DebatteWir, die Netz-Kinder

Die junge Generation stört sich an traditionellen Geschäftsmodellen und Obrigkeitsdenken. "Das Wichtigste ist Freiheit", schreibt der polnische Dichter Piotr Czerski. von Piotr Czerski

Es gibt wohl keinen anderen Begriff, der im medialen Diskurs ähnlich überstrapaziert worden ist wie der Begriff "Generation". Ich habe einmal versucht, die "Generationen" zu zählen, die in den vergangenen zehn Jahren ausgerufen worden sind, seit diesem berühmten Artikel über die sogenannte "Generation Nichts". Ich glaube, es waren stolze zwölf. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie existierten nur auf dem Papier. In der Realität gab es diesen einzigartigen, greifbaren, unvergesslichen Impuls nicht, diese gemeinsame Erfahrung, durch die wir uns bleibend von allen vorangegangenen Generationen unterscheiden würden. Wir haben danach Ausschau gehalten, doch stattdessen kam der grundlegende Wandel unbemerkt, zusammen mit den Kabeln, mit denen das Kabelfernsehen das Land umspannte, der Verdrängung des Festnetzes durch das Mobiltelefon und vor allem mit dem allgemeinen Zugang zum Internet. Erst heute verstehen wir wirklich, wie viel sich in den vergangenen 15 Jahren verändert hat.

Wir, die Netz-Kinder, die mit dem Internet und im Internet aufgewachsen sind, wir sind eine Generation, welche die Kriterien für diesen Begriff gleichsam in einer Art Umkehrung erfüllt. Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst. Es ist kein gemeinsamer, begrenzter kultureller Kontext, der uns eint, sondern das Gefühl, diesen Kontext und seinen Rahmen frei definieren zu können.

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Indem ich das so schreibe, ist mir bewusst, dass ich das Wort "wir" missbrauche. Denn unser "wir" ist veränderlich, unscharf – früher hätte man gesagt: vorläufig. Wenn ich "wir" sage, meine ich "viele von uns" oder "einige von uns". Wenn ich sage "wir sind", meine ich "es kommt vor, dass wir sind". Ich sage nur deshalb "wir", damit ich überhaupt über uns schreiben kann.

Erstens: Wir sind mit dem Internet und im Internet aufgewachsen. Darum sind wir anders. Das ist der entscheidende, aus unserer Sicht allerdings überraschende Unterschied: Wir "surfen" nicht im Internet und das Internet ist für uns kein "Ort" und kein "virtueller Raum". Für uns ist das Internet keine externe Erweiterung unserer Wirklichkeit, sondern ein Teil von ihr: eine unsichtbare, aber jederzeit präsente Schicht, die mit der körperlichen Umgebung verflochten ist.

Piotr Czerski
Piotr Czerski

Piotr Czerski, geboren 1981, ist ein polnischer Dichter, Autor, Musiker und Ex-Blogger. Mit seiner Band Towary Zastępcze ("Umtauschware") hat er zwei Alben veröffentlicht.

Czerski hat einen Abschluss in Informatik. Der Text ist zunächst auf Polnisch veröffentlicht worden, hier geht es zur polnischen Originalfassung. Eine englische Übersetzung gibt es hier. Der Artikel ist unter CC BY-SA 3.0 erschienen.

Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit. Wenn wir euch, den Analogen, unseren "Bildungsroman" erzählen müssten, dann würden wir sagen, dass an allen wesentlichen Erfahrungen, die wir gemacht haben, das Internet als organisches Element beteiligt war. Wir haben online Freunde und Feinde gefunden, wir haben online unsere Spickzettel für Prüfungen vorbereitet, wir haben Partys und Lerntreffen online geplant, wir haben uns online verliebt und getrennt.

Das Internet ist für uns keine Technologie, deren Beherrschung wir erlernen mussten und die wir irgendwie verinnerlicht haben. Das Netz ist ein fortlaufender Prozess, der sich vor unseren Augen beständig verändert, mit uns und durch uns. Technologien entstehen und verschwinden in unserem Umfeld, Websites werden gebaut, sie erblühen und vergehen, aber das Netz bleibt bestehen, denn wir sind das Netz – wir, die wir darüber in einer Art kommunizieren, die uns ganz natürlich erscheint, intensiver und effizienter als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Wir sind im Internet aufgewachsen, deshalb denken wir anders. Die Fähigkeit, Informationen zu finden, ist für uns so selbstverständlich wie für euch die Fähigkeit, einen Bahnhof oder ein Postamt in einer unbekannten Stadt zu finden. Wenn wir etwas wissen wollen – die ersten Symptome von Windpocken, die Gründe für den Untergang der Estonia oder warum unsere Wasserrechnung so verdächtig hoch erscheint – ergreifen wir Maßnahmen mit der Sicherheit eines Autofahrers, der über ein Navigationsgerät verfügt.

Wir wissen, dass wir die benötigten Informationen an vielen Stellen finden werden, wir wissen, wie wir an diese Stellen gelangen und wir können ihre Glaubwürdigkeit beurteilen. Wir haben gelernt zu akzeptieren, dass wir statt einer Antwort viele verschiedene Antworten finden, und aus diesen abstrahieren wir die wahrscheinlichste Version und ignorieren die unglaubwürdigen. Wir selektieren, wir filtern, wir erinnern – und wir sind bereit, Gelerntes auszutauschen gegen etwas Neues, Besseres, wenn wir darauf stoßen.

Für uns ist das Netz eine Art externe Festplatte. Wir müssen uns keine unnötigen Details merken: Daten, Summen, Formeln, Paragrafen, Straßennamen, genaue Definitionen. Uns reicht eine Zusammenfassung, der Kern, den wir brauchen, um die Information zu verarbeiten und mit anderen Informationen zu verknüpfen. Sollten wir Details benötigen, schlagen wir sie innerhalb von Sekunden nach.

Wir müssen auch keine Experten in allem sein, denn wir wissen, wie wir Menschen finden, die sich auf das spezialisiert haben, was wir nicht wissen, und denen wir vertrauen können. Menschen, die ihre Expertise nicht für Geld mit uns teilen, sondern wegen unserer gemeinsamen Überzeugung, dass Informationen ständig in Bewegung sind und frei sein wollen, dass wir alle vom Informationsaustausch profitieren. Und zwar jeden Tag: im Studium, bei der Arbeit, beim Lösen alltäglicher Probleme und wenn wir unseren Interessen nachgehen. Wir wissen, wie Wettbewerb funktioniert und wir mögen ihn. Aber unser Wettbewerb, unser Wunsch, anders zu sein, basiert auf Wissen, auf der Fähigkeit, Informationen zu interpretieren und zu verarbeiten – nicht darauf, sie zu monopolisieren.

Leserkommentare
    • cgoth
    • 23. Februar 2012 20:57 Uhr

    Sie sprechen mir aus der Seele!
    Ich gehöre zu der vom Autor beschriebenen Altersgruppe (32). In seinem sich wiederholendem "wir" erkenn ich mich jedoch nicht.
    Ich gehöre zu den Vielen (nicht Allen) die noch Emotionen ausdrücken können und denen man Emotionen noch ansieht ohne :) :D lol ^^ :'( oder unzählige Weitere "emoticons" gebrauchen zu müssen.
    Deswegen trifft es Ihre Kinobesuchbeschreibung auf den Punkt.

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    • armatus
    • 23. Februar 2012 21:38 Uhr

    http://www.heise.de/tp/blogs/6/150152 lesen sie sich bitte die antworten hier mal durch. Es klingt schon fasst überheblich wie "ihre Generation" über uns redet...
    und das ganze ohne smiley, puhh ;)

  1. sind wir zu dem Schluß gekommen in diesem Kontext statt Generation lieber den Begriff Kultur zu verwenden. Mir hat der Artikel hier gut gefallen.

  2. ... ... nein nein, ich werde nur wieder zensiert.
    nur ne kurze anmerkung zu ihrem erguss:
    früher gab es genau solche schundfilme wie heute. ich behaupte sogar, dass das verhältnis zwischen guten und schlechten filmen gleich geblieben ist. übrigens kann man auch beides: filme online schauen UND ins kino gehen! ich persönlich besitze über !!300!! legal erworbene DVDs und ich bin ein leidenschaftlicher kinogänger. die filme, für die ich allerdings keine 15€ ausgeben möchte, schaue ich mir im netz an und kaufe sie mir, wenn sie gut sind, später auf dvd. das ist, finde ich mein gutes recht und absolut vernünftig!

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    ... in fast allen Punkten zu, mit Ausnahme eines einzigen, aber entscheidenden:

    "die filme, für die ich allerdings keine 15€ ausgeben möchte, schaue ich mir im netz an und kaufe sie mir, wenn sie gut sind, später auf dvd. das ist, finde ich mein gutes recht und absolut vernünftig!"

    Das ist vernünftig, aber ein Grunddenkfehler: Es ist nicht Ihr gutes Recht. Sie müssten, wenn alles mit Rechten Dingen zugeht, selbstverständlich auch Geld bezahlen müssen für einen Film, der Ihnen nicht gefällt, wenn Sie ihn sehen wollen. Dass Sie sich dann darüber ärgern, hat damit nichts zu tun.

    Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit einer Kollegin, die sich mal wieder darüber aufgeregt hat, dass sie sich im Netz ein bestimmtes Lied nicht anhören kann. Sie sagte, wortwörtlich: "Ich will es doch nicht HABEN, ich will es doch nur HÖREN."

    Es war mir nicht möglich, ihr verständlich zu machen, dass das in diesem Fall identisch miteinander ist.
    Einen Inhalt NUTZEN zu wollen, heißt, ihn VORHER zu kaufen. Und nicht nur dann im Nachinein, wenn er einem gefällt und man ihn eventuell noch einmal nutzen will.

  3. Und spricht mich auch vollkommen an!

    Den Punkt mit dem festen Wohnsitz finde ich witzig, weil ich auch schon gefühlte 1000x dran gedacht habe, wieso es so verkompliziert wird. Zumal ich mich langsam aber sicher zu den Minimalisten zähle und mir ist nicht mehr Mal ein festen Wohnsitz wichtig.
    Ich kann einfach von heute auf morgen gerne wo anders sein, das würde mir absolut nichts mehr ausmachen. Daher bin ich eigentlich meistens einfach bei meinen Eltern gemeldet und wenn ich mal für eine längere Zeit an einem Wohnsitz bin, dann melde ich schlicht und ergreifend einen Zweitwohnsitz an. Die längste Zeit, die ich an einem Ort verbracht habe, war keine 2 Jahre lang. Einen Umzug kann ich sogar mittlerweile über Nacht beschließen und bin dann in paar Tagen ausgezogen und lasse das "alte Leben" hinter mir. Auch beim Arbeitsplatz fühle ich selten eine feste Bindung.
    Ich kann mir sogar gar nicht vorstellen, dass ich irgendwo länger als 3-5 Jahre arbeiten soll, bei meinem letzten Arbeitsplatz hatte ich zum Schluss recht viel Stress mit dem Chef, weil dieser IMMER Recht haben wollte und ständig mit dem Kopf durch die Wand rannte, bei ihm hat noch nie länger als 1-2 Jahre gearbeitet, da habe ich auch einfach von heute auf morgen die Sachen gepackt, weil es mir einfach zu doof wurde. Es gibt genug Jobs auf dieser Welt, da muss man sich net alles gefallen lassen. So lange man keinen Haus, Frau und Kinder hat ist auch total machbar.
    Ich glaube viele in unserer Generation ticken so.

    • Unimaas
    • 23. Februar 2012 21:02 Uhr

    Bester Artikel den Ich bei Der ZEIT bis jetzt gelesen habe (Und ich lese taeglich beruflich ZEIT Online)

    Der Artikel trifft genau das Lebensgefuehl meiner "Generation" (1989) auf den Punkt. Internet ist Teil unseres Lebens und Freiheit ist das Wichtigste. Ich bin in meinen jungen 22 Jahren bereits 8 mal umgezogen und habe in 4verschiedenen Laendern gelebt. Alles was ich tue ist Online. Photos, Kontakte, Freunde, Musik, Telefonieren, Bewerbungen Arbeiten, alles mache Ich online. ZUDEM habe ich noch ein sehr aktives Sozialleben hier in Berlin. Internet ersetzt nicht, es wird Teil von allem was wir tuen.

    Internet ist Teil unseres Gedeachnis. Wir sind darauf angewiesen. Es zu beschraenken hiesse unsere Erinnerunen zu zensieren, und bedeutet den Untergang des Fortschrittes! Man kan nur in der heutigen (und zukunftigen) Welt ueberleben, wenn man sich drauf verlassen kann alle Daten und Fakten online zu finden. Werden auch nur ein paar bereiche Eingeschraenkt, so kann man sich garnichtmehr drauf verlassen im Richtigen Moment alles wichtige zu finden. Dies fuehrt zu einem Prisoners Dilemma: Da ich nie genau weis was ich "vergessen" kann (da das Internet sich fuer mich erinnert" und was ich behalten muss, muss ich theoretisch ALLES behalten...um im Wichtigen Moment nicht aufgeschmissen zu sein....

    Internet ist wie ein Gedanke. Ist es nicht frei, kommt es zur stagnation wie im Mittelalter.

  4. Die Leute die mit BTX angefangen haben?

    Ich denke das die Netzaktiven und nicht die Netzpassiven gemeint sind, diese Leute wollen sich ihren freiRaum nicht von der Obrigkeit veregeln lassen, zumal die Meinungsdifferenz sehr groß wird.

    Auch das Wort "Wettbewerb" entsammt aus einem freien Markt aber wo ist dieser in der Realität noch frei?

    • Nibbla
    • 23. Februar 2012 21:11 Uhr

    die schlechte Qualität (rede nicht vom Cinema in München), die teuren Preise, die Leute die einen von hinten in den Sitz treten ohne es zu merken. 2€ für ne Cola, die in der Herstellung, da gezapft 10Cent kostet (Geh normalerweise gern ins Kino, aber es ist nicht immer alles Gold ^^)

    Und war nicht Casablanca ein Film der während des 2. WK gedreht wurde und Propaganda tendenzen enthält? Eine tolle kulturreiche Zeit. Am besten sind die Walt Disney Cartoons aus dieser Zeit :-)

    Ausserdem kann man sich auch zuhause einen gemütlichen Filmabend machen. Die Netzgesellschaft ist nicht vereinsamt. Man interagiert meistens mit Menschen, die man auch so kennt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Denkmal | Generation | Information | Internet | Kabelfernsehen
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