Internetfreiheit : "Das Netz reguliert sich selbst"

Der Begriff Internetfreiheit wird oft benutzt, aber selten erklärt. In einer Serie bitten wir Menschen um ihre Definition. Den Anfang macht ein Anonymous-Aktivist.

Internetfreiheit ist ein Begriff, der sich gut macht, wenn er bei einer Demonstrationen auf einem Plakat steht. Schließlich klingt Freiheit immer gut. Geradezu inflationär wurde das Wort dann in Nachrichtenbeiträgen zum Thema Acta benutzt : "Die Gegner des Abkommens befürchten einen Eingriff in die Internetfreiheit", hieß es da häufig. Nur: Was genau ist diese Internetfreiheit? Welcher Freiheitsbegriff steckt dahinter? Wie frei, wie unreguliert soll oder darf das Internet sein, und zu welchem Zweck? Wir haben Menschen, die sich mit dem Internet beschäftigen, gefragt, was Freiheit des Netzes für sie bedeutet.

Im ersten Teil unserer Serie kommt ein Mensch zu Wort, der sich zur Anonymous-Bewegung zählt. Schließlich sind Anonymous-Aktivisten selbsternannte fighters for internet freedom . Allerdings wollen wir klarstellen: Unser Gesprächspartner repräsentiert Anonymous nicht. Keine Einzelperson kann im Namen von Anonymous sprechen, zu vielfältig sind die Ausprägungen, Ziele und Motivationen der Bewegung .

Ob die Ansichten unseres Gesprächspartners von anderen Anoynmous-Sympathisanten geteilt werden oder nicht, spielt aber keine große Rolle. Wir wollten von ihm erklärt bekommen, was er unter Internetfreiheit versteht – weil er nach eigener Aussage bereit ist, diese auch mit Mitteln zu verteidigen, die als illegal angesehen werden.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nach eigenen Angaben ist er "um die 30 Jahre" alt, arbeitet in einem international tätigen Unternehmen "irgendwo zwischen Business und IT" und lebt im Rheinland . Kommuniziert haben wir in einem Internet Relay Chat (IRC).

ZEIT ONLINE: Warum glauben Sie, ist die sogenannte Internetfreiheit bedroht?

Anonymous: Nur neun Prozent der Bevölkerung trauen unserer Regierung noch. Sie steckt voller Lobbyisten, die eigentlich als Feinde der Demokratie rausgejagt werden sollten, und wir wollen denen nicht wirklich die Hoheit über das Internet überlassen.


ZEIT ONLINE: Inwiefern vertrauen die Menschen der Regierung nicht, wenn es um die Zukunft des Internets geht? Befürchten Sie, dass harmlos klingende Gesetze zur Netz-Regulierung früher oder später ausgeweitet und missbraucht werden?

Anonymous: Ja.

ZEIT ONLINE: Wie sollte das Internet Ihrer Meinung nach aussehen? Welche Einschränkungen würden Sie akzeptieren?

Anonymous: Keine weiteren Einschränkungen. Wir haben schon zu viele Gesetze, und dass wir hier einen rechtsfreien Raum haben, stimmt so nicht. Die meisten Gesetze greifen, die Aufklärungsquote bei Verbrechen im Internet ist höher als im real life .

 

ZEIT ONLINE: Ein freies Internet ist ein weitgehend unreguliertes?

Anonymous: Das Netz reguliert sich selbst. Die Vorteile freier und offener Strukturen überwiegen gegenüber den Nachteilen. Wir haben mit dem Internet eine gemeinsame Plattform, auf der wir gemeinsam international und demokratisch zusammenarbeiten können. Wir könnten als Bürger darüber sogar an nationalen, europäischen und internationalen Abkommen oder Gesetzen mitarbeiten. Leider müssen wir aber meistens gegen diejenigen angehen, die unsere Probleme verursachen.

ZEIT ONLINE: Und das geht nur als Anonymous? Oder wäre das auch unter Ihrem echten Namen und im real life möglich?

Anonymous: Mit einer Petition, die es nicht in die Nachrichten schafft? Oder indem ich über Anwälte jahrelang auf die Herausgabe von Informationen klage? Dabei würde ich vielleicht auch meinen Job oder Sonstiges aufs Spiel setzen.

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