ZEIT ONLINE: Unsere Freiheiten sind im Alltag immer auf die eine oder andere Art eingeschränkt, meistens durch Gesetze. Im Netz ist das nicht anders. Trotzdem gibt es oft Debatten um die gern so genannte Internetfreiheit. Ist das Internet freier als die nicht-digitale Welt?

Kathrin Passig: In mancher Hinsicht bringt das Netz automatisch größere Freiheiten mit sich, zum Beispiel, weil es die anonyme Teilnahme an Diskussionen ermöglicht. Das wird gern als "ungehemmte Teilnahme an Pöbeleien" interpretiert, aber stellen Sie sich vor, Sie interessieren sich für ungewöhnliche Sexualpraktiken oder möchten sich über Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen austauschen, ohne Geschäftsgeheimnisse zu verletzen.

Zweitens entspringt das Internet einer Kultur, in der der Glaube an Transparenz und den ungehinderten Fluss von Informationen traditionell etwas ausgeprägter ist. Und schließlich ist es noch so jung, dass in vielen Bereichen die Einstiegshürden niedrig liegen, da gibt es größere Freiheiten, einfach mal Dinge auszuprobieren.

ZEIT ONLINE: Sollten die Freiheiten, die es im Netz mehr gibt, unbedingt erhalten bleiben? Braucht es vielleicht eine neue Verhandlung der Freiheiten der nicht-digitalen-Welt? Oder sollen die dort über Jahrhunderte längst ausgehandelten Regeln einfach auf das Netz übertragen werden?

Passig: Man kann die Regeln der nicht-digitalen Welt nicht einfach auf das Netz übertragen. Zum einen sind sie ja auch dort nicht "längst ausgehandelt" in dem Sinne, dass wir einen perfekten Gleichgewichtszustand erreicht hätten, den man nur noch konservieren muss. Zum anderen hat die Digitalisierung Fragen aufgeworfen, die sich vorher gar nicht stellten, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Urheberrecht: Dass sich Besitz ohne Qualitätsverlust und mit geringstem Aufwand kopieren lässt, ist neu, und die bisherigen Regeln und Intuitionen passen dazu ungefähr so gut wie ein Handschuh an den Fuß: Eine gewisse Ähnlichkeit der Konzepte ist da, aber das Ergebnis bleibt unbefriedigend.

Umgekehrt übertragen sich im Netz entstandene Erwartungen auf den Rest der Welt zurück. Der Umgang mit sexuellen Varianten ist in den letzten zwanzig Jahren viel entspannter geworden, und ich sehe nicht, wodurch das zustande gekommen sein soll, wenn nicht durch das Netz. Die Printmedien waren es sicher nicht.

ZEIT ONLINE: Es gibt einen statistischen Zusammenhang zwischen Angst und Dogmatismus, dem Wunsch also nach strengen, nicht verhandelbaren Regeln. Ist der Ruf nach mehr Reglementierung der Tatsache geschuldet, dass uns das Netz Angst macht?

Passig: In dieser These schwingt immer so ein bisschen mit, dass diese Angst unberechtigt ist und nur mangelnder Erfahrung mit dem Netz entspringt. Aber die "schöpferische Zerstörung" ist ja nicht so nett, nur das zu zerstören, was sowieso niemand leiden kann. Das Internet bringt weitreichende Veränderungen mit sich, und es ist Wunschdenken, dass alle diese Veränderungen positiv ausfallen. Insofern ist ein bisschen Angst, oder sagen wir Respekt, vor dem Netz nicht automatisch irrational, ebensowenig wie die damit einhergehenden Reglementierungsideen.