FacebookDer nächste Schritt zum umfassenden Biografie-Portal

Am Freitag werden alle Firmenprofile bei Facebook auf die neue Timeline umgestellt. Das Facelifting lässt die Trennung von Werbung und Inhalt verschwinden. Ganz bewusst. von 

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei der Vorstellung der Facebook Timeline im September 2011.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei der Vorstellung der Facebook Timeline im September 2011.  |  © Justin Sullivan/Getty Images

"Euer Leben wird nicht mehr dasselbe sein", sagte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im September vergangenen Jahres auf der Entwicklerkonferenz f8. Dort präsentierte er erstmals Facebooks neue Timeline (auch "Chronik" genannt), die seit Anfang des Jahres auch in Deutschland verfügbar ist und auf teils heftige Kritik stößt.

Verbraucher- und Datenschützer sehen die Timeline als einen weiteren Schritt zum "gläsernen Nutzer" . Schließlich mache sie es leichter, genau zu verfolgen, wann Nutzer Freundschaften schließen, Fotos hochladen, Beiträge verfassen und andere empfehlen. Gerade ältere Einträge, die nicht als privat markiert wurden, sind über die Timeline künftig schneller einzusehen.

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Noch können Privatnutzer für ihr Profil die alte Ansicht wählen. Wer sich für die Umstellung entscheidet, hat sieben Tage, um Änderungen und Vorbereitungen zu treffen.

Diese Option haben Unternehmen und Marken ab kommenden Freitag, den 30. März, nicht mehr. Dann werden alle Unternehmensprofile automatisch auf das neue Format umgestellt.

Wieso macht Facebook das eigentlich?

Eike Kühl
Eike Kühl

Eike Kühl ist Producer, Autor und Blogger bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

 

Soviel ist sicher: Trotz seiner Marktführerschaft steht das soziale Netzwerk unter Druck. Analysen zufolge wird Facebook in den USA erstmals seit seiner Gründung nur noch im einstelligen Prozentbereich wachsen. Zudem sind viele langjährige Nutzer des Dienstes überdrüssig . Vor dem Hintergrund des geplanten Börsengangs bei einem kalkulierten Wert von rund 80 bis 100 Milliarden Dollar darf sich das Unternehmen keine Fehler erlauben .

Dass Facebook entgegen der Kritik die Einführung der Timeline so konsequent durchsetzt, lässt vermuten, dass es sich dabei um mehr handelt als um eine optische Überarbeitung. Tatsächlich macht der Konzern mit der Timeline den nächsten Schritt auf dem geplanten Weg vom sozialen Netzwerk hin zum allumfassenden Biografie-Portal.

Wettbewerb mit Android und iOS

Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Facebook-eigenen Apps und Spiele. Die gab es auch schon vor der Einführung der Chronik, allerdings bietet die neue Ansicht mehr Freiheiten für Entwickler, mehr Möglichkeiten zum Einbinden und vor allem größere  Sichtbarkeit auf den Profilseiten. Das ist wichtig für das Unternehmen. Im Vergleich mit den mobilen Plattformen Android und iOS muss Facebook potenziellen Partnern beweisen, weiterhin eine profitable Werbefläche zu sein.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Bereits mit dem Start der Timeline im Januar stellte Facebook daher 60 Partner wie Foursquare, Pinterest und Zynga ( FarmVille ) vor, deren Dienste künftig nahtlos in die Timeline der Nutzer integriert werden. Inzwischen seien rund 3.000 neue Timeline-Apps eingereicht worden, sagte Facebook Projektmanager Austin Augen kürzlich auf der SXSW-Konferenz.

In gewisser Weise sind die Timeline-Apps die Evolution der persönlichen Statusnachrichten und des Like-Buttons: Ein neuer Song wurde mit Spotify gehört ? Die Spotify-App verbreitet diese Tatsache sofort an alle Freunde des Betreffenden. Vielleicht finden sich so ja noch mehr Fans dafür. Und wer Spott oder Anerkennung auf sich ziehen möchte, veröffentlicht seine letzten Trainingsergebnisse über die entsprechende Fitness-App. Dazu kommen immer mehr individuelle Entwicklungen, die einzelne Aktionen oder Veranstaltungen betreffen.

Dieses Geschäft mit den Apps ist attraktiv – sowohl für die Unternehmen als auch für Facebook. Letzteres profitiert davon, dass Dienste, Spiele und Angebote Dritter auf ihrer Plattform genutzt werden. Das steigert nicht nur die Verweildauer auf der Seite, sondern wirft auch wertvolle Daten ab, die Facebook im Hintergrund abgreift. Für die Partner funktioniert Facebook als Multiplikator: Dadurch, dass Nutzer Apps in ihrer Timeline nutzen, verbreiten sie den Dienst oder das Produkt dahinter – virale Werbung, die funktioniert, weil sie mit der Bewertung eines Bekannten verknüpft ist. Je mehr Freunde einen Dienst benutzten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man sich selbst anmeldet.

Leserkommentare
  1. Klar werden viele Daten gesammelt. Aber mal ehrlich, wie schlimm ist es wirklich, dass FB weiß, dass ich vor sechs Jahren "Titanic the Movie" (aus freien Stücken!) gelikt habe? Nehmt euch doch bitte mal alle nicht so ernst.

    Antwort auf "Au Backe"
  2. ... Facebook ist sozusagen das Bordell, in dem sich das ganze abspielt, deshalb duerfen sie selbstverständlich, da sie die Infrastrucktur bereitstellen, von den durch es zustandekommenden Kontakten finanziell profitieren - z.B. über die dort geschalteten Werbeanzeigen oder über die Informationen, die von Teilnehmern öffentlich gestellt werden. Dass jedoch noch viele andere Geschäfte mit meinen Daten im Hintergrund laufen, dazu habe ich mein Einverständnis nicht gegeben.

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    ...wenn man eben die Richtlinien im Detail liest (...all your data R belong to us), dann ist schon klar was gespielt wird.

    Aber wer liest sich diesen Blocksatz-Hirnf*ck schon durch...

    Ausserdem, wer behauptet das Facebook (nach unseren Gesetzen) legal agiert ?

    Wenn es nur um die Werbung ginge, das wäre Ok.

    Mein (bezahlfreier, nicht kostenloser) eMail-Provider schaufelt mir eine wohlabgewogene Menge an Werbemails_von_ihm_selbst ins Postfach, das ist ein ehrlicher Deal. Ich bin auch nicht animiert an jeder Ecke auf einen Button zu klicken, der diesem Provider meldet wo ich gerade (im Netz) bin.

    Sollte er anfangen meine Adresse und die meiner Korrespondenz an jemanden zu verhöckern, dann gäbe es Ärger.

    Schon das avisierte Börsenvolumen 100 MILLARDEN $ macht klar, das zahlt man nicht für passives Werbung gucken.

    • liame
    • 29. März 2012 16:40 Uhr

    ich dachte auch bis vor kurzem dass ich mit meine konsequenten zurückhaltung was pinnwandeinträge und diese seltsamen gefällt mir daumen, der fast auf jeder webseite zu finden ist, meine persönlichen daten und interessen wahren könnte. leider ist das nicht genug, oder wussten sie, dass facebook auf ihrem rechner einen tracking-cookie hinterlegt, der wahrscheinlich ihr surfverhalten seit jahren protokolliert und dank ihrem account auch eindeutig zuordnen kann?
    oder schauen sie mal in ihr smartphone unter der rubrik apps. dort finden sie eine app, die sich vor wenigen tagen, legitimiert durch neue datenschutzbestimmungen, selbst ein update verschafft hat und somit das recht "sms lesen und schreiben". das ganze natürlich ohne ihr zutun und da es eine vorinstallierte anwendnung ist auch nicht deinstallierbar. und raten sie einmal welche app ich meine!
    denken sie immer noch dass durch ihre vorsicht innerhalb ihres account ihre privatsphäre geschützt ist?

    Antwort auf "Panikmache"
  3. ...wenn man eben die Richtlinien im Detail liest (...all your data R belong to us), dann ist schon klar was gespielt wird.

    Aber wer liest sich diesen Blocksatz-Hirnf*ck schon durch...

    Ausserdem, wer behauptet das Facebook (nach unseren Gesetzen) legal agiert ?

    Wenn es nur um die Werbung ginge, das wäre Ok.

    Mein (bezahlfreier, nicht kostenloser) eMail-Provider schaufelt mir eine wohlabgewogene Menge an Werbemails_von_ihm_selbst ins Postfach, das ist ein ehrlicher Deal. Ich bin auch nicht animiert an jeder Ecke auf einen Button zu klicken, der diesem Provider meldet wo ich gerade (im Netz) bin.

    Sollte er anfangen meine Adresse und die meiner Korrespondenz an jemanden zu verhöckern, dann gäbe es Ärger.

    Schon das avisierte Börsenvolumen 100 MILLARDEN $ macht klar, das zahlt man nicht für passives Werbung gucken.

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    Leider spekulieren Sie viel zu wild, als das man das von Ihnen Geschriebene ernst nehmen könnte. Wer sagt, dass Facebook legal handelt? Das kann man mit einer einfachen Gegenfrage beantworten, wer sagt denn, dass die Bank nicht wild mit ihren Kontodaten handelt? Nun ja, weil es VERBOTEN ist, und die Bank zumachen könnte, wenn so etwas heraus käme. Gleiches gilt für Facebook, und genau aus diesem Grunde werden die es nicht tun. Erst recht nicht, wenn dabei der bald existierende Aktienkurs des Unternehmen darauf sehr sensibel reagieren würde.

  4. Ich habe früher aus allen Rohren gegen Facebook geschossen, vor allem Mark Z. und seine bekannte zynische Sicht auf Anwender & deren Privatsphäre (von der ich sicher bin, dass sie sich nicht geändert hat) war mir stets zuwider.

    Aber ich hab's aufgegeben bzw. meinen Frieden mit FB gemacht. Facebook ist ein weiterer Stream, in den ich als schreibender Mensch Texte & Bilder kippen kann - so wie in Google Plus, Twitter und Hunderte Foren wie dieses hier. Der eine oder andere liest gern mit, und die Timeline (oder ein Pendant wie Memolane) dient mir später als digitales Tagebuch.

    Wer zu blöde ist (ich leiste mir diese Zuspitzung), Datenökonomie zu praktizieren, wer peinliche Bilder veröffentlicht und trunken dichtet ... muss mit den Folgen klar kommen. Ich will nicht in einem Nanny State leben, der mir etwas verbietet, weil mein Nachbar damit (angeblich) nicht klarkommt.

    Ganz ehrlich: Ich vermute inzwischen, dass viele Journalisten, die gegen FB anschreiben, sich mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert sehen: Dort, wo Anwender die meisten Daten lassen, können die Werbebotschaften (die dann auch durchaus interessant sein mögen) perfekt auf sie zugeschnitten werden.

    Ich lese aus obigem (und vielen ähnlichen) Artikeln inzwischen nicht mehr die ernsthafte Sorge um die Unversehrtheit unserer Datensphäre heraus. Sondern die Frustration darüber, dass die klassischen Verlage von diesem schönen, großen Werbekuchen nicht genug abbekommen. Klar: Unschön, wenn man hiervon bezahlt wird.

    • sauce
    • 29. März 2012 17:24 Uhr

    Wie viele fb-Kritiker gehen superlässig mit ihren Daten um, wenn die nur ja nicht für sie spürbar gesammelt werden? Wieviele Menschen bezahlen bargeldlos und hinterlassen eine Konsumspur, die weit über das hinausgeht, was man facebook (zu Recht) unterstellt?
    Bei facebook kontrolliere ich genau, was ich preisgebe (jedenfalls wenn ich mein Hirn einschalte). Um meine Daten aus dem "echten Leben" unter Kontrolle zu haben, vermeide ich aber wann immer es möglich ist, mit irgendeiner Scheck-oder Kreditkarte zu bezahlen, ich habe auch keine Kundenkarte irgendeines Unternehmens. DAS ist nämlich mindestens genauso datenbehaftet.... und niemand regt sich auf. Ob ich im Supermarkt Alkohol oder Biomüsli kaufe und um welche Uhrzeit beim Italiener vegetarische Pizza oder Edelfisch verputze, geht niemanden was an - darum lieber Barzahlung!

  5. Im Zusammenhang mit Facebook fällt mir immer Ionescos "Die Nashörner" ein. Kennt noch jemand das Stück?

    Antwort auf "Datensammelstelle"
  6. Leider spekulieren Sie viel zu wild, als das man das von Ihnen Geschriebene ernst nehmen könnte. Wer sagt, dass Facebook legal handelt? Das kann man mit einer einfachen Gegenfrage beantworten, wer sagt denn, dass die Bank nicht wild mit ihren Kontodaten handelt? Nun ja, weil es VERBOTEN ist, und die Bank zumachen könnte, wenn so etwas heraus käme. Gleiches gilt für Facebook, und genau aus diesem Grunde werden die es nicht tun. Erst recht nicht, wenn dabei der bald existierende Aktienkurs des Unternehmen darauf sehr sensibel reagieren würde.

    Antwort auf "Hmjein..."
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    insofern spekuliere ich eher dezent.

    Aber Sie können sicher eingänglich erklären, warum Facebook nur mit etwas Bandenwerbung, so wie sie auch Die ZEIT macht (und die wir alle höflich ignorien), auf einen Wert von 100.000.000 $ kommen soll.

    Und ja, natürlich muß ich einer Reihe Leute einfach trauen, aber wenn z.B. jemand permanent seine Richtlinien ändert, so das seine Nutzer permanent zum Datenexhibitionismus gedrängt werden, dann macht mich das stutzig.

    Je nun, wer denn erwachsen ist und Facebook benutzen will, der soll es tun. Ich tue es nicht.

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  • Schlagworte Facebook | Android | Apps | Chronik | Lindsey Vonn | Universität München
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