Kontrollverlust : Skandal für alle!
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Die Eskalation der Empörung

Skandale, folgern Pörksen und Detel aus diesen Beispielen, sind heute nicht mehr eingebettet in die Logik der Massenmedien. Früher hatte der klassische Skandal feste Phasen: Am Anfang stand die Verfehlung, dann ihre Enthüllung und Veröffentlichung durch Journalisten, schließlich die Empörung des Publikums und letztlich das Ritual der Aufarbeitung und öffentlichen Anklage, das meist zum Karriereende und einer Entschuldigung, oder zur öffentlichen Buße des Beschuldigten führte. Heute zeigt sich ein neues Schema.

Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Die Eskalation der Empörung ist nicht mehr an lineare, weitgehend interaktionsfreie Medien gebunden. Skandale emanzipieren sich von räumlichen, zeitlichen und physischen Grenzen und sogar von den klassischen Themen öffentlicher Normverletzung – wie das Beispiel der Behördenmitarbeiterinnen zeigt. Obwohl gänzlich unbekannt, obwohl der Inhalt ihrer E-Mails völlig banal ist, interessiert sich ein Massenpublikum dafür. Es stürzt sich –  im Schutz der Anonymität – auf die Angeklagten.

Das Publikum, so zeigt der Fall von Chan, ist außerdem bereit, Dokumente aktiv zu verändern und weiterzuverbreiten. Damit treibt es die Skandalisierung selbst voran und wird zu einer publizistischen Großmacht. Früher waren Journalisten die Initiatoren der Skandale. Heute sind es Blogger, in Schwärmen auftretende Kollaborateure, oder Einzelne, die den richtigen Moment erwischen.

Ein neuer kategorischer Imperativ

In fünf Kapiteln und international recherchierten Fällen beschreiben Pörksen und Detel diesen Kommunikationsprozess. Sie machen neue Enthüller aus und erklären die Rolle der alten Medien, sie führen aus, welche Macht das anonyme Massenpublikum entfalten kann und wie die Wut des Schwarms neue Opfer trifft. Sie zeigen auch auf, wie die neuen Technologien eine lückenlose Dokumentation ermöglichen. Am Ende sehen die Medienwissenschaftler es als unmöglich an, diese Kommunikationsprozesse zu kontrollieren.

Ihre kluge und spannende Analyse ist dabei keine Kritik an den Möglichkeiten des Netzes oder eine Warnung davor. Pörksen und Detel geht es nicht um eine Bewertung. Sie beschreiben nüchtern, wollen neutral Muster aus den verschiedenen Beispielen kristallisieren. Sie wollen die Kommunikationsprozesse systematisieren und machen dabei die unterschiedlichen Phasen der Skandalisierung aus.

Dabei reflektieren sie selbstkritisch ihr Vorgehen: Ist es medienethisch vertretbar, die ausgewählten Fälle noch einmal darzustellen? Betreiben sie mit ihrer Analyse eine Skandalisierung zweiter Ordnung und bedienen – nur eben reflektierend unterlegt – erneut Voyeurismus?

Am Ende formulieren die Medienwissenschaftler Kants kategorischen Imperativ für das digitale Zeitalter neu: "Handle stets so, dass Dir die öffentlichen Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt."

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Der eigentliche Skandal...

...ist doch wie sich ein Teil der breite Öffentlichkeit verhält, wenn mal einer die Wahrheit sagt (Köhler) oder sich über Dinge aufregt die einem garnichts angehen (die Freundinnen in Nürnberg).
Die Informationen mögen Dank neuer Techniken immer mehr und immer schneller werden, klüger, vernünftiger und toleranter wird der Mensch davon leider nicht.
Da muss man dran arbeiten, deshalb machen es auch nur wenige...

"Wir brauchen 'nen Skandal , brutal ,
'ne Schlagzeile in BILD wär' optimal, total,
ansonsten schau'n mer mal,
die Leute wollen Blut seh'n,
und uns wird's ziemlich gutgeh'n,
Skandal her!"
Wise Guys

Die Wahrheit, aber moralisch nicht richtig

"wenn mal einer die Wahrheit sagt (Köhler)"

...

dagegen ist erstmal nichts gegen einzuwenden.
Wenn Herr Köhler jedoch folgendes sagt:

"Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist,..."
http://www.dradio.de/aktu...

ohne dass er diesen Weg kritisiert sondern diese Vorgehensweise sogar noch für den deutschen Michel verständlich machen will, dann läuft etwas verkehrt.
Es ist sicherlich die Wahrheit, dass Krieg nur wegen wirtschaftl. Interessen geführt wird, aber es wird dadurch nicht moralisch anständiger.
Von meinem Bundespräsidenten erwarte ich dahingehend eine klare Ansage Richtung Kriegstreiber.

Interessant

Da kann man sehen wie schnell die Mücke ein Elefant wird.

Nur "Früher waren Journalisten die Initiatoren der Skandale" würde heute noch genauso gut funktionieren.

Ein wenig mehr "Politiker sollen Journalisten fürchten. Und Journalisten sollen Politikern misstrauen." würde schon helfen. (http://www.sueddeutsche.d...)

Nun müssen es ja nicht immer Skandale sein. Mehr nachhaken bei ausweichenden Antworten, mehr Recherche des Hintergrundes wäre wünschenswert.

Richtig beobachtet, aber eines vergessen...

All die beschriebenen Verhaltensweisen sehe ich nicht bloß beim gemeinen Mob - von dem war's wohl auch nicht anders zu erwarten.

Am auffälligsten finde ich vielmehr, dass in politischen Affären inzwischen auch Berufsjournalisten nahezu durchweg denselben Stil "pflegen". Einen professionellen Filter vermag ich schon länger nicht mehr zu erkennen.

Und am schädlichsten finde ich, dass ich kein altehrwürdiges, seriöses Blatt mehr kenne, aus dem ich mich auch nur halbwegs ausgewogen über eine politische Affäre informieren könnte. Ist der Schuldige erstmal "ermittelt", gibt's auch hier kein Halten mehr - und immer schön mit Schaum vor'm Mund...

So betrachtet macht sich der Berufsjournalismus früher oder später überflüssig. Wer bezahlt schon für etwas, das er an jeder Ecke zugebrüllt bekommt?