KontrollverlustSkandal für alle!

Die Art, wie Skandale entstehen und sich verbreiten, hat sich durch das Netz verändert. Bernhard Pörksen analysiert diese Entfesselung in einem Buch. von 

Zapfenstreich für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler

Zapfenstreich für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler  |  © JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images

Was haben der Rücktritt von Horst Köhler als Bundespräsident und Roger Chan Yuet-tung, der in einem Nachtbus in Hongkong einen Wutanfall bekam und dabei mit einer Handykamera gefilmt wurde, miteinander zu tun? Und was verbindet sie alle mit Daniel Cohn-Bendit oder mit zwei Angestellten einer Behörde in Nürnberg , deren E-Mail-Verkehr im Netz landete?

"Die Antwort lautet, dass es die Erfahrung eines elementaren Kontrollverlustes ist, die als ein gemeinsames Meta-Muster gesehen werden kann", schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Der Professor an der Universität Tübingen hat gemeinsam mit Medienforscherin Hanne Detel in dem Buch Der entfesselte Skandal untersucht, wie moderne Medien Skandalisierungsprozesse beeinflussen und beschleunigen.

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Zum Beispiel der Rücktritt von Horst Köhler : Köhler gab dem Deutschlandradio auf der Rückreise von einem Afghanistan-Besuch im Mai 2010 ein weitgehend unbemerktes Interview, in dem er sich missverständlich über militärische Auslandseinsätze und Wirtschaftsinteressen äußerte. Ein Tübinger Student hörte das Interview und empörte sich. Er twitterte seine Kritik und verschickte Mails an überregionale Medien. Als dann noch ein Blogger feststellte, dass die kritische Passage in der transkribierten Textfassung online nicht mehr zu finden war, kam der Verdacht von Manipulation auf. Andere Blogger griffen den Fall auf. Bald schon kursierten Verschwörungstheorien, Journalisten griffen das Thema auf. Der Skandal wurde zur Top-Story.

Cover von "Der entfesselte Skandal"

Cover von "Der entfesselte Skandal"  |  © Herbert von Halem Verlag

Die Reaktion aus dem Bundespräsidialamt darauf, dass man sich missverstanden fühle, wirkte hilflos. Köhler entschloss sich kurz darauf zum Blitzrücktritt. "In diesem Zusammenspiel zeigt sich eine hochnervöse, von enormer Geschwindigkeit regierte Kommunikation", schreiben die Medienwissenschaftler. Die hastig formulierten Mails und Tweets kann man ohne großen Aufwand zu jeder Zeit an die entscheidenden Multiplikatoren verschicken. Dateien und Dokumente – in diesem Fall Beweisstücke – werden in die "Empörungsangebote", wie die Autoren schreiben, einfach integriert. Technische Möglichkeit und die Lust an der Empörung treffen auf ein mächtig gewordenes Massenpublikum. Eines, dem der Zeitpunkt des Fehlverhaltens egal ist.

Der entfesselte Skandal hat seine eigene Zeitform

Das zeigt das Beispiel des Skandals um Daniel Cohn-Bendit : Der Europapolitiker schrieb 1975 in einem Buch über antiautoritäre Erziehung und seine Arbeit in einem linksalternativen Kindergarten ein paar provokante Sätze, die Jahrzehnte später als Bericht über einen sexuellen Missbrauch interpretiert und skandalisiert werden. Die Äußerung von damals wird aus dem Zusammenhang gerissen. Cohn-Bendit, obwohl seine Unschuld erwiesen ist, wird angegriffen. Noch heute schlägt Google bei der Namenssuche nach dem Politiker das Wort "Kinderschänder" vor. Der Fall zeigt: "Der entfesselte Skandal hat seine eigene Zeitform – eine potenziell ewige Gegenwart und ewige Permanenz der Präsenz, die kein Vergessen kennt", schreibt Pörksen.

Der Skandal, so die These der Autoren, ist allgegenwärtig. Jeder kann ihn auslösen und jeden kann es treffen. So gelangte der Hongkonger Roger Chan Yuet-tung als "Bus-Onkel" zu zweifelhafter Berühmtheit , als er in einem Nachtbus ausrastete, weil er sich durch das laute Telefonieren eines hinter ihm sitzenden Passagiers belästigt fühlte. Ein anderer Fahrgast filmte den Ausraster mit dem Handy und lud den Film bei YouTube hoch. Nach nur wenigen Wochen hatten mehrere Millionen Nutzer das Filmchen gesehen. Andere greifen es auf, unterlegen es mit Musik, machen Remixe davon. Medien auf der ganzen Welt berichten schließlich über den Mann. Ein Medienunternehmen arrangiert eine Wiederbegegnung der Protagonisten, Onlineshops verkaufen T-Shirts, Teddybären und Boxershorts mit Chans Gesicht darauf. Der Hongkonger wird zu einer Berühmtheit, die dafür berühmt ist, berühmt zu sein. Immerhin: Er profitiert davon.

Anders dagegen zwei Mitarbeiterinnen einer Behörde in Nürnberg. Auch sie wurden Opfer eines entfesselten Skandals, weil sich der Emailverkehr der Freundinnen durch einen fatalen Vertipper erst an den Gesamtverteiler der Abteilung und später im Netz verbreitete. Ein Kollege hatte die Mails, in denen die beiden Frauen sich über ihr Liebesleben unterhielten, zur Belustigung an Bekannte weitergegeben, die ihrerseits die Mails wie einen digitalen Kettenbrief verbreiteten. Mit weitreichenden Folgen: Die Identität der Frauen ist leicht zu recherchieren. Sie wurden offen angefeindet und beschimpft und werden möglicherweise für immer im Netz stigmatisiert sein.

Leserkommentare
  1. Vor 40 Jahren, als ich ein Kind war, da hieß es immer: Was sollen die Nachbarn sagen". Dies erinnert mich sehr an die "Gefahr" die hier beschrieben wird. Die Frage war für mich damals: Wie damit umgehen? Für meine Eltern war klar, dass man daran immer denken muss und das der "Ruf" den man genießt, eines der wichtigsten Dinge ist, die man hat. Für mich war als Jugendlicher klar, das dieser mir ziemlich egal ist.
    Was lerne ich aus dem Artikel: In punkto emailVerkehr ist es besser prüde zu sein, nichts zu verraten, dann wird auch nichts weiter gesagt. Wie damals mit Nachbars und heute bei Bloggers. Und: Das was ich früher von Nachbars/heute von Bloggers höre, ähnlich bewerte: Da stecken immer auch eigene Interessen dahinter. Und wenn es die Lust am Skandal oder der Sensation ist. Das mich das, wie die Nachbarschaftskontrolle, Kontrolliert ist ok. Das ich mich diese Kontrolle unfrei macht, aber nicht. Ob sie das tut, dass liegt auch an mir.

  2. "wenn mal einer die Wahrheit sagt (Köhler)"

    ...

    dagegen ist erstmal nichts gegen einzuwenden.
    Wenn Herr Köhler jedoch folgendes sagt:

    "Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist,..."
    http://www.dradio.de/aktu...

    ohne dass er diesen Weg kritisiert sondern diese Vorgehensweise sogar noch für den deutschen Michel verständlich machen will, dann läuft etwas verkehrt.
    Es ist sicherlich die Wahrheit, dass Krieg nur wegen wirtschaftl. Interessen geführt wird, aber es wird dadurch nicht moralisch anständiger.
    Von meinem Bundespräsidenten erwarte ich dahingehend eine klare Ansage Richtung Kriegstreiber.

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