Skandale, folgern Pörksen und Detel aus diesen Beispielen, sind heute nicht mehr eingebettet in die Logik der Massenmedien. Früher hatte der klassische Skandal feste Phasen: Am Anfang stand die Verfehlung, dann ihre Enthüllung und Veröffentlichung durch Journalisten, schließlich die Empörung des Publikums und letztlich das Ritual der Aufarbeitung und öffentlichen Anklage, das meist zum Karriereende und einer Entschuldigung, oder zur öffentlichen Buße des Beschuldigten führte. Heute zeigt sich ein neues Schema.

Die Eskalation der Empörung ist nicht mehr an lineare, weitgehend interaktionsfreie Medien gebunden. Skandale emanzipieren sich von räumlichen, zeitlichen und physischen Grenzen und sogar von den klassischen Themen öffentlicher Normverletzung – wie das Beispiel der Behördenmitarbeiterinnen zeigt. Obwohl gänzlich unbekannt, obwohl der Inhalt ihrer E-Mails völlig banal ist, interessiert sich ein Massenpublikum dafür. Es stürzt sich –  im Schutz der Anonymität – auf die Angeklagten.

Das Publikum, so zeigt der Fall von Chan, ist außerdem bereit, Dokumente aktiv zu verändern und weiterzuverbreiten. Damit treibt es die Skandalisierung selbst voran und wird zu einer publizistischen Großmacht. Früher waren Journalisten die Initiatoren der Skandale. Heute sind es Blogger, in Schwärmen auftretende Kollaborateure, oder Einzelne, die den richtigen Moment erwischen.

Ein neuer kategorischer Imperativ

In fünf Kapiteln und international recherchierten Fällen beschreiben Pörksen und Detel diesen Kommunikationsprozess. Sie machen neue Enthüller aus und erklären die Rolle der alten Medien, sie führen aus, welche Macht das anonyme Massenpublikum entfalten kann und wie die Wut des Schwarms neue Opfer trifft. Sie zeigen auch auf, wie die neuen Technologien eine lückenlose Dokumentation ermöglichen. Am Ende sehen die Medienwissenschaftler es als unmöglich an, diese Kommunikationsprozesse zu kontrollieren.

Ihre kluge und spannende Analyse ist dabei keine Kritik an den Möglichkeiten des Netzes oder eine Warnung davor. Pörksen und Detel geht es nicht um eine Bewertung. Sie beschreiben nüchtern, wollen neutral Muster aus den verschiedenen Beispielen kristallisieren. Sie wollen die Kommunikationsprozesse systematisieren und machen dabei die unterschiedlichen Phasen der Skandalisierung aus.

Dabei reflektieren sie selbstkritisch ihr Vorgehen: Ist es medienethisch vertretbar, die ausgewählten Fälle noch einmal darzustellen? Betreiben sie mit ihrer Analyse eine Skandalisierung zweiter Ordnung und bedienen – nur eben reflektierend unterlegt – erneut Voyeurismus?

Am Ende formulieren die Medienwissenschaftler Kants kategorischen Imperativ für das digitale Zeitalter neu: "Handle stets so, dass Dir die öffentlichen Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt."