Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Leserin Jula Böge sieht das Internet als eine virtuelle Entsprechung einer riesigen Präsenzbibliothek. © Jan Woitas / dpa

Anonymität bedeutet weder, dass ich namenlos, noch dass ich nicht zu identifizieren bin. Anonymität bedeutet, die Möglichkeit zu haben, der Mensch zu sein, der ich bin, ohne dass mein Ausweis und meine Adresse eine Rolle spielen .

Im Gegensatz zu denen, die sagen, das Internet sei eben etwas anderes als das "normale Leben", möchte ich eigentlich nur, dass das Netz mir die Freiheiten gibt, die dort längst selbstverständlich sind: anonyme Informationsbeschaffung, anonyme Kontakte, anonymer Konsum.

Die Möglichkeit, mir über das Internet diverse Informationen zu beschaffen, ohne dabei offenlegen zu müssen, wer ich bin, war für mich eine Offenbarung. Wen geht es etwas an, wofür ich mich interessiere? In diesem Bereich sehe ich das Internet als eine virtuelle Entsprechung einer riesigen Präsenzbibliothek. Und ebensowenig, wie in einer Bibliothek kontrolliert wird, welches Buch ich lese, was ich mir daraus abschreibe, auswendig lerne oder fotokopiere, möchte ich, dass das im Internet geschieht. Für manche Bibliotheken brauche ich einen Ausweis, aber um den zu bekommen, muss ich auch nicht meinen Personalausweis vorlegen. Es genügt, ein Formular auszufüllen.

Die Möglichkeit, mit Menschen Kontakt aufzunehmen und zu pflegen, ohne räumliche Grenzen zu spüren, ist eine riesige Chance. Ich möchte frei und vertraulich mit Menschen diskutieren können, ohne Angst vor Lauschenden oder der dauerhaften Speicherung meiner Worte. Im "normalen Leben" darf ich mich mit Menschen unterhalten und Worte sagen, die nicht maschinell dokumentiert und archiviert werden. Warum ist im Netz so unverständlich, was seit Ewigkeiten der Standard ist? Menschen sagen und tun Dinge, die keine Spuren irgendwo hinterlassen, die geschehen und verschwinden. Das bedeutet aber auch, dass ich mir neben der Vertraulichkeit auch Vergänglichkeit wünsche. Bisher wird jede meiner Bewegungen und Äußerungen im Internet protokolliert.

Und ich möchte die Möglichkeit haben, rechtsverbindliche Verträge anonym oder mit einer frei wählbaren Identität abschließen können. Häufig wird so getan, als sei es unverschämt, so etwas zu wollen. Dabei ist es im "richtigen Leben" total üblich. Die allermeisten Geschäfte des Alltags werden so geschlossen. Im Supermarkt oder am Fahrkartenautomaten. Meinen Vertragspartnern ist egal, wer ich bin, wichtig ist ihnen bloß, dass ich zahle. Und das sollte im Internet nicht anders sein. Die Sicherheit, dass man als Verkäufer bezahlt wird, sollte von der Person der Käuferin abgekoppelt werden.

Das war es auch schon. Ich möchte im Internet bloß die Freiheiten, die im Alltagsleben selbstverständlich sind: als ich selbst und ohne Namensschild oder Barcode auf der Stirn agieren, kommunizieren und konsumieren. Meine Identität gehört mir und wie im Alltag möchte ich sie nur dann offenlegen, wenn ich es mag oder wenn es aus einem wichtigen Grund sinnvoll ist. Aber auch dann sollte die Entscheidung bei mir liegen und mir nicht aufgezwungen werden.