Filesharing"Urheberrecht darf im Alltag keine Rolle spielen"

Privates Tauschen freigeben, auf Breitbandanschlüsse eine Gebühr erheben – mit diesen Vorschlägen ließe sich der Streit ums Urheberrecht lösen, glaubt Leonhard Dobusch. von Leonhard Dobusch

Protest gegen den Handelsvertrag Acta, von dem Kritiker fürchten, dass er im Namen des Urheberrechts zu mehr Überwachung führt.

Protest gegen den Handelsvertrag Acta, von dem Kritiker fürchten, dass er im Namen des Urheberrechts zu mehr Überwachung führt.  |  © Adam Berry/Getty Images

In der Debatte ums Urheberrecht scheinen die Fronten eher zu verhärten als aufzuweichen. Von Kunstschaffenden und Verwertungsindustrie der Enteignung bezichtigt, fordern manche Mitglieder der sogenannten Netzgemeinde mittlerweile die völlige Abschaffung des Urheberrechts. Dieses beiderseitige Einbetonieren ist doppelt schade. Einerseits dämonisieren sich beide Seiten, statt Gemeinsamkeiten zu suchen. Andererseits gehen konstruktive Vorschläge so im argumentativen Trommelfeuer unter.

Und konstruktive Ideen gibt es durchaus. Für die zwei Kernprobleme im Urheberrechtsstreit – Filesharing und transformative Werknutzung – liegen längst taugliche Beispiele vor. Sie haben jedoch keine Chance, solange beide Seiten auf Maximalpositionen beharren und sich vor allem in Beschimpfungen üben.

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In Sachen Filesharing hat Philippe Aigrain vom französischen Verein La Quadrature du Net kürzlich in dem Buch Sharing einen detailliert ausgearbeiteten Vorschlag für eine Art digitalen Kreativpakt (Creative Contribution) vorgelegt. Er sieht die Einführung zweier Rechte vor: Nutzer erhalten das Recht, digitale Inhalte nicht-kommerziell mit anderen über das Internet zu teilen. Kunstschaffende erhalten dafür das Recht auf eine angemessene Vergütung.

Leonhard Dobusch

Dr. Leonhard Dobusch forscht als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Management der Freien Universität Berlin zu Fragen privater Urheberrechtsregulierung und leitet als Fellow der Stiftung Neue Verantwortung die Forschungsgruppe "The Business Web". Daneben engagiert er sich bei den netzpolitischen Vereinen Digitale Gesellschaft und D64.

In der Geschichte des Urheberrechts wurde wiederholt auf diese Weise ein Interessensausgleich hergestellt. Ende der 1970er Jahre warnte beispielsweise der Spiegel vor einer "klanglosen Zukunft" auf Grund des zunehmenden Verkaufs von Leerkassetten. Der Artikel endete mit dem Satz: "Wenn die Musikindustrie ihre wirtschaftlichen Probleme heute und morgen nicht zu lösen vermag, wird es übermorgen bei aller Super-Technik kaum mehr produzierte Musik geben, die überspielt werden kann."

Tauschen mit Wasserzeichen

Unmittelbar nach diesem Abgesang erlebte die Musikindustrie den größten Boom ihrer Geschichte. Und durch die Pauschalvergütung für Leerkassetten wurden Kunstschaffende damals am Verkaufserlös beteiligt.

Künstler und Urheberrecht

Die Debatte über die Reform des Urheberrechts beschäftigt Politiker, Kulturschaffende und Nutzer. Ihr Ausgang wird Auswirkungen auf die Kultur und das freie Internet haben. In unserer Serie Künstler und Urheberrecht gehen wir gemeinsam mit Gastautoren der Frage nach, wie die Wertschöpfungsketten im Kulturbetrieb funktionieren, wie sie sich durch die digitale Revolution verändert haben und wie eine Reform des Urheberrechts aussehen könnte. Wir freuen uns auf Ihre Gastbeiträge unter zeit.de/leserartikel

Alle Beiträge der Serie

Bisher erschienen:

Urheberrecht: Das Ringen um eine Reform

Wie funktioniert der Musikmarkt?

Filesharing: "Urheberrecht darf im Alltag keine Rolle spielen"

Streaming-Portale: Billiger als kaufen, besser als klauen

Mark Splinter: Des Künstlers Waffe gegen Ausbeutung

Conrad Fritzsch: Wir müssen die Spielregeln ändern

Wer hat die Rechte an Filmen?

Miguel E. Riveros Silva: Youtube ist nicht das Internet

Wolfgang Tischer: Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!

Gerd Billen: Die digitale Revolution verlangt neue Antworten

Urheberrechtsstreit: Verheddert in Frank Zappas Bart

Kultur des Tauschens: Das Geld findet dich immer

Bildende Kunst: Aus dem Museum ins Netz

Fatboy Slim: "Verlasst Euch nicht auf Download-Verkäufe!"

Streaming, Sampling, Urheberrecht: Musiker zur Debatte

Musikstreaming: "Da fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch"

Urheberrecht: Wann ist geistiges Eigentum gerecht?

DJ Richie Hawtin: "Kreativität muss so schnell sein dürfen, wie sie will"

Aigrain skizziert nun eine ähnliche Lösung für nicht-kommerzielles Filesharing, also den Austausch von Dateien zwischen Privatpersonen. Erfasst von der Regelung wären alle Werke mit Ausnahme von Software und Datenbanken, die bereits einmal digital veröffentlicht wurden. Wer tauscht, wäre dann verpflichtet, Urheber und Rechteinhaber korrekt auszuweisen und digitale Wasserzeichen in den Dateien zu belassen – damit diese genutzt werden könnten, die Häufigkeit der Nutzung zu schätzen.

Werbefinanzierte Streaming-Angebote wie kino.to wären hingegen weiterhin illegal, wenn sich deren Betreiber nicht mit den Rechteinhabern auf eine Vergütung einigen.

Leserkommentare
  1. Das erinnert mich strukturell an die Kultur-Flatrate, die bereits mehrfach vorgeschlagen und auch gefordert wurde. Interessanterweise liegt der errechnete Betrag ncoh deutlich unter den 10 Euro pro Monat und Anschluss, der ursprünglich diskutiert wurde.

    Allerdings ist mein Eindruck, dass sich die Fronten vor allem deshalb verhärtet haben, weil seitens der Netzgemeinde konkrete Vorschläge kamen, die allesamt abgelehnt werden. Die Kulturflatrate ist ein Beispiel, die Kulturweltmark des CCC ein anderes. Seitens der Urheber und Verwerter kommt aber ein kategorisches Beharren auf dem Status Quo, gepaart mit dem Versuch über Gesetze wie ACTA selbigen zu zementieren.

    Wenn ein Konfliktpartner nicht einmal bereit ist, über Vorschläge, die schon einen Kompromiss der Interessen enthalten, nachzudenken, dann ist die natürliche Stratgie, genauso kategorisch die eigene Maximalforderung zu bringen, in der Hoffnung, dass man sich dann in der Mitte trifft.

    Eine Leserempfehlung
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    • joG
    • 30. April 2012 19:05 Uhr

    ....dafür zahlen? Das stört vielleicht den nicht, der darüber nicht nachdenkt. Aber es geschieht Ineffizienzen und Fehlallokationen. Das ist eine wirtschaftlich gesprochen bestenfalls eine Second Best und vermutlich eine sehr schlechte Lösung.

    • bugme
    • 30. April 2012 20:01 Uhr

    Mich erinnert dies an Gema oder GEZ - aber Kulturflatrate klingt natürlich schmackhafter.

    • bayert
    • 01. Mai 2012 13:37 Uhr

    10 Euro für Kultur, 10 für die öffentlich-rechtlichen Medien (müssen sie halt auf große Sportveranstaltungen verzichten).

    Das Problem sind die wirklichen Profiteure des Urheberrechts, die Verlage, Film-und Musikindustrie, die von den jetzigen Regelungen profitieren. Ich habe mal ein wissenschaftliches Buch geschrieben, das auch veroeffentlicht wurde, Ladenpreis 120 EUR, meine Salaer daran 10 EUR pro verkauftem Buch. Im Gegenzug duerfte ich nicht einmal selbst Buchkopien kostenlos Studenten ueberlassen. Uber wissenschaftliche Artikel will ich mich erst garnicht auslassen, die gesamte Arbeit machen Wissenschaftler umsonst, aber jeder der einen Artikel downloaden will, soll ca $ 30 pro Artikel zahlen. Manchmal fuer 3 Seiten Editorial. Das ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken.

  2. ...und wahrscheinlich wird gerade deshalb nichts daraus...

    • joG
    • 30. April 2012 19:05 Uhr

    ....dafür zahlen? Das stört vielleicht den nicht, der darüber nicht nachdenkt. Aber es geschieht Ineffizienzen und Fehlallokationen. Das ist eine wirtschaftlich gesprochen bestenfalls eine Second Best und vermutlich eine sehr schlechte Lösung.

    Antwort auf "Schöne Idee"
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    Sie haben ein Faxgerät? Ein Scanner? Ein Drucker? ein MP3 Player? Eine Digicam?
    Sie nutzen das halt um damit Briefe zu kopieren, die Familie zu fotografieren, gekaufte Musik zu hören und Mails auszudrucken?

    Glückwunsch, Sie haben mit diesen Produkten durch die Pauschalabgabe die Musik- Verlags- und Fotografielobbys reicher gemacht.

    https://de.wikipedia.org/...

    Aber eine pauschale Kulturflatrate wäre ja Teufelswerk, soetwas wollen die nicht.

    basiert.

    jedem kann es nicht recht gemacht werden. der Artikel beschreibt aber eine gute Lösung!

    • GDH
    • 02. Mai 2012 12:40 Uhr

    Sie haben natürlich Recht, dass eine Pauschalabgabe Bürokratie und Ineffizienzen mit sich bringt.

    Die bisherige Lage bringt aber ebenfalls Ineffiziezen mit sich, namentlich den Anreiz zum sparsamen Umgang mit Dingen, die garnicht endlich sind:

    Wenn B das Werk von Urheber A nutzt, ist die Frage des Preises nur eine Verteilungsfrage (wem gehört nachher mehr Geld - in der Summe ändert sich nichts), wenn aber B sich den Preis des Werks von A nicht leisten kann oder will, ist das für den Autor der Worst-Case (weniger als Nichts kann er nicht bekommen) und womöglich vom gemeinsamen Optimum (wenn B die Lizenz für einen beliebig kleinen Betrag bekäme, hätte A ja auch mehr als ohne und B hätte daraus einen Nutzen) weit entfernt.

  3. Das hat aber schon nicht mit der Privatkopie funktioniert. Wir Zahlen ja jetzt schon Abgaben auf Kopierer, Brenner und alle möglichen Leermedien.

    Problem an der Sache ist, dass so gut wie alle Datenträger und Dateien aus Onlienportalen, die wir erwerben dürfen kopier- und oder lizenzgeschützt sind. Nach dem 2. Korb des Urheberrechts, ist es illegal den Schutz zu knacken oder die legal gekauften mp3s an Freunden weiter zu geben. Davon sind selbst Backups betroffen. Somit ist das Recht auf Privatkopie zwar existent, in der Praxis aber tot!

    Eine Abgabe auf Internetanschlüsse wäre dann so nutzlos wie ein Kropf.

    Und was ist mit den ganzen Abmahnanwälten? Ist ja schön, wenn ich privat Filesharen kann, mir dann aber pauschal Gewerbsmäßigkeit unterstellt wird?

  4. Und auch noch eine, bei der absolut jeder Werkschaffende zwangsweise Mitglied sein muss, damit die Idee überhaupt funktioniert. Hurra. Was für eine tolle Idee.

    Und das nur für ein bißchen Bequemlichkeit. Noch nicht einmal: Wer heute Musik bei Amazon oder Apple kauft oder via Spotify streamt, hat genausowenig Urheberrechtsprobleme. Das ist nämlich Teil der Dienstleistung dieser Anbieter.

    Bestimmte Punkte sind natürlich berechtigte Hinweise, allerdings umfasst der "fair use" Pinterest gerade nicht. Das sind Randthemen, die wirklich nur einen Bruchteil der Nutzer betreffen, solange sie sich heute schon "fair" verhalten und ihre digitalen Dienste nicht klauen.

  5. Urheber ist dank Web2.0 so gut wie jeder aktive Nutzer. Das Problem bzw Konflikt spielt sich auf Seite der Verwerter ab.

    • Peip
    • 30. April 2012 19:20 Uhr

    Zunächts einmal bedeutet, dass ja, das jeder Opa (etwa ich) Abgaben für Pop-Musik bezahlen soll. Ich behaupte mal, dass der Grossteil der Internetuser
    sich kein Stück für Filessharing interessiert - weil ihnen 1000 Radio und 250 TV Sender im Kabel reichen.

    Außerdem: Am Ende wollen sich nur Musiker, GEZ-Tatortschreiber und Zeitungsverlage an dem Geld laben. Kein Mensch denkt doch daran, die Kohle nach Abruf-Quoten zu verteilen.
    Dann würde nämlkch die alte Weisheit rauskommen: Der größte Batzen im Internet-Traffic ist Porn, vom Rest schlucken Blockbuster und Teenielieblinge den Löwenanteil.
    Für Indiemusiker aus Deutschland bliebe bei fairer Teilung nichts übrig

    • joG
    • 30. April 2012 19:26 Uhr

    ....die ein Beamter gut finden würde, weil es dem bürokratischen Weltbild entsprechen. Solcher Problemlösungen hat es viele in diesem Land.

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