Big DataTwitter wird zum Fieberthermometer der Gesellschaft

Twitter liefert inzwischen genug Daten, um Aussagen über den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu treffen. Der Dienst macht das besser, als Ärzte es können. von 

Statistische Formel, die zwei Forscher der Johns-Hopkins-Uni nutzen, um in Tweets Krankheiten zu analysieren

Statistische Formel, die zwei Forscher der Johns-Hopkins-Uni nutzen, um in Tweets Krankheiten zu analysieren  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Bislang war vor allem Google dafür bekannt, mithilfe seiner Datenmassen Voraussagen über den wirtschaftlichen Zustand der Welt und über die Gesundheit der Menschen treffen zu können. Nun ist auch Twitter groß genug dafür. Mithilfe von Tweets lassen sich etwa Grippewellen beobachten, wie zwei Wissenschaftler aus Baltimore in einer Studie zeigen.

Big Data ist nicht nur der englische Ausdruck für sehr große Datenmengen. Big Data meint das Vorhandensein von so vielen Informationen, dass sie mit herkömmlichen Methoden der Datenbankverarbeitung nicht sinnvoll analysiert werden können. Einerseits. Andererseits liegt in solchen Datenwolken eine große Chance: Mit ihrer Hilfe können Antworten gefunden werden, die fast prophetisch wirken. Notwendig sind dazu vor allem Algorithmen – komplexe Rechenmodelle, die bei der Analyse helfen.

Anzeige

Der Doktorand Michael Paul und Mark Dredze , Professor für Computerwissenschaft an der Johns-Hopkins-Universität, haben einen solchen Algorithmus entworfen, um Tweets auszuwerten. Sie zeigen in ihrer Studie You Are What You Tweet: Analyzing Twitter for Public Health , wie sich damit Informationen über Allergien, Schlaflosigkeit, Übergewicht und anderes aus den Tweets extrahieren lassen.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die Forscher konnten sowohl das Aufkommen und den Verlauf bestimmter Krankheiten über die Zeit verfolgen, als auch den Ort, an dem sie auftraten. Auch der Einsatz von Medikamenten ließ sich anhand der Tweets zum Teil nachvollziehen.

Twitter liefert bessere Daten als Google

Die beiden Wissenschaftler sind nicht die ersten, die in Twitter eine Chance zur Beobachtung von Trends und Ereignissen sehen. Gerade die Ausbreitung von Grippe wurde schon mehrfach untersucht, nachdem Google 2009 vorgemacht hatte, dass solche Daten so gut sind wie die der staatlichen amerikanischen Seuchenbehörde CDC – oder sogar besser, weil schneller.

Paul und Dredze glauben, dass Twitter noch viel mehr kann. Denn bei Diensten wie Google würden die Menschen Informationen suchen. In Social-Media-Angeboten jedoch sagten sie etwas über sich und ihren Zustand aus, wie Dredze in einem Vortrag ausführte . Twitter liefere dadurch mehr und detailliertere Informationen als die Sucheingaben bei Google das könnten, die Basis anderer Modelle sind. In ihren Augen könne der Dienst daher einen neuen Weg zur Erforschung der öffentlichen Gesundheit eröffnen. Schließlich enthielten Tweets nicht nur den übermittelten Text. Über seine Schnittstelle (API) erlaubt Twitter auch, diverse Informationen über Ort, Zeit und Übermittlungsarten abzurufen.

Noch einen Vorteil hat dieser neue Weg: Bislang stammen die Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung vor allem von Ärzten und Krankenhäusern. Was heißt, sie stammen von Kranken und sind damit also nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Auch Menschen, die erkrankt sind, aber nicht zum Arzt gehen, werden von Ärzten oder den Gesundheitsbehörden üblicherweise nicht erfasst. Twitter bildet dagegen gleich mehrere Aspekte aus verschiedenen Lebensbereichen ab.

Leserkommentare
  1. Die Aussage, Twitter liefere relevante Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung erinnert mich an folgende Frage-Antwort-Sequenz:
    " Warum fährt die Strassenbahn Tags schneller als auf den Schienen? Weil es Nachts kälter ist als draussen!"

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Verzeihen Sie, wenn ich vehement widerspreche, aber es gibt inzwischen diverse Studien, auch für Europa, die belegen dass diese Daten genauso relevant sind wie die von Gesundheitsbehörden erhobene - dass sie jedoch viel schneller vorliegen.

    Google Flu Trends ist so gut wie die Seuchenbehörde CDC aber bis zu sieben Tage schneller...

    Wir geben in diesen Diensten nun einmal unser Leben preis, also spiegeln diese Dienste auch unseren Zustand.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    • joG
    • 03. April 2012 17:50 Uhr

    ...."You are what you tweet..." und nicht "Your are what..."

    ;)

  2. Diese Gefahr sehe ich nicht.

    Die Bundeskanzlerin wird Twitter nicht im CNetz finden können...

    Eine Leserempfehlung
  3. Redaktion

    Verzeihen Sie, wenn ich vehement widerspreche, aber es gibt inzwischen diverse Studien, auch für Europa, die belegen dass diese Daten genauso relevant sind wie die von Gesundheitsbehörden erhobene - dass sie jedoch viel schneller vorliegen.

    Google Flu Trends ist so gut wie die Seuchenbehörde CDC aber bis zu sieben Tage schneller...

    Wir geben in diesen Diensten nun einmal unser Leben preis, also spiegeln diese Dienste auch unseren Zustand.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wir geben in diesen Diensten nun einmal unser Leben preis, also spiegeln diese Dienste auch unseren Zustand."

    Wer ist wir?
    Und wer bin ich, der ich diesen Diensten mein Leben nicht preisgebe?

  4. Eine gefährliche Entwicklung, wenn wir Diagnosen und Urteile über Menschen fällen, die wir noch nie in unserem Leben kennengelernt oder gesehen haben.

    Das erinnert zusehens an "Hellseherei" und "Tratschen" in der Nachbarschaft.. warum äußert nicht jeder über Facebook was ihn bedrückt, dann können alle mitreden.

    Bessere wäre Prävention und Früherkennung voranzutreiben und nicht wenn es schon viel zu spät ist. Und da sollte wir unser System mal ernsthaft hinterfragen..

  5. Vermutlich kennen es fast alle älteren Menschen aller Zeiten - schon immer die, die von der "guten alten Zeit" sprechen.

    Es scheint aber, als ob es immer kürzere Zeit braucht, um die Welt der jeweils Nachgeborenen schon durch bloße Beschleunigung fremd werden zu lassen.

    Und auch zu Twitter gibt's das passende Goethe-Zitat:
    "Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde."

  6. "Mithilfe von Tweets lassen sich etwa Grippewellen beobachten, wie zwei Wissenschaftler aus Baltimore in einer Studie zeigen."

    Solange die Menschen nicht in der Lage sind, eine simple Erkältung (grippaler Infekt) von einer Grippe zu unterscheiden, solange sind Wissenschaftler auch nicht in der Lage, Grippewellen zu beobachten. Das kann zum Glück nur ein Arzt.

    Was viele hingegen haben, ist eine gefühlte Grippe, die meist einfach nur eine triefende Nase mit etwas Gliederschmerzen ist.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Twitter | Justin Bieber | Medikament | Studie | Video
Service