ZEIT ONLINE: Redefreiheit sowie freier Zugang zu Information und zu Kultur sind nach Ansicht von Netz-Aktivisten für den Erfolg des Internets verantwortlich. Räumen Sie diesen Freiheiten die gleiche Bedeutung ein?

Christoph Meinel: Dass das Internet zu dem geworden ist, was es heute ist, liegt vor allem an der Technik: Ein offener Standard, der nicht einer Firma gehört, sondern verschiedene Netztechnologien miteinander kommunizieren lässt. Nachdem das Internet dann durch das graphische User-Interface für die Allgemeinheit nutzbar wurde, haben Unternehmen sehr schnell versucht, Geschäftsmodelle für diese neue Technik zu entwickeln. Dabei kam es auch zur Überschätzung der Möglichkeiten, die im Platzen der Dotcom-Blase endete. Das heißt, die Möglichkeit, das Netz für kulturellen Austausch zu nutzen, ist nur ein Aspekt. Der eigentlich starke Treiber des Internets ist die Wirtschaft, die das Medium nutzt, um neue Geschäftsfelder zu entwickeln: Unternehmen wie eBay , Google oder Facebook .

ZEIT ONLINE: Was verstehen Sie unter Freiheit im Internet?

Meinel: Ich bezweifle, dass es eine besondere Freiheit im Internet gibt. Dort wie in der physikalischen Welt bietet die Freiheit dem Einzelnen Raum im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen, wenn bestimmte Spielregeln eingehalten werden. Diese Regeln bieten dem Einzelnen Freiheit in Verantwortung – das ist wichtig, wie unser neuer Bundespräsident sehr richtig betont: Andere dürfen durch die Freiheit des Einzelnen nicht eingeschränkt werden.

Deshalb halte ich das Jeder-darf-alles-Prinzip, das manche im Netz vertreten, für falsch. Dieser etwas anarchistische Anspruch ist wohl historisch begründet, weil am Anfang im Internet alles möglich war. Ich vergleiche die Entwicklung der digitalen Welt des Internets gern mit der Besiedlung des Wilden Westens: Dort haben die ersten Siedler auch mit viel Mut und Geschick, und ohne sich an irgendwelche Regeln zu halten, große Ländereien besetzt und dann aufgeschrien, als die Zivilisation folgte und sie sich den üblichen Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens unterordnen sollten.

ZEIT ONLINE: So ein Neuland kann auch Chancen bieten. In den USA wurde eine der fortschrittlichsten und demokratischsten Verfassungen geschrieben. Könnte aus dem Kampf für Freiheitsrechte im Internet ein ähnlicher Fortschritt entstehen?

Meinel: Der Vergleich zum Wilden Westen ist nicht nur negativ gemeint, das waren großartige Pioniere – damals wie heute. Die Möglichkeiten des Internets sind durch die schiere Explosion an Innovationen unbestreitbar. Was aber die Rückwirkung auf die Gesellschaft betrifft, überwiegen bei mir die Sorgen. Immer und überall nachvollziehen zu können, was jemand tut, wird die Freiheit eher bedrohen. Die Missbrauchsgefahr ist einfach sehr groß.