Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Regierungssprecher Steffen Seibert hat dafür am Donnerstag einen Beweis geliefert. 45 Minuten lang beantwortete er Fragen von Bürgern, live auf Twitter und ohne Themenvorgabe. Eine gute Absicht. Sie hätte zeigen können, dass es zwischen Bürgern und Regierung eine spontane Kommunikation geben kann. Doch formale und inhaltliche Zwänge haben den Dialog ins Lächerliche gezogen.

Auf insgesamt 35 Fragen hat Seibert reagiert, Hunderte weitere mussten unbeantwortet bleiben. Zudem mussten seine Antworten in 140 Zeichen passen – abzüglich des Hashtags #fragReg sowie des Twitternamens der Fragesteller. Was blieb, waren bestenfalls 115 Zeichen. Seibert nutzte sie dann auch noch, um Statements im Namen der Bundesregierung abzugeben. Selbstverständlich muss ein Regierungssprecher diplomatisch bleiben. Doch es waren kaum mehr als ein paar Sprechblasen. Das wirkte unpersönlich und phrasenhaft.  

Die erste Frage, auf die Seibert reagierte: "Wann marschieren die deutsche Truppen in Syrien ein?" Antwort: "Das wäre keine Lösung des Problems. Die Welt muss Druck auf das Assad-Regime organisieren, damit Dialog in Gang kommt."

Damit war das Thema Syrien erledigt. Weder der Fragesteller, falls er seine Frage überhaupt ernst gemeint hatte, noch irgendwer sonst dürfte nun schlauer sein als zuvor. Schon der Beginn des "Twitterviews" zeigte also: Komplexe Themen lassen sich in 140 Zeichen kaum erklären, wenn man zu offiziellen Erklärungen gezwungen ist. Wer es dennoch versucht, erweckt den Eindruck, sein Gegenüber mit knappen Worthülsen abspeisen zu wollen.

Entsprechend nichtssagend fielen dann auch seine Antworten aus. Zu Fragen der Armutsbekämpfung sagte er: "Wichtigste für Armutsbekämpfung ist wirtschaftliche Entwicklung, die erfolgreich Arbeitsplätze schafft." Zum Fiskalpakt : "Wir müssen die politischen Konsequenzen jetzt rasch ziehen, um Vertrauen der Bürger u. Anleger wiederzubekommen." Zur Präsidentschaftswahl in Frankreich : "1. warten wir die Wahl ab. 2. wird Zusammenarbeit mit jeder französischen Regierung eng/vertrauensvoll sein." Und zu Acta : "Bundesreg. steht zu Kabinettsbeschluss zu ACTA. Ist aber richtig, jetzt Gutachten des Europ. Gerichtshofs abzuwarten."

Einige Themen ignorierte Seibert, selbst wenn es dazu mehrere ernst gemeinte Fragen gab. Die bekannte Bloggerin Julia Probst etwa stellte drei konkrete Fragen zur Barrierefreiheit in Deutschland, die Seibert zumindest teilweise hätte beantworten können. Er hätte aber auch einfach schreiben können, dass er auf eine bestimmte Frage nicht sofort eine Antwort hat, sich aber darum kümmern werde. Im vergangenen Jahr hatte er das noch getan. Auch da hatte ihn Probst auf Twitter angesprochen .