Gaycken: "Ich bezweifle, dass das Netz eine kategoriale Änderung herbeiführt"
ZEIT ONLINE: Diese Heilserwartung hat technikphilosophische Tradition. Hans Magnus Enzensberger sagte einmal, der Mensch brauche technischen Befreiungsfantasien, weil er selbst nicht länger lebe als ein guter Schraubenzieher.
Gaycken: Dazu hat jede Kultur gewisse Menschheitsideen. Die Befreiung, das goldene Zeitalter. Jede Technik bietet auch, wenn man sie ausreichend weit ausmalt, immer so ein Potenzial. Gerade bei umfassenden Umwälzungen tendiert man zur Überbewertung. Historisch gesehen sind das normale Prozesse. Im Kleinen findet man sie bei Autos und der Eisenbahn wieder. Größere Visionen waren die Industrialisierung und die Atomenergie. Aber diese großtechnischen Hypes haben sich alle relativiert. Ich bezweifle, dass das Netz eine kategoriale Änderung herbeiführt, dass es bessere, objektivere Diskurse hervorbringt oder dass es etwas an den Widersprüchen des Menschseins auflösen kann, an der conditio humana. Manche Fragen werden sich auch per Internet nie lösen lassen. Die von der Verteilungsgerechtigkeit zum Beispiel. Sollen alle alles haben können? Oder darf der mehr haben, der mehr leistet? Da gibt es keine eindeutigen philosophischen Antworten und Erkenntnisse. Und so kracht es eben immer wieder in der Menschheit. Technik hin oder her.
ZEIT ONLINE: Immerhin betonen manche, das Internet habe den Konsumenten zum Produzenten gemacht. Er sende nun auch, anstatt nur zu konsumieren. Er teile. Ist das nicht auch eine Befreiung?
Gaycken: Menschen haben schon immer auch produziert. Das skaliert nur geringfügig anders im Netz und auch das nur potenziell. Auch dass die Menschen jetzt viel mehr teilen, würde ich nicht sagen. Nur weil sich mehr Leute einander Videos und Musik zuschicken, heißt das doch nicht, dass die Welt dadurch gerechter wird. Wo ist denn da der Altruismus? Das ist doch eher Egoismus.
ZEIT ONLINE: Nochmal zur Freiheit: Ist Ihnen das Netz also frei genug?
Gaycken: Es wäre natürlich schön, wenn es in Staaten freier würde, die diese Freiheit gut gebrauchen könnten. In China, in manchen arabischen Staaten wäre es gut, wenn das Internet als Alternative zu einer nicht vorhandenen unabhängigen Presselandschaft auftreten könnte. Gerade da ist es aber eben schwierig mit einem freien Internet. Von den Netzaktivisten aus Deutschland wünschte ich mir, dass sie nicht nur auf die deutschen demokratischen Internetprobleme einschlagen, die ja meist imaginär sind. Sondern sich international mehr um Freiheit kümmern.










"Im komplett offenen Netz gewinnt immer nur der Stärkere"
Und die vornehmliche Aufgabe der Berater ist, "ihren" Mandanten zu raten, möglichst die Stärkeren zu sein und auch zu bleiben...
Wie im "richtigen" Leben halt.
Insgesamt ist dieses Interview schon mal so ziemlich das Sinnvollste, was ZOnlein und SpOn zur Debatte beigetragen haben
Am Ende wird es im Interview jedoch ein wenig heikel.
"In China, in manchen arabischen Staaten wäre es gut, wenn das Internet als Alternative zu einer nicht vorhandenen unabhängigen Presselandschaft auftreten könnte. Gerade da ist es aber eben schwierig mit einem freien Internet."
MMMMMMöp. Falsche Antwort. Genau dort, wo die Medien als meinungsbildene Instanzen versagen, entsteht die Öffentlickeit 2.0, die Idee, dass man das Bilden der Meinung nicht Anderen überlassen sollte und nicht immer die anderen Schuld sind, wenn man selbst zu doof ist zum Denken. Deutschland ist in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland mit negativer Prognose.
"Von den Netzaktivisten aus Deutschland wünschte ich mir, dass sie nicht nur auf die deutschen demokratischen Internetprobleme einschlagen, die ja meist imaginär sind. Sondern sich international mehr um Freiheit kümmern."
MMMMMöp. Auch falsch. Wenn man es in Deutschland weiterhin den Utopisten, Piraten und Rechteverwertern überlässt, sich über die zukünftige Regulierung des Internets Gedanken zu machen, werden vernunftorientierte Demokraten da bald nichts mehr zu sagen haben. Und, Herr Gayken: Die internationale Freiheit wird sicher nicht am deutschen Wesen genesen. Dafür sind wir zu klein, zu schwach und zu schlecht informiert.
Die Öffentlickeit 2.0 kann positiv sein (siehe z.B. die Aufklärung im Falle Guttenberg) sie kann aber auch ein pöbelnder Mob sein (siehe die Lynchaufrufe gegen einen unschuldigen in den letzten Wochen).
Von daher ist klar, auch die Öffentlickeit 2.0 braucht spielregeln/gesetze, da nicht jeder mit der Freiheit sinnvoll umgeht und dies die Gefahr birgt, dass er dadurch die Freiheiten von anderen massiv verletzt.
Die Öffentlickeit 2.0 kann positiv sein (siehe z.B. die Aufklärung im Falle Guttenberg) sie kann aber auch ein pöbelnder Mob sein (siehe die Lynchaufrufe gegen einen unschuldigen in den letzten Wochen).
Von daher ist klar, auch die Öffentlickeit 2.0 braucht spielregeln/gesetze, da nicht jeder mit der Freiheit sinnvoll umgeht und dies die Gefahr birgt, dass er dadurch die Freiheiten von anderen massiv verletzt.
Was einem so alles einfällt, nur weil man seit 20 Jahren nicht nur Töne über den Anrufbeantworter abspeilbar machen kann, sondern auch Bilder und Filme.
Übrigens bin ich dagegen das Kinderporngraphisches Material und Anleitungen zum Bombenbau in jedewede Behältnisse eingebracht und transportiert werden. Dazu zähle ich im weiteren auch Fahrzeuge jeglicher Art, und nicht zu vergessen, Briefkästen !
Zensur: es geht genau nicht um Terrorismus und Kinderpornographie. In NRW wollte man vor kurzem Glücksspielseiten zensieren. Warum? Weil Staat und Land mit Lotto und Co. richtig viel Geld verdienen. Bei der VDS kamen die meisten Anfragen nicht zu Terrorismus und dergleichen, sondern zu Drogengeschäften. Davon ab stellt sich doch die Frage, wer die Listen erstellt und wer diese prüft. Genau, die Polizei. Und wer darf reinschauen? Genau, die Polizei. Wer prüft? Niemand.
Transparenz: im BT findet doch heutzutage gar nichts mehr statt. Man hat es bei ACTA gesehen, das waren Geheimverhandlungen. Sonst wird inzwischen sehr viel von den Fraktionschefs untereinander oder in Ausschüssen bearbeitet. Demokratische Kontrolle: keine.
Mal wieder ein Grund, die Zeit nicht zu kaufen, nein eher eine Bestätigung...
Erstens gibt es dieses Interview nicht "zu kaufen", sondern nur hier bei ZEIT ONLINE.
Zweitens bedeutet ein Interview keineswegs, dass sich der Journalist die Positionen seines Gesprächspartners zu eigen macht.
Wir wollen in unserer Serie verschiedene Ansätze und Positionen zum Thema Internetfreiheit darstellen. Im ersten Teil, dem Gespräch mit einem Anonymous-Aktivisten, reden wir über mangelndes Vertrauen. Das betrifft genau den Punkt, den Sie auch ansprechen. Da steht:
ZEIT ONLINE: Inwiefern vertrauen die Menschen der Regierung nicht, wenn es um die Zukunft des Internets geht? Befürchten Sie, dass harmlos klingende Gesetze zur Netz-Regulierung früher oder später ausgeweitet und missbraucht werden?
Anonymous: Ja.
Sie können es hier nachlesen: http://www.zeit.de/digita...
" In NRW wollte man vor kurzem Glücksspielseiten zensieren. Warum? Weil Staat und Land mit Lotto und Co. richtig viel Geld verdienen"
Könnten Sie erklären, was Sie meinen?
Sollte Ihrer Meinung nach Glücksspiel steuerfrei sein? Oder im Internet steuerfrei sein, ausserhalb aber besteuert werden?
Schrecklich vereinfacht ist das. Nur weil hier schon gegen die Ansätze gekämpft wird und wir das "Monster" nicht erst auswachsen lassen wollen, damit jeder die Gefahren sieht, werden berechtigte Befürchtungen lächerlich gemacht. Die ältere Generation hat meiner Ansicht nach häufig keinen offenen Blick in die Zukunft mehr. Siehe Gaucks Ärger über Occupy..
Erstens gibt es dieses Interview nicht "zu kaufen", sondern nur hier bei ZEIT ONLINE.
Zweitens bedeutet ein Interview keineswegs, dass sich der Journalist die Positionen seines Gesprächspartners zu eigen macht.
Wir wollen in unserer Serie verschiedene Ansätze und Positionen zum Thema Internetfreiheit darstellen. Im ersten Teil, dem Gespräch mit einem Anonymous-Aktivisten, reden wir über mangelndes Vertrauen. Das betrifft genau den Punkt, den Sie auch ansprechen. Da steht:
ZEIT ONLINE: Inwiefern vertrauen die Menschen der Regierung nicht, wenn es um die Zukunft des Internets geht? Befürchten Sie, dass harmlos klingende Gesetze zur Netz-Regulierung früher oder später ausgeweitet und missbraucht werden?
Anonymous: Ja.
Sie können es hier nachlesen: http://www.zeit.de/digita...
" In NRW wollte man vor kurzem Glücksspielseiten zensieren. Warum? Weil Staat und Land mit Lotto und Co. richtig viel Geld verdienen"
Könnten Sie erklären, was Sie meinen?
Sollte Ihrer Meinung nach Glücksspiel steuerfrei sein? Oder im Internet steuerfrei sein, ausserhalb aber besteuert werden?
Schrecklich vereinfacht ist das. Nur weil hier schon gegen die Ansätze gekämpft wird und wir das "Monster" nicht erst auswachsen lassen wollen, damit jeder die Gefahren sieht, werden berechtigte Befürchtungen lächerlich gemacht. Die ältere Generation hat meiner Ansicht nach häufig keinen offenen Blick in die Zukunft mehr. Siehe Gaucks Ärger über Occupy..
"Heute gibt es so ein paar diffuse, kaum spürbare Bedrohungen wie Umwelt und Finanzkrise." - Hunderte Milliarden die wir nicht in unseren, und den Geldbeuteln unserer Kindeskinder finden, wohlgemerkt, weil man sie heute den Banken nachschmeißt.
"Wir haben doch schon überall dort Transparenz, wo es rechtsstaatlich legitim ist." - vgl. ACTA.
"Oder darf der mehr haben, der mehr leistet?" - Wie definiert der Mann denn Leistung?
"Nur weil sich mehr Leute einander Videos und Musik zuschicken (...)" - voll am Thema vorbei. In Foren findet und gibt man einander schneller Hilfe, während man an der kostenpflichtigen Hotline noch in der Warteschleife hängt.
Wenn solche Leute die Speerspitze unserer Armee im "Cyberwar" darstellen, haben wir schon verloren.
Erstens gibt es dieses Interview nicht "zu kaufen", sondern nur hier bei ZEIT ONLINE.
Zweitens bedeutet ein Interview keineswegs, dass sich der Journalist die Positionen seines Gesprächspartners zu eigen macht.
Wir wollen in unserer Serie verschiedene Ansätze und Positionen zum Thema Internetfreiheit darstellen. Im ersten Teil, dem Gespräch mit einem Anonymous-Aktivisten, reden wir über mangelndes Vertrauen. Das betrifft genau den Punkt, den Sie auch ansprechen. Da steht:
ZEIT ONLINE: Inwiefern vertrauen die Menschen der Regierung nicht, wenn es um die Zukunft des Internets geht? Befürchten Sie, dass harmlos klingende Gesetze zur Netz-Regulierung früher oder später ausgeweitet und missbraucht werden?
Anonymous: Ja.
Sie können es hier nachlesen: http://www.zeit.de/digita...
Sehr angenehm und lobenswert empfinde ich, dass sich nunmehr auch ZEIT Redakteure in den Foren zu Wort melden. Die Entscheidung dazu mag ihnen nicht leicht gefallen zu sein vermute ich.
In einem anderen Forum fand ich sehr nützliche Hinweise der ZEIT auf Artikel zur "Freiheit im Internet" als Antwort auf einen schwer erträglichen Kommentar. Das war ein sehr informativer Einwand.
Ich hoffe, Sie betreiben das weiter und machen damit auch gute Erfahrungen.
Sehr angenehm und lobenswert empfinde ich, dass sich nunmehr auch ZEIT Redakteure in den Foren zu Wort melden. Die Entscheidung dazu mag ihnen nicht leicht gefallen zu sein vermute ich.
In einem anderen Forum fand ich sehr nützliche Hinweise der ZEIT auf Artikel zur "Freiheit im Internet" als Antwort auf einen schwer erträglichen Kommentar. Das war ein sehr informativer Einwand.
Ich hoffe, Sie betreiben das weiter und machen damit auch gute Erfahrungen.
" In NRW wollte man vor kurzem Glücksspielseiten zensieren. Warum? Weil Staat und Land mit Lotto und Co. richtig viel Geld verdienen"
Könnten Sie erklären, was Sie meinen?
Sollte Ihrer Meinung nach Glücksspiel steuerfrei sein? Oder im Internet steuerfrei sein, ausserhalb aber besteuert werden?
Ich denke, darum geht es nicht. Gemeint war vermutlich, dass der Staat seine Zensurmethoden missbrauchen kann und wird.
"Sollte Ihrer Meinung nach Glücksspiel steuerfrei sein? Oder im Internet steuerfrei sein, ausserhalb aber besteuert werden?"
Glücksspiel ist doch gerade so ein Paradebeispiel. Unter dem Deckmantel der "Suchtprävention" sollte zB der Anbieter bwin verboten werden. 2009 wurde vom europäischen Gerichtshof entschieden, dass sie sich den nationalen Regeln der jeweiligen Länder zu halten haben. 2010 wurde das Verbot vom europäischen Gerichtshof wieder gekippt, weil der Staat seine eigenen Wetten (Lotto/Oddset) massiv selbst im Radio und TV beworben hat und sich dieses Argument dann als reine Farse herausgestellt hat.
Ab da galt dann die Freiheit des Dienstleistungsverkehrs und die Niederlassungsfreiheit in der Europäischen Union. Davor ging es dem Staat einzig und allein zum Machterhalt darum Konkurrenz loszuwerden. Wenn der Staat so massiv versucht in das Internet zu seinen Gunsten einzugreifen, dann ist sowas durchaus Zensur. Wir sind schließlich alle mündige Bürger und können selbst entscheiden, ob wir Glücksspiel nutzen oder nicht - das muss uns kein Staat vorschreiben.
Bwin und andere Sportwettenanbieter hatten dem Staat ja sogar angeboten ihrer Einnahmen in Deutschland regulär zu versteuern, wenn sie dafür eine gültige unantastbare Lizenz erhalten. Das hat der Staat ja ausgeschlagen, weil ihm das eigene Monopol wichtiger war. Nun kriegt der Staat gar nichts. Und das zeigt durchaus, dass nicht alles Recht ist, was man hierzulande politisch als Recht definiert.
In D gibt es ein staatliches Glücksspielmonopol. Das war der Grund, warum ausländische Seiten, die das umgehen, gesperrt werden sollen.
Ich denke, darum geht es nicht. Gemeint war vermutlich, dass der Staat seine Zensurmethoden missbrauchen kann und wird.
"Sollte Ihrer Meinung nach Glücksspiel steuerfrei sein? Oder im Internet steuerfrei sein, ausserhalb aber besteuert werden?"
Glücksspiel ist doch gerade so ein Paradebeispiel. Unter dem Deckmantel der "Suchtprävention" sollte zB der Anbieter bwin verboten werden. 2009 wurde vom europäischen Gerichtshof entschieden, dass sie sich den nationalen Regeln der jeweiligen Länder zu halten haben. 2010 wurde das Verbot vom europäischen Gerichtshof wieder gekippt, weil der Staat seine eigenen Wetten (Lotto/Oddset) massiv selbst im Radio und TV beworben hat und sich dieses Argument dann als reine Farse herausgestellt hat.
Ab da galt dann die Freiheit des Dienstleistungsverkehrs und die Niederlassungsfreiheit in der Europäischen Union. Davor ging es dem Staat einzig und allein zum Machterhalt darum Konkurrenz loszuwerden. Wenn der Staat so massiv versucht in das Internet zu seinen Gunsten einzugreifen, dann ist sowas durchaus Zensur. Wir sind schließlich alle mündige Bürger und können selbst entscheiden, ob wir Glücksspiel nutzen oder nicht - das muss uns kein Staat vorschreiben.
Bwin und andere Sportwettenanbieter hatten dem Staat ja sogar angeboten ihrer Einnahmen in Deutschland regulär zu versteuern, wenn sie dafür eine gültige unantastbare Lizenz erhalten. Das hat der Staat ja ausgeschlagen, weil ihm das eigene Monopol wichtiger war. Nun kriegt der Staat gar nichts. Und das zeigt durchaus, dass nicht alles Recht ist, was man hierzulande politisch als Recht definiert.
In D gibt es ein staatliches Glücksspielmonopol. Das war der Grund, warum ausländische Seiten, die das umgehen, gesperrt werden sollen.
Was mich stört ist, dass es scheinbar bei vielen Nichtnerds inzwischen schon wieder zur Allgmeinmeinung geworden ist, dass Zensur und Überwachung in einem Staat vorhanden sein müssen und auch wichtig sind. Lediglich über das Ausmaß darf man noch diskutieren.
Bei so Sätzen ala: "In Indonesien darf man halt nicht über den König lästern und bei uns keine rassistischen Parolen schreiben", denke ich mir immer: Mag ja sein, dass es dafür Gründe gibt, aber dann nennt diese Länder bitte nicht Staaten mit Meinungsfreiheit.
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