständlichkeit, die Musik auch aufzuführen. Jedes neue Lied war Anlaß einer Interpretation und Weiterentwicklung. Heutzutage ist das ein Verbrechen.

Ich bezahle Künstler durchaus und sehr gerne - aber ich suche mir sorgfältig aus, wen ich unterstütze. Viele sehr gute Künstler pfeifen auf die Content-Branche und drehen ihr eigenes Ding.

Das ist aber ein anderer Apsekt...

Jetzt bringen Sie ja doch einen anderen (gesamtgesellschafltichen) Aspekt ein, urpsrüglich ging es um Ihre höchst persönliche Vorstellung davon, in welcher Intention Kunst zu entstehen hat, ich zitiere mal:

"Sollte diese nicht aus persönlicher Initiative erfolgen, aus einem inneren Bedürfnis heraus oder von mir aus auch aus einem Profilierungsbedürfnis?"
Der Arzt (oder der Wissenschafler etc.) sollte für meine Begriffe auch aus einem inneren Bedürfnis her seinen Beruf ergreifen, trotzdem gönne ich ihm seinen Lohn dafür und bezeichne die Idee, für diese Arbeit Geld zu geben, nicht als Ur-Sünde, wie sie es tun. Ein Physiker beschäftigt sich mit Physik, weil es ihn interessiert, und nicht weil ein signifikanter Teil der Gesellschaft sich dies von ihm wünscht.

Aber Sie haben natürlich recht, daß für die Gesamtgesellschaft Ärzte und Lehrer wohl wichtiger sind, im Verhältnis gibt unsere Gesellschaft aber bereits heute dafür prozentual und pro Arzt/Lehrer deutlich mehr aus. Und Lehrer, Professoren und Ärzte sind hochgradig abgesichert durch Verbeamtung, GOÄ, Krankenkassenversicherungspflicht usw.
Aber Sie stört es, das da draussen so ein paar Spinner rumlaufen, die irren Schrott produzieren gegen Ihre Langeweile und so frech sind, bei Konsum dafür Geld zu verlangen. Aber anstatt zum Arzt zu gehen und sich was gegen Langeweile verschreiben zu lassen oder zu einem Ihrer echten Künstler zu gehen, fordern Sie lieber, daß der irre Schrott kostenlos zu sein hat?

Etwas naiv...

Bei vielen Ärzten liegt auch Krempel von Pharmafirmen rum, und die wenigsten Ärzte verschreiben selbstgedrehte Pillen, sondern Medikamente von Firmen, deren Vertreter vorher bei Ihnen waren und die z.B. die den Ärzten vorgeschriebenen Fortbildungen mitfinanziert haben.
Und immerhin gibt es ja noch die Dr. Best-Zahnbürste - auch Ärzte machen mal Werbung...
Mein Arzt berechnet für seine live-Performance um die 40 Euro pro Viertelstunde. Nicht mir direkt, sondern der Versicherung, die ich dann zahle.

Das könnte wirklich die Rettung für die Kultur sein, wenn sich nur genügend Leute finden, die bereit sind, für 20 Stunden live-Lesung einem Autoren 120 (oder meinetwegen 60) Euro pro Stunde zu zahlen, anstatt ihn uns 10 Euro für´n EBook abzocken zu lassen. Das wir auch noch selbst lesen müssen und das so wenig Exclusivität und Einzigartigkeit bietet - wir könnten es ja mehrmals lesen, und andere haben denselben Luxus.

So ein System gab es schonmal, da kam das viele Geld der Leute, die sich diese Form der Kulturproduktion leisten konnten, aus der Steuer oder dem Kirchenzehnten. Damals waren die Welt noch in Ordnung.

Sie haben also recht, strafen wir doch die einfach die Kunst mit Nichtbeachtung, ignorieren sie, verteilen sie nicht weiter (warum auch, ist doch Mist?), meiden wir Produkte, die mit Künstlern werben. Dann sind die alle schnell pleite und arbeiten endlich was sinnvolles. Das Urheberrecht brauchen wir dann gar nicht ändern, das regelt der Markt.

Das macht mir un wirklich den Eindruck als setzten Sie sich mit

dem Thema auseinander.

Der Arzt mit der Pharmaindustrie im Rücken war vielleicht ein unglückliches Beispiel.

Dagegen, dass Künstler ihren Lebensunterhalt mit Livemusik verdienen statt mit der Retorte, habe ich nichts.
Meines Erachtens die Idealsituation.

Das es sich, bei den gefühlten 5 Künstlern, die die Musikindustrie uns bietet und die, dank Rotation im Radio, ja leider wirklich alternativlos sind um eine relativ arme Art von Kulturbetrieb handelt, vielleicht könnten wir ja in diesem Punkt überein stimmen.

Falls dem so sei, dann hätte ich einen Link, dem zu Folgen sich lohnen könnte.

Eckhard Höffner hat zwei Bände über die Geschichte des Urheberwesens verfasst, daran kann man vielleicht erahnen, welches Urheberrecht zu welcher Art von Kunst führt.

http://www.heise.de/tp/ar...

Naive Grüße,

Etwas Genauer Bitte