FacebookDer nächste Schritt zum umfassenden Biografie-Portal
Seite 2/2:

Unternehmen sollen ihre Marketingstrategie ändern

Noch nutzen viele Unternehmen soziale Netzwerke vor allem als PR-Werkzeug. Facebook allerdings möchte nicht bloß ein weiterer Werbekanal sein, sondern die erste Anlaufstelle für Unternehmen im Netz, eine integrative Werbeplattform.

Dieses Vorhaben stößt es mit der verpflichtenden Timeline für Unternehmen nun an. So werden die bisherigen Einstiegsseiten oder "Like Gates", die lediglich auf Klickreflexe der Nutzer zielten, abgeschafft. Mehr noch, Preisinformationen und Aufrufe zum blinden Klicken oder Teilen sind in der großen Titelgrafik künftig untersagt. Im Mittelpunkt soll nicht mehr der Verkauf von Produkten stehen, sondern die Partizipation zwischen Nutzer und Unternehmen. Storytelling statt selling heißt die Devise.

"Die Erschaffung einer Erlebniswelt ist für die Markenbindung schon länger wichtig", sagt der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Universität München. "Unternehmen versuchen, eine Identifizierung mit dem Produkt zu erzeugen, und hoffen darauf, dass die Nutzer den Markennamen verbreiten."

Trennung zur Werbung verschwimmt

Wie das aussehen kann, zeigt beispielsweise der Brausehersteller Red Bull, der – wie auch ZEIT ONLINE – bereits die Chronik nutzt. Bis zum Gründungsjahr 1988 wurde die Unternehmensgeschichte aufbereitet. Auf dem großen Titelbild strahlt die aktuelle Skiweltcup-Gewinnerin Lindsey Vonn. Überhaupt geht es sportlich und jung zu: Die Einträge der Timeline zeigen Cross-Biker, Surfer und Musikfestivals. Unter den feilgebotenen Apps finden sich Red Bulls eigener WebTV-Sender, zahlreiche Spiele und ein Kreativ-Wettbewerb, der Nutzer zum Abstimmen aufruft. Was man dagegen nur am Rande sieht, sind Bilder von Getränkedosen. Das scheint bei den Nutzern anzukommen. Mehr als 27 Millionen Likes kann das Profil inzwischen vorweisen.

Für Neuberger ist das nicht überraschend: "Das Bewusstsein für Werbung soll desensibilisiert werden. Auf TV-Werbung reagieren Konsumenten mittlerweile mit Vermeidung und Reaktanz, das heißt man sieht sie zwar, fühlt sich aber unwohl. Im Internet funktioniert Werbung häufig unauffälliger. Man registriert oft nicht, wie man eingebunden ist."

Facebook macht sich zunutze, dass es sich bei seinem Dienst im Kern um eine semi-öffentliche Kommunikation zwischen Privatpersonen handelt. Eine verpflichtende Trennungsnorm von Werbung und Inhalt, wie sie für publizistische Angebote gilt, gibt es bei Facebook nicht. Im Gegenteil, die Grenzen zwischen Werbung und privater Kommunikation werden aufgelöst. Empfehlungen und die verstärkte Einbindung von Apps machen aus jeder persönlichen Timeline einen Werbeträger.

Der Widerstand der Nutzer hält sich in Grenzen: Wohl kaum jemand kündigt einem Facebook-Freund die Freundschaft, weil dieser hin und wieder mehr oder weniger unfreiwillig Werbung verbreitet.

Die Timeline als digitale Biografie

Überhaupt, die privaten Nutzer. Sie machen den Großteil der rund 850 Millionen Konten aus. Sie sollen ebenso wie Unternehmen ihr Profil künftig nicht bloß als Pinnwand, sondern als digitale Biografie sehen.

Dafür sollen sie ihre Chronik vor allem mit Informationen füttern, die eigentlich vor ihrer Facebook-Zeit liegen: Bilder aus dem Urlaub von vor drei Jahren, Bilder aus der eigenen Kindheit, vielleicht die Hochzeit mit einem anderen Nutzer im Juli 1998 – die Timeline verleitet dazu, noch mehr von sich preiszugeben, als das Netzwerk ohnehin schon weiß.

Das Leben im Echtzeit-Ticker ist auf Facebook keine Vision mehr. Mit der Einführung der Timeline soll es noch realer werden. Wenig verwunderlich, dass die Idee zur Timeline von Nicholas Felton stammt, einem Designer und Life-Caster, der sein ganzes Leben in Daten und Grafiken erfasst und veröffentlicht.

Dass sich das Unternehmen mit der verpflichtenden Umstellung für Privatprofile noch zurückhält, gehört zur Strategie. Man ist sich sicher, dass viele Nutzer von selbst den Umstieg vornehmen, sei es aus Versehen, Neugier oder eben weil die neueste App des Lieblings-Turnschuh-Herstellers nur mit der neuen Ansicht funktioniert.

Und doch sollte man die Internetnutzer nicht als zu naiv einschätzen, sagt Neuberger. "Die Angst, dass Menschen subliminal manipuliert werden, ist übertrieben. Ein Problem ist die Nachlässigkeit und auch die Oberflächlichkeit, mit der viele Menschen soziale Netzwerke nutzen", sagt der Kommunikationswissenschaftler. Denn auch wenn Facebooks Vorhaben weiterhin daraus besteht, möglichst viele Daten abzugreifen, bedarf es für die meisten Aktionen immer noch eines: Die Interaktion der Nutzer.

 
Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/au.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meine Assoziation ist eher die der Millionen Fliegen, die jede Sch.... fressen, die man ihnen vorsetzt und die dann auch noch etwas von "Schwarmintelligenz" faseln. Schwarm ja, aber Intelligenz?

    Ist im Übrigen ein schönen Beispiel, wohin sich das Internet tatsächlich bewegt. Von wegen "Basisdemokratie", ums Geschäft geht es und um Konsumenten, die alles kaufen, um mehr nicht.

    Schöne neue Welt.

    Meine Assoziation ist eher die der Millionen Fliegen, die jede Sch.... fressen, die man ihnen vorsetzt und die dann auch noch etwas von "Schwarmintelligenz" faseln. Schwarm ja, aber Intelligenz?

    Ist im Übrigen ein schönen Beispiel, wohin sich das Internet tatsächlich bewegt. Von wegen "Basisdemokratie", ums Geschäft geht es und um Konsumenten, die alles kaufen, um mehr nicht.

    Schöne neue Welt.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche und verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au.

  3. 3. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo "ibinalausebub",

    soziale Netzwerke ansich sind nichts Verwerfliches.
    Die Kritik bei Facebook richtet sich aber gegen die im Hintergrund laufenden Verknüpfungen der ungeschützten Daten, die sich dieser Informatik-Student ausgedacht hat.

    Warum z.B. bekommen Menschen, die nie etwas mit Facebook zu tun hatten, sinnfreie eMails von Facebook mit dem Hinweis auf irgendwelche "Freunde" die jemanden kennen, der mich kennt?

    Jeder, der sich genau diese Entwicklung mit Verstand ansieht, kommuniziert mit seinen Freunden und Bekannte über wesentlich sicherere Wege.

    Wer würde schon freiwillig seinen Ausweis irgendwo liegen, lassen, auf dem Parkplatz der Innenstadt den Autoschlüssel absichtlich stecken lassen, oder nackt durchs Museum gehen.

    • Hamit
    • 29.03.2012 um 21:00 Uhr

    Wunderbarer Kommentar, Danke!

    Ich frage mich, ob den Facebook Kritikern bewusst ist, dass es es bei den Usern in der Regel um voll geschäftsfähige Personen handelt?

    Aber es ist in unserem Ländle einfach beliebt, Probleme zu erfinden, wo es keine gibt. Mir passt Facebooks policy nicht, ganz einfach: fern bleiben und der Kas is gessn.

    1. Jeder gibt sowieso nur das preis, was er will
    -- ohne zu merken, dass sein netter Wille ein etwas weniger nettes Pendant dort gegenüber hat. Er wird die falschen Dinge preisgeben.

    2. "...es wird nur anders präsentiert!"
    -- Die Menschen sind weltweit begeistert, wenn sie immer freundlichere Etiketten für immer infamere Inhalte wohingeklebt bekommen.

    3. "emailausdruckende Sesselfurzer"
    -- [...] Ohne Worte.

    4. "keiner schaut sich das Ganze mal so richtig mit Verstand an!"
    -- Das mag sogar sein. Aber die policies bei den diversen Unternehmen versuchen ja, eben die verständige Betrachtung schon in der Sprachwahl zu verhindern. Dagegen sind ja die Linux manpages sogar richtig transparent.

    5. ""Informatik" immernoch stiefmütterlich behandelt"
    -- Yep! Darf ich Ihnen aber gestehen, dass ich mir Sie als Informatiklehrer ungern vorstellen mag?

    Hallo "ibinalausebub",

    soziale Netzwerke ansich sind nichts Verwerfliches.
    Die Kritik bei Facebook richtet sich aber gegen die im Hintergrund laufenden Verknüpfungen der ungeschützten Daten, die sich dieser Informatik-Student ausgedacht hat.

    Warum z.B. bekommen Menschen, die nie etwas mit Facebook zu tun hatten, sinnfreie eMails von Facebook mit dem Hinweis auf irgendwelche "Freunde" die jemanden kennen, der mich kennt?

    Jeder, der sich genau diese Entwicklung mit Verstand ansieht, kommuniziert mit seinen Freunden und Bekannte über wesentlich sicherere Wege.

    Wer würde schon freiwillig seinen Ausweis irgendwo liegen, lassen, auf dem Parkplatz der Innenstadt den Autoschlüssel absichtlich stecken lassen, oder nackt durchs Museum gehen.

    • Hamit
    • 29.03.2012 um 21:00 Uhr

    Wunderbarer Kommentar, Danke!

    Ich frage mich, ob den Facebook Kritikern bewusst ist, dass es es bei den Usern in der Regel um voll geschäftsfähige Personen handelt?

    Aber es ist in unserem Ländle einfach beliebt, Probleme zu erfinden, wo es keine gibt. Mir passt Facebooks policy nicht, ganz einfach: fern bleiben und der Kas is gessn.

    1. Jeder gibt sowieso nur das preis, was er will
    -- ohne zu merken, dass sein netter Wille ein etwas weniger nettes Pendant dort gegenüber hat. Er wird die falschen Dinge preisgeben.

    2. "...es wird nur anders präsentiert!"
    -- Die Menschen sind weltweit begeistert, wenn sie immer freundlichere Etiketten für immer infamere Inhalte wohingeklebt bekommen.

    3. "emailausdruckende Sesselfurzer"
    -- [...] Ohne Worte.

    4. "keiner schaut sich das Ganze mal so richtig mit Verstand an!"
    -- Das mag sogar sein. Aber die policies bei den diversen Unternehmen versuchen ja, eben die verständige Betrachtung schon in der Sprachwahl zu verhindern. Dagegen sind ja die Linux manpages sogar richtig transparent.

    5. ""Informatik" immernoch stiefmütterlich behandelt"
    -- Yep! Darf ich Ihnen aber gestehen, dass ich mir Sie als Informatiklehrer ungern vorstellen mag?

  4. Da sie gerade den Kommentar auf den ich mich bezog gelöscht haben, bitta auch meinen entfernen, da nun überflüsiig - danke!

  5. Meine Assoziation ist eher die der Millionen Fliegen, die jede Sch.... fressen, die man ihnen vorsetzt und die dann auch noch etwas von "Schwarmintelligenz" faseln. Schwarm ja, aber Intelligenz?

    Ist im Übrigen ein schönen Beispiel, wohin sich das Internet tatsächlich bewegt. Von wegen "Basisdemokratie", ums Geschäft geht es und um Konsumenten, die alles kaufen, um mehr nicht.

    Schöne neue Welt.

    12 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  6. ...wie eun Bordell.

    Das Geschäftsmodell von Facebook baut auf Datenprostitution, das des Bordells auf sexueller Prostitution.

    Zu beidem können sich frei handelnde erwachsene Menschen in unserer Gesellschaft entscheiden.

    In wie weit es ein Problem ist, wenn man fundamentale Bestandteile des Lebens (Sex oder die soziale Sphäre) an jemanden anderes verkauft, darüber kann lang und trefflich geredet werden.

    Ein Problem wird beides, wenn die Entscheidung dazu nicht mehr frei ist, oder wenn nicht die Kompetenz zur Entscheidung besteht.

    Die Lehre aus dieser Betrachtung ist einfach:
    - Keine Facebook-Accounts für Kinder und Jugendliche (und es liegt in Facebooks Verantwortung, dafür zu sorgen)
    - Keine Kooperation staatlicher Stellen mit Facebook, d.h. keine Facebookseiten der öffentlich-rechtlichen-Sender oder von Behörden.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... zwischen sexueller und Datenprostitution.
    1)Bei sexueller Prostitution werde ich jeweils gefragt, ob ich eine bestimmte Sexuladienstleistung geschützt oder ungeschützt anbiete oder nicht - erst nach meiner Zustimmung kommt der Vertrag zustande.
    2)Bei sexueller Prostitution werde ich fuer meine Dienste bezahlt. Bei facebook jedoch habe ich bisher kein derartiges Angebot erhalten.

    ... zwischen sexueller und Datenprostitution.
    1)Bei sexueller Prostitution werde ich jeweils gefragt, ob ich eine bestimmte Sexuladienstleistung geschützt oder ungeschützt anbiete oder nicht - erst nach meiner Zustimmung kommt der Vertrag zustande.
    2)Bei sexueller Prostitution werde ich fuer meine Dienste bezahlt. Bei facebook jedoch habe ich bisher kein derartiges Angebot erhalten.

  7. Facebook ist mittlerweile täglich in den Medien, neue Funktionen hier, Datenschutz da, Zuckerberg, Gang an die Börse, Werbung, Facebookgruppen, Like oder Dislike Button, Kommentieren, Statusmeldungen, Bewerberscreening, etc etc etc

    Selbst mit der Haltung "Facebook geht mir am A**** vorbei" entkommt man dem nur noch schwerlich, auch ohne internet (da ja jede Firma bei Facebook Flagge zeigen muss)

    Was mein Kommentar soll? Ist genauso überflüssig wie Facebook selbst

    6 Leserempfehlungen
  8. "Das Facelifting lässt die Trennung von Werbung und Inhalt verschwinden. Ganz bewusst"

    Au, das klingt schlimm. Sie meinen, dass bei Facebook bereits Verhältnisse wie bei der Zeit vorzufinden sind?

    http://www.zeit.de/auto/i...
    http://www.zeit.de/lebens...
    http://www.zeit.de/kultur...
    http://www.zeit.de/kultur...

    Sind die oben genannten Beispiele nicht wesentlich perfider als Facebook's "Empfehlungen"? Bei Facebook ist Werbung ganz klar als solche ausgezeichnet - wenn auch klein.

    Gekürzt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

    Ich verstehe ohnehin nicht wie ein Werbefinanzierter Journalist damit ein Problem haben kann. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Vielleicht weil er bei Facebook nicht mehr benötigt wird?

    8 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service