Zukunft der MedienWer im Netz verkaufen will, muss die Pakete aufschnüren

Was iTunes für die Musikbranche tat, macht Amazon für Verlage: Der Konzern zeigt, wie sich Inhalte im Internet vermarkten lassen – beispielsweise als Kindle Single. von 

Tageszeitungen geht es nicht gut, das wird niemand bestreiten. Manche suchen ihr Heil in der Hoffnung auf ein Leistungsschutzrecht , manche suchen es in iPad-Apps oder Bezahlschranken, manche versuchen, die öffentlich-rechtlichen Medien aus dem Internet zu drängen . Dabei gäbe es bessere Wege.

Das Internet hat für die klassischen Inhalteanbieter vor allem einen Effekt: Es hat die Idee des Gebindes vernichtet. Der Sportteil kann nicht mehr die Politikseiten subventionieren, der poppige Hit nicht mehr die Ballade, der Bestsellerautor nicht mehr die Gedichtbände – zumindest nicht mehr direkt. Darin aber liegt auch eine Chance, wenn die Anbieter es denn zulassen.

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Apple hat der Musikindustrie vorgemacht, dass einzelne Songs ein Geschäftsmodell sind, dass sie sich prima verkaufen lassen, wenn der Preis stimmt und der Zugang unkompliziert ist. Google hat gezeigt, dass ein einzelner Text, ein einzelnes Video viel Aufmerksamkeit bekommen können und dass es letztlich dem ganzen Produkt, der ganzen Homepage oder dem ganzen Kanal nutzt, wenn viele einzelne Links das Interesse der Nutzer finden.

Amazon macht gerade vor, dass dieses Modell auch für Verlage funktionieren kann. Kindle Single heißt das Produkt . Das gibt es schon seit mehr als einem Jahr, aber hierzulande hat noch kaum jemand versucht, es zu nutzen. Warum eigentlich?

Kindle Single meint Texte, die kein Buch sind und kein Artikel. Das können Kurzgeschichten sein, Novellen, aber auch große Reportagen. Wie bei iTunes ist auch hier der Preis das erste Argument, die Texte kosten meistens zwischen 99 Cent und 2,99 Dollar. Zwei Millionen Stück hat Amazon davon im ersten Jahr verkauft .

Das zweite Argument ist der leichte Zugang: Ein Kindle-E-Reader ist zum Lesen nicht unbedingt nötig, Amazon bietet eine kostenlose Kindle-App für das Lesen im Browser, auf iOS-Geräten und Android-Smartphones oder -Tablets an.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das dritte Argument ist die Geschwindigkeit. Nach großen Ereignissen schreiben Journalisten gerne hastig ein Buch, um von dem aktuellen Interesse am Thema zu profitieren. Doch bis ein Buch fertig ist, dauert es eine Weile, und 200 interessante und auch noch gut geschriebene Seiten in wenigen Wochen zusammenzuhauen, gelingt nicht vielen. Kindle Single ist ein Format, das genau diese Lücke füllt. Dort lassen sich auch Essays und große Reportagen verkaufen, wenn sie entsprechend aufbereitet sind.

Das vierte Argument ist die Qualität. Für einen Nachrichtentext, dessen Inhalt fast wortgleich auf einem Dutzend Seiten steht, wird niemand etwas zahlen wollen. Einen Text aber, dessen These und Sprache sich von anderen abheben und der ein Thema gut beleuchtet, lässt sich sehr wohl verkaufen.

Der Journalist John Hooper zum Beispiel, Italien-Korrespondent für Economist und Guardian , schrieb einen solchen Text über das auf Grund gelaufene Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" . Mit seiner Kindle-Version war er schneller als jeder Buchautor und ausführlich genug, um die Neugier der Leser zu befriedigen. Belohnt wurde er mit einem hohen Verkaufsrang bei Amazon und somit hohen Umsätzen.

Andere haben mit diesem Format schon Zehntausende von Dollar verdient, wie The Atlantic schreibt . Und Umsätze bei iTunes und in den App-Stores von Apple und Android zeigen, dass Kleinvieh verdammt viel Mist machen kann und dass sich mit kleinen Produkten sehr viel Geld verdienen lässt.

Gerade journalistische Reportagen eignen sich für das Format. Kann bei der elektronischen Verbreitung doch nicht nur der reine Text zur Verfügung gestellt werden. Es bietet sich geradezu an, diesen durch ausführliche Quellen, Recherchewege, Hintergründe, erkannte Irrtümer zu ergänzen – all die Dinge, die in einer Zeitung keinen Platz haben.

Leserkommentare
  1. Also eine Zeitungsflat für 9,99€/Monat für 10 ausgewählte Zeitungen würde ich sofort kaufen. Und die Zeitungen könnten dann nach dem (anonymen) tracken meiner Zugriffe das Geld unter sich aufteilen.

    Worauf wartet ihr noch, Zeit?

    (Ich würde zeit,nyt,faz,lemonde,guardian,surf,spiegel,taz,telepolis nehmen. Und da ich eh nicht alle regelmäßig lesen würde, wäre der Preis gerechtfertigt.)

    Eine Leserempfehlung

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