Internetfreiheit : Freiheit ist das Recht auf Anonymität

Freiheit im Netz entsteht aus Rechten, die selbstverständlich sein sollten, schreibt Leserin Jula Böge: anonymes Informieren, anonymes Kommunizieren, anonymer Konsum.
Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Leserin Jula Böge sieht das Internet als eine virtuelle Entsprechung einer riesigen Präsenzbibliothek. © Jan Woitas / dpa

Anonymität bedeutet weder, dass ich namenlos, noch dass ich nicht zu identifizieren bin. Anonymität bedeutet, die Möglichkeit zu haben, der Mensch zu sein, der ich bin, ohne dass mein Ausweis und meine Adresse eine Rolle spielen .

Im Gegensatz zu denen, die sagen, das Internet sei eben etwas anderes als das "normale Leben", möchte ich eigentlich nur, dass das Netz mir die Freiheiten gibt, die dort längst selbstverständlich sind: anonyme Informationsbeschaffung, anonyme Kontakte, anonymer Konsum.

Die Möglichkeit, mir über das Internet diverse Informationen zu beschaffen, ohne dabei offenlegen zu müssen, wer ich bin, war für mich eine Offenbarung. Wen geht es etwas an, wofür ich mich interessiere? In diesem Bereich sehe ich das Internet als eine virtuelle Entsprechung einer riesigen Präsenzbibliothek. Und ebensowenig, wie in einer Bibliothek kontrolliert wird, welches Buch ich lese, was ich mir daraus abschreibe, auswendig lerne oder fotokopiere, möchte ich, dass das im Internet geschieht. Für manche Bibliotheken brauche ich einen Ausweis, aber um den zu bekommen, muss ich auch nicht meinen Personalausweis vorlegen. Es genügt, ein Formular auszufüllen.

Die Möglichkeit, mit Menschen Kontakt aufzunehmen und zu pflegen, ohne räumliche Grenzen zu spüren, ist eine riesige Chance. Ich möchte frei und vertraulich mit Menschen diskutieren können, ohne Angst vor Lauschenden oder der dauerhaften Speicherung meiner Worte. Im "normalen Leben" darf ich mich mit Menschen unterhalten und Worte sagen, die nicht maschinell dokumentiert und archiviert werden. Warum ist im Netz so unverständlich, was seit Ewigkeiten der Standard ist? Menschen sagen und tun Dinge, die keine Spuren irgendwo hinterlassen, die geschehen und verschwinden. Das bedeutet aber auch, dass ich mir neben der Vertraulichkeit auch Vergänglichkeit wünsche. Bisher wird jede meiner Bewegungen und Äußerungen im Internet protokolliert.

Und ich möchte die Möglichkeit haben, rechtsverbindliche Verträge anonym oder mit einer frei wählbaren Identität abschließen können. Häufig wird so getan, als sei es unverschämt, so etwas zu wollen. Dabei ist es im "richtigen Leben" total üblich. Die allermeisten Geschäfte des Alltags werden so geschlossen. Im Supermarkt oder am Fahrkartenautomaten. Meinen Vertragspartnern ist egal, wer ich bin, wichtig ist ihnen bloß, dass ich zahle. Und das sollte im Internet nicht anders sein. Die Sicherheit, dass man als Verkäufer bezahlt wird, sollte von der Person der Käuferin abgekoppelt werden.

Das war es auch schon. Ich möchte im Internet bloß die Freiheiten, die im Alltagsleben selbstverständlich sind: als ich selbst und ohne Namensschild oder Barcode auf der Stirn agieren, kommunizieren und konsumieren. Meine Identität gehört mir und wie im Alltag möchte ich sie nur dann offenlegen, wenn ich es mag oder wenn es aus einem wichtigen Grund sinnvoll ist. Aber auch dann sollte die Entscheidung bei mir liegen und mir nicht aufgezwungen werden.

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Kommentare

69 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Volltreffer

Der Artikel trifft den Kern dessen, was immer als "Internet-Freiheit" diskutiert wird: Bewährte "analoge" Freiheiten sollten auch im Netz erhalten bleiben.

Leider ist der rechtliche Schutz (der technische Schutz hängt freilich stark vom perösnlichen Verhalten ab) von EMail-Postfächern schwächer als vom Briefkasten zuhause, bloß weil die Daten woanders gespeichert sind.

Bei Amazon ist auch niemand strafrechtlich belangt worden, weil an den Kunden bereits verkaufte (E-)Bücher auf dessen Gerät wieder gelöscht wurden[1]. Wenn mein Buchhändler mir aus Versehen ein falsches Buch verkauft und dann bei mir einbricht um es wieder aus meinem Schrank zu nehmen, wäre das hingegen strafbar.

Leider geht der Trend zum Teil in die entgegengesetzte Richtung: Freiheiten, die in der Offline-Welt selbstverständlich waren, werden auch dort eingeschränkt. Insbesondere die Verbreitung von Kameraüberwachung hat in Verbindung mit immer besserer Gesichtserkennung das Potenzial, die Bewegungen in der Offline-Welt so nachvollziehbar zu machen, wie sie es online (wenn man sich nicht um Gegenmaßnahmen kümmert) leider oft schon sind.

Daher lautet eine Lehre, die wir aus der Entwicklung im Netz (wo vieles schon weiter ist) für den "Rest der Welt" ziehen können, dass alles, was sich automatisiert auswerten lässt, auch viel zu oft genutzt wird und eine einmal erstellte Datensammlung kaum zu kontrollieren ist.

[1] http://www.heise.de/newst...

Freiheit ist keine Einbahnstraße

"Ich möchte im Internet bloß die Freiheiten, die im Alltagsleben selbstverständlich sind [...]"

Ein richtiger Ansatz, der von vielen "Freiheitskämpfern" des Internets m. E. nicht ganz hinterfragt wird. Entstehen im Web 2.0 andere Freiheitsbegriffe als im "echten Leben", so bauen wir ganz rasch eine Parallelgesellschaft auf. Dies würde vor allem auf Kosten jener fallen, die für ihre kreativen Inhalte nicht mehr belohnt würden, da ein illegales Downloaden schließlich auch unter den Freiheitsbegriff mancher Internetaktivisten fallen würde.
Die größte Gefahr bestünde doch aber vielmehr darin, dass wir dann auch den Freiheitsbegriff im "echten Leben" in Frage stellen müssten: Wir können nicht zwei Gesellschaften aufbauen, die eine unterschiedliche Auffassung von ihrer Freiheit haben. Denn so würden wir uns jener Gesellschaft zugezogen fühlen, in der wir unsere eigenen Bedürfnisse über das Recht der anderen stellen.

"Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird."

Dieses Problem besteht, jedoch gibt es bereits

Lösungsansätze wie die Kulturwertmark - erdacht von Mitgliedern des Chaos Computer Clubs

http://www.ccc.de/de/upda...

Es besteht also durchaus kein Zwang sich für Anonymität oder die Entlohnung der Kreativen zu entscheiden - beides ist möglich. Wenn auch vielleicht nicht mit der jetzigen Form des Urheberrechts. Aber darüber sollte sich doch reden lassen.

Kritik zur Kulturwertmark

Der CCC erläutert das Konzept der Kulturwertmark am Ende seines Beitrages so:

"Im Vordergrund stehen dabei die tatsächlichen Interessen der Kreativen."

So wie ich das Konzept verinnerlicht habe, scheint mir vielmehr das Interesse der Konsumenten im Vordergrund zu stehen. So soll der Konsument schließlich je nach "Belieben" festlegen können, wie viel Geld ein Kreativer Inhalt von ihm bekommen soll. Gut, bezahlt ist zwar bezahlt, aber dann würde doch das Preis-Leistungs-Verhältnis massivst in den Hintergrund einiger Konsumenten treten. Wäre es moralisch für haltbar, eine gute Leistung mit einem vergleichsweise niedrigen Preis, den ja der Konsument selbst bestimmen soll, zu entlohnen? Für mein Verständnis wird hier dem Konsumenten zu viel Machtmonopol zugesprochen.

Andererseits wäre es laut diesem Konzept ja so, dass der Preis im Internet in bestimmten Fällen günstiger ausfallen würde, als in Läden (im echten Leben). Gleichzeitig aber hat man vor, das Urheberrecht etwas einzuschränken. Für den Konsumenten würde der Kauf im Internet dadurch attraktiver werden als draußen vor seiner Haustür. So kann der Ladenbesitzer seine Laden doch gleich schließen, da sich die Nachfrage viel stärker auf den Kauf im Internet verlagern würde. Das mag sicherlich heute auch der Fall sein, aber dafür verbietet das gegenwärtige Urheberrechtsgesetz, je nach eigenhändig festgelegten Kriterien den Preis für einen kreativen Inhalt zu bezahlen.

Genau darum geht es doch (@2)

Es ist ja eben nicht so, daß im Internet andere Freiheiten verlangt werden, als im "realen" Leben.

Es ist vielmehr so, daß staatlicherseits Freiheiten, die offline hart erkämpft wurden und heute selbstverständlich sind, online unterwandert werden - etwa das Postgeheimnis, das Recht auf Privatsphäre, Abwesenheit staatlicher Gängelung,freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit, etc.

Es sind nicht die Nerds, die "zuviel" Freiheit verlangen, sondern von Lobbys und Ideologie gelenkte staatliche Stellen, die alte Freiheiten zerstören.

Da mische ich mich mal ein,

weil es einerseits, wie schon geschrieben, nur ein Leben gibt und weil es andererseits auch wie ein undifferenzierter Themenmix wirkt, was sie da schreiben. Die Möglichkeiten mit Netz sind doch anders und auch irgendwie größer als ohne. Wenn ich Ihnen jetzt über meine Erfahrungen mit ... von nebenan berichte, kann das auf der anderen Seite der Erde gelesen werden.
Das Postgeheimnis ist davon aber praktisch unberührt, so lange sie tatsächlich noch Briefe schreiben. Die sind auch nach wie vor nicht verboten. Praktisch gesehen gibt es daher auch nicht diese Form der Rückkoppelung von Gesetzen Online und Offline. Dabei frag ich mich aber, wie dieses Medium überhaupt eingeordnet werden kann. Bezüglich des Streits zwischen öffentlich rechtlichen Medien und Verlagen kam beispielsweise die Aussage auf, Internet sei quasi komplett Rundfunk. Das kann nur dann so gesehen werden, meine ich, wenn Rundfunk mit telemedialer Kommunikation gleichgesetzt wird. Die Frage der Bedeutung dessen, wofür das Medium dann am sinnvollsten genutzt werden sollte, wäre anders zu beantworten. Wir wären praktisch alle autorisiert als interaktiver Rundfunkteilnehmer zu agieren. Das wäre rechtlich gesehen ein Novum, welches, wenn es denn erlaubt wäre, was wir hier tun, ein Zeichen dafür, ob nicht bei Fragen der Rundfunkrechte Veränderungen stattfinden sollten, denke ich.
Im Internet gibt es schon Rechte, die es sonst nicht gibt. Es wäre doch schade, wenn wir sie unbedacht aufgeben würden.

Zu viel Freiheit wird eingeschränkt

All die von Ihnen genannten Freheitsbegriffe werden doch von den Lobbys und "Ideologie gelenkten staatlichen Stellen" gar nicht eingeschränkt - "zerstört" schon mal gar nicht.

Das Problem liegt doch vielmehr darin, dass uns im Internet in gewisser Weise zu viel Freiheit zugesprochen wird. Wir haben uns an dieser Freiheit, die sich ja mehr nach den Bedürfnissen eines einzelnen Netzaktivisten ausrichtet als das Recht des Anderen, viel zu sehr gewöhnt, weshalb nun eine breite Masse völlig in Panik gerät, wenn sich die Politik in die Angelegenheit einmischt.

Ich finde schon, dass im Internet andere Freiheiten verlangt werden als im realen Leben. Das fängt schon damit an, dass man ohne jegliche Sorgen seine Lieblingsmusik von bekannten Künstlern downloaden kann, obwohl die Plattenfirma dieses Künstlers gegen die illegale Verbreitung der Musik im Internet ist. Dem versucht die Politik nun mit den ACTA-Verträgen - mehr oder weniger - entgegenzuwirken, und schon organisiert das Volk eine Großdemonstration nach der anderen. Dadurch wird doch deutlich, dass wir kein Verständnis mehr für die Freiheit des Anderen haben, weil uns bis dato eben so viel Freiheit zugesprochen wurde.
Das kann man ungefähr mit folgendem Fall vergleichen: Stellen sie sich vor, man bietet Ihnen eine große Villa samt drei schicke Autos an. Anschließend bittet man sie sehr freundlich darum, alles zurückzugeben.

Wie lange würden sie diesen Schritt überlegen?

Serh geehrter Vulymuz,

"Dem versucht die Politik nun mit den ACTA-Verträgen - mehr oder weniger - entgegenzuwirken, und schon organisiert das Volk eine Großdemonstration nach der anderen"

Sie wissen aber schon um die Popularität von "nicht öffentlich" ausgehandelten Vertragswerken?

Dadurch wird doch deutlich, dass wir kein Verständnis mehr für die Freiheit des Anderen haben, weil uns bis dato eben so viel Freiheit zugesprochen wurde."

Mit exakt der Begründung lassen sich auch "ACTA" und "SOPA" ablehnen....

"Zu viel an Freiheit", da kann ich garnicht soviel essen wie ich kotzen müsste.

MfG Karl Müller

ACTA-Kritik

Natürlich weiß ich um die Popularität von nicht öffentlich ausgehandelten Vertragswerken, aber was das letztlich zu sagen hat, bleibt mir persönlich noch offen ...

Ich jedenfalls war vor einigen Wochen auf einer Veranstaltung, wo unter anderem über das ACTA-Abkommen diskutiert wurde. Einer der Gäste war unter anderem auch ein Jurist, der sich auf die Rechte in den Medien spezialisiert hat. Er hat uns allen nach gründlicher Recherche der Verträge versichert, dass das ACTA-Abkommen bloß eine mehr oder weniger Verschärfung der Urheberrechtsverletzungen ist. Nicht so dramatisch, wie es uns Anonymus weißmachen möchte.
Der Ansatz hinsichtlich der schwammigen Formulierungen der ACTA-Verträge war auch einer seiner Kritikpunkte zu dem Abkommen, aber mein Gott: Irgendwie sind doch viele Gesetze schwammig formuliert ...

eigentlich ist das kein großer Unterschied

Sie finden also, dass "im Internet andere Freiheiten verlangt werden als im realen Leben. Das fängt schon damit an, dass man ohne jegliche Sorgen seine Lieblingsmusik von bekannten Künstlern downloaden kann, obwohl die Plattenfirma dieses Künstlers..."

Das kann ich kaum nachvollziehen. Ohne Internet kann ich in meinem Wohnzimmer kopieren was ich will. Ich kann auch zu einem Kumpel gehen, dort dort eine Schallplatte auf ein Tonband überspielen, dann zu einem anderen Kumpel gehen und dem das überspielen, der dann auch wieder...

Seltsamerweise kommt trotzdem niemand auf die Idee, Plattenfirmen Kontrollmöglichkeiten in privaten Wohnzimmern einzuräumen.

Heute geht das online wie offline sehr viel einfacher und mit weniger Qualitätsverlust als zu Magnetbandzeiten. Es handelt sich bei Urheberrechtsverletzungen eben NICHT um etwas, das (auch nur halbwegs) exklusiv durch das Internet möglich wäre. Im Gegenteil könnte man vermuten, dass solche Dinge im Netz bloß sichtbarer sind.

"Nur"?

"Er hat uns allen nach gründlicher Recherche der Verträge versichert, dass das ACTA-Abkommen bloß eine mehr oder weniger Verschärfung der Urheberrechtsverletzungen ist."

Sie meinen wahrscheilich "Verschärfung der Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen" (dann ergibt der Satz jedenfalls Sinn). Das mag so sein. Bloß ändert diese Absicht (wenn sie das denn ist) nicht an dem Preis, der für solche Versuche der Rechtsdurchsetzung zu zahlen ist.

Offline hat sich ein gewisser Konsens herausgebildet, was noch verhältnismäßig ist und was nicht. So werden anlasslose, stichprobenartige Kontrollen des Alkoholpegels von Autofahrern im allgemeinen als verhältnismäßig angesehen, anlasslose Kontrollen des Briefverkehrs aber z.B. nicht (obwohl man mit einem Brief alle möglichen schädlichen Dinge tun kann). Die Einzelheiten werden freilich immer wieder diskutiert und die Abwägung verschiebt sich.

Wie diese Abwägung online aussieht, darum wird noch gerungen. Und genau in diesem Zusammenhang geht ACTA aus meiner Sicht in die falsche Richtung. Wir riskieren nämlich, dass die Freiheit (in dem Sinn wie der Begriff in diesem Artikel verwendet wird) in einem aussichtslosen Kampf um die Durchsetzung von Urheberrechten unverhältnismäßig eingeschränkt wird.

wird hier dem Konsumenten zu viel Machtmonopol zugesprochen...

Ist ja wohl nicht so neu, dass der Konsument entscheided wofür er sein Geld ausgibt oder?

"eine gute Leistung mit einem vergleichsweise niedrigen Preis" - woraus bitte ergibt sich die Qualität einer kreativen Leistung wenn nicht aus dem Nutzen/Gefallen der Konsumenten? Und wo wäre hier der Unterschied zur herkömmlichen Vergütung? Wenn große Nachfrage besteht verdient der Schaffende mehr.

"Für den Konsumenten würde der Kauf im Internet dadurch attraktiver werden als draußen vor seiner Haustür." Im Moment ist der Preis im Internet doch unschlagbar günstig - Schaden kann hier kaum enstehen. Zudem ist es kaum ein Argument Autos zu verbieten um Pferdeschmiede zu schützen. Oder?

Nicht zu vergleichen ...

Natürlich können Sie heute eben mal schnell zu Ihrem Kumpel gehen und dort Schallplatten auf ein Tonband überspielen, aber im Gegensatz zum Internet können Sie das bei nur vergleichweisweise wenigen Personen - es sei denn, auch hunderttausend fremde Leute lassen Sie einfach so in ihr Haus kommen.

Im Internet lässt sich so etwas viel schneller, viel effektiver verbreiten, ohne dass der Urheber vielleicht etwas davon hat.

Zu viel Machtmonopol bzgl. des Preises

Eine Frage zum Konzept von CCC: Also jeder Bürger, der einen Internetanschluss hat, muss steuerlich 5 Euro (oder je nach Festlegung) an den Staat zahlen, bekommen aber dafür eine bestimmte Währung im Internet, die er dann für die Kreativen Inhalte ausgeben kann, die ihm besonders gut gefallen? Falls er überhaupt nichts ausgibt, verteilt eine Organisation diese Payments nach bestimmten Kriterien an die jeweiligen Künstler, oder?

Falls ...

Falls dem so ist, so sehe ich immer noch die unterschiedlichen Preise außerhalb und innerhalb des Webs als problematisch an. Eine freie Preisgestaltung kann doch nicht im Sinne der Künstler sein. Vor allem besteht immer noch der Fall, dass man sich selbst die Kulturwertmark zuweisen kann.

In anderen Fällen könnte ein Kreativer auch gar keinen Kulturwertmark für seinen Kreativen Inhalt bekommen, stattdessen aber wurde das Urheberrechtsgesetz so sehr eingeschränkt, dass sein Inhalt verbreitet werden darf. Sinn?

Wie gesagt, diese freie Preisgestaltung dürfte dem Konsumenten ziemlich zugute kommen und die Nachfrage mehr ins Web verschieben. Ist doch auch klar: Warum sollte ich in den Länden mehr zahlen als im Web? Das Prekäre daran ist dann auch noch, dass das Urheberrechtsgesetz nichts dagegen hätte.
An sich ist die Idee "diskussionswürdig", aber ich habe kein Verständnis dafür, weshalb das Urheberrecht so etwas legalisieren sollte. Wäre das wirklich zum Wohle der Kreativen?

"Im Moment ist der Preis im Internet doch unschlagbar günstig - Schaden kann hier kaum enstehen."

Ein Film im Web dürfte nicht weniger kosten als im Laden ...

Es geht noch um ganz andere Punkte, meine ich

Die Kulturwertmark ist ein irreführender Begriff, weil er mit einer Zusatzwährung gleichgesetzt werden könnte, die bestenfalls regional eingeführt werden dürfte. Warum muss zwangsläufig gegen GEZ-Modelle und Gema-Modelle und das Urheberrecht agitiert werden, um ein alternatives System zu errichten? Können sich nicht teilnehmende Kreative zu einem Selbstverzicht verpflichten, ein Punktesystem einrichten und anstatt einer allgemeinen Flatrate eine vertragliche? Die können ja praktisch an den Konzepten der Gema und GEZ nicht teilhaben, wenn doch aber meist gar nicht an anderen. Wenn es keine Kulturwertmark wäre, sondern ein alternatives Geschäftsmodell, könnte doch eine Konkurrenz aufgebaut werden, die sowohl GEZ als auch Gema und andere Verbände bei Erfolg zu Kooperationen oder Umdenken bringen könnte, denke ich gerade mal so, so dass auch Richtlinien des ÖR angepasst würden.
Die Fragen nach Urheberrechten und Patenten im Softwarebereich könnten anders behandelt werden und andere Zeiten ins Auge fassen.

Die freie Preisgestaltung der Kunden an sich ist jedenfalls nur dann möglich, wenn sie seitens eines Betreibers angeboten wird und nicht durch andere Gesetze eingeschränkt wird, wie beispielsweise die Buchpreisbindung oder so.

Und die Frage danach, ob es geistiges Eigentum gibt oder nicht, kann ja quasi auch als Glaubensfrage ungeklärt bleiben, weil es praktisch ja auch gar nicht um geistiges Eigentum geht, sondern um das aus Kopfarbeit Resultierende.

Freier Wettbewerb ist selten im Sinne des Produzenten,

aber nicht ganz ohne Grund wird dieser dennoch gefördert. Kreative Leistungen die keiner will werden aber auch heute schon nicht entlohnt - ich sehe die Veränderung/Verschlechterung hier nicht.

Sich die Wertemark selbst auszuzahlen, kann man ja sicher unterbinden. Wie das dann mit Freunden aussieht scheint mir schon kniffliger. Da lohnt es sicher, nochmal drüber nachzudenken.

Filme im Web sind bereits jetzt günstiger - wie sollte es auch anders sein, muss der Ladenbesitzer sich mit den Kunden im Umkreis begnügen und Miete sowie Gehälter zahlen.

Wie meinen?

Ihre grammatikalische Formulierung ist mir irgendwie unverständlich.

Was heißt besser und vor allem als was? Die zahlreichen selbständigen Kreativen, die in Verband xy organisiert sind oder auch nicht und von den derzeitigen Systemen profitieren, dürften erstmal den Sinn einer Alternative in Frage stellen, wenn dadurch die eigene Existenz nicht gesichert sondern bedroht wird. Gegen ein Alternativmodell nach dem Motto "sowohl dies, als auch ein anderes" wird niemand etwas haben, so lange dadurch die bestehenden Systeme nicht in Frage gestellt werden, ohne das ein greifbares Resultat naheliegend scheint.
Es gibt festgesetzte Preise, Richtlinien, Empfehlungen, Kostenvoranschläge, Verhandlungen, usw. In dem Garten der Möglichkeiten kann man nicht immer nur nach Endverbrauchermentalität denken. Manche haben es aber immer wieder mit Endverbrauchern zu tun, die Leistungen nach diesem einen Prinzip haben wollen. Und es gehören mindestens zwei dazu, damit eine Preisvorstellung auch realisiert werden kann. Da freuen sich manche Kreative, dass sie es auch mit bestehenden Möglichkeiten manchmal einfacher haben zurecht zu kommen, nach denen Partner bekannt sind, die sich an ein festes Prinzip halten...

Besser als das jetzige System.

Sie schrieben, "es gibt heute viele kreative Leistungen, die gewollt werden, aber nicht bezahlt und viele kreative Leistungen, die nicht gewollt werden (oder nur von einzelnen), aber bezahlt." Das würde beim vorgeschlagenen Modell ausgeschlossen, da jeder seinen kleinen Beitrag selbst verteilt. Und letztendlich wird nur das erfolgreich sein, was die Leute wollen. Einen festgesetzten Preis für die Produktion eines Musikalbums gäbe es dann allerdings nicht mehr - die Bezahlung kommt erst im Nachhinnein rein und steht oder fällt mit der Qualität. Sicherheit ist immer eine schöne Sache, geht aber meist nur auf Kosten anderer.

Ich frage Sie:

Was geschieht, wenn ein Jugendlicher, der eine besondere Begabung zum Bildermalen aufweist und sein Werk im Internet veröffentlicht und damit am Kulturwertmark-System teilhaben möchte? Aus dem System kann er nicht ausgeschlossen werden, da sein Werk den qualitativen Kriterien entspricht (falls es überhaupt welche geben sollte). Jetzt könnte er seine Freunde darum bitten, ihm mit ihren Kulturwertmark zu entlohnen - schließlich sind sie ja eine Clique, und dort hält man zusammen ...

Problematisch ist auch, dass jedem Internetnutzer die Teilhabe am System praktisch diktiert würde, denn der CCC möchte im Gegenzug ein neues Urheberrechtsgesetz durchgesetzt haben. Es kann aber nun mal nicht zwei Urheberrechtsgesetze in unterschiedlicher Verfassung existieren. Entweder gilt das eine für die Teilnehmer des Kulturwertmark-Systems und denen, die sich nicht daran beteiligen möchten, oder das andere gilt für beide Parteien. Ein Problem wäre nun diejenigen, die zwar einen Internetanschluss, trotz dem mit Kreativen Inhalten sonst nichts am Hut haben, zu einem monatlichen Beitrag aufzuzwingen. Ist man aber erst ein Teil des Systems, trifft nun wieder das erste Problem auf (siehe erster Abschnitt meines Beitrags). Man schiebt sich das Geld praktisch immer gegenseitig unter Freunden zu und darf legal andere Kreative Inhalte verwenden.

Ich frage Sie (#2)

Das wiederum heißt: Man zahlt zwar irgendetwas (und das relativ wenig - wie hoch soll der monatliche Betrag nun schon sein?), aber nicht jeder Kreativer hat gleichviel davon. Eine Klage gegen das verletzte Urheberrechtsgesetz aufgrund von Verwenden des eigenen Kreativen Inhaltes seitens eines Internetnutzers wäre dann auch aussichtslos, denn das Urheberrechtsgesetz erlaubte dies schließelich.

Kein Grundsätzlicher Unterschied

Sie kennen doch sicher die Berechnungen, über wie wenige Ecken praktisch jeder mit jedem bekannt ist. Nun ist es unter Leuten, die sich alles Mögliche aus dem Netz runterladen, auch üblich, dass man anlässlich eines Besuchts eine Festplatte mitbringt und die gesamte Musik- und Filmsammlung kopiert (und das würde sicher mehr, nicht weniger, wenn das Netz als Quelle nicht mehr so einfach zur Verfügung stünde).

Jedenfalls kannte ich zu Zeiten, als kaum ein Privatmensch einen Internetzugang hatte, etwa genausoviele Leute, die sich grundsätzlich keine Musik, keine Software und keine Filme gekauft haben, wie heute. Tatsächlich hat es damals aber auch etwas länger gedauert, bis aktuelle Inhalte bei diesen Leuten angekommen sind. Mehr gekauft haben sie deshalb aber trotzdem nicht.

Worauf ich hinaus will: Der Unterschied ist aus meiner Sicht nicht so groß, dass er gänzlich andere Abwägungen hinsichtlich der Schutzrechte für den Bürger rechtfertigt.

Letztlich ist der Schutz von Urheberrechten nie absolut durchsetzbar und der Preis, es im Netz durch Überwachung ganz neuer Qualität zu versuchen, erscheint mir viel zu hoch. Dafür ist das Thema dann doch nicht wichtig genug.

Guter Punkt

"Letztlich ist der Schutz von Urheberrechten nie absolut durchsetzbar und der Preis, es im Netz durch Überwachung ganz neuer Qualität zu versuchen, erscheint mir viel zu hoch. Dafür ist das Thema dann doch nicht wichtig genug."

Dem stimme ich vollkommen zu. Deshalb bin ich auch dafür, dass das Urheberrecht ganz einfach etwas mehr verschärft wird und dass die Strafverfolgung intensiver und effektiver vonstattengeht wie bislang.

Soweit das geht

"Deshalb bin ich auch dafür, dass das Urheberrecht ganz einfach etwas mehr verschärft wird"

Das erschließt sich mir jetzt nicht. Weil bestimmte Regelungen schwer durchzusetzen sind, soll man sie verschärfen? Das liefe ja darauf hinaus, noch weitere schwer greif- und verfolgbare Verhaltensweisen zu kriminalisieren. Damit weitet sich die Lücke zwischen Rechtslage und dem, was tatsächlich durchsetzbar ist, noch aus.
Ihr zweiter Vorschlag erscheint mir degegen konsequenter:

"und dass die Strafverfolgung intensiver und effektiver vonstattengeht wie bislang."

An dieser Stelle fehlen mir die Vorschläge, wie das mit verhältnismäßigen Mitteln noch gehen soll.

Wir haben jetzt schon eine Haftungslage, die es praktisch unmöglich macht, für eine Familie oder WG den Internetanschluss anzumelden ohne das Risiko einer privaten Insolvenz einzugehen: Gerichte gehen davon aus, dass der Anschlussinhaber schadenersatzpflichtig für die Handlungen anderer Nutzer ist.

Eine Überwachung der Internetnutzung von Mitbewohnern ist auf der anderen Seite zum Glück gesellschaftlich nicht akzeptiert. Daher sehe ich dringenden Bedarf, der Rechtsdurchsetzung Grenzen zu setzen. Eben weil das Thema so wichtig nun auch wieder nicht ist.

Die Verfolgung von Leuten, die in erheblichem Umfang Geschäfte mit der Verletzung von Urheberrechten machen, scheint hingegen völlig ausreichend, wenn man sich etwa die Fälle kino.to oder megaupload anguckt.

Hervorragend ....

.. argumentiert und formuliert. Hoffentlich hilft der Artikel auch, den Begriff und die Konsequenzen von "Freiheit" besser zu verstehen. Für mich bedeutet Freiheit, entscheiden zu dürfen und dafür Verantwortung zu haben. Eigentlich kann das Miteinander zu einfach und unkompliziert sein. Was die Anonymität habe ich auch kein Problem mich mich zu zeigen. Aber warum muss jeder "Freund" jederzeit alles über und von mir wissen? Ich überfordere, schlimmer noch, ich langweile doch dann den "Freund" mit meiner "Wichtigtuerei".

das ist etwas anderes

Sie meinen
>>Was die Anonymität habe ich auch kein Problem mich mich zu zeigen. Aber warum muss jeder "Freund" jederzeit alles über und von mir wissen? Ich überfordere, schlimmer noch, ich langweile doch dann den "Freund" mit meiner "Wichtigtuerei".<<

Was Sie freiwillig an Informationen veröffentlichen oder bestimmten Leuten schicken, hat mit Freiheit nichts zu tun (außer der Tatsache, dass Sie es natürlich dürfen). Das ist genauso wie in der analogen Welt: Sie dürfen anderen Leuten so viel verraten, wie sie wollen. Sie haben bloß kein Recht darauf, dass jederzeit jemand zuhört.

Viel schlimmer ist, dass in vielen Bereichen vorgeschrieben wird, dass gegen Ihren Willen Informationen über Sie gesammelt werden bzw. öffentliche Aufgabenträger Daten sammeln (im Gegensatz zu im Wettbwerb stehenden Firmen, mit denen Sie keine Geschäfte machen müssen - die müssen bloß ehrlich sagen, was sie tun).

Man ist ja auch Rollenspieler.

Alle Menschen haben in ihrem Leben verschiedene Rollen zu erfüllen. Man verhält sich seinem Chef gegenüber anders als bei Kollegen, man stellt zuhause eine ganz andere Person dar als mit Freunden am Stammtisch und will natürlich auch nicht, dass ein Bereich in den anderen überschwappt.

Es ist eben nicht so, wie uns unser Innenminister weißmachen wollte: dass man im echten Leben für sein Verhalten mit dem eigenen Namen gerade steht. Im Zweifelsfall wird der natürlich überprüft, aber ich muss ja nicht jedes Mal an der Kasse im Supermarkt meinen Ausweiß rausholen, damit man mich finden kann, sollte jemand mit dem Messer, das ich gerade gekauft habe, erstochen werden.

Eigentlich ist es ja auch ganz einfach, diese Bereiche zu trennen: keine Klarnamen in sozialen Netzwerken, Trennung von privater und geschäftlicher E-Mail und so wenig wie möglich Daten beim Einkaufen im Netz herausgeben.

Um das Netz in diese Richtung zu verbessern, sollte man aber noch eine Möglichkeit einführen, offline Guthaben zu kaufen, dass man dann online verwenden kann. Quasi ein iTunes-Guthaben für das gesamte Internet.