Social ReaderFacebook wird zum Flaschenhals für Medien

"Reibungsloses Teilen" nennt Facebook sein System, das automatisch postet, was ein Nutzer klickt. Reibungslos ist es nicht, Anbieter sind nun von dem Konzern abhängig.

Im September 2011 stellte Mark Zuckerberg das Open-Graph-Protokoll vor.

Im September 2011 stellte Mark Zuckerberg das Open-Graph-Protokoll vor.

Sharing is caring lautet ein Grundsatz des sozialen Netzes. Wer etwas teilt, der sorgt für die Seinen. Facebook hat diesen Grundsatz automatisiert, indem es Nutzer bestimmter Apps seit dem vergangenen Jahr dazu zwingt, allen mitzuteilen, was sie gerade lesen, hören oder sehen. Mittlerweile gibt es allerdings Anzeichen, dass viele Nutzer diesen Zwang nicht mögen – und dass er auch für Inhalteanbieter nicht unbedingt gut ist. 

Das Ganze basiert auf einer Technik namens Open Graph, die Facebook 2011 vorgestellt hat. Die Idee: Jede Interaktion eines Nutzers mit einer Facebook-App kann zur Information werden, die anderen Mitgliedern präsentiert wird – und sie zu eben dieser Interaktion anregen soll.

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Bis dahin gab es nur aktive Funktionen zum Teilen, den Gefällt-mir-Knopf (Like) und den Teilen-Knopf (Share). Das Open-Graph-Protokoll teilt hingegen automatisch. Ein Nutzer hört via Facebook-App einen Song, das Protokoll registriert das und sendet die Information an Facebook. Bestimmte Apps können die Information nutzen und via Facebook anderen die Tatsache präsentieren, dass Nutzer X den Song Y hört dessen Freunden. Wobei Facebook entscheidet, welche Interaktion es weiterleitet und wo es diese indirekte Werbung präsentiert.

Bislang haben nur einige Unternehmen Zuckerbergs Angebot umgesetzt und eigene Facebook-Apps mit der neuen Funktion social reader gebaut. Die ersten waren die amerikanische Zeitung Washington Post und der britische Guardian. Was zunächst wie die Zukunft des Teilens aussah, relativiert sich mittlerweile.

Millionen weniger Klicks

Denn anfangs verzeichneten diese Seiten enorme Zugriffszahlen über den social reader. Doch die Zugriffszahlen brechen derzeit dramatisch ein, berichtet das Technikblog Buzzfeed. Gerade Washington Post und Guardian haben demnach inzwischen sehr viel weniger Zugriffe.

Buzzfeed bezieht sich auf das Trafficbeobachtungsportal AppData. Das weist tatsächlich einen Einbruch aus. Beim Guardian ist demnach die Zahl der täglich aktiven Sozial-Leser auf Facebook von fast 600.000 im April auf weniger als 100.000 im Mai gesunken. Die Nutzerzahl der Washington Post sank im gleichen Zeitraum von 4,1 Millionen täglicher Nutzer auf 240.000.

Ähnliches lässt sich bei Spotify beobachten. Auch der Musikanbieter teilt mithilfe des Open-Graph-Protokolls die Information, welchen Song jemand gerade angehört hat. Die Zahl der Zugriffe bei Spotify sank von 7,1 Millionen auf immerhin 4,9 Millionen.

Der Autor bei Buzzfeed glaubt, diese Apps hätten die Nutzer abgeschreckt, sie fühlten sich von dieser unsichtbaren und erzwungenen Teilen-Funktion abgestoßen, weil sie so unpersönlich sei.

Das klingt erst einmal plausibel. Denn wer den Link einer solchen App in seiner Chronik oder in seinem Ticker sieht, weiß, dass ihn eine Maschine gepostet hat. Gleichzeitig erschienen ziemlich viele davon, wer hundert Freunde hat, kann jeden Tag ein paar automatische Hinweise finden. Viele Nutzer haben die Funktion daher in ihren Facebook-Einstellungen stumm gestellt, sodass Facebook nicht mehr hinausposaunen kann, wenn sie einen Artikel angeklickt haben. Schließlich wollen sie ihre Freunde nicht mit ständigen Hinweisen dieser Art belästigen.

Facebook hat das erkannt und verteilt nun bevorzugt Zusammenfassungen mehrerer Aktionen, statt jede einzelne Handlung weiterzureichen.

Doch gibt es für den Einbruch der Zugriffszahlen auch andere Erklärungen. Ursache sei, dass Facebook die Postings des social reader nun anders präsentiere, twitterte Ryan Kellet, ein Mitarbeiter der Washington Post, als Reaktion auf den Bericht von Buzzfeed. Auch das Technikblog Techcrunch schreibt, Facebook habe Veränderungen vorgenommen, die für die sinkenden Zugriffe via social reader verantwortlich seien. Es gebe nun einen Schaukasten für viel gelesene Artikel und Facebook experimentiere derzeit damit, wo dieser im Newsfeed auftaucht.

Facebook entscheidet, nicht die Leser

Egal welche der beiden Erklärungen zutrifft, der Open Graph ist eine Entwicklung, die Anbietern, die sich davon einen Zuwachs an Traffic versprechen, nicht gefallen kann: Denn allein Facebook bestimmt, wie sehr deren Inhalte beachtet werden. Bislang kam es vor allem auf die Nutzer an. Fanden sie einen Text gut und teilten ihn häufig, war er auch gut sichtbar – bei Facebook ebenso wie bei Google. Nun aber greift Facebook direkt in diesen Zusammenhang ein. Weder die Nutzer, noch die Anbieter der Informationen haben Einfluss darauf.

Das macht den Umgang mit Facebook für Anbieter von Inhalten allerdings gefährlich. Denn wer sein Geschäftsmodell darauf aufbaut, via Facebook gefunden zu werden, ist vollständig von den Ideen und Launen des Konzerns abhängig. Der Ausdruck frictionless sharing, den Facebook für diese Art der Inhalteverbreitung verwendet, also reibungsloses Teilen, wird damit zum Euphemismus. Die Reibung erzeugt nun Facebook.

 
Leserkommentare
  1. 1. lol...

    zu behaupten, dass facebook "Nutzer bestimmter Apps seit dem vergangenen Jahr dazu zwingt" mitzuteilen, was sie gerade lesen ist ein statement von derselben Aussagekraft, wie der, dass Hallenbadbesucher dazu gezwungen werden, sich bis auf die Schwimmkleidung auszuziehen.
    Wer diese App nutzt, WILL ja gerade, dass alle wissen, was er oder sie online liest (solange die Person bei Facebook eingeloggt ist). Die App hat keine weitere Funktion - es ist also keineswegs so, dass die Nutzer diese Informationen unfreiwillig preisgeben, obwohl sie eigentlich nur ein Spiel nutzen wollen. Klickt man dann auf einen der so beworbenen Titel, wird man dazu aufgefordert, die APP ebenfalls zu nutzen - ignoriert man das, wird man einfach zum Artikel weitergeleitet.

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    Facebook drangsaliert seine User in letzter Zeit damit immer mehr, immer umfassender und möglichst ALLES zu teilen. Der Artikel beschreibt das in der Dimension von Apps durchaus treffend. Ein anderes Beispiel ist die Timeline.
    Ich kenne viele Leute, die eben genau das nicht wollen, die über Facebook Kontakte pflegen und Urlaubs Photos teilen, aber eben nicht ihr gesamtes Leben veröffentlichen wollen.

    wie in der Film und musikbranche gilt, wer die neue zeit verschläft und auf sein altes Urheberrecht beharrt wird bald vom Markt verschwunden sein. Die neue Zeit geht an alten Diktatoren vorbei. Hoffentlich bringt sie uns aber keine Neuen!

    Facebook drangsaliert seine User in letzter Zeit damit immer mehr, immer umfassender und möglichst ALLES zu teilen. Der Artikel beschreibt das in der Dimension von Apps durchaus treffend. Ein anderes Beispiel ist die Timeline.
    Ich kenne viele Leute, die eben genau das nicht wollen, die über Facebook Kontakte pflegen und Urlaubs Photos teilen, aber eben nicht ihr gesamtes Leben veröffentlichen wollen.

    wie in der Film und musikbranche gilt, wer die neue zeit verschläft und auf sein altes Urheberrecht beharrt wird bald vom Markt verschwunden sein. Die neue Zeit geht an alten Diktatoren vorbei. Hoffentlich bringt sie uns aber keine Neuen!

  2. ...wieso der Gierhals facebook so viele user hat.

    Oder sind die user auch alle gierig?

    Vielleicht ändet sich das jetzt mit diesem omninösen Flaschenhals !

    Gruß Max Stockhaus

    7 Leserempfehlungen
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    Apps kann (und sollte) man unter Account Settings>Apps deaktivieren.

    die Illusion, daß sich jemand für das was man tut (egal wie trivial), interessiert, ist nun mal für viele sehr befriedigend.

    Apps kann (und sollte) man unter Account Settings>Apps deaktivieren.

    die Illusion, daß sich jemand für das was man tut (egal wie trivial), interessiert, ist nun mal für viele sehr befriedigend.

  3. "Jede Interaktion eines Nutzers mit einer Facebook-App kann zur Information werden, die anderen Mitgliedern präsentiert wird"...

    Wer also dagegen ist, kann aus Facebook austreten.
    Da braucht man auch keine "ich bin dagegen"-Facebook Gruppe gründen. ^^

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  4. Facebook links liegen lassen.

    6 Leserempfehlungen
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    Auf Facebook zu verzichten klingt verlockend. Leider ist außer ein paar leider noch nicht ganz ausgegorenen Projekten keine Alternative vorhanden, die die Vorteile von Facebook teilt, die es ohne Frage hat, ohne all die nervigen und bedenklichen Nachteile mitzubringen.

    Ideal wäre ein Open-Source Projekt, dass ohne kommerzielle Interessen ein Social-Network auf die Beine stellt, dass eben nicht nur die Nerds (ich zähle mich selbst dazu also darf ich das Wort benutzen) anzieht.

    Allerdings ist eben genau das das Problem, nur Nerds könnten ein solches Projekt auf die Beine stellen und realisieren, aber gleichzeitig müssten jemand darauf achten, dass das ganze auch für alle Anderen attraktiv wird, was keinesfalls ein Selbstläufer ist (siehe die bestehenden Open-Source Alternative [jedenfalls jene die ich mir angesehen habe])

    @Kai Bierman: Irgendwie find ich die Begrifflichkeiten irreführend: "Das Open-Graph-Protokoll teilt hingegen automatisch. Ein Nutzer hört via Facebook-App einen Song, das Protokoll registriert das und sendet die Information an Facebook."
    Wenn Open-Graph selbstständig Daten sammelt und verschickt ist es doch kein Protokoll, oder?

    Auf Facebook zu verzichten klingt verlockend. Leider ist außer ein paar leider noch nicht ganz ausgegorenen Projekten keine Alternative vorhanden, die die Vorteile von Facebook teilt, die es ohne Frage hat, ohne all die nervigen und bedenklichen Nachteile mitzubringen.

    Ideal wäre ein Open-Source Projekt, dass ohne kommerzielle Interessen ein Social-Network auf die Beine stellt, dass eben nicht nur die Nerds (ich zähle mich selbst dazu also darf ich das Wort benutzen) anzieht.

    Allerdings ist eben genau das das Problem, nur Nerds könnten ein solches Projekt auf die Beine stellen und realisieren, aber gleichzeitig müssten jemand darauf achten, dass das ganze auch für alle Anderen attraktiv wird, was keinesfalls ein Selbstläufer ist (siehe die bestehenden Open-Source Alternative [jedenfalls jene die ich mir angesehen habe])

    @Kai Bierman: Irgendwie find ich die Begrifflichkeiten irreführend: "Das Open-Graph-Protokoll teilt hingegen automatisch. Ein Nutzer hört via Facebook-App einen Song, das Protokoll registriert das und sendet die Information an Facebook."
    Wenn Open-Graph selbstständig Daten sammelt und verschickt ist es doch kein Protokoll, oder?

  5. Apps kann (und sollte) man unter Account Settings>Apps deaktivieren.

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    Antwort auf "Ich kapiere nicht,..."
  6. die Illusion, daß sich jemand für das was man tut (egal wie trivial), interessiert, ist nun mal für viele sehr befriedigend.

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    Antwort auf "Ich kapiere nicht,..."
  7. Ich verstehe nicht warum man unbedingt Facebook benutzen muß. Die Abhängigkeit wird weiter zunehmen, das ist doch die Strategie dieser Firma. Wir sollten uns von diesem Moloch lösen und die Kommunikation mit Freunden via eMails oder anderen verfügbaren Internetdienste stattfinden lassen.

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    emails sind halt nicht so effectiv - da muesste man ja entweder allen einzeln schrieben, oder viele dauernd mit Gruppenemails belaestigen (das finde ich, gerade als Empfaenger solcher emails, eine Zumutung). Andere Dienste sind, wenn sie effektiv sind, ja nicht weniger problematisch. Ich nutze facebook, stelle aber einfach nichts ein, was wirklich wichtig ist .

    emails sind halt nicht so effectiv - da muesste man ja entweder allen einzeln schrieben, oder viele dauernd mit Gruppenemails belaestigen (das finde ich, gerade als Empfaenger solcher emails, eine Zumutung). Andere Dienste sind, wenn sie effektiv sind, ja nicht weniger problematisch. Ich nutze facebook, stelle aber einfach nichts ein, was wirklich wichtig ist .

  8. einfach nicht nutzen.

    Wenns nicht anders geht, kurz die Nachrichten an die Freunde absetzen und wieder raus da. Alles andere ist unnütz!

    Das der Laden über kurz oder lang seine Macht ausnutzt war doch hoffentlich allen klar.. oder etwa nicht?

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    Sogar das macht einem Facebook so umständlich, dass ich dann ohne große Verabschiedung gegangen bin; nur ein weiterer von vielen ungeklärten Facebook-Toden :)

    Sogar das macht einem Facebook so umständlich, dass ich dann ohne große Verabschiedung gegangen bin; nur ein weiterer von vielen ungeklärten Facebook-Toden :)

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